Lionel Shriver Großer Bruder

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Inhaltsangabe zu „Großer Bruder“ von Lionel Shriver

Pandora hat es mit einer ungewöhnlichen Geschäftsidee zu einigem Erfolg und Wohlstand gebracht. Doch als ihr bewunderter Bruder Edison sie besucht, fällt sie wieder in ihre Rolle als kleine Schwester zurück – Edison sprengt mit seinen Ansichten und seinem enormen Gewicht Pandoras Familie. Warum lässt er sich nur so gehen? Und wieviel ist Pandora bereit zu opfern, um ihn zu retten?

Starker Beginn, doch leider schwach im Abschluss...

— Buecherfreundinimnorden
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  • Amerikanische Familientragödie mit seltsamen Ende

    Großer Bruder
    Buecherfreundinimnorden

    Buecherfreundinimnorden

    10. August 2017 um 19:25

    Schade eigentlich, denn das Lionel Shriver schreiben kann, davon bin ich überzeugt. So beginnt die Geschichte auch stark: der große Bruder, ehedem klammheimlich bewundert von der damals kleinen Schwester, kehrt nach Hause zurück: schwer übergewichtig, arbeits- und wohnungslos. Die Reine Freude ist das für den Rest der Familie nicht: Konflikte brechen auf, realistisch geschildert und packend erzählt. Doch dann plötzlich Teil zwei der Geschichte: wer schaut schon anderen begeistert beim Abnehmen zu? Ich habe diesen Teil der Story nicht sonderlich spannend gefunden. Und dann der Schluss: da heißt es auf einmal, naja, so hätte es sein können, tatsächlich war es aber doch ganz anders...was soll so etwas? Da fühle ich mich als Leserin ziemlich an der Nase herumgeführt! Ist der Autorin wirklich nichts Besseres eingefallen? Wirklich schade: von mir leider keine Lesempfehlung.

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  • Tiefgründig, aber mit Längen

    Großer Bruder
    Lilli33

    Lilli33

    30. April 2015 um 11:34

    Kurzmeinung Inhalt: Pandora ist erfolgreich im Beruf und glücklich mit Fletcher verheiratet. Ihren großen Bruder Edison sieht sie nach Jahren zum ersten Mal wieder und ist geschockt: Edison ist breit wie eine Dampfwalze. Seine Karriere als Jazzpianist ist an einem Tiefpunkt angelangt. Ohne Geld und ohne Wohnung quartiert er sich bei Pandora ein, was zu heftigen Streitereien mit dem Gesundheitsapostel Fletcher führt. Pandora beschließt, Edison zu helfen, auch auf Kosten ihrer Ehe. Meine Meinung: Edison und Pandora machen eine radikale Diät. Deren Beschreibung scheint mir allerdings nicht sehr glaubwürdig. Die Wende am Schluss ist da schon realistischer. Allerdings kommt sie aus heiterem Himmel und ich fühlte mich als Leser wie ins kalte Wasser geworfen - nicht sehr befriedigend. Doch davon und von einigen Längen abgesehen, wo Shriver für meinen Geschmack einfach zu detailliert erzählte bzw. sich wiederholte, fand ich das Buch ganz gut. Es steckt sehr viel Gesellschaftskritik darin. An vielen Stellen wird man zum Nachdenken angeregt. Sämtliche Personen entwickeln sich im Verlauf des Romans und müssen ihren Platz finden.

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  • Ein Buch, das zum Nachdenken anregt

    Großer Bruder
    Esme--

    Esme--

    21. November 2014 um 15:56

    Cover & Titel: Cover und Titel sind absolut treffend gewählt worden. Der Titel „Großer Bruder“ umschreibt den Kern des Werkes perfekt. Der Gürtel, der sich um die gebogene Schrift quetscht, deutet die Abnutzung des fünften Loches an und findet sich nun verschlossen in der äußersten Einstellung wieder. Charaktere: Pandora ist die Ich-Erzählerin in diesem Roman. Der große Durchbruch gelang ihr mit einer Geschäftsidee, bei der die Kunden eine Puppe in Auftrag geben können, die das Abbild eines Menschen aus dessen Umfeld darstellt und die die Standardnervsätze des Beschenkten wiedergeben kann. Pandora selbst möchte jedoch nicht reich genannt werden. Sie ist in ihren Worten und auch Selbstansichten bescheiden. Fletcher ist Pandoras Mann. Er ernährt sich bewusst, fährt viel mit dem Rad. Im Gegensatz zum Rest der Familie wirkt er pedantisch und strukturiert in seinen Lebensabläufen. In seiner Freizeit stellt er Möbelstücke her. Edison ist Pandoras Bruder. In Pandoras Erinnerung ist er attraktiv, er raucht viel, er schläft wenig. Er liebt den Jazz und redet von nichts anderem, er ist ein guter Jazzmusiker, hat einen großen Freundeskreis und eine sexy Ehefrau gehabt. In Wahrheit ist er fettleibig, lässt sich aber dennoch nicht unterkriegen und ist offen gegenüber Dritten. Cody und Tanner sind Fletchers Kinder und Pandoras Stiefkinder. Während Cody zu Selbstvorwürfen neigt, nett und gut erzogen ist, erkennt man in Tanner den klassischen Teenager wieder. Er sagt, was er denkt, er hat seine eigenen Vorstellungen vom Leben. Die Story: Für Pandora steht fest, dass sie ihrem Bruder helfen muss, als dieser von seinem Kumpel vor die Tür gesetzt wird. „Nur ein paar Tage“ soll Edison bei der Familie unterkommen. Als Pandora jedoch Edison empfängt, wird bald klar, dass gravierende Änderungen eintreten werden. Nicht nur, dass der Bruder kaum noch wiederzuerkennen ist, als dieser mit 175 Kilogramm kaum noch in der Lage ist seine Trägheit zu überwinden, auch bringt Edison die gewohnte Struktur der Familie schon bald durcheinander. Langsam aber sicher eskaliert die Situation und Pandora muss sich entscheiden, was ihr wichtiger ist: Ihr Bruder oder ihre Familie. Schreibstil und Plot: L. Shriver ist eine Autorin, die ihre Geschichten an die Grenzen treibt. Auch bei „Großer Bruder“ geht sie mit der Geschichte und teilweise auch mit ihren Worten ins Extreme. So findet man dort Satzteile wie diesen: „… die prallen Finger, die an Grillwürstchen erinnerten, kurz bevor die Haut aufplatzt“. Als weiteres Beispiel sei die Stelle genannt, an der man die Hauptcharakterin dabei beobachten darf, wie sie ihren Bruder aus der Peinlichkeit heraushilft, indem sie die Kotbröckchen entfernt, die mit der Überschwemmung im Bad einhergegangen sind, als Edison die Toilette benutzen musste. Der Roman ist mit einem scharfen Humor durchzogen. Vielleicht mag man ihn als tragikomisch betrachten, vielleicht als wirklichkeitszugewandt. Auf alle Fälle ist er hart im Abgang. Das Thema krankhaftes Übergewicht wird von vielen Seiten beleuchtet. Die Schwierigkeiten, die das Abnehmen mit sich bringt, finden darin ebenso Platz, wie die Frage, wie viel Zeit die Auseinandersetzung mit der Nahrung im Alltag einfordert. Lionel Shriver stellt unterschwellig die Frage, wie weit man für einen Familienangehörigen, der Hilfe benötigt, gehen sollte und zu gehen bereit ist; welche Auswirkungen die Nächstenliebe auf andere Menschen haben kann. Zwar kümmert sich die Autorin in erster Linie um das im Fokus stehende Thema, jedoch schweift sie dann auch mal seitenweise in die Vorgeschichte der Geschwister über das gescheiterte Leben des Vaters ab. Nun kann man sagen, dass dieses Wissen für die Bindung von Pandora und Edison wichtig ist, jedoch hätte man diese Ausführungen durchaus kürzer halten können, wenn sie denn schon nötig sind. Auf den letzten Seiten wird eine Flutkatastrophe in den Roman eingeworfen, die dann deutlich macht, dass hier ein paar überflüssige Textstellen zu viel entstanden sind. Die Katastrophe wird nur am Rande erwähnt, obwohl so ein starkes Thema wenn nicht schon einen ganzen Roman für sich, dann aber mit ziemlicher Gewissheit viel mehr Aufmerksamkeit verdient hätte, für die in diesem Werk einfach kein Platz mehr vorhanden war. „Großer Bruder“ ist eine fiktive Geschichte. Auf den letzten Seiten erwähnt die Autorin diese Tatsache nicht in einem separaten Nachwort. In die Erzählung hinein, wirft sie die Information, was sich zugetragen hat und was nicht und kombiniert es mit den Worten, dass sie nicht bereit gewesen wäre wie Pandora zu handeln. Bei einem Roman soll dem Leser zumindest das Gefühl gegeben werden, dass diese Geschichte so oder so ähnlich hätte stattfinden können. In Kombination mit einem Ende, was mit Sicherheit nicht jeden Leser begeistern mag, erhält der von der Autorin gewählte obengenannte Ausgang noch einen bitteren Beigeschmack, der vielleicht ähnlich anmuten mag wie die Aussage: „Die Geschichte ist nicht wahr, ich hätte sie besser machen können, habe mich aber - wie in der Realität auch - dagegen entschieden. Fazit: Mit „Großer Bruder“ ist Lionel Shriver wieder ein Roman geglückt, der eine Lebenssituation aufgreift und sie von allen Seiten beleuchtet. Erst bangt man mit der Hauptcharakterin um den Familienfrieden des Hauses und dann hofft man, dass Edison seine Diät schafft und nicht rückfällig wird. Die Erzählung und die Thematik hat die Autorin meines Erachtens sehr gut aufgegriffen, wobei dem Roman jedoch stellenweise eine kleine Kürzung in den Abweichungen vom Handlungsstrang gutgetan hätten. Das Ende des Romans hat mich enttäuscht und zwar nicht in Bezug auf den Ausgang Edison betreffend sondern auf die erklärenden Worte der Autorin gerichtet. Zitate aus dem Buch: Ich war ihm dankbar, dass er mir sein Mitgefühl anbot. Edison konnte den ganzen Tag quatschen, ohne dass man ihn am Ende besser kannte als zuvor. Familie, das sind die Leute, zu denen du immer kommen kannst. Mit ihrem instinktiven Ohr für Kümmernisse, stand Cody plötzlich neben mir. Man hört förmlich wie deine Gedanken abschweifen. Deine Mhs und Ahs kommen an der falschen Stelle.

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  • Ein nachdenklicher Roman, der in die Tiefe geht

    Großer Bruder
    WinfriedStanzick

    WinfriedStanzick

    15. May 2014 um 12:43

      Dieser anspruchsvolle Entwicklungs-und Familienroman erzählt die Geschichte von Pandora, die sich vom Leben zwischen die beiden Männer gestellt sieht, die ihr wichtig sind. Da ist zum einen ihr übergewichtiger Bruder Edison, der einfach nicht aufhören kann, immer mehr zu essen, und den Pandora irgendwann bei sich zu Hause aufnimmt, weil er mit einem selbständigen Leben nicht mehr zurechtkommt.   Das genaue Gegenteil von Edison ist Pandoras Ehemann Fletcher, der radikal auf seine Fitness achtet und eine Ernährungsideologie verfolgt, die Pandora nicht nachvollziehen kann.   Auf Kosten ihre Ehe entscheidet sich Pandora dafür, ihrem Bruder zu helfen, und fängt mit ihrem Bruder unter großen äußeren und inneren Gefahren eine radikale Diät an. Immer geht es um das Essen und seine Bedeutung, das Shriver zwischen den Zeilen immer wieder in eine sehr radikale Gesellschaftskritik münden lässt. Pandora verdient mit der Herstellung von Puppen ihr Geld, die markante Sätze wiederholen und ihre Eigentümer somit immer wieder mit ihrer Persönlichkeit konfrontieren. Als sie sich selbst eine  solche Puppe schenkt, spürt Pandora, dass auch für sie eine schmerzhafte Entwicklung bevorsteht. Sie wird lernen, sich zu wehren und zu behaupten, ihre Unsichtbarkeit zu überwinden und zu sich selbst zu finden, jenseits der beiden Pole ihres esssüchtigen Bruders und ihres machtgierigen Ehemannes.   Das Ende des Buches kommt überraschend. Man hat nicht mit ihm gerechnet, nach der Lektüre eines nachdenklichen Romans, der in die Tiefe geht.    

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  • Empfehlenswerte Lektüre

    Großer Bruder
    LiebezuBuechern

    LiebezuBuechern

    07. May 2014 um 20:49

    Pandora ist die kleine Schwester und ihr Bruder Edison der geniale New Yorker Pianist. Er stand von Anfang an im Vordergrund und würde irgendwann ganz oben stehen, da waren sich alle sicher. Als er nun Pandora und ihre Familie im ländlichen Iowa besucht, muss sie erschreckt feststellen, dass der bewunderte große Bruder sich nicht nur in der Lebenslüge vom erfolgreichen Musiker eingerichtet hat, sondern inzwischen über 150 Kilo wiegt. Besonders ihr Mann Fletcher ist von dem Koloss nicht angetan und die Spannungen nehmen immer mehr zu. Statt ihn rauszuschmeißen, wie Fletcher es fordert, beschließt Pandora, Edison einer radikalen Diät zu unterziehen. Sie zieht mit ihm von zu Hause aus, um sich ganz diesem Ziel widmen zu können. Aber Fletcher weigert sich, Pandoras Plan zu unterstützen – und sie begreift, dass sie nur eines retten kann: ihre Ehe oder ihren Bruder. Lionel Shrivers eigener Bruder starb mit 55 Jahren an den Folgen von massivem Übergewicht. Trotzdem ist dieser Roman nicht autobiografisch, wie sie einem Interview mit der FAZ betonte. Viel mehr möchte sie aufzeigen, dass kaum noch jemand ein normales Verhältnis zum Essen hat.

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  • Überzeugend und ausgereift

    Großer Bruder
    michael_lehmann-pape

    michael_lehmann-pape

    02. May 2014 um 13:21

    Überzeugend und ausgereift In bester Weise bindet Lionel Shriver zentrale Themen in diesem Entwicklungs- und Familienroman, die in der Summe einen dichten Roman ergeben. Wie steht der Mensch zu seinem Äußeren, wie sehr definiert er sich darüber, über ein „schlank sein“? Das ist das vordergründige Thema der Geschichte und wird sich später in den Motiven der Person des Ehemanns, Fletcher, näher auflösen. Edison, Pandoras Bruder ist unfassbar in die Breite gegangen, Fletcher, Pandoras Mann, ein Fitness und Ernährungsideologe allerschärfster Sorte. Und Pandora steht mitten dazwischen. Vom Gewicht her und von dem einerseits locker lassen können (was ihr Mann nicht kann) und dem andererseits ihre Zeit durch Arbeit gerne und gut füllen (was Edison nicht kann). Vor allem dazwischen, weil sie Edison nach einem „Stranden im Leben“ bei sich zu Hause aufnimmt. Pandora entscheidet sich, ihrem Bruder zu helfen, auch auf Kosten ihrer Ehe, und geht mit diesem eine radikale Diät an. Mit Gefahren. Äußeren und Inneren Eine Reflektion einerseits also über das Essen, den Körper, das Fett, die Lionel Shriver in die Tiefe führt. Hier liest der Leser zwischen den Zeilen eine fundamentale Gesellschaftskritik heraus, ein Finger, der sich auf eine Wunde des modernen Lebens legt. „Nicht das Essen selbst war so großartig ---- es gab einfach nichts anderes Großartiges. Essen war im besten Fall so einigermaßen okay, rangierte damit aber noch um Längen vor allem anderen, was weniger okay war“. Hauptsache irgendwas, was die Zeit füllt. Aber dabei bleibt Shriver nicht stehen. Denn nicht ohne Grund verdient Pandora ihr Geld damit, eine Art „Spiegel“ für andere herzustellen. Puppen, die markante Sätze wiederholen und somit ein „Konzentrat an Persönlichkeit“ hörbar machen. Was Shriver auf der Ebene der Romanform im Blick auf ihre Protagonisten durchweg in hoher Qualität vollzieht. Was im Buch auch auf Pandora selbst zukommt. Unter anderem, als sie selbst eine Puppe von sich geschenkt bekommt. Denn hinter all dem oberflächlichen Streit über Körperfülle und charakterliche Haltung dahinter sind andere, viel tiefere und grundsätzliche Strömungen erkennbar im Raum. Der Gesundheitsfanatiker Fletcher, der nichts anderes ist als eine „Macht“, die ihre Dominanz über Kontrolle ausübt. Was dem Leser mehr und mehr Beklemmung verursacht. Beklemmung über ein Grundübel menschlichen Seins. Diesen Drang, sich nach oben zu stellen, sich wichtig zu nehmen und andere nur zum Publikum degradieren zu wollen. Mit hoher Ignoranz und mangelnder Reflexion darüber, dass das, was man als „Richtig“ denkt noch lange nicht die Wahrheit sein muss. Warum aber spielt Pandora dieses Spiel so mit, warum ist es ihr höchstes Ziel als erfolgreiche Unternehmerin, selbst „unsichtbar“ zu bleiben? Eine Frage, die sich ihr auch im Blick auf ihren verehrten Bruder (und Großmaul) Edison stellen wird, der einfach den breitest möglichen Raum im Leben anderer einnimmt, der aus Schutz, Frust und Langeweile in sich hinein schaufelt und zur Empathie kaum fähig erscheint. So wird sich Pandora in diesem Roman entwickeln und entfalten müssen, sich wehren lernen müssen gegen die „engste Familie“, die sie benutzt als Funktion, als Reflexionsfläche, die über sich bestimmen lässt. Erkennen, dass es nicht um eine Entscheidung zwischen Ehemann und Bruder, nicht um das „unverbrüchliche Band des Blutes“ gehen wird, sondern um die Entscheidung für oder gegen sich selbst angesichts ständig an ihr zerrender anderer. Ein Spiegel des Lebens in diesem Roman, den Shriver flüssig und mit sehr differenziert und nahe kommenden Figuren ausgestaltet. Ein Weg, auf dem jede der Personen als Archetyp moderner menschlicher Grundhaltungen völlig von sich überzeugt einen Lebensraum beansprucht, der dann aber, auf den zweiten Blick, nicht durch Persönlichkeit gefüllt werden kann. Denn genauso krank wie die „Fitnessideologie“ ist die „Fresssucht“, genauso egozentrisch wie der Vater damals sind Ehemann und Bruder heute. Vor allem aber krank ist die Hybris, sich mit „dem eigenen Ding“ einfach auf andere „draufzusetzen“. Die dann brechen, genauso, wie der filigrane Stuhl Fletchers im Buch. Oder werden andere Linien sich zeigen, Einsichten hervorkommen, Änderungen stattfinden? Eine sehr empfehlenswerte Lektüre mit einem ernüchternden und ganz anderem als gedachtem Ende.

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  • Tagebuch eines gewichtigen Lebens

    Großer Bruder
    Babscha

    Babscha

    12. April 2014 um 18:04

    Die Story: Pandora, Anfang 40, selbstständige Unternehmerin, ist verheiratet mit Flechter, einem extravaganten, eigenbrötlerischen Möbelschreiner, und lebt mit ihm und seinen beiden Kindern in einem netten Haus in einer Kleinstadt in Iowa. So weit, so normal. Eines Tages meldet sich nach vierjähriger Abstinenz ihr älterer Bruder Edison überraschend bei ihr und kündigt seinen baldigen Besuch an. Edison lebt als bekannter und gefeierter Jazzpianist in New York City, hält sich schon immer für etwas ganz Besonderes und benimmt sich entsprechend. Als er eintrifft, traut seine Schwester ihren Augen nicht. Ihr Bruder hat sein Gewicht mehr als verdoppelt und ist kaum wieder zu erkennen. Er setzt sich im Haus seiner Schwester fest, in dem sich fortan alles nur noch um ihn und das Thema Essen dreht. Dies führt natürlich schon bald zu massiven Spannungen, vor allem in der ohnehin vorbelasteten Beziehung zwischen ihrem Mann und ihrem Bruder. Und Pandora erkennt schon bald, dass mit diesem so einiges nicht stimmt und ihn seine ungezügelte Fresssucht unweigerlich ins Grab bringen wird. So entwirft sie einen Plan, der ihre Ehe und Familie in eine absolute Zerreißprobe manövriert. Meinung: Shriver verarbeitet in ihrem Buch ihre eigenen traurigen Erfahrungen mit einem übergewichtigen Bruder. Sie legt insofern eine überwiegend glaubhaft, eingängig und lebendig geschriebene Familiengeschichte vor, deren Schwerpunkt natürlich in der ganz speziellen und wahrlich komplizierten Geschwisterbeziehung zwischen Pandora und Edison liegt. Beide Charaktere sind treffend und mit einem guten Blick für alle denkbaren menschlichen Schwächen ausgearbeitet. Hier die jüngere Schwester, graue Maus, in allem irgendwie durchschnittlich, aber dennoch clever und zielstrebig in ihren eigenen Interessen, schon ihr ganzes Leben in zweiter Reihe stehend und bereitwillig zu ihrem glanzvollen älteren Bruder aufblickend. Dort der Erstgeborene, ein Egozentriker par excellence, Schwätzer und Schaumschläger, der sich an sich selbst und seinen großartigen künstlerischen Erfolgen berauscht. Und beide geschlagen mit einer unerfreulichen Kindheit in einem Elternhaus mit einem gefühlskalten Vater, Fernsehstar der frühen Siebziger und der Realität entrückt sowie einer Mutter, die sich schon früh per Selbstmord jeder Verantwortung entzog. Letztlich dreht sich in der Geschichte natürlich alles irgendwie ums Thema Essen und Abnehmen. Wie die Autorin dies jedoch in die zumeist unerfreulichen Geschehnisse einbettet und dabei trotz allem auch den Humor nicht zu kurz kommen lässt, das hat schon was und lässt sich gut lesen. In teils drastischer und kompromissloser Sprache nennt sie die Dinge offen beim Namen. Da lässt sich ein zugegebenermaßen leichtes Abflachen des Spannungsbogens im Mittelteil mit einem etwas unangenehm spürbaren Abgleiten in eine typisch amerikanisch „weichgespülte“ Erzählweise gut kompensieren. Der Clou der ganzen Story liegt jedoch im überraschenden Schlussteil, der zumindest mich in der Rückblende auf das bisher Gelesene dann völlig überzeugen konnte und das Buch zufrieden zuklappen ließ. Ein insgesamt lesenswertes Werk mit einem interessanten und allseits bekannten Grundthema. Nicht nur für Frauen.    

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