Wir müssen über Kevin reden

von Lionel Shriver 
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Wir müssen über Kevin reden
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Hammer! Ein Feuerwerk, eine Tragödie, eine Story mit ganz viel Aha- und Oho-Effekten

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Abgebrochen. Mir persönlich zu langatmig.

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Inhaltsangabe zu "Wir müssen über Kevin reden"

Kurz vor seinem sechzehnten Geburtstag richtet Kevin in der Schule ein Blutbad an. Innerhalb weniger Stunden ist das Leben seiner Familie nicht mehr, wie es war. – Lionel Shriver erzählt aus der Sicht einer Mutter, die sich auf schmerzhafte und ehrliche Weise mit Schuld und Verantwortung, mit Liebe und Verlust auseinandersetzt. Hätte sie ihr Kind mehr lieben sollen? Hätte sie das Unglück verhindern können? Ein höchst aktueller Roman von erschütternder Klarheit und stilistischer Brillanz.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783492310512
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:560 Seiten
Verlag:Piper
Erscheinungsdatum:02.05.2017

Rezensionen und Bewertungen

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    Callsos avatar
    Callsovor 6 Monaten
    Kurzmeinung: Hammer! Ein Feuerwerk, eine Tragödie, eine Story mit ganz viel Aha- und Oho-Effekten
    Hammer! Ein Feuerwerk, eine Tragödie, eine Story mit ganz viel Aha- und Oho-Effekten

    Wow, what a story. Eine Woche habe ich für die 560 Seiten gebraucht. Ein Buch, wie ein Orkan. Mit Ecken und Kanten, mit großen Gefühlen, mit Überraschungen, mit viel Klartext, mit Liebe und Hass in der Familie. Zugleich ein Werk über einen Jugendlichen, der zum Monster, zum Attentäter, zum Psychopathen wird. Einer, der ausreißt um in dei Geschichtsbücher zu gelangen. Eine Rachefeldzug der ganz großen Art.

    Wenn ein Jugendlicher aus einer ordentlichen, reichen und behüteten US-Familie ein Massaker in der Schule anrichtet, dann stellen sich sehr viele Fragen.

    Mutter Eva ist beruflich erfolgreich, sie möchte ihre glückliche Ehe mit Sohn Kevin krönen. Doch von Beginn an fremdelt Eva. In langen Briefen an ihren Ehemann schildert die Mutter, Ehefrau und Geschäftsfrau die dramatischen Ereignisse und wie es zu der Katastrophe kommen konnte,
    Franklin, der Vater und Ehemann wirkt smart, kümmert sich um Jedermanns Wohlbefinden und ist vollgepackt mit Liebe, Harmonie und dem Kümmerer-Gen.
    Kevin ist eben jener Attentäter, der mit viel Desinteresse, ohne Hobbys, ohne jede Spur von Gefühlen und Emotionen groß wird. Vielmehr ist er schon in jungen Jahren gemein, hinterhältig und aufsässig. Gleichwohl, wie wie konnte es zur der riesigen Katastrophe kommen?
    Celia ist die jüngste Tochter des Eheepaar. Schüchtern, ängstlich und wohlerzogen, verkörpert sie das krasse Gegenteil ihres selbstbewussten Bruders.

    Zugegeben, ich tat mich am Anfang sehr schwer, in die Geschichte reinzukommen. Hingegen war die letzte 200 Seiten eine Achterbahnfahrt und ein tiefer Einblick in dunkle, düstere Kapitel einen Familiengeschichte.

    Ein kontroverses Buch, das so gefühlstark, so authentisch und so wahnsinnig intensiv daherkommt. Ein Roman, der ganz viele Aha-, Oho- und O-Mein-Gott-Nein Effekte-hat.

    Lionel Shrivers Tragödie ist sehr anspruchsvoll geschrieben. Starke Wortwahl, umfangreiche Umschreibungen und eine sehr detailgenaue Wiedergabe der letzten Jahre. Aber vor allem die Gefühslwelt von Eva werden in den Kapiteln herausragend beschrieben.

    Ein Werk, das nachwirkt. Ein starkes Buch mit ordentlich Wumms!

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    MissRichardParkers avatar
    MissRichardParkervor 8 Monaten
    Kurzmeinung: Was für eine Geschichte! Beklemmend, spannend, genial erzählt! Dieses Buch wird mich noch ein Weilchen beschäftigen...
    Beklemmend bis zur letzten Seite

    Bis Kevin auf die Welt kam war die Ehe zwischen Eva und Franklin perfekt. Ihr ganzes Leben war perfekt, sorglos und wunderbar. Doch schon beim ersten Augenblick der Geburt, ist die Welt eine andere. Eva kann es sofort spüren. Kevin ist kein gewöhnliches Kind... Er ist ein Schrei-Kind, er ist aggressiv, er ist desinteressiert, er ist boshaft, hochintelligent und so unvorstellbar verstörend. Kein Babysitter hält es mit Kevin aus. Eva findet den Draht zu ihrem Sohn nicht und als in seinen jungen Jahren und in den Jahren als Teenager die verstörendsten Dinge geschehen, weis Eva dass mit Kevin eindeutig etwas nicht stimmt. Doch Franklin sieht in Kevin den perfekten Sohn. 
    Kurz vor seinem 16. Geburtstag richtet Kevin ein Blutbad an seiner Schule an und Eva versucht in Form von Briefen zu verarbeiten was geschehen ist, und vor allem versucht sie zu ergründen WARUM das passieren konnte...


    Wow, was für ein Buch!!! Mir blieb oft der Atem stehen beim Lesen. Ich habe selten ein so gut geschriebenes, intelligentes Buch gelesen, welches mich gleichermassen gepackt wie beklemmt hat. Eine Mutter die Angst vor ihrem eigenen Sohn hat... beinahe unvorstellbar und doch fühlt man beim Lesen die Angst, die Beklemmung so sehr dass man das Buch einfach nicht weglegen kann. Selbst als ich nicht gelesen habe, habe ich ständig über die Geschichte nachgedacht. Kann ein Mensch so böse auf die Welt kommen...? Kann ein Elternteil so blind sein? Kann man sich so sehr selbst belügen?
    Ich habe Seite für Seite mit Eva und ihrer Geschichte mitgelitten wie selten bei einem Buch. 
    Die Geschichte hat mich immer wieder aufs neue Überrascht, verblüfft und vor allem erschrocken! Wie oft habe ich laut vor mich her geflucht: "Ernsthaft??? Wie kann man so blind sein??" Der naive Vater... Der Einblick in diese zerrüttelte Familie, die nach aussen hin den Schein wahrt: Faszinierend.


    Ich finde es ein ganz ganz wichtiges Buch! Absolut empfehlenswert! Ich habe erst in der MItte des Buches bei Google gesehen, dass die Geschichte verfilmt wurde. Den Film fand ich gelungen, er kommt jedoch nicht an den starken Gehalt des Buches hin. Also unbedingt lesen! 

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    HansDurrers avatar
    HansDurrervor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Exzellent geschrieben, intelligent, unterhaltend und anregend, ein wesentliches Buch!
    Warum tötet ein Sechzehnjähriger?

    Durch ein Interview im Fernsehkanal der BBC bin ich auf Lionel Shriver aufmerksam geworden. Ich erinnere mich nicht mehr, was sie damals gesagt hat, doch geblieben ist mir der Eindruck von einer erfrischend eigenwilligen, höchst differenziert argumentierenden Frau. Geboren 1957 in Maryland, USA, lebt sie mit ihrem Mann, dem Jazzmusiker Jeff Williams, in London und Brooklyn. „Wir müssen über Kevin reden“ wurde in 25 Sprachen übersetzt.
     
    Dieser Kevin erschiesst kurz vor seinem sechzehnten Geburtstag an seiner Schule elf Menschen. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von Eva, der Mutter, die ihrem Ehemann, Franklin, ihre Gefühle, Gedanken, Empfindungen brieflich mitteilt. Es ist eine schonungslose Auseinandersetzung mit sich selber, die Eva vorlegt – ein höchst eindrückliches Dokument der Selbstanalyse, das sich nicht nur mit den eigenen Verantwortungs- und Schuldgefühlen auseinandersetzt, sondern auch immer wieder Bezug nimmt zur politischen Lage in den Vereinigten Staaten zur Zeit als die Republikaner die Präsidentschaftswahlen klauten und George W. Bush ins Weisse Haus beförderten.
     
    „ ... aber ich wundere mich noch immer über eine Rasse, die sich selbst dermassen als Nabel der Welt betrachtet, dass alle Ereignisse, von Vulkanausbrüchen bis hin zu globalen Klimaveränderungen, zu etwas geworden sind, für das einzelne Mitglieder der Gesellschaft geradezustehen haben. Der Mensch ist ein Werk Gottes, ich kann es nicht anders ausdrücken. Ich persönlich würde sogar sagen, dass auch die Geburten einzelner gefährlicher Kinder Gottes Werk sind, aber genau das war Gegenstand der Gerichtsverhandlung.“
     
    Richtet ein Jugendlicher ein Blutbad an, sind auch die Medien nicht weit, die natürlich nur ihren Job machen. „Ich weiss, dass er nur seinen Job macht, aber ich mag seinen Job nicht. Ich habe die Spürhunde satt, die an meiner Tür Witterung aufnehmen, wie Köter, die das Fleisch riechen. Ich bin es leid, zu einer Mahlzeit verarbeitet zu werden.“
     
    Sie bemüht sich, eine gute Mutter zu sein, doch dass Eva, im Gegensatz zu Franklin, keinen Draht zu ihrem Sohn hat, zeigt sich schon früh. Aber auch die Babysitterin Siobhan kommt mit dem aggressiven Kleinen, dem alles gleichgültig ist und der genau zu wissen scheint, wie man seine Umgebung terrorisiert, nicht klar. Wie soll man bloss damit umgehen, wenn die gängigen Wertvorstellungen nichts, aber auch gar nichts mit dem Verhalten des eigenen Kindes zu tun haben? Wie macht man, wenn sich dieses Kind als manipulierendes Monster, als bösartiger Psychopath entpuppt? Davon handelt dieses eindrückliche Werk.
     
    Immer mal wieder gibt es Stellen in diesem komplexen, feinfühligen und gescheiten Buch, bei denen ich richtigehend innerlich gejubelt habe. Hier drei ganz willkürlich ausgewählte Beispiele:
     
    „Sechzig! Wir! Damals ein Alter, so unfassbar theoretisch wie das potenzielle Baby. Dabei werde ich in fünf Jahren auch dieses fremde Territorium erreichen – es ist so simpel wie eine Fahrt mit dem Bus. 1999 machte ich einen Zeitensprung, obwohl mir mein Älterwerden weniger im Spiegel auffiel als an den Reaktionen anderer Leute.“
     
    „Mein Kopf würde erst an einem wirklich anderen Ort ankommen, wenn ich mich in ein anderes Leben begab und nicht an einen anderen Flughafen.“
     
    „Seit Kinder nicht mehr die elterlichen Felder bestellen oder ihre inkontinenten Eltern im Alter zu sich nehmen, gibt es doch keinen vernünftigen Grund mehr, Kinder zu kriegen, und es ist kaum zu fassen, dass sich Menschen, seit es wirksame Verhütungsmittel gibt, überhaupt noch freiwillig fortpflanzen.“
     
    Vor allem das dritte Zitat illustriert bestens, dass Kevins Mutter nicht gerade von einem Kinderwunsch beseelt war. Sicher, sie hatte auch Momente, in denen sie ganz anders empfand. Wie Lionel Shriver diesen Zwiespalt schildert, zeigt, wie Eva sich hinterfragt, quält und rechtfertigt, ist nicht nur beeindruckend, sondern nachempfindbar – man wird regelrecht in diese Geschichte hineingesogen.
     
    Warum tötet ein Sechzehnjähriger? „Es ist die Sehnsucht, sich als etwas 'Besonderes' zu fühlen.“ Trotzdem töten die meisten nicht. Weil die meisten eben keine Psychopathen sind. Einige aber eben doch. Wer ist dafür verantwortlich, wer ist schuld? Doch geht es hier wirklich um eine Schuldfrage? Haben denn Eltern eine Wahl, was für Kinder sie bekommen?
     
    „Wir müssen über Kevin reden“ ist auch ein witziges Buch über die USA und die Vorstellungen nicht weniger seiner Bürger (und Bürgerinnen): „Du dachtest, du hättest einen Haudegen geheiratet. Statt dessen entpuppte sich deine Frau als Heulsuse, als genau die sauertöpfische Sorte, die sie unter den übellaunigen Überfütterten Amerikas auf keinen Fall dulden wollte, für die eine banale Tätigkeit wie das Abholen einer FedEx-Lieferung, die sie dreimal hintereinander verpasst hatten, einen unerträglichen 'Stress' bedeutete, Anlass für kostspielige Therapien und Medikamente.“
     
    „Wir müssen über Kevin reden“ ist exzellent geschrieben, intelligent, unterhaltend und anregend, ein wesentliches Buch!

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    sabatayn76vor einem Jahr
    ‚Heute halte ich Leute, die kaum eine oder gar keine Geschichte zu erzählen haben [...].'

    ‚Heute halte ich Leute, die kaum eine oder gar keine Geschichte zu erzählen haben, für schrecklich glücklich.‘

    Eva Khatchadourian schreibt Briefe an ihren Mann Franklin, in denen sie die gemeinsamen Jahre mit allen Höhen und Tiefen Revue passieren lässt. Sie spricht von ihrem Leben vor Franklin und vor der Geburt ihres Sohnes Kevin, von ihrer Karriere und von ihren vielen Reisen. Und sie erzählt von ihren Zweifeln, ob sie ein eigenes Kind möchte, und von den Gefühlen, die sie nach Kevins Geburt hatte.

    Evas Verhältnis zu ihrem Sohn Kevin ist von Anfang an distanziert und unterkühlt. Eva bemerkt, dass er gerne andere tyrannisiert und quält, und sie ahnt schon früh, dass er gefährlich ist. Und doch traut sie ihm nicht zu, was im April 1999 passiert, als Kevin kurz vor seinem 16. Geburtstag in seiner Schule ein Blutbad anrichtet, mehrere Kinder und eine Lehrerin tötet.

    In ihren Briefen berichtet sie ihrem Mann minuziös, was passiert und was in ihr vorgegangen ist, welchen Anfeindungen und Schmähungen sie nach Kevins Amoklauf ausgesetzt war, wie sie durch hohe Gerichtskosten und Ausgrenzung sozial abgestiegen ist.

    Beim Lesen von Lionel Shrivers Roman ‚Wir müssen über Kevin reden‘ weiß man von Anfang an, wohin die Geschichte um Kevin führt, und deshalb habe ich mich in den ersten Kapiteln oft gefragt, ob daraus trotzdem ein spannendes Buch resultieren kann, das den Leser über so viele Seiten hinweg fesselt und fasziniert. Doch Shriver gelingt dies mit Bravour, und das Buch ist so packend, dass man die 559 Seiten meist atemlos liest und immer mehr über Kevin und seine Familie erfahren möchte.

    Zwischen den Zeilen kann man zudem viel über die USA und das Leben im Land erfahren. Shriver erzählt von den Tagen der USA als Weltmacht, von einem Land im Wandel und von einem Land am Abgrund.

    Die Protagonisten sind allesamt unsympathisch, und man versteht die gegenseitige Ablehnung und den Hass, der zwischen ihnen schwelt. Charakterisiert wurden die Figuren durchweg detailgenau und überzeugend, man sieht den blauäugigen, geradezu naiven Vater, die distanzierte Mutter und den kaltschnäuzigen, sadistischen Kevin regelrecht vor sich und lässt sich so mit den Ereignissen treiben, die ebenso faszinierende wie erschreckende Einblicke in den Alltag einer zerrütteten Familie bieten.

    Sprachlich ist das Buch anspruchsvoll, lässt sich aber flüssig lesen, so dass ich es auch in dieser Hinsicht voll und ganz empfehlen kann.

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    Buchperlenblogs avatar
    Buchperlenblogvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Eine wahrlich große Geschichte, mit der alles-überschattenden Frage nach dem warum.
    Aufwühlend, Fragen stellend, heftig.

    „Ein kleines Mädchen hat sich also gekratzt. Was hat das mit meinem Sohn zutun?“

    „Er war dabei! Dieses kleine Mädchen zieht sich bei lebendigem Leib die Haut ab, und er unternimmt nichts!“ (S. 264)

    Inhalt

    Kevin Khatchadourian ist fast 16 Jahre alt, als er mit einer Schusswaffe die Turnhalle seiner Schule betritt und neun Leben einfordert. Er erschießt sieben seiner Mitschüler, eine Lehrerin und einen Angestellten der schulischen Cafeteria. Doch seine Familie zerstört er schon früher. Nun sitzt er in der Jugendstrafanstalt. Seine Mutter besucht ihn nach wie vor regelmäßig, auch wenn sie eigentlich nicht weiß, warum.

    In unzähligen Briefen an ihren Mann Franklin rollt sie ihr gemeinsames Leben mit ihrem Sohn auf, angefangen bei ihrem zweisamen Leben, über die verstörende Geburt ihres Sohnes bis hin zum großen Finale, dem Amoklauf. Sie schildert ihr Leben im festen Griff dieses Sohnes, der von Geburt an bösartig zu sein scheint und fragt sich immer wieder: Hätte ich etwas anders machen sollen?

    Rezension

    Dieses Buch besitzt Macht. Es stellt sich die Frage, wie sehr die Eltern dafür verantwortlich sein können, dass aus Kindern wird, was sie sind. Wie viel Bösartigkeit besitzt ein Mensch von Natur aus und wie viel ist der Umgebung, dem familiären Umgang geschuldet?

    Bindungsängste und Blindheit

    Lange Jahre waren Eva und Franklin glücklich, ihnen reichte das Leben so wie es war. Doch irgendwann sehnten sie sich nach einem Kind. Sie ist Ende 30, als Eva schließlich schwanger wird. Doch bereits während der Schwangerschaft wächst in ihr ein Widerwillen gegenüber dem Kind. Die Geburt verläuft für sie nicht so, wie gedacht, die Bindung zum eigenen Kind ist von Beginn an nicht gegeben. Er verweigert die Brust, sie versucht, es nicht persönlich zu nehmen. Doch je älter Kevin wird, umso schwächer wird die Verbindung der beiden. Immer wieder versucht sie, auf ihren Sohn und seine kaum vorhandenen Bedürfnisse einzugehen, ihn zu verstehen. Er scheint von Anfang an wütend zu sein. Wütend auf sich, seine Mutter, die Welt, seine pure Existenz. Er schreit, er verjagt die Babysitter der Umgebung, er beginnt mit den ersten bösartigen Streichen. Doch anstatt eine seelische Unterstützung zu sein, wirft ihr Franklin immer wieder mangelndes Gefühl vor. Er weiß noch nicht, was er tut und Das bildest du dir doch nur ein sind noch die harmloseren Dinge, die sich Eva im Lauf der Jahre immer wieder anhören muss. Der Vater ist getrieben von überbordenden väterlichen Gefühlen und sieht nicht, wie aus seinem Kind ein Monster wird. Er spielt alle alarmschlagenden Signale herunter. Kevin wirft Ziegelsteine von einer Autobahnbrücke? Nein, das war die Idee seines Freundes. Er wusste doch gar nicht, wie gefährlich so etwas ist. Die Flasche mit dem Rohrreiniger? Die hast du sicherlich nicht weggeräumt. Was sollte Kevin damit wollen? Die Blindheit Franklins trieb mich mehrfach dazu, das Buch frustriert zur Seite zu legen und mir zu wünschen, ihn nur einmal an den Schultern packen und schütteln zu dürfen.

    Natürlich ist auch Eva nicht frei von aller Schuld, wenn man denn von Schuld sprechen kann. Sie hat sich bemüht, Kevin eine gute Mutter zu sein, doch ihre innere Angst, ihr Zurückschrecken vor seiner Andersartigkeit hat bewirkt, dass sie ihn nur halbherzig betrachtete. Natürlich merkt ein Kind, dass man das Interesse nur vorspielt. Auch hält sie sich im Grunde ihres Herzens für besser als ihre Mitmenschen. Doch damit ist sie nicht allein. Von oben herab auf andere zu blicken, ist um so vieles leichter, als sich die eigenen Unzulänglichkeiten einzugestehen. Wir sehen uns schließlich alle gern als kleine Götter, den anderen überlegen.

    Wunsch nach Aufmerksamkeit?

    Kevin dagegen scheint einen tatsächlich bösen Zug zu besitzen. Von innen heraus angetrieben, verbringt er seine Jahre damit, seine Umwelt bewusst zu drangsalieren. Er trägt Windeln, bis er sechs Jahre alt, obwohl er es längst anders könnte. Er schraubt an dem Fahrrad eines Nachbarjungen herum, damit dieser einen Unfall verursacht. Er verspottet alles um sich herum, hat an nichts Interesse. Scheint von allem über- und unterfordert zugleich zu sein. Sucht er die Aufmerksamkeit seiner Umwelt oder will er sich genau dieser entziehen?

    Die Geschichte spielt in den späten 90er Jahren. In Amerika eine gefährliche Zeit. Amokläufe in den Schulen des Landes häufen sich, es scheint eine Welle der Nachahmer zu geben. Auch Kevin wird zu einem von ihnen. Vielleicht wurde er von diesen Gräueltaten beeinflusst, vielleicht sah er darin endlich einen Sinn für sein Leben. Einmal sagt er, dass es beängstigend sein kann, seine eigene Zukunft zu kennen.

    „Vielleicht kann er sich seine Zukunft vorstellen“, sagte Kevin. „Vielleicht liegt genau da sein Problem.“  (S. 439)

    Der Link hinter dem Bild zeigt eine Weltkarte, die die gesammelten Amokläufe darstellt. Erschreckend, wie viele Menschen ihr Leben lassen mussten, erschreckend, wie viele davon in unserem eigenen Land. Auch wenn in Amerika das Waffengesetz eindeutig zu lasch gehandhabt wird, auch hierzulande gibt es Jugendliche, die in ihrer Schule bewaffnet auftauchten. Immer wieder erinnert sich Eva Khatchadourian an Taten, die der ihres Sohnes vorangingen. Und an die, die daraufhin folgten. Wohl einer der bekanntesten ist der Fall in Columbine, bei dessen Verlauf 15 Menschen ihr Leben verloren.

    Die letzten Szenen der Geschichte werden mir wohl noch lange im Gedächtnis eingebrannt sein. Geahnt? Ja. Verarbeitet? Nein. Und immer wieder diese bohrenden Fragen einer Mutter: Hätte ich ihn mehr lieben müssen? Hätte ich es verhindern können, hätten wir irgendetwas anders machen können? Oder war es Kevins Schicksal, zu werden, wer er schließlich war?

    Fazit

    Es wird immer Menschen geben, die nicht in ihrem Leben zurecht kommen, die sich ausgeschlossen, falsch oder verletzt fühlen. Die es nicht mehr in der eigenen Haut aushalten und ausbrechen. Die Rache wollen. Oder die einfach an eine Waffe gelangen und damit unschuldige Leben nehmen. Doch dieses Buch ist ein kleiner Blick hinter die Kulisse. Wie geht das Leben der Mutter dieser Menschen weiter? Von wie vielen Zweifeln ist sie zerfressen, wie viel Schuld lädt sie auf ihre eigene Schultern – und trägt sie wirklich Schuld? Das Buch erklärt nichts, aber es hinterfragt.

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    Nelly87vor einem Jahr
    Die Frage nach dem "Warum"

    Als Eva und Franklin sich entschließen, ein Kind zu bekommen, ist Eva schon fast 40. Doch beide wünschen sich noch ein Kind, vor allem für Franklin bedeutet ein Kind alles. Doch bereits einige Minuten nach der Geburt von Kevin, merkt Eva, dass ihr Sohn anders ist. Der Säugling scheint voller Wut und Zorn zu sein und lehnt seine Mutter von der ersten Minuten an ab. Er entwickelt sich nicht wie ein normaler Junge, muss bis zu seinem sechsten Lebensjahr gewickelt werden. Doch je älter er wird, desto mehr beginnt Eva zu glauben, das personifizierte Böse zur Welt gebracht zu haben. Das führt dazu, dass sie zu ihrem eigenen Fleisch und Blut auch keinerlei Bindung aufbauen kann und es sogar als Zumutung empfindet, dass sie zuhause bei ihrem Kind bleiben muss.

    Über Jahre hinweg will Evas Ehemann nicht glauben, welche Bösartigkeiten sich Kevin alles ausgedacht haben soll. Kevin sei ein normaler Junge und dieser selbst bringt seinen Vater dazu, dies zu glauben. Doch am 8. April 1999 treibt Kevin acht Mitschüler und eine Lehrerin in der Turnhalle zusammen und eröffnet mit einer Armbrust das Feuer auf sie. Kevin wird zum Amokläufer und verändert innerhalb weniger Stunden das Leben seiner Familie.

    Seit dem Amoklauf von Winnenden, bei dem mein Vater als Polizeibeamter selbst vor Ort war, verschlinge ich alles, was irgendwie mit diesem Thema zu tun hat. Was treibt einen Jugendlichen dazu, in der Schule teilweise fremde Mitschüler niederzuschießen und damit innerhalb von Minuten das Leben mehrerer Familien zu zerstören? Die Frag nach dem „Warum“ kommt nach einem solchen Massaker immer wieder auf und nie erhält man eine richtige Antwort.

    Und ehrlich gesagt hatte ich mir von diesem Roman erhofft, dass dieses „Warum“ am Ende geklärt wäre. Und irgendwie hat Shriver das auch geschafft. Diesen Vorwurf kann man der Autorin also nicht machen… Warum also nur eine durchschnittliche Bewertung?

    Eva, Kevins Mutter, erzählt ausführlich über ihr eigenes Leben alleine mit ihrem Ehemann und auch über ihr Leben als Mutter. Sie verpackt ihre Geschichte in Briefform. Franklin wird immer wieder ganz persönlich angesprochen, was dem ganzen Buch ein wenig das Flair einer privaten Unterhaltung gibt, in die man mal reinhorchen darf.

    Somit erhält man einen dermaßen intimen Einblick in Evas Gedanken, wie ich es selten in einem Buch erleben durfte. Das kommt nicht nur daher, dass man Evas Gedanken und Gefühle aus erster Hand erhält, sondern, dass sie auch unfassbar ehrlich und offen ist, auch wenn diese sie nicht immer ins beste Licht rückt. Eva schönt ihre eigenen Verfehlungen und Gefühle nicht, sondern spricht offen darüber, dass auch sie nicht alles richtig gemacht hat. Sehr hart empfand ich die Stellen, an denen sie über ihre Gefühle gegenüber ihrem eigenen Sohn spricht. Denn eigentlich hat sie solche gar nicht.

    Von der ersten Seite an begleitet den Leser ein unheimliches beklemmendes Gefühl. Dass es durch Kevin schließlich zum Amoklauf kommt, ist kein Geheimnis und man sollte meinen, dass dieser Umstand allgegenwärtig ist. Doch gerade der Beginn des Buches wiegt den Leser in trügerischer Sicherheit. Eva erzählt von ihrem Leben mit Franklin, der Ehe und ihren Reisen. Man spürt, dass sie ihren Mann liebt und ihn wirklich glücklich machen will. Sie weiß außerdem, dass Franklin auf „die große Frage“ nur eine Antwort kennt: Kinder!

    Als Leser wird man durch ein Gefühlschaos geworfen, wie ich es selten in einem Buch vorgefunden habe. Während man noch Mitleid mit Eva hat, kommt plötzlich eine Stelle, an der man sie fast verachtet. Wie kann man einem Säugling, der nur wenige Wochen alt ist, unterstellen, er würde nur dann schreien, weil er einen Machtkampf gegen seine Mutter ausficht?

    Als Kevin heranwächst kommt es allerdings immer wieder zu Situation, in denen man sich als Leser tatsächlich fragt, ob da nicht wirklich was dran sein könnte. Kevin hat keinerlei Interessen, keine wirklichen Freunde, keine Hobbys (abgesehen vom Bogenschießen), verbringt seine Zeit damit, einfach nur zu atmen und aus dem Fenster zu schauen… Hinzu kommen immer wieder Vorfälle, in denen nicht ganz klar wird, ob er an diesen tatsächlich mitgewirkt hat, doch der Verdacht ist da….

    Die große Schwäche dieses Buches bestand für mich allerdings genau in dieser Charakterzeichnung. Lange habe ich nicht mehr so krass klischeehaften Charaktere in einem Buch gefunden. Kevin ist einfach nur böse. Und das von Beginn an. Das geht dann aber leider zum Nachteil der Glaubwürdigkeit. Mal ehrlich, welcher 4-Jährige hält denn mit Absicht seinen Stuhlgang zurück, nur um seine Mutter zu ärgern. Und das nur aus reiner Boshaftigkeit. Und Eva ist quasi noch mitten in der Geburt, da unterstellt sie ihrem Sohn schon das Schlimmste. Es war einfach viel zu überzogen. Dass der Junge mit 15 dann Amok läuft, verwundert nur insofern, als man sich fragt, warum er so lange gewartet hat.

    Ich habe mir auch Ausschnitte aus der Verfilmung angesehen, die mir da wesentlich besser gefallen haben. Evas Resignation kam darin viel besser zum Vorschein als dies das Buch konnte. Und Kevin ist zwar immer noch gruselig und hat diesen bösen Einschlag. Aber er kam als Mensch herüber und nicht wie der Teufel persönlich.

    Auch mit dem Schreibstil von Lionel Shriver tat ich mir schwer. Dies mag bestimmt Geschmackssache sein und schreiben kann sie auf jeden Fall, daran besteht kein Zweifel. Sie bedient sich langer Sätze mit zahlreichen adjektiven, gerne auch verschachtelt. Locker flockig runter lesen ist da nicht. Vielmehr gibt es immer wieder Stellen, an denen man konzentriert bei der Sache sein muss, um Evas Erzählung weiter folgen zu können. Wie gesagt, das mag man mögen, bei mir hat es eher dazu geführt, dass ich Eva manchmal gerne geschüttelt hätte, um ihr zu sagen: „komm endlich mal zum Punkt“.

    Wenn man ganz ehrlich zu sich ist, dann hätte man wissen können, dass die Frage nach dem „Warum“ auch dieses Mal nicht ganz zufriedenstellend geklärt werden kann. Doch etwas differenzierter hätte es gerne sein dürfen. Der Amoklauf und seine Folgen finden immer nur zweirangig ihren Platz. Die Familie steht im Mittelpunkt der Erzählung, doch eine Identifikation mit einem der Mitglieder wird einem schwierig gemacht. Ein seltenes Beispiel für den Fall, dass die Verfilmung die Romanvorlage toppt.


    © Nellys Leseecke - Lesen bedeutet durch fremde Hand träumen
    Vielen Dank an den Piper Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars

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    Nelly87vor einem Jahr
    Die Frage nach dem "Warum"

    Als Eva und Franklin sich entschließen, ein Kind zu bekommen, ist Eva schon fast 40. Doch beide wünschen sich noch ein Kind, vor allem für Franklin bedeutet ein Kind alles. Doch bereits einige Minuten nach der Geburt von Kevin, merkt Eva, dass ihr Sohn anders ist. Der Säugling scheint voller Wut und Zorn zu sein und lehnt seine Mutter von der ersten Minuten an ab. Er entwickelt sich nicht wie ein normaler Junge, muss bis zu seinem sechsten Lebensjahr gewickelt werden. Doch je älter er wird, desto mehr beginnt Eva zu glauben, das personifizierte Böse zur Welt gebracht zu haben. Das führt dazu, dass sie zu ihrem eigenen Fleisch und Blut auch keinerlei Bindung aufbauen kann und es sogar als Zumutung empfindet, dass sie zuhause bei ihrem Kind bleiben muss.

    Über Jahre hinweg will Evas Ehemann nicht glauben, welche Bösartigkeiten sich Kevin alles ausgedacht haben soll. Kevin sei ein normaler Junge und dieser selbst bringt seinen Vater dazu, dies zu glauben. Doch am 8. April 1999 treibt Kevin acht Mitschüler und eine Lehrerin in der Turnhalle zusammen und eröffnet mit einer Armbrust das Feuer auf sie. Kevin wird zum Amokläufer und verändert innerhalb weniger Stunden das Leben seiner Familie.

    Seit dem Amoklauf von Winnenden, bei dem mein Vater als Polizeibeamter selbst vor Ort war, verschlinge ich alles, was irgendwie mit diesem Thema zu tun hat. Was treibt einen Jugendlichen dazu, in der Schule teilweise fremde Mitschüler niederzuschießen und damit innerhalb von Minuten das Leben mehrerer Familien zu zerstören? Die Frag nach dem „Warum“ kommt nach einem solchen Massaker immer wieder auf und nie erhält man eine richtige Antwort.

    Und ehrlich gesagt hatte ich mir von diesem Roman erhofft, dass dieses „Warum“ am Ende geklärt wäre. Und irgendwie hat Shriver das auch geschafft. Diesen Vorwurf kann man der Autorin also nicht machen… Warum also nur eine durchschnittliche Bewertung?

    Eva, Kevins Mutter, erzählt ausführlich über ihr eigenes Leben alleine mit ihrem Ehemann und auch über ihr Leben als Mutter. Sie verpackt ihre Geschichte in Briefform. Franklin wird immer wieder ganz persönlich angesprochen, was dem ganzen Buch ein wenig das Flair einer privaten Unterhaltung gibt, in die man mal reinhorchen darf.

    Somit erhält man einen dermaßen intimen Einblick in Evas Gedanken, wie ich es selten in einem Buch erleben durfte. Das kommt nicht nur daher, dass man Evas Gedanken und Gefühle aus erster Hand erhält, sondern, dass sie auch unfassbar ehrlich und offen ist, auch wenn diese sie nicht immer ins beste Licht rückt. Eva schönt ihre eigenen Verfehlungen und Gefühle nicht, sondern spricht offen darüber, dass auch sie nicht alles richtig gemacht hat. Sehr hart empfand ich die Stellen, an denen sie über ihre Gefühle gegenüber ihrem eigenen Sohn spricht. Denn eigentlich hat sie solche gar nicht.

    Von der ersten Seite an begleitet den Leser ein unheimliches beklemmendes Gefühl. Dass es durch Kevin schließlich zum Amoklauf kommt, ist kein Geheimnis und man sollte meinen, dass dieser Umstand allgegenwärtig ist. Doch gerade der Beginn des Buches wiegt den Leser in trügerischer Sicherheit. Eva erzählt von ihrem Leben mit Franklin, der Ehe und ihren Reisen. Man spürt, dass sie ihren Mann liebt und ihn wirklich glücklich machen will. Sie weiß außerdem, dass Franklin auf „die große Frage“ nur eine Antwort kennt: Kinder!

    Als Leser wird man durch ein Gefühlschaos geworfen, wie ich es selten in einem Buch vorgefunden habe. Während man noch Mitleid mit Eva hat, kommt plötzlich eine Stelle, an der man sie fast verachtet. Wie kann man einem Säugling, der nur wenige Wochen alt ist, unterstellen, er würde nur dann schreien, weil er einen Machtkampf gegen seine Mutter ausficht?

    Als Kevin heranwächst kommt es allerdings immer wieder zu Situation, in denen man sich als Leser tatsächlich fragt, ob da nicht wirklich was dran sein könnte. Kevin hat keinerlei Interessen, keine wirklichen Freunde, keine Hobbys (abgesehen vom Bogenschießen), verbringt seine Zeit damit, einfach nur zu atmen und aus dem Fenster zu schauen… Hinzu kommen immer wieder Vorfälle, in denen nicht ganz klar wird, ob er an diesen tatsächlich mitgewirkt hat, doch der Verdacht ist da….

    Die große Schwäche dieses Buches bestand für mich allerdings genau in dieser Charakterzeichnung. Lange habe ich nicht mehr so krass klischeehaften Charaktere in einem Buch gefunden. Kevin ist einfach nur böse. Und das von Beginn an. Das geht dann aber leider zum Nachteil der Glaubwürdigkeit. Mal ehrlich, welcher 4-Jährige hält denn mit Absicht seinen Stuhlgang zurück, nur um seine Mutter zu ärgern. Und das nur aus reiner Boshaftigkeit. Und Eva ist quasi noch mitten in der Geburt, da unterstellt sie ihrem Sohn schon das Schlimmste. Es war einfach viel zu überzogen. Dass der Junge mit 15 dann Amok läuft, verwundert nur insofern, als man sich fragt, warum er so lange gewartet hat.

    Ich habe mir auch Ausschnitte aus der Verfilmung angesehen, die mir da wesentlich besser gefallen haben. Evas Resignation kam darin viel besser zum Vorschein als dies das Buch konnte. Und Kevin ist zwar immer noch gruselig und hat diesen bösen Einschlag. Aber er kam als Mensch herüber und nicht wie der Teufel persönlich.

    Auch mit dem Schreibstil von Lionel Shriver tat ich mir schwer. Dies mag bestimmt Geschmackssache sein und schreiben kann sie auf jeden Fall, daran besteht kein Zweifel. Sie bedient sich langer Sätze mit zahlreichen adjektiven, gerne auch verschachtelt. Locker flockig runter lesen ist da nicht. Vielmehr gibt es immer wieder Stellen, an denen man konzentriert bei der Sache sein muss, um Evas Erzählung weiter folgen zu können. Wie gesagt, das mag man mögen, bei mir hat es eher dazu geführt, dass ich Eva manchmal gerne geschüttelt hätte, um ihr zu sagen: „komm endlich mal zum Punkt“.

    Wenn man ganz ehrlich zu sich ist, dann hätte man wissen können, dass die Frage nach dem „Warum“ auch dieses Mal nicht ganz zufriedenstellend geklärt werden kann. Doch etwas differenzierter hätte es gerne sein dürfen. Der Amoklauf und seine Folgen finden immer nur zweirangig ihren Platz. Die Familie steht im Mittelpunkt der Erzählung, doch eine Identifikation mit einem der Mitglieder wird einem schwierig gemacht. Ein seltenes Beispiel für den Fall, dass die Verfilmung die Romanvorlage toppt.


    © Nellys Leseecke - Lesen bedeutet durch fremde Hand träumen
    Vielen Dank an den Piper Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars

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    dominonas avatar
    dominonavor einem Jahr
    Ein Buch, das einen lange nicht loslässt

    Ich habe mir viele Stellen aus dem Buch als Zitate aufgeschrieben und bin fasziniert, wie ein Buch so viele verschiedene Facetten von Leben aufgreifen kann. Überrascht hat mich der Hergang des Buches nicht, weil ich den Film schon kannte, aber das Buch ist in seiner diffusen Klarheit noch verstörender als der Film. Es wird eine mir völlig neue Seite einer leider immer aktuelleren Problematik beleuchtet. Jeder - mit oder ohne Kinderwunsch, sollte sich dieses Buch anschauen. Es zeigt Möglichkeiten und sucht nach Antworten, die es nicht immer findet, aber vielleicht ist gerade das die Antwort.

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    JulesBarroiss avatar
    JulesBarroisvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein nachdenklicher und zutiefst beunruhigender Roman über eine Mutter. Sie können es nicht genießen, aber Sie werden die Dinge anders sehen.
    Der Alptraum eines jeden Elternteils

    Wir müssen über Kevin reden - Lionel Shriver (Autorin), Christine Frick-Gerke (Übersetzerin), Gesine Strempel (Übersetzerin), 560 Seiten, Verlag: Piper Taschenbuch (2. Mai 2017), 11 €, ISBN-13: 978-3492310512

    Eva wollte nie wirklich eine Mutter sein, und sicherlich nicht die Mutter dieses Jungen, der sieben seiner Mitschülern, einen Cafeteria-Arbeiter und einen vielverehrten Lehrer ermordet hatte

    Das Buch erzählt die Geschichte eines High-School-Massakers. Dieses Szenario, nicht nur in den USA sondern auch in Deutschland bekannt und gefürchtet, fordert die Frage nach dem „Warum?“ geradezu heraus. Die einen sehen die Ursachen in zu laschen Waffengesetzen, während die andere seite die explizite Gewalt im Fernsehen, Videospiele, Filme und Musik anprangern, die die Grenze zwischen Täuschung und Realität aufhebt.

    Doch Kevin benutzte keine Pistole und hatte auch keinen Zugang zu gewalttätigen Medien. Er war auch nicht der gemobbte Ausgestoßene, der nach Rache dürstete  und er war auch nicht irgendein unüberwachtes Schlüsselkind.

    Jetzt, zwei Jahre später, ist es Zeit für Eva Khatchadourian, sich mit Ehe, Karriere, Familie, Elternschaft und Kevins schrecklichem Amoklauf in einer Reihe von überraschend direkten Briefen mit ihrem getrennt lebenden Ehemann Franklin auseinander zu setzen. Eva befürchtet, dass ihre Abneigung gegen den eigenen Sohn dafür verantwortlich sein könnte, ihn so aus der Bahn zu werfen.

    Lionel Shriver schreibt eine tiefe und kühne Untersuchung des Elternseins, indem uns zeigt, wie viel (oder wie wenig) Eltern dafür verantwortlich gemacht werden können, was aus ihren Kinder wird.

    Das Buch erforscht die Anforderungen durch eine Mutterschaft und die traumatischen Auswirkungen, die es auf eine Ehe haben kann. Evas Gefühl der Niederlage bei der Geburt ihres Sohnes Kevin, ihr Versagen zu stillen und die vielfältigen Schwierigkeiten, die sie mit dem schlaflosen, schreienden Kind erlebt, sind vielen vertraut. Doch Shriver schreibt nicht über gewöhnliche Mutterschaft oder einen gewöhnlichen Jungen. Kevin ist ein Monster.

    Eva findet keine Antworten, nur Schuld, viel davon auf sich selbst gerichtet. Nur ein schwarzes Loch, das sie langsam in einen unerklärlichen Wirbel zieht.

    Ein nachdenklicher und zutiefst beunruhigender Roman über eine Mutter. Ein durchaus schreckliches Buch. Sie können es nicht genießen, aber Sie werden die Dinge anders sehen, und das ist genau das, was ein gutes Buch tun sollte. Deshalb müssen Sie es unbedingt lesen.

     

    Hier geht es direkt zum Buch auf der Seite des Piper Verlages

    https://www.piper.de/buecher/wir-muessen-ueber-kevin-reden-isbn-978-3-492-31051-2

    Fragen Sie in Ihrer örtlichen Buchhandlung nach diesem Buch. Wenn Sie in meiner Gegend „Landkreis Merzig-Wadern“ leben, dann wenden Sie sich an die Rote Zora: http://www.rotezora.de

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    veronika_lackerbauers avatar
    veronika_lackerbauervor 3 Jahren
    Kurzmeinung: Das Grauen kommt langsam, aber gewalltig...
    Ein Buch, das lange nachhallt.

    Dieses Buch ist keine sommerliche Lektüre für den Baggerweiher. Schon das Thema hat es in sich. Und die Art der Darstellung erleichtert einem den Zugang nicht gerade.
    In Briefen an ihren Ex-Mann erzählt die verzweifelte Mutter eines jugendlichen Amokläufers fragmentarisch den Weg in die Katastrophe.
    Kevin ist von klein auf auffällig, die Familie leidet darunter, schließlich scheitert die Ehe der Eltern, das Ganze gipfelt in Kevins Amoklauf an seiner Schule, bei dem er mehrer Schüler und eine Lehrerin ermordet. Diese Chronologie halten die Briefe nicht ein. Der Leser muss sich selbst Stück für Stück das Bild zusammensetzen. Das fordert Konzentration und Durchhaltevermögen. Aber nach einer Weile zieht einen dieses Portrait einer kaputten Gesellschaft doch in seinen Bann.
    Ungefähr ab der Hälfte kam mir dann eine grausige Vermutung, die sich immer mehr bewahrheitet hat, bis sie am Ende im ganzen Ausmaß der Katastrophe gipfelte. Diese Erkenntnis schlägt mit so einer Wucht ein, dass es einen buchstäblich aus den Socken schockt.
    Empfehlenswert für hartnäckige Leser!

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