In seinem neusten Buch „Wie hat ihnen das Anthropozän bisher gefallen“ schreibt der amerikanische Autor John Green, er habe lange gebraucht, um in die Welt verliebt sein zu können. Ich dagegen habe mich schon hunderte, gefühlt tausende Male in die Welt/das Leben verliebt (aber auch beinah so oft entliebt; es ist kompliziert).
Auslöser für diese Verliebtheit waren viele Dinge, Menschen und Orte, aber manches Mal hat auch ein Buch Armor gespielt. Meist sind das die Bücher, die einen besonderen Platz in meinem Bücherregal einnehmen, die man mitschleppt von Wohnung zu Wohnung, als wäre ein kleines Stück Hoffnung darin aufbewahrt.
„Ich bin keine Freundin von Gewissheiten, aber eine Sache will ich dir schon jetzt, ganz am Anfang, mit auf den Weg gegen: Egal, was die anderen sagen: Nichts, was du fühlst, ist banal! Die Welt ist voller Zeichen. Und du hast die Gabe sie zu lesen.“
Auch Lisa Kreißlers „Schreie und Flüstern“ ist ein Buch, in dem es um die ganzen großen Themen geht, ums Leben, die Freude daran und den Schmerz darin. Das wird schon in dem Brief der Protagonistin Vera an ihren kleinen Sohn Siggi deutlich, der den Roman eröffnet. Aber das Gefühl, dass man hier ganz nah dran ist an dem, was im Leben erfahrbar und gleichsam zu ertragen ist, bleibt auch über den restlichen Verlauf der Handlung erhalten.
Die setzt ein in einer Zeit des Umbruchs. Vera und ihr Lebenspartner Claus sind gerade dabei, ihre Wohnung in Leipzig aufzugeben und aufs Land zu ziehen, wo sie von Geld, das Claus Vater hat springen lassen, einen Hof gekauft haben, den sie nun umbauen wollen. Claus ist allerdings viel enthusiastischer, was diesen Plan angeht. Vera, die gerade auch noch eine Fehlgeburt hinter sich hat, fremdelt mit der neuen Umgebung und immer mehr tritt die neue Situation zwischen sie und Claus. Der Neuanfang scheint gescheitert, die Situation verfahren, doch wie so häufig, findet das Leben einen Weg …
Eine Zusammenfassung der Handlung umreißt manche Bücher auch von der Stimmung, vom Charakter her ganz gut, aber anderen täte man Unrecht, würde man es bei dieser Idee belassen. Denn Kreißlers Roman ist nicht bloß ein Beziehungsroman oder eine Studie über den Wechsel von Stadt zu Land (auch wenn er all das durchaus auch ist), sondern eine kleine Ode auf Lebendigkeit und Vergänglichkeit, die vor allem durch Details besticht.
So gelingt es Kreißler etwa, durch ihre Beschreibungen auch noch der unwichtigsten Nebenfigur Leben einzuhauchen, auf eine Weise, die einen nicht selten wünschen lässt, man könnte sie zumindest theoretisch kennenlernen. Überhaupt hat das Buch eine sehr wirklichkeitsgetreue (realistisch klingt finde ich immer nach dem Gegenteil von dem, was es ausdrücken soll) Atmosphäre, man fühlt sich bei vielen Gelegenheiten an Momente aus der eigenen Biographie erinnert, vor allem wenn es um die erweiterte Familie geht, die in dem Buch ebenfalls eine wichtige Rolle spielt. Hinzu kommt noch, dass Kreißlers Dialoge ebenfalls sehr ungekünstelt wirken, kurzum: ihre ganze Darstellung lädt zum Miterleben ein.
Man könnte dem Roman ein paar Kleinigkeiten vorwerfen (manche Anwandlungen etwa, die man schon poetisch nennen muss und die zwar auch schön sind, aber nicht immer ganz hineinpassen; der Übergebrauch von Tränen in Schlüsselmomenten; und manche Sachen fragt man sich dann doch, bspw.: Warum tauchen Claus Eltern nie wieder auf und warum geht es es eigentlich so wenig ums Schreiben, obwohl die Protagonistin Autorin ist, etc). Aber das alles fällt nicht wirklich ins Gewicht, denn selbst diese Kleinigkeiten fügen sich sehr organisch ins Gesamtgefüge ein. Es ist einfach zu viel da, als dass man sich beklagen könnte, dass irgendwas fehlt.
„Schreie und Flüstern“ ist ein Buch über Abschied, über Alter und Tod, und zugleich über all das, was davor kommt, dazwischen liegt, über Glück und Unfrieden, Nähe und Fremdsein, Alltag und die ganz besonderen Momente. Kreißler kann mit ihrer Sprache die Welt an uns vorbeiziehen lassen, sie aber auch anhalten und uns ins Zentrum eines Augenblicks stoßen, wo die Fragen und Ängste und Hoffnungen tosen. Man fühlt viel, während man dieses Buch liest und mit diesem Satz, mit diesen drei Worten, ist eigentlich alles gesagt. Es ist ein Buch, das wohl niemanden ungerührt lässt, ebenso wie das Leben wohl niemanden ungerührt lässt.
Lisa Kreißler
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Lisa Kreißler
Blitzbirke
Schreie & Flüstern
Das vergessene Fest
Neue Rezensionen zu Lisa Kreißler
Nach einem Erbe kauft ein junges Paar mit Kind ein riesiges, renovierungsbedürftiges Bauernhaus am Land und zieht dort ein. Schnell stellt sich heraus, dass insbesondere die Frau sich am Land überhaupt nicht wohl fühlt. Das gibt sie ihrem Partner auch ständig zu verstehen, zieht sich in ein Zimmer zurück und beobachtet den Putz beim Bröckeln, ist unzufrieden und beteiligt sich überhaupt nicht an den Renovierungsarbeiten.
Das Buch besteht aus vielen kleinen Szenen vor dem Umzug, während des Umzugs und dann am Land selbst. Während es vermutlich eine Art Gesellschaftsporträt heutiger junger urban geprägter Menschen vor ländlicher Kulisse sein möchte, hat es mich beim Lesen überhaupt nicht packen können. Weder bin ich mit den Figuren sonderlich warm geworden, noch hat mich das Setting an sich interessiert, und es gab nicht wirklich etwas Spannendes, das mich beim Weiterlesen gepackt hätte. Auch sprachlich hat es mich nicht sonderlich beeindruckt. Insgesamt fehlten mir Spannungsaufbau und roter Faden.
Insgesamt bleibt also ein eher mittelmäßiges Buch, das man lesen kann, aber nicht muss.
Der Roman beschreibt Lebenssituationen aus dem Alltag von Schriftstellerin Vera und Claus, der früher Maler war, mit ihrem Sohn Sigge. Der Einstieg fiel mir schwer, da gerade zu Beginn die Situationen zu schnell wechseln und der Lesefluss gestresst wirkt, durch die kurzen literarischen Abfolgen sogar etwas gestresst. Danach plätschert die Geschichte dahin, es werden häufig Rückblenden in Veras Leben gegeben, sowie Gedanken und Vorstellungen eingebracht. Als Leser*in hat man es zwischenzeitlich nicht leicht, sich zu orientieren, ob man sich in der emotionalen Achterbahnfahrt der realen Welt befindet oder ob es sich um einen Gedankensprung handelt, häufig erkennt man es erst im Nachhinein. Als Claus plötzlich nach einer Albtraumnacht beschließt, Fränk zu sein, konnte ich diese Wandlung nicht mehr mittragen, das war mir zu konfus. Mir persönlich hat Struktur gefehlt, es gibt keinen roten Faden, der sich durchzieht. Dafür gibt es Themen, die immer wieder auftauchen, wie Fehlgeburten, Schwangerschaft, Einsamkeit, Anpassung an die neuen Lebensumstände, das neue Leben auf dem Land. Claus fällt die Neustrukturierung am Land, die Renovierung des Hauses und die Integration leichter als Vera, die ihr altes Leben, vor allem ihre Freund*innen und das soziale Leben vermisst und erst Anschluss finden muss.
Gespräche aus der Community
LovelyBooks lädt im neuen Jahr zu spannenden Challenges ein.
Und auf euch warten tolle Gewinne.
Die anspruchsvolle Gegenwartsliteratur ist auch dabei!
Liest du gerne Bücher mit Niveau?
Dann ist diese Challenge genau das Richtige für dich.
15 anspruchsvolle Romane möchten wir vom 01.01.2014 bis 31.12.2014 lesen.
Es gelten alle Bücher - Gegenwartsliteratur -, die in diesem Zeitraum erscheinen (Ersterscheinungen) und an diesem Beitrag angehängt sind.
Auch Neuauflagen von Klassikern.
Die Regeln:
- Melde dich mit einem kurzen Beitrag hier im Thread an.
- Du kannst dich jederzeit wieder abmelden. Du verpflichtest dich zu nichts.
- Schreibe bitte zu jedem Buch, das du für die Challenge gelesen hast, eine Rezension bei LovelyBooks, und verlinke diese in einem einzigen Beitrag in diesem Thread. Dieser Beitrag wird von mir unter dem entsprechenden User-Namen in der Teilnehmerliste verlinkt. Das wird dein Sammelbeitrag für deine Rezensionen sein.
- Es gelten nur Bücher, die an diesem Beitrag angehängt sind.
- Jeder kann Bücher für die Challenge vorschlagen. Wenn wir uns uneinig sind, ob sie das Prädikat "anspruchsvoll" erfüllen, können wir darüber hier im Thread diskutieren.
Nimmst du die Herausforderung an?
Unter allen Teilnehmern, die es schaffen, 15 Romane mit Niveau bis zum 31.12.2014 zu lesen und zu rezensieren, wird ein tolles Buchpaket verlost.
Natürlich mit den passenden Büchern zum Thema.
Fragen und/oder Vorschläge sind jederzeit willkommen.
Ich freue mich auf viele Anmeldungen!
Teilnehmer:
-tina-
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