Glorreiche Ketzereien

von Lisa McInerney 
4,3 Sterne bei4 Bewertungen
Glorreiche Ketzereien
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alascas avatar

Querschnitt durch den Bodensatz der irischen Gesellschaft. Komisch, anrührend, tragisch. Ein Glücksfall.

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Milieustudie, Coming-of-Age Roman, Love-Story und eine Abrechnung mit der Bigotterie von Kirche und Gesellschaft. Unbedingt lesen!

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Inhaltsangabe zu "Glorreiche Ketzereien"

Als Maureen Phelan nachts in ihrer Küche einen Einbrecher überrascht und ihn mit einer Devotionalie erschlägt, ahnt sie nicht, dass sie damit eine Reihe von fatalen Ereignissen in Gang setzt. Natürlich muss zunächst der Leichnam entsorgt und der Küchenboden geschrubbt werden, allerdings hat Maureen eine ausgesprochene Abneigung gegen Hausarbeiten jedweder Art, weshalb sie ihren Sohn Jimmy einbestellt. Der kontrolliert das organisierte Verbrechen der Stadt, die Geldverleiher und Buchmacher, die Drogenkuriere und Zuhälter. Natürlich will auch Jimmy sich nicht die Hände schmutzig machen, das überlässt er in der Regel anderen – beispielsweise seinem alten Kumpel Tony Cusack, Trinker, Vater von sechs Kindern, alleinerziehend, wenn man überhaupt von Erziehung sprechen kann. Der älteste Sohn Ryan hat mit seinen fünfzehn Jahren schon eine beachtliche Karriere als Dealer hingelegt. Eine seiner Klientinnen ist die junge Prostituierte Georgie. Deren Freund Robbie steigt gerne mal in Häuser ein und ist seit Kurzem spurlos verschwunden …
Lisa McInerneys Debütroman ist eine bitterböse Komödie über die Macht des Zufalls und das Leben in einem krisengeschüttelten Land, das geprägt ist von Gewalt und Bigotterie. Eine literarische Tour de Force, fulminant erzählt, voller Empathie und groteskem Humor.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783954380916
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:448 Seiten
Verlag:Liebeskind
Erscheinungsdatum:25.06.2018

Rezensionen und Bewertungen

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    Krimisofa_coms avatar
    Krimisofa_comvor einem Monat
    Weniger wäre mehr

    Ein Leben kann sehr schnell zu Ende sein. Zack, eins über den Schädel gezogen und schon wird es dunkel für den Rezipient. Andererseits kann ein Leben verdammt lange sein, Menschen kämpfen mit den übelsten Krankheiten gegen den Tod und widersetzen sich Jahr für Jahr. Doch am Ende bekommt der Sensenmann uns doch alle – jeden von uns. Und dann kommen wir in den Himmel, oder die Hölle; oder verrotten einfach nur in einer Holzkiste unter der Erde. Was auch immer passiert, Lisa McInerney hat ein Buch geschrieben, in dem es um Mord, Moral und etliche andere Dinge geht.

    Ryan ist der Sohn von Tony Cusack und Bruder von fünf Geschwistern. Sein Vater war fleißig – nicht nur, was die Kinderzeugung betrifft. Er trinkt auch gerne und kennt Jimmy Phelan, der jetzt seine Hilfe benötigt, denn in der Wohnung dessen Mutter Maureen liegt eine Leiche, die wegmuss. Na, habt ihr noch den Überblick? Moment, es geht noch weiter, denn da ist noch Georgie: Prostituierte, Drogensüchtige und auf der Suche nach Robbie, bei dem sie wohnt und der plötzlich wie vom Erdboden verschluckt ist. Die Drogen besorgt ihr Ryan, der gerade mal fünfzehn ist und seine erste Freundin – Karine – hat. In der ersten von vielen Szenen hat er einen ziemlich verfrühten Samenerguss – vom Drogendealen hat er zu der Zeit mehr Ahnung.

    Es war zu Beginn eine on/off-Beziehung, die mich mit dem Buch verband, eigentlich sollte es bei [Vorschau #11] dabei sein, ist aber kurz vor deren Erscheinen rausgeflogen. Das Cover ist nicht gerade ansprechend – mehr shabby als shiny;–, und repräsentiert so gewissermaßen den Inhalt. Nicht das dieser nicht ansprechend wäre, aber doch speziell; ohne richtigen Hauptcharakter, ganz zu schweigen von Protagonisten – ein Buch voller Antihelden trifft es eher. Ich war anfangs wirklich geneigt, dieses Buch abzubrechen, doch andererseits war es doch interessant. Verlage sind immer auf der Suche nach Autoren mit einem außergewöhnlichen Schreibstil, mit einem Schreibstil, der sich vom Einheitsbrei abhebt – der Liebeskind Verlag hat mit „Glorreiche Ketzereien“ den Jackpot geknackt, denn ein solches Buch, so weit vom Mainstream weg, wie es nur geht, habe ich tatsächlich noch nie gelesen. Voller Innovationen, voller Überraschungen. Aber eines sei auch gesagt: schön ist das Kind zwar einigermaßen, aber lieb sicher nicht, denn alle, wirklich jeder Charakter, der in dem Buch auftritt, hat Dreck am Stecken.

    Lange sucht man in diesem Pulk an Charakteren den einen, den Hauptcharakter – Tony? Nein. Maureen? Jaaaa, nein, nicht wirklich. Also schon irgendwie, aber, hm, eher nein. Gut, weiter – Jimmy? Nope. Georgie? Auch irgendwie, aber dann doch nicht so ganz. Tatsächlich ist Ryan, der Schnellspritzer, der Charakter, der die Geschichte irgendwann an sich reißt. Und auch im Bett macht er sich irgendwann, klar, er hat ja auch genug Zeit, der Plot geht über mehrere Jahre in denen man beobachten kann, wie Ryan heranwächst, um schließlich erwachsen zu werden. Zwischendurch gibt es immer wieder kursive Kapitel, die zumeist sehr emotional sind und aus der ersten Person Ryans erzählen.

    Die Geschichte bietet einiges; Fellatio und Cunnilingus, Sakrileg und Skapulier – und einen Nachbarschaftsstreit, der irgendwann eskaliert. Neben Sex und Drogen spielt auch die Kirche eine große Rolle, vor allem Maureens Zerrissenheit zwischen Schuld und Glaube. Sie sieht den Geist ihres unabsichtlichen Mordopfer immer in ihrer Wohnung herumgeistern, was ihr nicht ganz geheuer ist – aber sie findet einen Weg, damit umzugehen. Damit, und mit ihrer inneren Zerrissenheit.

    McInerney hat einen guten und düsteren und äußerst maskulinen Schreibstil, was man vor allem am Vokabular merkt, das teilweise sehr vulgär ist. Das Buch ist allerdings weit weniger lustig als ich erwartet hätte – das Buch wurde mir als „bitterböse (Krimi)Komödie“ beschrieben –, oder es trifft nicht mein Humorzentrum.

    Teilweise verliert man  sowohl beim Plot als auch bei den Charakteren die Übersicht. McInerney springt teilweise in den Zeiten hin und her, was zwar selten vorkommt, aber umso verwirrender ist. Charaktere tauchen zwei, drei mal auf und beim dritten Mal weiß man gar nicht mehr, wer das jetzt nochmal war. Dadurch, dass sich die Geschichte über mehrere Jahre zieht, wirkt sie teilweise inkohärent. Und der Schreibstil ist stellenweise sehr zäh, von der Spannung gar nicht zu sprechen; was ich aber nicht der Autorin anlasten will, das kann auch an der Übersetzung liegen. Alles in allem ist „Glorreiche Ketzereien“ aber wirklich sehr außergewöhnlich und ich bin froh, es doch beendet zu haben, auch wenn es nicht zu hundert Prozent meinen Geschmack trifft. So richtig will McInerneys Debüt auch nicht ins Krimigenre passen, dafür aber in viele andere. Das Feuilleton feiert – ich halte mich eher zurück.

    Bewertung für den Showdown entfällt, weil es so etwas in der bewährten Form nicht gibt.

    Rl;dr: „Glorreiche Ketzereien" von Lisa McInerney ist ein zwar kein wirklicher Krimi, dafür aber weit weg vom Mainstream. Ein Buch, so vielschichtig und mit so vielen interessanten Charakteren, dass man sich erst eingrooven muss. Ein Buch ohne Protagonisten und voller Antihelden; und dennoch schließt man sie irgendwann ins Herz - was ist da schon Mord, Drogenhandel oder Prostitution? Dennoch hat das Buch auch einige Schattenseiten; man fliegt nicht gerade durch die Geschichte und verliert auch öfter mal den Überblick

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    Haversvor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Milieustudie, Coming-of-Age Roman, Love-Story und eine Abrechnung mit der Bigotterie von Kirche und Gesellschaft. Unbedingt lesen!
    Eine satte Milieustudie

    Cork. Hafenstadt im Süden Irlands. Bischofssitz. Erzkatholisch. Lisa McInerney erzählt in ihrem Erstling „Glorreiche Ketzereien“ von Menschen am Rand der Metropole. Von unten. Aus der Sozialbausiedlung. Sie erzählt von Familien, von Erwartungen, von Reue und der Suche nach Erlösung. Von dem Verhältnis zwischen Männern und Frauen. Von den Auswirkungen der Religion auf die irische Gesellschaft.

    Zwei Personen dominieren den Roman, dessen Handlungszeitraum sich über starke fünf Jahre erstreckt: Maureen, knapp sechzig, Mutter des lokalen Gangsterbosses Jimmy „JP“ Phelan, erst seit kurzem wieder zurück in Cork. Als junge Frau von ihrer Familie nach der Geburt eines unehelichen Kindes nach London abgeschoben. Nicht ohne ihr vorher das Neugeborene wegzunehmen. Die voll Wut auf alles ist, was mit der Kirche zu tun hat. Die einem Einbrecher mit einem „Heiligen Stein“ den Schädel einschlägt und so eine unheilvolle Spirale in Gang setzt.

    Und Ryan Cusack, guter Schüler, talentierter Klavierspieler, aber auch ältester Sohn von Tony, einem alleinerziehenden Vater von sechs Kindern, einem Säufer, Kleinkriminellen und Handlanger von JP, der seinen Ältesten misshandelt. Ryan, der sich nichts sehnlichster wünscht, als gesehen zu werden. Den eine große Liebe mit Karine, dem Mädchen aus der Mittelschicht, verbindet, die ihn zu verschlingen droht. Der zu einem wütenden jungen Mann heranwächst. Der aus den richtigen Gründen die falschen Entscheidungen trifft. Der eine Gefängnisstrafe verbüßen muss. Der aus den falschen Gründen die richtigen Entscheidungen trifft und so, zumindest auf Zeit, ein Leben rettet, dem aber sein eigenes Leben nichts wert ist.

    Für den Fortgang der Handlung sind außerdem noch bereits erwähnter Gangsterboss, eine jungen Prostituierte sowie die unsympathische Nachbarin der Cusacks von Bedeutung. Jeder hat mit jedem zu tun und greift auf die eine oder andere Art und Weise in deren Leben ein.

    Eine satte Milieustudie sind diese „Glorreichen Ketzereien“, aber auch ein Roman über das Erwachsenwerden unter schwierigsten Umständen. Plus dazugehörige Love-Story. Aber auch eine Abrechnung mit der Bigotterie der Kirche und der irischen Gesellschaft: „Die Kirche will Macht, mehr als alles andere, die Macht über alles Lebende. Die Kirche hat ein Ideal, und sie merzt alles aus, was sich dem in den Weg stellt. Die Kirche braucht blinde Hingabe…sie alle machen da mit. Ihnen ist eine Klasse zugeteilt worden, und an die klammern sie sich. Die Kirche schafft sich ihre Sünder, damit sie jemanden hat, den sie retten kann.“ Aber was geschieht mit denen, die nicht gerettet werden wollen?

    McInerney nimmt kein Blatt vor den Mund. Sei es die Sprache oder auch die Themenfelder, die sie beackert. Schnappt euch das Buch und lest es, ihr werdet es nicht bereuen. Denn unter den Neuerscheinungen 2018 ist Lisa McInereys Debüt ein „Diamond in the Rough“!

    Übrigens gibt es im Original bereits den Folgeband „The Blood Miracles“, in dem wir Ryan Cusack Wege weiterverfolgen können. Ich freue mich darauf.

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    alascavor 3 Tagen
    Kurzmeinung: Querschnitt durch den Bodensatz der irischen Gesellschaft. Komisch, anrührend, tragisch. Ein Glücksfall.
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    hundertwassers avatar
    hundertwasservor 4 Monaten

    Gespräche aus der Community zum Buch

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    Vorfreude! So freuen sich unsere Leser auf das Buch

    Briggss avatar
    Briggsvor 4 Monaten
    Ich habe die Besprechung von Deutschlandfunk Kultur gehört und hab mich gleich in die interessante Geschichte verliebt!
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