Ein dichter Raum – doch ohne erzählerische Entladung
Empusion war mein erster Roman von Olga Tokarczuk nach der Verleihung des Literaturnobelpreises – und ich gestehe, dass meine Erwartungen vielleicht zu hoch angesetzt waren.
Tokarczuk bleibt auch hier unverkennbar: ihre Stimme ist eigen, ihre Sprache kunstvoll, die Atmosphäre dicht und klug konstruiert. Und dennoch hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass sich diese erzählerische Dichte nicht in eine entsprechende emotionale oder gedankliche Wucht auflöst.
Der Roman spielt im Jahr 1913, in einem Sanatorium, das in seiner abgeschlossenen, fast klaustrophobischen Welt eine Mischung aus Theaterkulisse und Denkraum bietet. Dabei musste ich unweigerlich an Dürrenmatts Die Physiker denken – auch dort eine Art Kammerspiel mit philosophischem Unterbau und verstörender Grundspannung.
Gleichzeitig erinnerte mich Empusion durch seine skurrilen Figuren und leicht absurde Atmosphäre an moderne Filme/Serien wie Grand Budapest Hotel oder Nine Perfect Strangers. Nur dass hier die Pointierung fehlt.
Die Dialoge zwischen den Figuren, die Reflexionen über Philosophie, Krankheit, Geschlecht und Gesellschaft – all das hat Potenzial, doch es bleibt oft andeutungsweise, ohne erzählerische Zuspitzung. Ich hätte mir gewünscht, dass sich die Geschichte an bestimmten Stellen traut, radikaler zu sein, klarer eine Linie zu verfolgen oder mehr erzählerische Bewegung zu entwickeln.
Trotzdem – und das muss betont werden – hebt sich Tokarczuks Roman durch Stil und Anspruch deutlich vom literarischen Mainstream ab. Er wirkt wie eine Hommage an große literarische und intellektuelle Traditionen. Vielleicht ist Empusion genau das: eine kluge, aber kühle Referenzarbeit.
Ein Buch für Leserinnen und Leser, die Sprache und Atmosphäre mehr schätzen als Plot und Spannung.