Hannah Abram schlägt sich mehr schlecht als recht durchs Leben. Bei der Metropolitan Police rausgeflogen, hält sie sich nunmehr mit kleinen Gelegenheitsaufträgen über Wasser, sofern ihre Arbeitszeit in Digbys Schnellimbiss es zulässt. Für die einen versucht Hannah herauszufinden, wohin ihre Hunde entlaufen sind, der nächste will wissen, wer ihm immer Müll in den Eingang kippt, und der Gärtner:ingemeinschaft der hiesigen Kleingartenkolonie ist die Ernte geklaut worden. Hannah nimmt sich den kleinen Fällen empathielos an, sie versucht nur genug Geld zu verdienen, um das schäbige Zimmer nicht zu verlieren, das sie zur Untermiete bezieht, und einfach nicht unterzugehen. Dabei mutet Hannah Abram rotzfrech, zynisch und unaufhaltsam an. Doch eigentlich ist Hannah durchs Leben; nein, eher durch Misogynie und Institutionen, die diese schützt, gebeutelt.
Bei Liza Codys „Die Schnellimbissdetektivin“ darf man sich auf einen vor schwarzem Humor und Sarkasmus triefenden Krimi einstellen. Die Schlagabtausche zwischen Hannah und Digby werden mir noch lange in herzerwärmender Erinnerung bleiben. Trotz allen Witzes lässt die Autorin ihre Leser:innen auch die Schläge und Intrigen des Lebens und die daraus resultierende Desillusion ihrer Protagonistin spüren - no cosy crime. Mir war Hannah Abram eine chaotische und sympathische Figur, und wer sich auf die Handlung der Fälle an vielen Nebenschauplätzen einlassen kann, der sollte ebenfalls Bekanntschaft mit der Imbissdetektivin machen!
Liza Cody
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Liza Cody
Lady Bag
Miss Terry
Die Schnellimbissdetektivin
Lady Bag. Kriminalroman
Krokodile und edle Ziele
Ballade einer vergessenen Toten
Was sie nicht umbringt
Eva sieht rot
Neue Rezensionen zu Liza Cody
Zugegeben: Liza Codys Stil wirkt zunächst frisch, unkonventionell und witzig. Man sympathisiert mit Hannah Abrams, der Heldin des Romans, die schwere Schläge einstecken muss: von Ex-Kollegen gemobbt, vom neuen Chef ausgenutzt und von den Vermieterinnen zu einer veganen Lebensweise genötigt. Aber die Sympathiewerte sind schnell aufgebraucht, denn Cody reitet ihre Masche tot. Die Stereotype wiederholen sich (gebt den Armen und nehmt den Reichen, Männer sind Schweine, Frauen die Opfer, die sich nur selbst helfen und aus dem Schlamassel ziehen können, etc.) und die Handlung zerbröselt in tausend Bruchstücke, die nur durch die Protagonistin einigermaßen verknüpft werden. Man hat nach gut zwei Dritteln Mühe, die ständig wechselnden Personen den jeweiligen Aufgaben von Abrams zuzuordnen. Das Label 'Kriminalroman' wird dem Büchlein nie gerecht, denn zu keiner Zeit kommt auch nur ein Hauch von Spannung auf. Irgendwann gibt man auf und ist froh, wenn man nach ca. 340 Seiten das Buch zur Seite legen kann. Eine glatte Enttäuschung...
Beschatte ich einen verlogenen, treulosen Saftsack für eine verunsicherte, tränenblinde Klientin, oder arbeite ich für eine, die seit Ewigkeiten weiß, dass ihre Ehe eine rottende Leiche ist, aber den verlogenen, treulosen Saftsack drankriegen will, um das Haus und den Löwenanteil des gemeinschaftlichen Eigentums zu behalten? Auszug Seite 5
Hannah Abram ist fürs Stillsitzen nicht gemacht. Schlecht für die ehemalige Polizistin der Metropolitan Police, die sich neben ihrer Tätigkeit in einer Imbissbude mit kleinen privaten Ermittlungen durchschlägt. Und da gehören öde Überwachungsstunden bei der Beschattung untreuer Ehemänner eben dazu. Es sind kleine, für die Polizei zu belanglose Fälle, die Hannah lösen muss. Da gibt es den Kleingarten-Verein, dem das Biogemüse geklaut wird, für einen attraktiven Gentleman sucht sie die weggelaufene Ehefrau und für einen jungen Mann mit Zwangsstörungen macht sie sich auf die Suche nach seiner Stiefschwester, die in dubiose Machenschaften verwickelt zu sein scheint. Und dann ist da noch der Straßenjunge BZee, den sie heimlich durchfüttert und ihn weggelaufene Hunde und geklaute Fahrräder wiederfinden lässt, wobei wiederfinden ein dehnbarer Begriff ist.
Als ein höflicher Senior sie in einem Waschsalon anspricht, weil ihm nächtlich Müll vor die Tür gekippt wird, nimmt Hannah den Auftrag an und gerät beim nächtlichen Observieren seiner Wohnung in das Visier einer eifersüchtigen Nebenbuhlerin. Der alte Herr hat ihr einiges verschwiegen, unter anderem, dass er ein bekannter Rockstar war und die hartnäckige Verehrerin beginnt, Hannah zu stalken und öffentlich vor der Imbissbude wüst zu beschimpfen. Kurz darauf wird die ältere Dame ermordet im Volkspark nahe der Imbissbude aufgefunden. Für die Aufklärung ist die Polizistin Chloe Mwezi zuständig und hat es als weibliche Vorgesetzte bei der MET ebenso schwer wie einst Hannah. Auch sie hatte unter Sexismus ihrer männlichen Kollegen zu leiden und war wegen einer Wutatacke gegen ihren Chef in Ungnade gefallen.
Die Endzwanzigerin lebt nun in einer kleinen Dachkammer bei zwei strengen, veganen Lehrerinnen (Rauchen, Trinken, Fleisch und Männer verboten) und kämpft sich mühsam von Miete zu Miete. Im Sandwich Shack am Volkspark schuftet sie hart für einen Hungerlohn und darf ab und zu das Büro hinter der Küche für ihren Detektiv-Job benutzen. Ihr Chef Digby ist ein „erzbigotter Ausbeuter“ und menschenverachtender Egomane. Dabei brauchen die beiden einander, Hannah den Job und Digby sie als zuverlässige Kraft. Digby wird sehr überspitzt dargestellt, aber die Wortgefechte der beiden gehören zu den Höhepunkten der Lektüre.
Normalerweise treffe ich Klienten außerhalb der Arbeitszeit im Büro hinter der Küche. Aber ich kann mit Digby nicht über Bürozeiten verhandeln, nachdem ich seine Nase und seine Hämorrhoiden im selben Satz verwurstet habe. Auszug Seite 8 und 9
Die Schnellimbiss-Detektivin Hannah Abraham ist clever und profitiert von ihren Erfahrungen als Ermittlerin, auch wenn es ihr manchmal an Menschenkenntnis fehlt und sie sich von charmanten Klienten einwickeln lässt. Auf ihre Mitmenschen wirkt die Ich-Erzählerin manchmal schroff, spröde und auch unfreundlich, hat aber das Herz auf dem rechten Fleck. Sie macht sich viele Gedanken um BZee, der noch ein Kind ist, jedoch in die Kleinkriminalität abzurutschen droht. Er braucht eindeutig Fürsorge, Hannah kann sich aber nicht dazu durchringen, ihn den Gerichten zu überlassen. Von ihrem Exfreund wird sie immer noch terrorisiert. Nach und nach erfährt man weitere Gründe für ihre Wut, die sie gerne an ihre Kunden und besonders an Digby rauslässt.
Liza Cody, geboren 1944 in London erzählt von den Nöten und Sorgen der kleinen Leute. Und dabei unterhält sie ganz großartig mit trockenem, schwarzem Humor und schiebt fast beiläufig und ohne viel Theatralik sozialkritische Themen ein. Sie beschreibt London nach Brexit und Covid als eine Metropole, die unter Klimaproblemen leidet, in die Wohlfahrtsläden die Geschäftsstraßen beherrschen und die Heldin spürt, dass Armut und Mangel sie umkreist. Dabei geht es immer um die unteren Klassen und Figuren am Rande der Gesellschaft, auf die die britische Autorin mit viel Empathie guckt. Und im Besonderen auf Frauen, die von Männern schikaniert werden. Die vielen authentischen Charaktere, unterschiedlichen Fälle sowie der schräge Plot ergeben einen wilden Ritt, nichtsdestotrotz ist ein amüsanter, unterhaltsamer und nie oberflächlicher Kriminalroman entstanden. Dass sich der Kriminalroman so flüssig weglesen lässt, ist sicher auch ein Verdienst der stimmigen Übersetzung durch Iris Konopik.
Gespräche aus der Community
Welche Genres erwarten dich?
Community-Statistik
in 77 Bibliotheken
auf 13 Merkzettel
von 2 Leser*innen aktuell gelesen
von 3 Leser*innen gefolgt











