Liza Cody Miss Terry

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Inhaltsangabe zu „Miss Terry“ von Liza Cody

Die Londoner Grundschullehrerin Nita Tehri hat sich von ihren Ersparnissen eine kleine Eigentumswohnung zugelegt, wo sie ein leises Leben führt. Sie sucht keinen Streit, ist freundlich zu Nachbarn und Kolleginnen, unterrichtet. Buchstabiert geduldig ihren Namen, wenn man sie Miss Terry nennt.
Eines Morgens wird genau gegenüber von Nitas Haus ein Müllcontainer abgestellt, leicht angerostet und verbeult, gedacht für den Bauschutt einer Sanierung. Er bleibt dreieinhalb Minuten leer, von da an landet alles Mögliche darin: Fastfoodverpackungen, Rigipsplatten, Altbautüren, Weihnachtsbäume, Abfallsäcke, Öfen … Manches verschwindet über Nacht wieder, manches bleibt. Sobald er voll ist, wird der Container ausgetauscht, und der wundersame Reigen des Mülls beginnt von vorn.
Dann steht nach Feierabend ein Polizist vor Nitas Tür. Stellt ihr Fragen, die zunehmend unverschämter werden. Ob ihr jemand aufgefallen ist, der in aller Heimlichkeit Dinge im Container entsorgt hat? Warum sie so oft aus dem Fenster späht? Ob es zutrifft, dass sie bis vor Kurzem deutlich dicker war?
Sie reißt sich zusammen. So, wie sie sich beherrscht, wenn sie immer wieder gefragt wird, ob sie sich wegen ihres Migrationshintergrunds vor der Polizei fürchtet. Denn sie hat ja nichts getan, außer sich von ihrer traditionalistischen Familie loszusagen, um das Leben einer Engländerin zu führen.
Am nächsten Tag zeigt sich, dass der Schuldirektor über sie befragt wurde. Und dass ein Großteil ihrer Nachbarn ihr jetzt aus dem Weg geht. Dann kommt es raus: Man hat im Container eine Babyleiche gefunden und verdächtigt – na, wen wohl? – die allein­stehende junge Frau mit der braunen Haut.
Nita merkt, dass sie nicht wehrhaft genug ist für die Abwärtsspirale, die nun einsetzt. Sie wird bespitzelt, angefeindet, zur DNA-Analyse vorgeladen, hintergangen, vom Unterricht suspendiert. Ihr Haus wird beschmiert und angesteckt. Schließlich muss sie sich fragen: Wem nützt es, sie so zum Opfer zu machen? Wer hat hier wirklich Dreck am Stecken?

Betroffenheitsliteratur. Gutgeschrieben, absehbar und daher unbeendet. Wer's (noch) mag ist gutbedient. Solide.

— thursdaynext

Opfergaben an die rote Metallgöttin - sozialkritischer Krimi in Höchstform!

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Kluges Gesellschaftsdrama mit einer sehr aktuellen Botschaft, allerdings fehlt die Schärfe und der bitterböse Witz von "Lady Bag".

— Gulan

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dini84x

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  • Nicht nur ein fantastisches Buch für Krimifans - sozialer Stoff, der berührt

    Miss Terry

    Gwhynwhyfar

    04. April 2017 um 15:24

    Der erste Satz: »Könnten wir Nita Theri beim Schlafen zusehen, wir bekämen vermut-lich einen ganz falschen Eindruck.«Nita Theri, in England geboren, Britin, Tochter pakistanischer Einwanderer, hat sich in London, unweit vom Fluss, eine Eigentumswohnung gekauft. Sie arbeitet als Lehrerin. Später erfährt man, sie hat ihrem Vater ein Geschäft verpatzt, denn der wollte sie meistbietend an einen älteren Mann nach Pakistan verheiraten. Nita wollte weder ihr Studium abbrechen noch einen älteren Mann heiraten. Sie ist abgehauen, muss sich verstecken, denn wehe, ihr Vater und die anderen Männer der Familie erwischen sie ... Heimlich telefoniert ihre jüngere Schwester mit ihr, die sich nämlich nicht gewehrt hat, die das Studium abbrach, im fremden Ausland bei einem ungeliebten Mann lebt. Nita muss sparsam sein, die Raten für die Wohnung und die Rückzahlung des Studiendarlehns drücken. Sie geht nicht viel aus, hat wenig soziale Kontakte. Liza Cody hat diesen Krimi aus der personalen Ebene geschrieben. Nicht in der Ich-Form, sondern als Leser blicken wir auf Nita, erleben, was sie erlebt und sehen nur das, was Nita von der Welt sieht. Doch nun von Anfang an: Vor dem Haus gegenüber steht ein Container, es wird re-noviert. Nita ärgert sich, denn die Nachbarn entsorgen ihren Müll, ihre Tannenbäume und vieles mehr zwischen dem Bauschutt. Und plötzlich klingelt die Polizei bei Nita, stellt komische Fragen. Man fragt, mit wem sie schläft und mit wie vielen. Was passiert sei, fragt Nita, worum es gehe. Nur ein paar Fragen. Man hält sich bedeckt. Andere Nachbarn werden nicht ausgequetscht. Was geht vor? Man verlangt sogar eine DNA-Probe von Nita. Sie bittet die Polizisten, zu gehen. »›Sie sprechen verdammt gut Englisch‹, sagte Reed in einem Ton, der versöhnlich klingen sollte. - ›Ich bin Engländerin.‹ Nita war so wütend, dass sie fast stotterte. ›Und sie beide gehen jetzt bitte.‹«Immer wieder diese Frage! Nita versteht es nicht. Die Polizisten gehen nicht, bitten sie sogar, einen Tee zu kochen, amüsieren sich, wie sie die Kanne vorwärmt. Man kann die Polizei nicht rausschmeißen, nicht mit dieser Hautfarbe. Aber man muss sich auch nicht alles gefallen lassen. Nita informiert sich, ob sie ohne Begründung ihre DNA abgeben muss. Auf Seite 81 erfahren wir endlich gemeinsam mit Nita, was passiert ist. In dem Container wurde ein toter Säugling gefunden.»›... Ein kleines Mädchen, höchstens ein paar Tage alt, wobei wir noch auf den gerichtsmedizinischen Befund warten, um ganz sicher zu sein. Und genau, wie sie bereits vermutet haben, war das Baby multi-ethnischer Abstammung.‹ - ›Welche Ethnien?‹ - Sergeant Cutler schaute unbehaglich drein. - ›Sie wissen es nicht, nicht wahr?‹ Nita empfand etwas wie Genugtuung. ›Und daraufhin haben sie sich auf die einzige farbige Frau in der Guscott Road gestürzt. ...«Für Nita bricht nun eine Welt zusammen. Anwohner behaupten, sie wäre schwanger gewesen. Eine Nachbarin hält zu Nita und klärt sie auf, welche Gerüchte herumgehen.»Die Nuttige behauptet, Sie hätten einen Braten in der Röhre gehabt, als Sie hierher zogen. Die Hochnäsige erklärt, Sie wären illegal eingewandert, und der bekloppte Idiot da überm Frauenhaus krakeelt, Sie wären eine arabische Bombenlegerin. Ich hab gesagt, Sie sind nicht der Typ für so was, aber die verflixten Cops meinten, das wäre generell keine Frage des Typs, und wir müssten heutzutage alle die Augen offen halten, immer und überall.«Hass gegen die Dunkelhäutige springt Nita nun entgegen. Auch an der Schule wird sie vom Direktor zum Gespräch geladen. Umschläge mit merkwürdigen Dingen landen in ihrem Briefkasten. Da tritt Privatermittler Zach in ihr Leben. Der kennt sich mit polizeilichen Ermittlungen aus. Sein Honorar frisst Nitas Notgroschen auf. Eine Boshaftigkeit nach der anderen stellen ihr Leben auf den Kopf. Wird Zach sie vor der Polizei schützen können, herausfinden, wer Nita bedroht? Wird die Zeitung ihren Namen schreiben und die Familie ihr auf die Spur kommen?»WAS NU BRAUNE KUH«, so ist das Päckchen beschriftet, das vor Nitas Haustür liegt.Nita kocht gern scharfe Gerichte. Genauso scharf sieht Lisa Cody hin und wir erfassen gemeinsam mit Nita eine Welt voll Ausgrenzung und Vorurteil. Nita Theri erklärt mehrfach, wie man ihren Namen ausspricht. Ignorant wird sie von den Polizisten weiter Miss Terry genannt (schnell gesprochen landen wir bei mystery), man ignoriert ihre Fragen, ihre Aufforderungen, mach sich in ihrer Gegenwart lustig über sie. Sie ist Britin, auch das wird nicht wahrgenommen, sie ist die Dunkelhäutige. Dieser Roman, Krimi ist fast die falsche Bezeichnung für diese gute Geschichte, ist spannend, besitzt britischen Humor und natürlich ist diese Geschichte ein Drama. Nita wächst dem Leser ans Herz, man würde sie gern beschützen, die zarte Frau, einmal naiv und wehrlos, dann wieder durchsetzungsstark, überlegt. Immer wenn man meint, Nita hätte genug gelitten, setzt uns Liza Cody eins oben drauf. Die Geschichte ist hinterhältig. Aber trotz allem hat man nie das Gefühl, ins Dunkel gezogen zu werden, denn Nita gibt nie auf und immer wieder leuchtet ein Stern am Firmament. Eine Geschichte gegen Rassismus, denn nur weil man den »richtigen« Pass besitzt, gehört man noch lange nicht dazu. Nita hängt zwischen den Welten. Die englische Welt lässt sich nicht ganz herein und die Welt, von der sie sich getrennt hat, lässt sie nicht ganz gehen. Als sie ihre Familie verließ, wusste sie, es gibt keine Rückkehr. Heimlich hält sie Kontakt mit einer Schwester, hofft, ihr jüngerer Bruder sei in dieser Welt angekommen, würde ihr nicht nach dem Leben trachten wie der Vater und der Onkel. Ihre Gedanken schweifen immer zurück zur Familie, Gedanken der Liebe an die einen, die der Angst vor den anderen. Wo ist Nita zu Hause? Die Geschichte zeigt nicht nur die seelische Zerrissenheit von Nita, sondern gelernte Verhaltensmuster aus der Kindheit tauchen auf: Furcht vor der Obrigkeit, sich ducken, unsichtbar machen, um bloß nicht unangenehm aufzufallen, freundlich zu sein, sich Männern zu fügen. Nita setzt die Polizisten nicht vor die Tür, empört sich nicht, als der Direktor sie freistellt. Sie lässt sich alles gefallen ... nicht ganz. Es gibt Solidarität, auch wenn du gar nicht mehr damit rechnest. Ein wundervolles Buch. Zu Recht erhielt Liza Cody in diesem Jahr den »Deutschen Krimipreis« für dieses Buch und 2015 für den Obdachlosen-Krimi „Lady Bag“.

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  • Multikulti und der Alltagsrassismus

    Miss Terry

    Havers

    10. January 2017 um 19:13

    London, lange Zeit Inbegriff einer multikulturellen Metropole, in der ein friedliches Neben- und Miteinander der verschiedenen Ethnien existiert. Dass dies allerdings eine Illusion war und ist, zeigt die Autorin Liza Cody in ihrem Roman „Miss Terry“ auf entlarvende Art und Weise. Nita Tehri, von allen nur Miss Terry genannt, ist eine Engländerin wie aus dem Bilderbuch. Sie kommt aus Leicester, hat einen britischen Pass, führt ein unauffälliges Leben, arbeitet als Grundschullehrerin und hat sich den Traum von einer Eigentumswohnung in einem unproblematischen Viertel erfüllt. Aber, und jetzt kommt es, sie ist keine hellhäutige Weiße. Sie hat pakistanische Vorfahren und ist dunkelhäutig. Die üblichen rassistischen Bemerkungen, die sie im Alltag hören muss, sind bisher von ihr abgeprallt, aber das ändert sich, als Bauarbeiten in ihrer Nachbarschaft beginnen und ein riesiger Abfallcontainer vor dem Haus platziert wird. Dieser wird von den Anwohnern zwischen Nacht und Dunkel nicht nur als öffentlich zugängliche Müllentsorgungsanlage genutzt, sondern, von wem auch immer, als Ablageplatz für eine Säuglingsleiche. Und da das tote Kind ebenfalls dunkelhäutig ist, gehen alle, die ermittelnden Polizisten eingeschlossen, davon aus, dass es eine Verbindung zu Nita Tehri geben muss. Stück für Stück bröckelt die Fassade, bösartiger Klatsch wandelt sich zu offenem Rassismus. Anspucken, tätliche Angriffe, Jobverlust – das volle Programm. Obwohl schuldlos gehört sie nicht mehr dazu, steht trotz aller Anpassung plötzlich außerhalb. Die Gesellschaft zeigt ihr hässliches Gesicht. Liza Codys Kriminalromane haben nichts mit den betulichen Beschreibungen gemein, wie wir sie so oft von britischen Autorinnen geliefert bekommen. Keine heimelige Atmosphäre mit Teatime, Scones und Sandwiches, sondern englischer Alltag mit allen negativen Begleiterscheinungen. Fremdenfeindlichkeit, Vorurteile, misstrauisches Beobachten und Ausgrenzen, vor allem dann, wenn man nicht die richtige Hautfarbe hat. Und da hilft auch keine Anpassung bis zur Selbstverleugnung. Obwohl bereits 2012 im Original erschienen, nimmt die Autorin viele hässliche Auswüchse vorweg, die sich nach dem Brexit in Großbritannien häufen, wobei die Sympathien der Leser immer bei der Protagonistin und ihren wenigen Unterstützern sind. Der Fall des toten Säuglings wirkt nur als Auslöser und scheint mir eher nebensächlich, viel beeindruckender und wichtiger ist die Gesellschaftskritik, die die Autorin in „Miss Terry“, wie auch bereits in ihrem Roman „Lady Bag“, ohne erhobenen Zeigefinger, aber dennoch oder gerade deshalb sehr eindringlich transportiert. Lesen!

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  • Auf gute Nachbarschaft!

    Miss Terry

    Gulan

    10. December 2016 um 20:38

    Aber Diane hatte es nicht eilig. „Sie sind doch Lehrerin, oder?“„An der Midford-Grundschule.“ Nita fühlte sich unbehaglich. Das ging ihr bei persönlichen Fragen immer so. „Ja, man erzählt sich, dass Sie über die Ferien gar nichts zu tun haben. Tigs und Joe gehen auf ihre Schule, stimmt's? Diese lärmenden Blagen. Sie nennen Sie Miss Terry.“ „Tehri.“ Nita buchstabierte es für sie. „War je klar, dass es so was Ausländisches sein muss. Aber nichts für ungut. Haben Sie nicht ein bisschen Angst, dass die Polizei auch mit Ihnen sprechen will?“ „Nein. Wieso denn?“ „Ach, was weiß ich, Immigrantenprobleme, Terrorismus.“ Ihre blassblauen Augen starrten Nita unschuldig an. (S. 9-10) Nita Tehri ist eine junge Frau mit indischen Wurzeln. Nett, freundlich, hilfsbereit. Sie ist Lehrerin an einer Grundschule und lebt in einer Eigentumswohnung in der Guscott Road. Auch die Verballhornung ihres Namens in „Miss Terry“ erträgt sich stoisch. Doch als das Haus gegenüber saniert wird und ein Bauschutt-Container aufgestellt, landet auch allerhand privater Müll im Container. Eines Tages wird dort ein totes Neugeborenes mit dunklem Teint gefunden – und Nita gerät sofort unter Verdacht. Die Nachbarn tuscheln: War sie bis vor einigen Monaten nicht noch viel dicker? Die Polizei ist dankbar für den Tipp und sofort setzt eine Vorverurteilung ein. Nita wird gemobbt, von der Schule suspendiert, ihr Wohnhaus Opfer eines Anschlags. Ein Nachbar wird aufdringlich. Nita wird in einen Strudel gezogen, aus dem selbst die Hilfe einiger loyaler Freunde und Bekannte sie kaum herausholen können. Und die größte Gefahr droht noch von anderer Seite: Nita hat sich mit ihrem Vater und Familie verworfen, hat sich den patriarchalischen, Frauen unterdrückenden Regeln widersetzt. Für ihren Vater ist sie gestorben und wenn er wüsste, wo sie sich aufhält, würde er dies womöglich auch in die Tat umsetzen. Autorin Liza Cody, selbst zur Hälfte mit indischen Wurzeln, hat sich in diesem Roman wieder einer Außenseiterin zugewandt. Im letzten in Deutschland veröffentlichten Roman „Lady Bag“ war eine Obdachlose die Protagonistin, nun ist es die verschüchterte Nita Tehri, die zwar großen Mut aufgebracht hat, den Regeln ihres Kulturkreises zu entkommen, aber nun feststellen muss, dass sie deshalb noch lange nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Nita wünscht sich eigenes Glück und Selbstbestimmung (auch für ihren jungen Bruder und die zwangsverheiratete Schwester, mit denen sie heimlich Kontakt hält). Sie schwankt aber immer zwischen Angst und Verzagtheit oder Mut und Durchsetzungswille, dies auch bis zum Ende durchzufechten. Eine sehr authentische Figurenzeichnung, die mir gut gefallen hat. Der Roman zeigt ein nicht unrealistisches Schema von Ressentiments, Xenophobie und racial profiling. Eine Parabel auf das Scheitern der multikulturellen Gesellschaft. Aber Cody sieht dies nicht nur einseitig. Indem sie die Rückständigkeit von Nitas Familie in Bezug auf Selbstbestimmung, vor allem der Frauen, und der Hang der Männer zur Gewalt herausstellt, macht sie auch die Einwanderer für dieses Scheitern mitverantwortlich. Bestürzt saß Nita hinten in einem Bus und erkannte, dass sie sich vor sich selbst noch mehr fürchten musste als vor ihrem Vater. Ihr graute es vor diesem Selbst, dem es vor dem freien Willen graute und das Angst davor hatte, Entscheidungen selbst zu treffen. Sie schämte sich zutiefst für diese Nita, die nach wie vor jeden Morgen zur Schule gehen und die Schulordnung befolgen wollte. Dies war dasselbe erbärmliche Geschöpf, das beinahe den Rest ihres Lebens an der Seite des Mannes verbracht hätte, der sie vergewaltigt hatte – nur um die Anerkennung des Mannes zu erringen, der ihn zu ihr geschickt hatte. (S. 254-255) Im Vergleich zum mit dem Deutschen Krimi Preis ausgezeichneten „Lady Bag“ hat es mir doch etwas an Widerspenstigkeit und bitterbösem Witz gefehlt. Dennoch ist „Miss Terry“ ein kluges Gesellschaftsdrama am Rande des Krimispektrums mit einer sehr aktuellen Botschaft.

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  • Opfergaben: Miss Terry - Liza Cody

    Miss Terry

    DunklesSchaf

    29. November 2016 um 17:42

    Sie hat es wieder geschafft. Liza Cody hat mich restlos begeistert. Mit „Miss Terry“ hat sie mich durch alle Gefühlswelten geschickt. Ich habe gefiebert, gelitten und gelacht, ich habe mit Miss Terry gekocht, gefroren und Mosaiksteinchen verlegt.  Ich war entsetzt, ob der Schnelligkeit, wie jemand in eine Schublade gesteckt wurde. Ich war wütend, wie dämlich die Polizei sein kann. Ich war fassungslos, wie rasant aus Freunden und Nachbarn Gegner werden. Ich war verzweifelt, als ich mit Miss Terry durch die nächtlichen Straßen von London gestreift bin. Ich war glücklich, als es einen kleinen Lichtblick gab. Ich war stolz, als Miss Terry ihr Leben endlich in die Hand nahm und am Ende war somit nicht nur Miss Terry zufrieden, sondern auch ich. Nita Tehri wohnt in der Guscott Road. Sie versteht sich mit Ihren Nachbarn, hat aber keinen näheren Kontakt. Man sieht sich halt. Sie ist Lehrerin an einer Grundschule und ihr Leben läuft tagtäglich die gleiche Bahn entlang. Doch dann wird das Haus, welches ihrem gegenübersteht, verkauft und saniert. Und da taucht er auf, der rote Container, in dem die Handwerker ihren Bauschutt werfen. Aber nicht nur die entsorgen dort Müll. Neben unendlich vielen, vergammelten Weihnachtsbäumen, Türen, Kühlschränken und Mülltüten wird dem „Altar der roten Containergöttin“ eines Nachts auch ein totes Baby dargebracht. Das Baby ist „braun“ – und wer hat noch diese Hautfarbe in der Guscott Street? Plötzlich zeigen alle Finger auf Nita, jeder scheint irgendetwas Belastendes über sie zu wissen und auch die Polizei sieht in Nita eine sehr wahrscheinliche Kindsmörderin. Doch Nita hat weder ein Baby geboren, noch eins umgebracht. Wer also war es? Und wie bekommt Nita ihr langweiliges Leben wieder zurück? Nita hat sich von ihrer Familie losgesagt, als ihre Eltern versucht haben, sie mit dem Mann zu verheiraten, der sie vergewaltigt hat. Somit lebt Nita ein zurückgezogenes und einfaches Leben. Ständig ist ihre Familie in ihren Gedanken, ob nun im Guten wie ihre Geschwister, zu denen sie ab und an heimlich Kontakt hat oder im Schlechten wie ihre Eltern, besonders ihr Vater, der als Bedrohung ständig über ihr zu schweben scheint. Freude bereitet ihr eigentlich nur das Zubereiten von kulinarischen Köstlichkeiten, das Unterrichten, welches sie sich durch ihr Studium ermöglicht hat, ist eben ein Job. Sie ist unscheinbar und taucht in der Hektik Londons unter, einzig an ihrem Arbeitsplatz oder in ihrer Wohnstraße hat sie ein wenig Kontakt zu ihren Mitmenschen. „Warum sah sie eigentlich nie jemanden hineinwerfen? Es war, als würde der Container seinen Inhalt von aus hervorbringen, ein riesiges rotes Eisenschwein, das unendlich abferkelte. Nitas müder Schädel produzierte das Bild einer monströsen modernen Fruchtbarkeitsgöttin, die unablässig Weihnachtsbäume, Türen und Öfen gebar.“ (S. 8) Doch als die „rote Metallgöttin“ auftaucht, gerät Nitas Leben aus den Fugen und das völlig ohne ihr Zutun. Plötzlich sind ihre Nachbarn misstrauisch ihr gegenüber, die Kollegen vorsichtig, die Polizei zudringlich. Zuerst ohne ersichtlichen Grund meiden die Leute sie, plötzlich ist ihre Hautfarbe wichtig sowie die Tatsache, dass sie in letzter Zeit abgenommen hat. Wie geschickt die Leute es machen, fast niemand spricht direkt mit Nita oder beschimpft sie. Alles passiert heimlich oder hinter vorgehaltenen Händen. Flüstern, Blicke, die Gehsteigseite wird gewechselt – das sind nur die kleinen Übel, bis es dann zu Schmierereien und Übergriffen kommt. Nita ist machtlos. Sie hat gelernt Obrigkeiten nicht zu widersprechen. Sie kennt kaum jemanden näher und hat keine Unterstützung. Einen Anwalt hat sie nie gebraucht, also woher einen guten Rechtsverdreher bekommen? Es schleicht sich ganz leise ein und zerrt die Vorurteile, die alle immer so schön zu verstecken suchen, hervor. Es zeigt, wie Kleinigkeiten sich hochschaukeln können, denn in der Masse fühlen wir uns sicher – wenn alle Nachbarn Nita meiden ist es doch ok, wenn wir sie auch meiden oder? Und es können ja nicht alle unrecht haben – sie hat bestimmt was getan. Man sieht es ihr doch schon an. Ganz ohne in die Köpfe der Personen im Buch zu gucken, weiß man, was diese denken, wie sie sich rechtfertigen. Wie sie damit leben können, ein Leben im Namen des guten Rechts, als besorgter Bürgers, zu vernichten. Argh – schreien hätte ich können, ob der Ungerechtigkeiten, die Nita in dem Buch geschehen.  Ein Buch, welches mir ein beständiges Grummeln im Magen und ein Brüllen im Kopf verursacht hat. Dabei ist Nita so ein zartes, vorsichtiges Persönchen, niemanden will sie zur Last fallen. Sie möchte nach den Regeln leben und sich anpassen. Und natürlich muss Nita erst nochmal richtig auf die Nase fallen, bevor sie sich aufrafft und endlich für sich eintritt. Und herausfindet, dass sie jemand ist und wer sie sein möchte. Und dass sie, überraschenderweise, gar nicht allein ist. Und ganz nebenbei gibt es natürlich auch einen Kriminalfall, das tote Baby, im roten Ungetüm gefunden. Und natürlich findet Nita heraus, wer das Baby dort entsorgt hat. Aber ja, ein typischer Krimi ist auch dieses Buch von Liza Cody nicht, aber ein Leseerlebnis, ein Monument, welches uns einen Spiegel vor Augen hält. Fazit: Liza Cody zählt mittlerweile zu meinen Lieblingsschriftstellerinnen und auch mit „Miss Terry“ hat sie meine Erwartungen wieder übertroffen. Sozialkritisch, aktuell und aufwühlend – mit einem Kriminalfall garniert. Absolut lesenswert – wer noch kein Weihnachtsgeschenk für einen Bücher-/Kirmiliebhaber hat, sofort zugreifen!

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