Cléo wohnt im Hochhaus einer französischen Banlieue in den Achtziger Jahren und träumt davon, Tänzerin zu werden. Sie wird von der eleganten Cathy „entdeckt“ und Männern zugeführt, die ihr schmeicheln und sie missbrauchen, ohne dass Cléo weiß, wie sie sich wehren kann. Die Geschichte ihres tänzerischen Erfolgs blendet ihre Freundinnen, das viele Geld beeindruckt ihre Eltern.
„Ihr wildes Verlangen, sie an die Tore einer Zukunft zu tragen, die ihnen selbst versagt geblieben ist, dieses Verlangen, glasklare, schwerelose, elfengleiche Töchter zu besitzen, deren Körper gesäubert sind vom eigenen Makel.“
Auf Cathys Bitte wird sie ihre „Assistentin“ und führt ihr andere Mädchen zu, und damit diesen Männern, mit nur marginal schlechten Gewissen, denn, immerhin, sie ist erst dreizehn!
„Cléo (…) war eine Geflüchtete, unfähig, den Ernst dessen, was sie getan hatte, zu ermessen, weil ihr nicht bewusst war, was sie selbst erlitten hatte.“
Betty, eine schwarze Mitschülerin wird mit erst zwölf Jahren „entdeckt“ und ihr Schicksal ist es, das Cléo noch Jahre später umtreibt, als sie Tänzerin eines Fernseh-Varietés ist, bei Lara einzieht, sich in sie verliebt. Doch Lara möchte das Opfer in ihr sehen und als sie in ihr eine Täterin entdeckt, trennen sie sich.
Aus wechselnden Perspektiven erfahren wir Näheres über diesen systematischen Missbrauch und den weiteren Lebensweg von Cléo, und auch, dass es in den Achtzigern ein offenes Geheimnis war, nur eine harmlose Sache, denn keins der Mädchen hatte sich doch je beklagt. Erst als 2019 eine Fernsehdokumentation die Sache aufgreift, bietet sich den Frauen die Chance auf Versöhnung mit sich und den anderen.
Denn nur der gleichzeitige psychische Missbrauch verhinderte den Protest, die Anteilnahme und die Gewissensbisse und machte aus den Opfern kindliche Täterinnen. Dass sie an dieser Schuld mehr leiden, als an den Übergriffen, macht die Autorin mit beeindruckender Sprache deutlich.
„Jetzt schien alles darauf hinzudeuten, dass Cléo für immer und ewig dreizehn bleiben würde, sie stieß sich an jedem toten Winkel dieser Ewigkeit.“
Eine erschreckende, ambivalente und sehr menschliche Geschichte über Scham und Schuld und gerade deshalb ein empfehlenswertes Buch.
Aus dem Französischen von Elsbeth Ranke, Hanser Berlin 2021