Lori Ostlund

 4 Sterne bei 16 Bewertungen

Lebenslauf von Lori Ostlund

Lori Ostlund wird 1965 geboren und wächst in Minnesota auf. Sie studiert dort und in New Mexico und schließt mit einem M.A. ab. In den folgenden Jahren arbeitet sie als Antiquitätenhändlerin und in verschiedenen Ländern – darunter Spanien und Malaysia – als Englischlehrerin. 2009 erscheint ihr erstes schriftstellerisches Werk, der Erzählband „The Bigness of the World“, der mehrfach ausgezeichnet wird. Ostlund ist unter anderem Trägerin des Flannery O’Connor Award for Short Fiction und des Edmund White Award. 2016 debütiert sie auch als Romanautorin mit „Das Leben ist ein merkwürdiger Ort“. Heute unterrichtet Lori Ostlund am The Art Institute of California in San Francisco, wo sie lebt und schreibt.

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Das Leben ist ein merkwürdiger Ort

Das Leben ist ein merkwürdiger Ort

 (16)
Erschienen am 10.11.2017

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Joachim_Tieles avatar

Rezension zu "Das Leben ist ein merkwürdiger Ort" von Lori Ostlund

Eine "Ballade vom traurigen Leben", das dennoch gelingen kann
Joachim_Tielevor 2 Jahren

Lori Ostlunds Das Leben ist ein merkwürdiger Ort ist eine von drei ins Deutsche übersetzten Neuerscheinungen aus dem Jahr 2016, die ich wie eine Art Trilogie empfunden habe, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit dem aktuellen Zustand der modernen amerikanischen Familie beschäftigt. Justins Heimkehr von Bret Anthony Johnston war für mich das dystopisch düsterste dieser Bücher, das keine Chance für ein glückliches oder auch nur ansatzweise gelingendes Leben der Protagonisten in Aussicht stellt. Jonathan Saffran Foers Hier bin ich beschreibt das Ringen um ein gutes, reflektiertes und ethisch vertretbares Leben, das in zentralen Aspekten scheitert (die Ehe der Protagonisten zerbricht), stellt aber auch die philosophische Haltung heraus, zu der Rationalität, reflektiertes Handeln und eine insgesamt aufgeklärte  Lebenseinstellung führen können. Das Leben ist ein merkwürdiger Ort ist das optimistischste dieser Bücher, ohne allerdings weder dem Protagonisten, noch dem Leser falsche Versprechungen zu machen; ein Trostbüchlein hätte man es vielleicht in früheren Zeiten genannt.

Aaron, der Protagonist, trennt sich mit zweiundvierzig Jahren am Weihnachtsabend von seinem Lebensgefährten Walter, mit dem er zwanzig Jahre lang ein Paar war, fährt nach San Francisco, lebt dort zum ersten Mal allein, findet eine neue Arbeitsstelle und gegen Ende des Romans vielleicht einen neuen Freund. Doch so scheinbar stringent verläuft der Weg nicht. Entgegen der Verlagsankündigung ist Das Leben ist ein merkwürdiger Ort kein Roman über das Ankommen, vermeidet aber auch die platte Botschaft, der Weg sei das Ziel. Aarons Leben ist eine lebenszeitlange Suchbewegung, heraus aus den Festlegungen seiner Herkunftsfamilie, die ihn gleichzeitig zeitlebens nicht loslassen. Da ist der gewalttätige, überhebliche Vater, ein Polizist, dem es Spaß macht, sein Selbstwertgefühl durch die Erniedrigung seines Sohnes zu stärken. Da ist die Mutter, die ihn ohne Ankündigung verlässt. Da ist Walter, der ihn als Fünfzehnjährigen kennenlernt, lange bevor zwischen ihnen eine sexuelle Beziehung entsteht, und der für seine Ausbildungskosten aufkommt.

Das Leben ist ein merkwürdiger Ort ist auf eine ungewöhnliche Weise ein psychologischer Roman. Eher an Freuds Technik der freien Assoziation orientiert als am fiktionalen Bewusstseinsstrom der literarischen Moderne, bezieht sich Ostlund ganz stark auf die existenzielle Psychologie und Psychotherapie (@Wikipedia). Dieser zufolge ist Psychotherapie nicht nur etwas für Kranke. Ihre Begründung liegt nicht im Leidensdruck, der normalerweise als conditio qua non für psychotherapeutische Inerventionen angesehen wird, sondern in der Neugierde das eigene Leben betreffend, seine Brüche ebenso wie seine Zusammenänge. Grundsätzlich fußt sie auf der Psychoanalyse, sieht sich aber stärker noch als diese als Kulturtechnik und bezieht Literatur, Philosophie und kulturelle Antropologie ein. Dabei verzichtet sie auf jede Art von Heilungsversprechen. Ein unglücklicher Mensch kann - und wird vermutlich - immer unglücklich bleiben; die Linderung des Leids besteht allein darin, dass er die Herkunft und die Gründe für dieses Leid besser verstehen kann. Daraus kann die Kraft entstehen, trotz widriger Voraussetzungen und Umstände ein selbstbetimmtes Leben zu führen, das die Bedürfnisse der Mitmenschen einschließt.

Dazu gehört insbesondere die freie Wahl der Bezugsspersonen. Eltern sind in diesem Konzept eher Zufallsverwandte, die einen starken, in Einzelfällen auch verheerenden Einfluss auf ihre Kinder haben können. Man kann, auch wenn man darunter leidet und er das Lebensglück behindert, diesen prägenden Einfluss nie loswerden. Auch die Eltern selbst können einen zu einem späteren Zeitpunkt davon nicht freisprechen. Gleichfalls ist die Forderung des Verzeihens, in einigen psychotherapeutischen Konzepten die Vorbedingung einer Befreiung von den Eltern, häufig unrealistisch oder, wenn es denn stattfindet, wirkungslos. In Aarons Fall scheitert die Wiederbegegnung mit seiner Mutter als Erwachsener völlig. Der Privatdetektiv, der seine Mutter für ihn aufspürt, wird für einige kurze Momente für Aaron fast eine Art Götterbote, aber kurz darauf in einem völlig anderen Zusammenhang ermordet (möglicherweise sehr bewusst durch die Verfasserin, um auch den leisesten Anflug von Spannungsliteratur zu vermeiden). Der Privatdetektiv ist einer einer ganzen Reihe frei gewählter vorübergehender Gefährten Aarons, ebenso wie Walter oder dessen Schwester, die in beider gefühlter Seelenverwandtschaft ihm nahe steht wie eine eigene.

Das Konzept dahinter ist ein Element dessen, was manche als das andere Amerika bezeichnen: eine Solidarität auf Zeit, die blutsverwandtschaftliche Bindungen in ihrer Verbindlichkeit weit übersteigen kann, im ländlich-konservativen Minnesota, aus dem Aaron stammt, ebenso wie im großstädtisch-progressiven San Francisco. Es geht darum, Außenseiter zu akzeptieren und bei Bedarf auch aufzufangen. Insbesondere San Francisco hat seit den frühen neunzehnhundertsechziger Jahren eine Tradition aus zivilgesellschaftlichem Protest ebenso wie Engagement. Legendär sind Ideen aus dem Summer of Love wie kostelose medizinische Versorgung in einem Land ohne Krankenversicherung und Geschäfte, in denen kostenlos eingekauft werden konnte (Free Food, Free Stores, Free Clinics) (1). Einige dieser Ideen, auch die der freien Liebe und der Toleranz für viele Formen sogenannter abweichender sexueller Orientierungen, prägen San Francisco bis heute. Aber diese Ideen müssen, sollen sie weiterbestehen, täglich nicht nur als Konzept sondern als Alltagspraxis fortgesetzt und verteidigt werden. Auch dafür steht dieses Buch, frei von Nostalgie und frei von falschen Versprechungen.

Wer Bücher hauptsächlich liest, um in andere Welten entführt zu werden oder der Welt insgesamt zu entfliehen (Buch auf - Welt aus lautete die Statusmeldung einer Besucherin meines Profils hier bei LovelyBooks), ist bei Das Leben ist ein merkwürdiger Ort vermutlich verkehrt. Eher ist es eine Einladung, das Kennenlernen von Aarons Welt zum Anlass der Inspektion der eigenen zu nehmen, auch wenn für die meisten deutschen Leser vermutlich keine Eins-zu-eins-Entsprechungen zu erkennen sein werden. Abstraktionsvermögen, aber auch die Fähigkeit zur Übertragung (im psychologischen Sinne) sind erforderlich, die Bezüge von einem fremden Selbst zu seinem eigenen zu ziehen. Aber es kann gelingen, vielleicht dann, wenn einem selbst einmal etwas passiert, das man nur aus der Vergangenheit - ob aus seiner eigenen oder der anderer - verstehen oder erklären kann.

Joachim Tiele - 04.12.2016
_______

(1) Der deutsche wie der englischsprachige Wikipediaartikel zum Summer of Love sind eher oberflächlich und reduziert auf Musik und Drogengebrauch. Der organisatorische Kern der Bewegung waren die Digger, auf deren Webseite man die ausführlichsten Informationen dazu finden kann: http://www.diggers.org/history.htm

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sahnis avatar

Rezension zu "Das Leben ist ein merkwürdiger Ort" von Lori Ostlund

Viel Lebensweisheit, ein toller Schreibstil und eine interessante Hauptfigur
sahnivor 2 Jahren

Aarons Lebens ist seltsam. Oder kommt es einem nur so vor, weil in den meisten Büchern nicht so schonungslos ehrlich übers Leben berichtet wird?

Lori Ostlund bringt das Wesen des Menschen gekonnt zur Geltung. Selten geht es nur um Aaron und seine Probleme. Viel mehr kann dieses Werk als eine Ansammlung von unglaublich interessanten und vielschichtigen Charakteren angesehen werden, deren Porträts (nicht immer ganz) nahtlos in die Handlung eingeflochten sind. Auf seinem Weg in Richtung Neuanfang, lernt die Hauptperson viele Menschen kennen oder neu kennen. Zufällige Begegnungen werden zu etwas viel aufregenderem, lose Bekanntschaften werden zu Freundschaften.

Was mich aber am meisten begeistern konnte, war die Tatsache, dass die Autorin Aarons Leben in San Franzisco von A bis Z schildert, obwohl es recht unaufregend ist. Er geht zur Schule, unterrichtet dort, geht nach Hause oder in ein Café. Er hört den Nachbarn beim Streiten zu, starrt an die Decke, überlegt oder macht einfach gar nichts. Das hört sich langweilig an, nicht nur für den Hauptcharakter, sondern auch für den Leser. Seltsamerweise ist es aber nicht so. Immer wieder werden Erinnerungen in die eigentliche Handlung eingebettet, das heißt über mehrere Seiten werden Ereignisse aus Aarons Kindheit (die einen großen Teil einnimmt), aus der Zeit, in dem er mit seiner Mutter in einem Café arbeitet oder aus der Lebensphase mit Walter geschildert. Diese Vergangenheitsepisoden sind nicht immer nahtlos in die Gegenwart eingefädelt. Die Geschichte an sich streckt sich hin und wieder. Als Leser wird man das Gefühl nicht los, gleich mehrere Bücher parallel zu lesen.

Zugegeben, ungefähr auf der Hälfte des Buchs, musste ich es einfach mal auf Seite legen. Ich brauchte mehr Aktion, mehr Handlung, mehr Aufregung. Also nahm ich einen Krimi zur Hand und legte „Das Leben ist ein merkwürdiger Ort“ erst mal zur Seite.

Später kam ich auf die Geschichte zurück und mir gefiel es auf Anhieb wieder in Aarons Leben einzutauchen. Man muss sich auf die Art und Weise der Autorin einlassen. Ihr Schreibstil ist unglaublich weise, flüssig zu lesen. Sie gibt dem Leser anregende Gedanken mit auf den Weg. Man fängt an dies oder jenes mit anderen Augen zu betrachten, was für einen Autor sicherlich eines der besten Komplimente überhaupt ist.

Fazit: Ein leiser Roman mit ganz viel Lebensweisheit, Menschenverständnis und einer melancholischen Stimmung. Wer mal etwas anderes lesen möchte, sollte es unbedingt mit diesem Buch versuchen!




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Lrvtcbs avatar

Rezension zu "Das Leben ist ein merkwürdiger Ort" von Lori Ostlund

Eine Geschichte mit vielen kreativen Ausschmückungen und Abschweifungen
Lrvtcbvor 2 Jahren

„149 Einträge stehen in Aarons „Klagenkatalog“, als er beschließt, seine langjährige Beziehung zu beenden. In San Francisco will er ein neues Leben beginnen. Er findet auch rasch eine Unterkunft und einen Job, dennoch gestaltet sich der Neuanfang holpriger als gedacht. Aaron holen Erinnerungen an seine Kindheit ein: an die Jahre als Außenseiter in einem Provinznest in Minnesota, an den Tod des jähzornigen Vaters und an seine liebevolle, aber labile Mutter, die eines nachts mit dem Dorfpfarrer durchgebrannt und nicht mehr zurückgekommen ist. Leuchtfeuer auf seinem Weg waren Begegnungen mit anderen Eigenbrötlern, wie er fremd in einer Welt, in der Anderssein nicht erwünscht ist. Zwanzig Jahre lang hat Aaron nichts von seiner Mutter gehört. Als er den Detektiv Bill kennen lernt, bietet sich ihm unverhofft die Möglichkeit, sich seiner Vergangenheit zu stellen.“


Das Buch wurde angekündigt als eine Geschichte „über das Weggehen, das Ankommen und das Leben dazwischen“. Ich war also darauf eingestellt keinen seichten, einfachen Roman zu lesen. Diese Erwartung war sehr wichtig und hat sich eindeutig als richtig erwiesen.

Zu Beginn lernt der Leser direkt Aaron kennen. Er ist ein sehr reflektierter und nachdenklicher Mann. Wer sonst würde fast 150 Gründe aufschreiben, seinen Lebenspartner zu verlassen. Eine gründlichere Entscheidungsvorbereitung kann es kaum geben. Ansonsten lebt er recht zurückgezogen und findet kaum Freunde. Es ist somit nicht verwunderlich, dass sein Leben zwar einige Wendepunkte hat, aber er nicht sonderlich abenteuerfreudig ist.

In dem Buch heißt es einmal: „Geschichten darf man nie in Eile erzählen. Man muss immer genug Zeit für kreative Ausschmückungen und Abschweifungen lassen, was bleibt uns denn sonst von ihnen?“. Diese Aussage könnte auch das Motto dieser Geschichte sein. Es ist die Geschichte von Aarons Neuanfang in San Francisco. Dazwischen gibt es jedoch viele Abschweifungen, die sein Kindheit, die Lebensgeschichte von Freunden und Bekannten sowie viele alltägliche Dinge erzählen. Literarisch ist das Buch sehr gut geschrieben und die detaillierten Ausschmückungen sind durchaus interessant. Jedoch haben mich die vielen Zeitsprünge teilweise verwirrt. Ich hätte manchmal auch gerne mehr über Aarons jetziges Leben erfahren, stattdessen habe ich seitenweise seine Freunde kennen gelernt.

So gut das Buch auch geschrieben ist, so habe ich mir häufig weniger Beschreibungen und mehr Handlung gewünscht. Die Geschichte ist wie Aaron sehr durchdacht und gut überlegt, aber mir fehlte das Abenteuer. Wenn man einen Neuanfang wagt, gibt es dann nicht viele Sachen, die man erleben oder ausprobieren möchte? Da manchmal nicht so viel passiert ist, fehlte mir die Spannung und ich mochte zum Teil nicht weiter lesen. So habe ich deutlich länger für dieses Buch gebraucht, als ich sonst an einem Buch lese.

Insgesamt bin ich mir nicht sicher, ob ich das Buch weiter empfehlen kann. Es ist eindeutig einzigartig und die Sprache ist faszinierend. Wer gerne tiefgründige Portraits liest, der wird dieses Buch auf jeden Fall lieben.

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dtv_Verlags avatar

Eure Playlist zum Buch

»Was uns manchmal am schwersten fällt ist, einem anderen Menschen das zu geben, was er am dringendsten braucht, auch wenn wir genau wissen, was das ist.«

Als Lori Ostlunds Debüt 2015 im Original erschien, wurde es zu einem der "Favorite Books" des Jahres von zahlreichen Lesern. Kein Wunder: ›Das Leben ist ein merkwürdiger Ort‹ ist eine Tragikomödie rund um den liebenswerten Außenseiter Aaron, die so voller zartem Humor und gleichzeitig so herzzerreißend ist, dass man am Ende des Romans auf der Stelle mehr von dieser wunderbaren Autorin wünscht!



In unserem Online-Special hat Lori Ostlund eine Playlist zum Buch zusammengestellt und fragt sich, was Aaron wohl gehört haben könnte, als er seinen Partner nach zwanzig Jahren verlässt und in einem Möbelwagen ins Ungewisse fährt: "99 Luftballons" wohl eher nicht, auch wenn das einer von Loris persönlichen Favoriten ist.

Welchen Song würdet ihr hören, wenn ihr in ein neues Leben aufbrechen würdet?

Unter allen Kommentaren verlosen wir 15x ›Das Leben ist ein merkwürdiger Ort‹.

Viel Glück und wir sind gespannt auf die "Lovelybooks-Playlist" zum Buch!

Eure dtv-Onlineredaktion
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Zusätzliche Informationen

Lori Ostlund wurde am 01. Januar 1965 in Vereinigte Staaten von Amerika geboren.

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