Lothar Palmes, Lisa,Quinkenstein

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Cover des Buches Die Jakobsbücher (ISBN: 9783311100140)
E

Rezension zu "Die Jakobsbücher" von Olga Tokarczuk

Wortgewaltig und anspruchsvoll
evaczykvor 4 Jahren

Um es gleich mal vorwegzunehmen: "Die Jakobsbücher", Olga Tokarczuks kurz vor der Nobelpreisverleihung auf Deutsch erschienener Roman, ist kein Buch, dass man mal eben so nebenbei liest. Das liegt zum einem am Umfang - fast 1200 Seiten. Es liegt aber auch am Inhalt, der den Lesern Zeit, Konzentration und mitunter Geduld für viele Erzählstränge und Handlungsträger abverlangt.

Wer sich darauf einlässt, wird belohnt. "Die Jakobsbücher" ist episch, ein gewaltiger historischer Roman voll mit Reflektionen über Nationen und Grenzen, über Religion und Mystik, über enge Welten und große Geister. Von Rohatyn in der heutigen Westukraine bis nach Offenbach führt dieser große Roman über Jakob Frank, der als "Luther der Juden" galt - für die einen ein Ketzer und Scharlatan, für die anderen ein Messias, ein Mann, der Religionen und Nationalität wechselte, der faszinierte und abstieß.

Nur wenige Tage nach Bekanntgabe des Nobelpreises sagte Tokarczuk, am meisten sei sie durch die multikulturelle Tradition ihrer polnischen Heimat geprägt, berief sich auf Bruno Schulz, dessen Buch "Die Zimtläden" als eines der Meisterwerke der polnischen Literatur des frühen 20. Jahrhunnderts gilt. Schulz war Jude, doch im Unterschied etwa zu Isaak Bashevi Singer, seinem literarischen Zeitgenossen, schrieb er seine Bücher nicht in jiddischer, sondern in polnischer Sprache, begriff sich vor allem als polnischen Schriftsteller. Schulz stammte aus Drohobicz, einem ostpolnischen Städtchen im heutigen Dreiländereck von Polen, Weißrussland und der Ukraine.

Damals war das alles Polen, jenes im Zweiten Weltkrieg untergegangene Polen der vielen ethnischen Minderheiten, der unterschiedlichen Sprachen und Religionen. In einer ähnlichen Region spielt auch ein großer Teil der Handlung von "Die Jakobsbücher". Rohatyn, wo die Erzählung ihren Anfang nimmt, liegt unweit von Lemberg - auf Polnisch Lwow, auf Ukrainisch Lviv. Im 18. Jahrhundert, in der Schlussphase der polnisch-litauischen Adelsrepublik, war dies gewissermaßen ein provinzieller Außenposten, fernab de großstädtischen Lebens in Warschau, Wilna oder Krakau. Es war die Welt der Stetl mit ihren überwiegend jüdischen Handwerkern und Händlern, den unfreien ruthenischen oder ukrainischen Bauern, der polnischen Magnaten und Angehörigen des Kleinadels, der Szlachta. Das osmanische Reich, gewissermaßen ein politisch-religiöser Gegenpol, war nicht weit.

Olga Tokarczuk zeichnet diese Welt wie ein Monumentalgemälde, gewissermaßen auf der literarischen Großleinwand. Voller Wucht bereits die Beschreibung eines Markttags in Rohatyn auf den ersten Buchseiten, von strohbedeckten Katen, von Kirchen und Synagogen, vom Alltag und der Armut der kleinen Leute. "Je tiefer der Blick in die Seitengassen dringt, desto schärfer springt die Armut ins Auge, wie eine ungewaschene Zehe im löchrigen Stiefel", schreibt sie etwa. "An den Lumpen ist nicht zu erkennen, ob es jüdisches, orthodoxes oder katholisches Elend ist. Die Armut kennt weder Konfession noch Staatspapiere."

Diese Welt im heutigen Südostpolen und der heutigen Westukraine ist auch die Region, in der der Chassidismus seinen Ursprung hatte, aber auch Mystiker. So eben auch Frank, der im Osmanischen Reich zum Islam, später in Polen mit seinen Anhängern zum Christentum konverierte. Für ihn waren Grenzen in Tokarczuks Buch fließend - ob es sich nun um Grenzen zwischen Staaten oder zwischen Religionen handelte. Wien und Warschau, Offenbach und Lemberg, Adels- und Bischofspaläste wie auch die Welt der Gassen und der Strohhütten sind die Handlungsorte der "Jakobsbücher" und auch wenn es um die Lebensgeschichte Jakob Franks geht, handelt es sich doch eigentlich um das Porträt einer ganzen Epoche.

Eine Klammer in dieser monumentalen Erzählung, wenn es sie denn gibt, bilden die Geschichte und die Gedanken der alten Jenta, Franks Großmutter, die gewissermaßen zwischen Leben und Tod über dem Geschehen schwebt, beobachtet und denkt, fast wie eine der schwebenden Figuren eines Chagall-Gemäldes, bis hinein ins Zwanzigste Jahrhundert, wenn Jakob Frank längst nur noch Geschichte ist.

Cover des Buches Die Jakobsbücher (ISBN: 9783311100140)
N

Rezension zu "Die Jakobsbücher" von Olga Tokarczuk

Vielleicht ist es möglich, sich mit Hilfe von Büchern zu verständigen?
nocheinbuchvor 4 Jahren

“Vielleicht ist es möglich, sich zu verständigen, auch wenn der eine des anderen Sprache nicht spricht, der eine mit des anderen Gebräuchen nicht vertraut ist, auch wenn sie sich persönlich nicht kennen, nichts wissen von den Dingen, den Gegenständen des anderen, sein Lachen, seine Gesten, seine Zeichen nicht zu deuten verstehen - vielleicht dass es dann möglich ist, sich mithilfe von Büchern zu verständigen?”

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Bücher ziehen die weisen Männer in "Die Jakobsbücher" von Olga Tokarczuk zuhauf heran und mancher notiert auch jedes Wort der völlig einnehmenden Messiasgestalt Jakob Frank. Authentisch wirkt der jüdische Häretiker auf sie und seine immens anwachsende Anzahl Jünger, denen er sektiererische, sich im Schein der damaligen drei Hauptreligionen windende und changierende Ideen tagtäglich verkündet. So entwickelt sich episodisch in kurzen Unterkapiteln über ~1200 Seiten der Frankismus, wobei sich das weniger eingängige, als durchweg tiefgehende historische und religiöse Wissen die Hand gibt mit sinnbildlichen, teils visuell-magischen und vor allem real getätigten Reisen - von den letzten Resten des Mittelalters hinein in die Aufklärung! Reisen von unglaublichem Ausmaß für eine Zeit, in der Pferdekutschen das Maximum an Mobilität darstellen. Jakob und seine ihm Folgenden fahren den europäischen Osten ab bis tief in den Süden, sie lassen sich freiwillig oder erzwungen nieder und zeigen dabei eine bemerkenswerte Überwindung von Sprachbarrieren sowie einen blühenden geistigen, aber auch wirtschaftlichen Austausch abseits von Grenzen jeder coleur.

Überhaupt hält Jakob wenig von Einschränkungen, er löst Ehen auf und hebelt Geschlechterrollen aus ihren damaligen Verankerungen. Der dabei von ihm ausgeübte Zwang drehte mir am Ende fast den Magen um, zeitgleich begeisterte mich Tokarczuk genau dann durch eine herausragend progressive Frauenfigur.

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Insgesamt: "Die Jakobsbücher" prägt sich mir als eine einzigartige Lehrstunde über Menschen und Menschliches in einer episch breiten und fundiert geschichtlichen Perspektive ein - der dabei durchgehend wertfreie, aber glasklare und facettenreiche Blick auf den Epochenwechsel war mir die größte Freude.

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@kampaverlag

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