Cover des Buches Ich bin Tess (Buchvorlage zur Netflix-Serie Kiss Me First) (ISBN: 9783839001585)K
Rezension zu Ich bin Tess (Buchvorlage zur Netflix-Serie Kiss Me First) von Lottie Moggach

Eine Erzählweise, bei der das Gähnen kaum unterdrückt werden kann

von Kittyzer vor 8 Jahren

Review

K
Kittyzervor 8 Jahren
Tess sei optimal für das Projekt geeignet, sagte er, sowohl was ihre Lebenssituation als auch ihren Charakter angehe. Und meine Beteiligung solle höchstens ein Jahr umfassen, in dessen Verlauf ich Schritt für Schritt Distanz zwischen Tess und ihren Korrespondenten aufbauen und den Kontakt verringern würde, bis ihre Abwesenheit kaum noch bemerkt wurde. "Stell dir einfach vor, du wärst eine Art Dimmschalter für ihr Leben."
Natürlich ahnte ich damals noch nicht, dass die Probleme im mittleren Teil - bei den E-Mails und den Status-Updates - liegen würden. Und dass das Ganze nie wirklich enden würde.

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INHALT:
Leila ist eine sozial recht unbeholfene junge Frau. Weil sie die Freizeitbeschäftigungen ihrer Altersgenossen nicht versteht und auch nicht verstehen will, schottet sie sich von ihrer Umgebung ab und verbringt ihre Zeit lieber im Internet. Dort entdeckt sie eines Tages auch eine Philosophie-Seite, bei der sie sich an den Diskussionen rege beteiligt. Und auf diesem Wege wird der Betreiber der Seite auf sie aufmerksam, der ihr ein Angebot macht: Sie könnte das Leben einer anderen Frau, Tess, online übernehmen, damit diese, ohne ihre Freunde und Familie zu belasten, Suizid begehen kann. Leila geht darauf ein. Ohne jedoch zu ahnen, welche Konsequenzen dies haben würde...

MEINE MEINUNG:
"Ich bin Tess" von Lottie Moggach vertritt eigentlich äußerst interessante Themen: Zum einen die Abgrenzung von der Außenwelt durch das Internet und die daraus resultierende Gefahr, ebenso aber auch Suizid und die Frage, ob die Unterstützung des Freitods nun richtig ist oder nicht. Der Schreibstil ermöglicht einem allerdings schon einmal keinen leichten Start in die schwierige Thematik. Er ist sehr unpersönlich und emotionslos gehalten, mit langen Kapiteln, oftmals seitenweise ohne Dialog und vielen, vielen Erzählungen - das muss man mögen.

Schwer macht es einem auch Protagonistin Leila. Ich habe kein Problem mit komplexeren Charakteren und diese müssen auch nicht unbedingt laufend Sympathien auf sich ziehen - aber ich muss sie verstehen können, und das war hier einfach nicht der Fall. Leila ist durch ihre fehlenden Kontakte extrem naiv, leichtgläubig und beeinflussbar, gleichzeitig ist sie jedoch auch arrogant und ignorant den Menschen gegenüber, die sich nicht so abkapseln wie sie. Schon nach kurzer Zeit habe ich für sie eine extreme Abneigung verspürt, und diese ist auch nicht mehr verschwunden. Insgesamt gibt es im gesamten Roman außer vielleicht Leilas Mutter keine Figur, die ich auch nur ansatzweise mochte. Connor beispielsweise ist nicht der, der er zu sein vorgibt, sondern schlichtweg ein Lügner und Adrian ist manipulativ und spricht nur in pathetischen Monologen. Tess, immerhin, ist interessant aufgebaut und, wenn auch nicht sympathisch, so doch sehr klar gezeichnet in ihrer verwirrten, eigenen Realität.

Viel schlimmer als die Personen ist jedoch die Story selbst - beziehungsweise, nicht der Plot, sondern eher, wie diese Idee umgesetzt wird: Langweilig, ganz entsetzlich langweilig. Durch die fehlende Nähe zu jedem einzelnen Charakter und ganz besonders Leila selbst baut sich keinerlei Spannung auf, weil die Schicksale einem einfach egal sind. Es gelingt der Autorin nicht, einen zu fesseln, weil teilweise kapitelweise nichts wirkliches passiert. Natürlich, dem Leser wird in allen Details beschrieben, wie sich Leila auf die Aufgabe, Tess online zu vertreten, vorbereitet, und einige dieser Beschreibungen und auch Gespräche zwischen den beiden sind durchaus originell - aber ansonsten geschieht nichts, außer dass sich Leila weiterhin zuhause vor ihrem Computer abschottet und monatelang wirklich keinerlei Kontakte pflegt.

Mein Geduldsfaden ist nicht endlos, und hier begann er schon nach kurzer Zeit erschreckend dünn zu werden. In meinen Kopf geht einfach nicht diese grenzenlose Naivität, ja, schon Dummheit und dieser Plan, der doch gar nicht funktionieren konnte und an dem Leila dennoch festhält. Natürlich ist grade dies die Kritik, die ich durchaus auch angebracht finde, aber die Autorin ist diesen Part meiner Meinung nach schlecht angegangen, hat viel zu viel Zeit auf eine konfuse Lovestory verwendet, als dem Leser wirklich klar zu machen, was sie gern aussagen möchte. So bleibt das Ganze bis zum Ende seltsam inhaltsleer und zuletzt weiß man nur eines: Dass man nicht wirklich schlauer ist als vor Beginn des Buches.

FAZIT:
Prinzipiell ist die Thematik von Lottie Moggachs Roman rund um das Internet und die Gefahren in Verbindung mit der Annahme einer anderen Identität und einen Suizid nicht nur neuartig sondern auch richtig spannend. Umgesetzt wurde es dagegen meiner Meinung nach richtig mies: Langweilig, nichtssagend und erschreckend nervig aufgrund der furchtbaren Charaktere. Von mir gibt es keine Empfehlung! 1,5 Punkte.
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