‘Unsere Reise hier findet ganz und gar in der Fantasie statt. Das ist ihre Stärke. Sie führt vom Leben zum Tod.’ (CD 1, Track 3)
Der Medizinstudent Ferdinand Bardamu meldet sich 1914 als Freiwilliger für den Kampf im Ersten Weltkrieg. Kurz darauf erlebt er in Flandern die Sinnlosigkeit des Krieges, und seine anfängliche Begeisterung für den Krieg wandelt sich in Schrecken und in den reinen Kampf ums Überleben.
‘Wenn man keine Fantasie hat, ist es eine Kleinigkeit zu sterben. Wenn man welche hat, ist zu sterben viel zu viel.’ (CD 1, Track 9)
Nach seiner Verwundung wird er in einem Pariser Lazarett behandelt, und das Schicksal führt ihn schließlich nach Afrika, dann in die USA und zurück nach Frankreich.
Seit dreißig Jahren steht ‘Reise ans Ende der Nacht’ ungelesen in meinem Bücherregal. All die Jahre war ich neugierig auf den Roman, aber gleichzeitig abgestoßen von der Person Louis-Ferdinand Céline, einem Sympathisanten Hitlers und Antisemiten.
Nun hat meine Neugier überwogen, und ich habe das Hörspiel zum Roman angehört, das mit zahlreichen Sprechern eingelesen und mit vielen Geräuschen und Musik untermalt wurde, den Roman so zu einem echten Hörerlebnis macht.
Ich empfand ‘Reise ans Ende der Nacht’ als extrem düster, befremdlich und mitreißend. Das Hörspiel hat mich sehr neugierig auf die Lektüre des Romans gemacht und mir zudem verdeutlicht, dass ich hier ganz klar Autor und Werk trennen muss, denn der Roman ist tatsächlich genial, und sein Autor wird zu Recht kontrovers diskutiert.
Céline erzählt von Dreck, Elend, Krieg, Sterben, Armut und vom nackten Überleben, berichtet von körperlichen Krankheiten und von psychischen Störungen.
Bei einem Blick in die Biografie Célines zeigt sich, dass der Roman sehr stark autobiografische Züge trägt, denn Céline selbst war Freiwilliger im Ersten Weltkrieg, hat einige Zeit in Kamerun verbracht und war selbst Arzt - so wie sein Protagonist Bardamu.
Dieser Roman hat mich runtergezogen. Ich mag Literatur, die echte Gefühle auslöst, sodass ich ‘Reise ans Ende der Nacht’ sehr empfehlen kann.
Louis-Ferdinand Céline
Lebenslauf
Alle Bücher von Louis-Ferdinand Céline
Reise ans Ende der Nacht
Tod auf Kredit
Krieg
Von einem Schloss zum andern
Guignol's Band I
Norden
Briefe und erste Schriften aus Afrika 1916-1917
Fortschritt und andere Texte für Bühne und Film
Neue Rezensionen zu Louis-Ferdinand Céline
Das Manuskript des Buches galt viele Jahre als verschollen, es tauchte durch Zufall mit anderen wieder auf. Der Autor (1894-1961) war mir bisher nicht bekannt, da ich auch nicht sehr viel französische Literatur lese. Man hat das Manuskript, zu dem die ersten Seiten fehlen nun ins Deutsche übersetzt. Ferdinand, ein junger Mann, meldet sich 1914 freiwillig als Soldat und zieht in den Ersten Weltkrieg. Er wird verwundet und trifft im Lazarett auf alle Schrecken, die der Krieg bieten kann- "Der Krieg hat mich im Kopf erwischt. Er ist in meinem Kopf eingesperrt.", sind zwei der prägnantesten Sätze. Ich möchte nicht zuviel spoilern, aber auf 168 rechnet der Autor (das Manuskript hat biographische Züge) mit der Unmenschlickeit des Krieges ab, wobei die Beschreibungen sterbender oder schwer verstümmelter Soldaten noch das kleinste Übel sind. Es wird auch "füsiliert" nach Strich und Faden, sprich wer sich selbst verwundet, um dem Grauen ins Lazarett zu entfliehen, wird ohne großen Prozeß hingerichtet. Céline bedient sich dabei einer Sprache, die hart und schonungslos ist- er benutzt unter anderem das "Argot", eigentlich eine Sprache der Gauner und Bettler in Frankreich, doch das dient dem ganzen Werk als guter, wenn auch zuweilen sprachlich natürlich unterster Verstärker. Manche mögen dies durchaus so empfinden.
Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen, habe nun richtig Lust auf mehr Bücher des Autoren bekommen, weil mir sein schonungsloser Schreibstil sehr gefällt- natürlich war er zu seiner Zeit sehr umstritten, fast schon ein Skandal, aber ich kann das Buch wirklich sehr empfehlen. Absoluter Geheimtipp!
Einziges Manko an Céline- er war ein überzeugter Antisemit und veröffentlichte in den 40er Jahren einige Pamphlete, die heute auch noch antiquarisch zu bekommen sind- aber diese Tatsache, für die er auch dann Frankreich verlassen musste oder besser verließ, macht mir den Autor an sich etwas madig. Aber sein Schreibstil und darum geht es an sich- schnörkellos und unverblümt.
Bardamu, der Ich-Erzähler, wird durch seine Erfahrungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert, vor allem geprägt durch einen vernichtenden ersten Weltkrieg, zum Desillusionierten und durch die Weltgeschichte Getriebenen. Es entsteht ein Bild von tiefer Düsternis über der kompletten Weltenlauf und enthumanisierten Menschen an allen Orten. Bardamu kann nirgends wirklich Fuß fassen und sucht in sexuellen Abenteuern seine Erfüllung. Doch die Fähigkeit tiefgehender Liebesempfindungen scheint ihm abhanden gekommen zu sein auf seiner Reise ans Ende der Nacht. Doch wartet auf ihn auch ein neuer Morgen? ..
Der Autor Louis-Ferdinand Céline hat sicherlich autobiografische Erfahrungen in seinem Roman verarbeitet, so nahm er als Freiwilliger am 1. Weltkrieg teil und studierte anschließend Medizin. So ist eine ungemein düstere Zivilisationskritik, man möchte fast sagen Menschenkritik entstanden in seinem berühmtesten Werk.
Das Hörspiel ist sehr aufwändig umgesetzt und gewöhnungsbedürftig. Es handelt sich um die ausschließlich Aneinander-Reihung von wörtlicher Rede unterschiedlicher Personen des Handlungsverlaufes. Ein und dieselbe Person kann dabei im Wechsel durchaus von unterschiedlichen Akteuren gesprochen werden. Insgesamt sind an die 20 Sprecher beteiligt. (Vater und Sohn, Felix und Florian von Manteuffel dabei in den Hauptlese-Rollen.)
Auch die musikalische und geräusch-technische Ausführung ist sehr anspruchsvoll.
Die erste CD habe ich gleich ein zweites Mal anhören müssen, da ich beim Erstversuch nicht in den Handlungsverlauf hinein gefunden habe. Zunächst wirkte alles etwas konfus auf mich. Wem es ähnlich geht, empfehle ich, der Sache eine zweite Chance zu geben, denn der zweite Anlauf war nötig, um Gefallen an dem Hörspiel zu finden.
5 CDs mit über 4,5 Stunden Dauer, sowie ein ausführliches Booklet als gute Einführung und umfangreichen Hintergrundinformationen.
Fazit: Außergewöhnlich aufwändige Hörspielbearbeitung – nicht unbedingt zum Nebenbei-Hören geeignet. Erfordert eine uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Hat Potential zu deprimieren.
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