Louis Begley Der Fall Dreyfus

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Inhaltsangabe zu „Der Fall Dreyfus“ von Louis Begley

Im September 1894 entdeckte der französische Geheimdienst eine undichte Stelle im Generalstab der Armee: Militärische Geheimnisse wurden verraten, ausgerechnet an die Deutschen. Wenige Wochen später wurde Hauptmann Alfred Dreyfus trotz mangelnder Indizien verhaftet, des Landesverrats für schuldig befunden und zu lebenslanger Verbannung auf der Teufelsinsel verurteilt. Kaum jemand zweifelte an der Richtigkeit des Urteils: Dreyfus war Jude. Louis Begley schöpft aus seinem reichen Wissen als Anwalt und rekonstruiert den heute fast vergessenen Fall. Dabei schlägt er geschickt eine Brücke in die Gegenwart: Wie die Gefangenen von Guantánamo wurde Dreyfus von einem unfairen und gegen ihn voreingenommenen Militärgericht verurteilt. Begley zeigt, wie Antisemitismus und Rassismus in einer vermeintlich liberalen Gesellschaft funktionieren, damals wie heute: Vorannahmen führen zur Anklage, Racial Profiling ersetzt die Suche nach der Wahrheit, Beweise werden fabriziert. Guantánamo liegt der Teufelsinsel näher, als man glauben mag.
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  • Der Fall Dreyfus

    Der Fall Dreyfus

    HeikeM

    22. April 2013 um 11:03

    Nach den Romanen von Louis Begley griff in nun zu diesem Essay. Darin stellt Louis Begley die Affäre um den wegen Landesverrat verurteilten und auf die Teufelsinsel verbannten französischen Juden Alfred Dreyfus den Vorgängen von Guantánamo gegenüber. Dabei deckt er Analogien auf, die man auf Anhieb nicht für möglich hält, trennen diese beiden Geschehnisse doch gut 100 Jahre. Aber Rechtsbeugung, Manipulation von Beweisen und weil nur sein kann, was auch sein darf ist die Wahrheitsfindung in beiden Fällen nicht vorurteilsfrei, die Folgen für die Betroffenen waren und sind jeweils unmenschliche Haftbedingungen. Begley beleuchtet die Dreyfus-Affäre wesentlich ausführlicher als das aktuelle Geschehen. Er sucht die Ursachen für Dreyfus' Verurteilung bereits im deutsch-französischen Krieg von 1871 und analysiert den zunächst latenten, aber immer stärker werdenden Antisemitismus im Frankreich der damaligen Zeit. Louis Begley greift bei seinem Buch auf seine umfangreichen juristischen Erfahrungen und Kenntnisse zurück. Zwischen dem Schriftsteller und dem Rechtsanwalt kommt es zur fruchtbaren Symbiose. Das schlägt sich besonders in der guten Lesbarkeit und der aufgebauten Spannung dieses doch komplizierten Falles nieder. Die schier unübersichtliche Anzahl von Fakten, Beweisen und Originalzitaten werden durch den gelungenen populärwissenschaftlichen Stil leichter verdaulich. Im Vorwort seines in Buchform erschienenen Essays wird die Hoffnung deutlich, die er in die Präsidentschaft Barak Obamas setzt. Eine aktuelle Einschätzung der Lage im Lager Guantánamo durch Louis Begley würde mich schon sehr interessieren. Dieses Buch kann ich allen Politikinteressieren guten Gewissens empfehlen.

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  • Rezension zu "Der Fall Dreyfus" von Louis Begley

    Der Fall Dreyfus

    Günter Landsberger

    22. February 2011 um 11:39

    Ein neues Buch von Louis Begley, jenem US-amerikanischen Juristen, Literaturwissenschaftler und Schriftsteller, der seit den 90er Jahren auch bei uns in Deutschland - beginnend mit seinem späten Erstlingsroman „Lügen in Zeiten des Krieges“ - relativ schnell recht großen Erfolg gehabt hat, dürfte allein schon vom Nimbus seines Autors her interessieren. Bei mir und meinem Interesse für das Buch war das in erster Linie dann doch ein wenig anders. Für mich war das Stichwort „Dreyfus“ entscheidend. Mir wurde schlagartig bewusst, wie kindheitlich früh ich doch schon etwas von Dreyfus und Zola - Erwachsene in meiner Umgebung habe reden hören. In meinem Bewusstsein davon geblieben ist wohl nichts grundlegend Falsches. Dass antisemitische Vorurteile eine überaus wichtige Rolle gespielt hatten bei dem militärgerichtlichen Justizirrtum von 1894, der ungerechtfertigten Verurteilung und anschließenden Verbannung von Alfred Dreyfus (1859 – 1935) auf die „Teufelsinsel“, war mir seit langem klar. Und ebenso klar war mir, dass vor allem dem Romancier Émile Zola (1840 – 1902) mit seinem mutigen Sich-Einmischen auf scheinbar verlorenem Posten („J'Accuse“, 1998) der Durchbruch zur schließlichen Rehabilitierung des Hauptmanns Dreyfus (1906) gelungen war. Zola blieb für mich fortan das maßstäbliche Urbild eines unbestechlich und redlich sich einmischenden Intellektuellen, ein Muster an Zivilcourage; nur ähnlich jenem anderen urbildlichem Beispiel eines unbeugsamen Gewissens, das ich von der Situation und Verhaltensweise Martin Luthers auf dem Reichstag zu Worms her bereits kannte. Indessen: Zola war aus freien Stücken und völlig uneigennützig, ja eher zu seinem eigenen Schaden, für einen anderen, dessen Schuld für die meisten im damaligen Frankreich zweifellos war, eingetreten, nachdem er selber sich durch Gründe und Belege von dessen Unschuld überzeugt hatte. In dem neuen Buch von Begley über den „Fall Dreyfus“, das übrigens mit einem aufschlussreichen Kapitel über die Spiegelungen der Dreyfus-Affäre in der französischen Literatur des frühen 20. Jahrhunderts endet, also bei Zola, Anatole France und vor allem bei Marcel Proust, sah ich alsbald eine willkommene Möglichkeit, bei weitem Genaueres und Triftigeres über den gesellschaftlich-geschichtlichen Gesamtzusammenhang und über viele mir bislang noch unbekannte Details und Verknüpfungen zu erfahren. Diese Erwartung hat das nüchtern-passioniert, interessant lesbar geschriebene Buch Louis Begleys vollauf erfüllt: Umfassend und differenziert werden wir über die Zusammenhänge der die damalige französische Gesellschaft empfindlich spaltenden Affäre informiert; über das Private und Politische, über das Individuelle und Typische; über das juristische und öffentliche Ringen um Recht oder Rechtsbeugung und über die Machenschaften. Die 5 Kapiteltitel sind jeweils sprechende Zitate, die Anmerkungen im Anhang ermöglichen eine reiche Quellenüberprüfung. Danach werden die entscheidenden Akteure in alphabetischer Reihenfolge biographisch detailliert nochmals vergegenwärtigt und schließlich folgt eine dreizehnseitige Chronologie der Vorgänge, die das Ganze noch einmal prägnant und gedächtnisstützenartig Revue passieren lässt. Wenn man den vollständigen Titel des abermals von der bewährten Begley-Übersetzerin Christa Krüger übertragenen Buches liest: „Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte“, hat man zunächst den Verdacht, als fürchte Begley, sein Buch könnte zu sehr als bloß vergangenheitsbezogen aufgefasst werden und deshalb vielleicht nur wenig Interesse finden. Also gälte es von Anfang an, einen aktuellen Gegenwartsbezug herzustellen, um womöglich zusätzliche Interessenten und Buchkäufer zu gewinnen? Der amerikanische Originaltitel kommt ganz ohne jeden Wink mit dem Zaunpfahl im Titel aus und lautet weit nüchterner: „Why / The Dreyfus Affair Matters“. Zentral wird also die Frage nach dem Warum gestellt. Was zunächst wohl heißt: Woran hat es gelegen, dass ein Unschuldiger zu Unrecht wegen des angeblich erwiesenen Verrats militärischer Geheimnisse verurteilt werden konnte? Und woran hat es gelegen, dass 12 Jahre ins Land gehen mussten, bis die Unschuld des beweisbar zu Unrecht Verurteilten endlich öffentlich festgestellt werden konnte? Und doch: Auf eine erhellende, sachliche Verknüpfung des Falls Dreyfus mit den aktuellen Themen 11. September 2001 samt weltweiten Folgen, vordringlich also samt Irakkrieg, samt Guantánamo usf. legt Begley von seinem „am Tag nach der Amtseinführung Präsident Obamas“ geschriebenen Vorwort an (und darüber hinaus in den Folgekapiteln, besonders deutlich im ersten Kapitel und auf der allerletzten Seite) entschiedenen Wert. Aus den Vorgängen im Zuge der Dreyfus-Affäre lässt und ließe sich laut Begley auch heute noch einiges lernen. Um mit seinen eigenen Worten zu sprechen: „Wenn jede Generation sich die in ihrem Namen begangenen Verbrechen ihrer Zeit vor Augen führt, wird die Analogie zu Verbrechen in der Vergangenheit deutlich. So deutlich wie die Notwendigkeit, eine Antwort auf die Frage zu suchen, die sich immer wieder aufdrängt und immer dringlich bleibt: Gibt es in der neuen Generation Männer und Frauen, die bereit sind, die Menschenrechte und die Würde jedes einzelnen Menschenlebens zu verteidigen gegen Mißhand-lungen im Namen von Zweckdienlichkeit und Staatsräson?“ (a.a.O., F.a.M. 2009, S.56)

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