Lucía Puenzo

 4.1 Sterne bei 11 Bewertungen
Autorin von Die man nicht sieht, Das Fischkind und weiteren Büchern.
Lucía Puenzo

Lebenslauf von Lucía Puenzo

Bewegte Bilder, bewegende Worte: Lucía Puenzo, Tochter des Regisseurs Luis Puenzo, wurde 1976 in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires geboren und ist Schriftstellerin, Drehbuchautorin und Regisseurin. Mit dem Dokumentarfilm „Historias cotidianas“ gab sie ihr Debüt als Drehbuchautorin. Später schrieb sie zunächst vor allem für das Fernsehen und verfasste Drehbücher für verschiedene Serien. 2007 führte sie bei „XXY“ erstmals Regie. Der Film wurde 2008 mit dem Goya in der Kategorie Bester ausländischer Film in spanischer Sprache ausgezeichnet und bekam beim Filmfestival in Cannes den Grand prix de la semaine de la critique. Darüber hinaus hat Puenzo sich als Autorin mehrerer Romane einen Namen gemacht. Ihr Erstlingswerk „El niño pez“ (2004; dt.: „Das Fischkind“; 2009) hat sie selbst verfilmt und 2009 auf den Berliner Filmfestspielen uraufgeführt. In „Wakolda“ (2011; dt.: „Wakolda“; 2012) greift Lucía Puenzo die Fakten und Mythen um den in ihrem Heimatland untergetauchten Nazi-Verbrecher Josef Mengele auf. Auch diesen Stoff verfilmte die Autorin selbst.

Alle Bücher von Lucía Puenzo

Die man nicht sieht

Die man nicht sieht

 (6)
Erschienen am 23.08.2018
Das Fischkind

Das Fischkind

 (5)
Erschienen am 24.02.2009
Der Fluch der Jacinta Pichimahuida

Der Fluch der Jacinta Pichimahuida

 (0)
Erschienen am 17.08.2010

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Rezension zu "Die man nicht sieht" von Lucía Puenzo

zu Einbrechern trainiert wird, kämpfen um ihr eigenes Überleben
Gwhynwhyfarvor 13 Tagen

Der erste Satz: »Bevor sie in Once auftauchten, hatte es sich schon herumgesprochen: Sie waren dabei, Kinder anzuwerben, die den Sommer über in Uruguay arbeiten sollten.«

Ich lese gern Literatur aus Südamerika, Argentinien steht hier für mich an erster Stelle. Lucía Puenzo legt hier einen Roman vor, den ich sogar in den Bereich Thriller einordnen würde und auch zu den Jugendbüchern einordnen möchte. Ein spannender Stoff um eine Kinderbande, die zu Einbrechern trainiert werden – sie kämpfen um ihr eigenes Überleben – es ist nur ein Job.

»Noch nie hatte er so ein großes Haus gesehen. Er war auch noch nie im Kino oder im Theater gewesen. Aber etwas lag in diesen stummen Szenen, die sich in den einzelnen Zimmern abspielten, etwas von Werbespots, in denen alle Darsteller den passenden Gesichtsausdruck für die perfekten Ferien übten.«

Ismael und Enana sind circa dreizehn, Enanas kleiner Bruder Ajo, der jüngste ist sechs. Sie leben in Once, ein Vorort von Buenos Aires, wohnen sozusagen im Bahnhof. Sie sind eins von vielen Gaunertrios, das jede Nacht auf Diebestour geht. Guida ist der Chef, der sie instruiert, die Häuser aussucht, ihnen Tipps gibt, wie sie einsteigen sollen, dem sie die gesamte Beute aushändigen müssen. Ajo ist sehr klein, geschmeidig, kann klettern wie ein Affe, kommt überall rein, wo eine Katze einsteigen kann. Die Bewohner sind nie zu Hause und zuerst bedienen sich die Kinder am Kühlschrank. Ein Stückchen hiervon, ein Stück dort, nur nicht zu viel, es darf nicht auffallen. Und genauso klauen sie: Ein oder zwei Schmuckstücke, nie das Wertvollste, ein wenig Silberbesteck, einen Kerzenständer. Der Einbruch darf nicht auffallen. Sollten die Bestohlenen irgendwann etwas vermissen, würden sie die Angestellten in Verdacht haben.

»Ismael wusste es; und er wusste, dass die Männer mit dem Pick-up es wussten. Das jedoch verwandelte den Auftrag in etwas ganz anderes: in einen Opfergang.«

Aber irgendwann wird auch ihre Zeit abgelaufen sein, sie werden zu alt – zu groß und sie kommen bald in das Alter strafmündig zu sein. Eines Tages bekommen sie den Auftrag, die Heimat zu verlassen, sie werden nach Uruguay verfrachtet, sollen Villen in einer umzäunten Urbanisation ausnehmen. Irgendwas an diesem Job ist faul, so die Ahnung des Trios. Aber sie haben keine andere Wahl.

»Es gab keinen Zweifel: Sie wussten Bescheid. Die Aktion hatte nichts Improvisiertes. Es waren mehr als zwei, die sich die Beute teilten. Darum hatten sie an der Küste Kinder im Einsatz, die das Gleiche taten wie sie: Nur so rentierte sich das Geschäft.«

Kinder, die ohne Eltern aufwachsen, meist verstoßen, die sich auf die ein oder andere Art am Leben halten, immer beschissen um einen gerechten Lohn bei der Arbeit. Kinder, die von skrupellosen Erwachsenen ausgenutzt werden, deren Leben kein Cent wert ist, die selten eine Schule besucht haben, ein Roman über eine ganz normale Welt auf der anderen Seite der Weltkugel. Sehr berührend ist die Szene, in der Ajo Guida vermisst, der Mann, den ihn zum Stehlen ausbildet, Ajo in die Gefahr schickt, selbst in Sicherheit bleibt, Guida, der die Kinder verkauft – er, der doch irgendetwas wie Ajos Vater ist, den er nie gehabt hat.

»Sie rannten nicht mehr, um sich vor den Kiebitzen in Sicherheit zu bringen. Sie rannten, um die Angst, die Kälte, den Hunger, das Eingesperrtsein abzuschütteln. Sie rannten, weil die Extraportion Sauerstoff sie munter machte und weil von allem, was sie kannten, Adrenalin das war, was Glücksgefühlen am nächsten kam.«

Sehr eindringlich beschreibt Lucía Puenzo diese Straßenkinder, die mit sehr viel Lebenslust und Zusammenhalt ihr Leben meistern. Kinder, die nicht mehr besitzen, als die Bekleidung, die sie tragen, die einberechnen müssen in Häuser von den Menschen, die von allem zu viel haben. Sie steigen in Kinderzimmer ein, voller Elektronik, Markenkleidung, Inliner usw. Der kleine Ajo kommt ins Schwärmen, hier gibt es Dinge, die hat er nie zuvor gesehen. Die Autorin beschreibt, wertet nicht. Der Leser lernt auch die andere Seite kennen, die Tippgeber, die mitverdienen an den Diebstählen. Es sind Angestellte der Reichen, die Menschen, die gut bezahlte Jobs haben, die ein kleines Fenster offen stehen lassen, Zahlenkombinationen verraten, die eigene Interessen mit den Einbrüchen verfolgen. Ein feines Gesellschaftsbild blättert sich auf, ein spannendes Buch.

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Rezension zu "Die man nicht sieht" von Lucía Puenzo

Die man nicht sieht
lesefreude_bookvor 19 Tagen

Hell strahlt es durch die riesigen Fenster des mondänen Hauses am Cover. Das dunkle Blau der Nacht bricht unheildrohend herein. Ein ganz tolles, aussagekräftige Cover, das hervorragend zu der Geschichte passt.

Lucía Puenzo zeigt mit viel Feingefühle die sozialen Ungleichheiten. Die Reichen, die immer reicher werden und dabei auch vor dem Unglück anderer nicht zurück schrecken. Wie weit werden sie gehen, um sich selbst zu schützen?

Und auf der anderen Seiten die Armen. Jene, die von der Hand im Mund leben, von einem besseren Leben träumen und ums Überleben kämpfen. Auf dieser Seite steht das Teenagerpärchen Ismael und Enana und der sechsjährige Ajo. Immerhin können Sie sich aufeinander verlassen. Gemeinsam sind sie ein tolles Team, das jeden noch so kniffligen Einbruch perfekt meistert.

Lucía Puenzo hat mit „Die man nicht sieht“ ein Buch mit viel Tiefenschärfen geschrieben. Die Lebensgeschichten und das viele Leid, das die Kinder in ihren jungen Jahren bereits widerfahren ist. Diese Ungerechtigkeit, die das Lesen schwer macht.

Ich liebe südamerikanische Autorinnen von ganzem Herzen. So wie auch bei Lucía Puenzo gefällt mir dieser abgeklärte, vielleicht eine Spur resignierte Blick auf die Welt sehr gut. Mit einer sehr klaren und direkten Sprache werden dabei die Finger zielgenau in offene Wunden gelegt. Es wird nicht angeklagt, nicht gewertet, sondern lediglich erzählt. Dem Leser wird es überlassen seine Lehren daraus zu ziehen.

Der Titel „Die man nicht sieht“ – im Original „Los invisibles“ passt mit seiner Zweideutigkeit perfekt zu dem Buch. Die geschickten Einbrecher, die man nicht sieht. Ja, meist sind nicht mal Einbruchsspuren zu sehen. Und gleichzeitig das untere Ende der sozialen Leiter, vor dem wir so gerne die Augen verschließen.

Letzten Endes muss ich „Die man nicht sieht“ schweren Herzens einen Stern abziehen. Das Ende kommt so abrupt und lässt den Leser in der Luft hängen. Ich kann gut damit umgehen, wenn nicht alle Fragen geklärt werden. Hier wirkt es jedoch so als würde ein letztes, abschließendes Kapitel fehlen. Das Buch hört mitten in der Geschichte auf.

Ich freue mich sehr das ich mit Lucía Puenzo und „Die man nicht sieht“ eine weitere fantastische, südamerikanische Autorin gefunden habe. Mit ihrem schnörkellosem, direkten Schreibstil erschafft Lucía ein Buch mit viel Tiefgang. Eine Geschichte von sozialer Ungleichheit, die dem Leser unangenehme Fragen in den Kopf setzt.

Zu dem gefällt mir nicht nur die Geschichte, sondern das Buch ist mit dem Titel und dem Covergestaltung ein sehr gelungenes Gesamtwerk.

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Rezension zu "Die man nicht sieht" von Lucía Puenzo

Unübersehbare Klasse
aus-erlesenvor 5 Monaten

Kaltes Hühnchen in hauchdünne Scheiben geschnitten, Käse, roher Schinken, Pasta – wenn Ismael, Enana und Ajo arbeiten, gibt’s eigentlich fast immer was Leckeres zu essen. Sie sind freischaffend. Arbeiten im Auftrag von Guida, einem Security-Angestellten in einem der vielen noblen Wohnanlagen von Buenos Aires. Sie sind gut, sie sind die Besten. Sie sind Diebe. Und sie sind Kinder. Ajo ist gerade mal sechs Jahre alt. Seine Schwester, Enana nur ein paar Jahre älter, genauso wie Ismael.
Nun wartet ein Großauftrag auf das gewiefte Trio. In Uruguay sollen sie lautlos und unbemerkt mehrere Besitzer von Villen auf die bekannte und bewährte Art um ein bisschen ihres Hab und Gutes bringen. Wie immer nur ein wenig, gerade so viel, dass man Kasse machen kann, aber nicht zu viel, das der Diebstahl und vor allem der Einbruch sofort auffallen. Ismael ist misstrauisch. So wie immer. Doch dieses Mal soll er sich nicht täuschen.
Die Überfahrt nach Uruguay auf dem Schiff ist organisiert. Guidas Cousin, der die Drei ein Stück weit schleust, schüttelt den Kopf. Die sind doch viel zu jung, besonders der Kleine, der permanent Knoblauchzehen lutscht. Und die richtige Kleidung für die Überfahrt auf rauer See haben sie auch nicht. 
Was die Drei nicht wissen, ist, dass Guida solchen „Auslandseinsätze“ immerfort organisiert. Dreißigtausend Pesos für jeden von ihnen, für einen Monat Arbeit. Er selbst verwaltet das Geld bis das Trio wieder zurück ist. Insgeheim, rechnet Guida aber selbst mit der Kohle. Die kann er dann im Stundenhotel verprassen oder für einen Urlaub. Und versetzen lassen wird er sich auch wieder. Alles wie gehabt.
Ihr Unterschlupf ist die Frau, die sie „meine Tante“ nennen sollen. Hier verbringen mehrere Kinder die Wartezeit bis zu ihrem Einsatz. Kontakt untereinander ist streng verboten. Wie in einem Internierungslager herrschen strenge Regeln, die bei Verletzung hart bestraft werden. Für die Streifzüge ist alles bestens präpariert: Hackfleisch mit Schlafmittel für die Wachhunde, ein Abwehrspray für alle Eventualitäten, sogar ein Gegengift, falls eine Schlange einem Unvorsichtigen beißen sollte. Besonders Letztes ist für Ismael, Enana und vor allem für Ajo die Lebensversicherung. Denn die Streifzüge werden zu einem Höllenritt…
Lucía Puenzo liebt ihre Figuren, die sie in einem der Villenviertel an den Stränden Uruguays aussetzt. Es sind nicht einfach nur drei Kinder, die mit Diebstählen ihren Lebensunterhalt verdienen, und sich vor ihren Auftraggebern geschickt ducken, um sich nicht ans Messer zu liefern. Es sind ausgereifte Charaktere mit Stärken und – es sind doch immer noch Kinder! – Schwächen. So erwachsen sie in brenzligen Situationen handeln, so zerbrechlich sind ihre Herzen, wenn sich jemand zwischen sie drängt. Ihnen bleibt keine Zeit Kinder oder Jugendliche zu sein. Ihre Erfahrungen machen sie auf dem steinigsten Pflaster, was es gibt. Mit traumwandlerischer Sicherheit erlaubt ihnen Puenzo sich zu entwickeln, um eines Tages doch das lang ersehnte Glück finden zu können. 

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Lucía Puenzo wurde am 28. November 1976 in Buenos Aires (Argentinien) geboren.

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