Lucia Leidenfrost

 3,8 Sterne bei 34 Bewertungen

Lebenslauf von Lucia Leidenfrost

Lucia Leidenfrost wurde 1990 in Frankenmarkt (Oberösterreich) geboren. Sie studierte Germanistik, Skandinavistik und Germanistische Linguistik an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen. Seit 2014 lebt sie in Mannheim und arbeitet am Institut für Deutsche Sprache. Ihre Erzählungen sind in österreichischen und deutschen Literaturzeitschriften erschienen. Sie erhielt u.a. das Start-Stipendium des BMUKK für Literatur sowie den Anerkennungspreis U19 beim Marianne-von-Willemer-Preis. „Mir ist die Zunge so schwer“ ist ihr erstes Buch.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Lucia Leidenfrost

Cover des Buches Wir verlassenen Kinder (ISBN: 9783218012089)

Wir verlassenen Kinder

 (21)
Erschienen am 04.02.2020
Cover des Buches Mir ist die Zunge so schwer (ISBN: 9783218010696)

Mir ist die Zunge so schwer

 (13)
Erschienen am 08.02.2017

Neue Rezensionen zu Lucia Leidenfrost

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Cover des Buches Wir verlassenen Kinder (ISBN: 9783218012089)BeautyBookss avatar

Rezension zu "Wir verlassenen Kinder" von Lucia Leidenfrost

Ein Dorf, in dem nur Kinder wohnen!
BeautyBooksvor einem Monat

Inhaltsangabe:

Die Erwachsenen verlassen das Dorf und die Kinder erschaffen ihr eigenes System aus Gesetzen und Regeln. 

Die Kinder empfangen Pakete und Geld. Sie kochen, putzen und kommern sich um die Großeltern und kleinen Geschwister. Scheinbar soll rundherum Krieg herrschen. Aus diesem Grund haben die Eltern das Dorf verlassen, um in der Stadt arbeiten zu gehen. Geld, dass sie dringend benötigen und den Kindern zukommen lassen. Als der einzige Lehrer nun auch das Dorf verlässt, beginnen die Kinder, sich zusammenzurotten und ihre eigenen Gesetze und Regeln aufzustellen. Was harmlos beginnt, wird rasch zu einem System aus Gewalt und Macht, dem sich alle zu unterwerfen haben. Nur Mila will sich nicht beugen und wird zur Außenseiterin, die bis zum Ende für das Gute kämpft.


Meine persönliche Meinung:

Diese Geschichte ist düster und deprimierend. Das merkt man sofort, wenn man dieses Buch zu lesen beginnt. Die Eltern verlassen das Dorf, die Kinder sind auf sich alleine gestellt. Die Kulisse wird unglaublich toll beschrieben. Man kann sich dieses ausgestorbene Dorf richtig gut vorstellen. Die leere Schule, kaputte Fenster, leere Einkaufsläden, alles grau und düster. In diesem Dorf leben nur noch Kinder und Großeltern. Alle anderen Erwachsenen sind in die Stadt gezogen und lassen von sich hier und da mal etwas hören. Der Bürgermeister, der ebenfalls noch im Dorf lebt und somit einer der zurückgebliebenen ist, vermittelt nun zwischen Eltern und Kindern. 

Die Eltern schicken Briefe, Pakete um die Kinder von außen zu versorgen. Die zurückgelassenen Kinder müssen nun lernen, erwachsen zu werden, denn sie müssen sich jetzt auch um die jüngeren Geschwister kümmern. Der Bürgermeister, der ebenfalls noch im Dorf lebt und somit einer der zurückgebliebenen ist, vermittelt nun zwischen Eltern und Kindern. Aus verschiedenen Blickwinkeln wird uns nun über das Schicksal der Kinder berichtet. Lucia Leidenfrost ist dies unglaublich gut gelungen. Wir lernen Mila kennen, die eine von drei Töchtern des Bürgermeister ist. Sie hat sich von allen anderen Kindern abgesondert. Ihr Teil ist aus der Sicht einer Erzählstimme erzählt. Alle übrigen Erzählungen sind in der Ich-Form geschrieben. Mila wehrt sich gegen eine homogene Gruppe aus Kindern. Sie will es nicht akzeptieren, dass es keine echte Individualität mehr geben soll. 

Der Schreibstil hat mir so unglaublich gut gefallen. Einerseits hat man das Gefühl, dass diese Geschichte, die man hier erzählt bekommt, ganz weit weg von einem ist, aber einerseits bekommen diese ungeheurlichen Geschehnisse im Dorf eine irrationale Normalität. Der Autorin ist es also gelungen in diesem Roman ein schreckliches aber auch faszinierendes Szenario zu erzählen. Eine Geschichte, die unglaublich realistisch niedergeschrieben wurde. Das Handeln der Kinder ist absolut nachvollziehbar, das der Eltern jedoch weniger. Bei den Kindern herrscht anfangs noch eine unglaubliche Freude, als vor allem auch alle Lehrer weggegangen sind. Eine Freude, die jedoch sehr schnell in Langeweile umschwenkt. Sie werden zu Taten getrieben, deren Konsequenzen sie nicht vorhersehen haben können. 

Während dem Lesen treten irrsinnig viele Fragen auf. Wo sind die Eltern, vor allem in welcher Stadt? Warum kommen sie die Kinder nie besuchen, wenn sie doch auch Briefe und Pakete schicken? Ist all das so geschehen, weger vieler Konflikte und dem Krieg, der immer wieder erwähnt wird? Diese und auch viele andere Fragen treiben die Spannung der Geschichte definitiv in die Höhe und lässt den Leser nur noch neugieriger weiterlesen. Eines kann ich euch verraten: Es werden nicht alle Fragen beantwortet und wir bekommen ein offenes Ende, das zum Nachdenken und Diskutieren anregt. 

Ich bin jedenfalls unglaublich begeistert von der Idee dieses Romans. Ich hätte die Kinder noch unglaublich gerne weiterbegleitet und hätte nichts dagegen gehabt, wenn die Geschichte noch weitergegangen wäre. Auch heute bin ich noch immer auf der Suche nach Antworten auf meine Fragen. Eine Geschichte, die einem also nicht so schnell loslassen wird.

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Cover des Buches Wir verlassenen Kinder (ISBN: 9783218012089)MikkaGs avatar

Rezension zu "Wir verlassenen Kinder" von Lucia Leidenfrost

Starker Debütroman
MikkaGvor 2 Monaten

Mischmasch aus Altvertrautem?⠀

Der Klappentext lässt direkt an den verstörenden Klassiker von Sir William Golding denken – “Der Herr der Fliegen”. Dieser ist ins kollektive Verständnis eingegangen als Urbild des Konflikts zwischen anerzogener Zivilisation und gewaltbereitem menschlichem Urinstinkt. Selbst wer das Buch nie gelesen hat, hat irgendwo im Hinterkopf das Bild eines fliegenumschwärmten Schweineschädels.⠀

Kinder, die auf sich alleine gestellt daran scheitern, ihre eigene zivilisierte Gesellschaft aufzubauen? Kinder, die zunehmend verrohen und letztendlich dastehen als gewalttätige kleine Bestien? Das suggeriert der Klappentext und es klingt allzu vertraut, daher begegnete ich dem Buch mit skeptischem Vorbehalt.⠀

Tatsächlich fühlte ich mich in manchen Szenen an “Herr der Fliegen” erinnert, in anderen dagegen an das Jugendbuch “Nichts” von Janne Teller, in dem Kinder versuchen, die Sinnlosigkeit des Lebens zu widerlegen, und in einer Spirale der Gewalt daran verzweifeln. Und doch ist “Wir verlassenen Kinder” keineswegs ein Abklatsch, wenn man genauer hinschaut – die Gemeinsamkeiten liegen mehr in der Erwartung der Lesenden als im eigentlichen Inhalt.⠀

Trotz der Ähnlichkeiten bietet der Roman einen Blick auf die Thematik, der unverbraucht ist.⠀

Die Kinder klammern sich an die selbst aufgestellten Regeln, auch wenn diese keinen Sinn mehr ergeben, und haben für Verstöße ein System der Bestrafung eingerichtet. Und ja, das eskaliert im Verlauf der Handlung, aber es erreicht in meinen Augen nicht ganz das Level der Gewalt in “Herr der Fliegen” oder “Nichts”. Und es fühlt sich einfach anders an – Lucia Leidenfrost findet neue Blickwinkel und einzigartige Worte, so dass man andere Bücher irgendwann beim Lesen vergisst. Dennoch ist ihr Roman nicht weniger beunruhigend und lässt die Leser:innen auch nicht weniger nach dem Sinn der Geschichte suchen.⠀

Ich las die Handlung mit einem immerwährenden Gefühl des kalten Elends.⠀

Wurden die Kinder bei Golding durch einen Unfall von der Zivilisation abgeschnitten, werden sie hier von ihren eigenen Eltern wissentlich zurückgelassen – unbarmherzig, wenn auch mit den besten Absichten. Es gibt keine Arbeitsplätze mehr im Umfeld des Ortes, daher müssen sie weiter entfernt nach Arbeit suchen, um ihre Familien zu ernähren. Da Krieg herrscht, wollen sie ihre Söhne und Töchter nicht mitnehmen ins Ungewisse, sondern wieder nachhause kommen, sobald Normalität einkehrt. Doch darauf warten die Kinder vergeblich. Schließlich lässt sie der Lehrer im Stich, dann auch der Pfarrer, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis die Großeltern wegsterben… Und das Essen wird knapp.⠀

Man erfährt kaum etwas über diesen Krieg. Wer kämpft gegen wen? Was war die Ursache? Der Konflikt bleibt so verschwommen, dass die Geschichte jederzeit und an jedem Ort spielen könnte und dadurch eine beklemmende Allgemeingültigkeit erhält.⠀

Was ist echt, was spielt sich nur in den Köpfen der Kinder ab?⠀

Zwischendurch werden Briefe der Eltern zitiert, die in ihrer unbeholfenen Sprache auf mich eher wirkten wie Hirngespinste der Kinder, die sehnsüchtig auf niemals eintreffende Schreiben warten. Auch bei der beschriebenen Gewalt war ich mir oft unsicher, wo Gewaltfantasien aufhören und echte Gewalt beginnt. Wurde wirklich ein Kind nach einem Regelverstoß zur Strafe mit einem Stock ins Minenfeld geschickt, oder ist das nur eine Vorstellung, die auf den Erzählungen der Erwachsenen über das zerbombte und verminte Nachbardorf beruht? Haben sie wirklich den verhassten Alten ertränkt, der die Kinder immer unfreundlich behandelt hat, oder gibt ihnen die Vorstellung nur ein Gefühl der Kontrolle über ihr Schicksal?⠀

Diese Unsicherheit verleiht der Erzählung etwas Albtraumhaftes mit nur gelegentlichen Momenten der aussichtslosen und dennoch unerschütterlichen Hoffnung. Sie entwickelt eine fatalistische Sogwirkung, je mehr man sich als Leser:in hineinliest in das Leben dieser Kriegswaisen. Ihre Eltern sind so oder so für sie verloren, ob diese nun noch leben oder nicht, ihr bisheriges Leben ist unrettbar dahin – und im Grunde wissen sie das auch.⠀

Was, wenn nicht dieses Wissen, bringt sie dazu, sich so krampfhaft an die Reste ihrer Normalität zu klammern?⠀

Als Leser:in sollte man jedoch nicht allzu angestrengt nach Erklärungen suchen.⠀

Die Glaubhaftigkeit dieser Geschichte liegt nicht in Fakten begründet – es ist die zeitlose Wahrheit der Märchen und Sagen, die hier in ihrer ganzen Grausamkeit waltet. Gerade deswegen trifft sie die Leser:innen ins Mark, ungeachtet jeglicher Logik oder Begründung. Gerade deswegen funktioniert die Parabel und bietet eine Vielzahl an Interpretationsmöglichkeiten.⠀

Geht es hier wirklich um Krieg, oder ist der Krieg nur ein Bild für die Unbilden der menschlichen Natur? Geht es um zerrüttete Familien, verlorene Hoffnungen, geht es wie bei Golding um den Konflikt zwischen Zivilisation und Natur? Sind die Kinder wirklich Kinder, oder sind sie Platzhalter für die Verlustängste jedes Menschen? Auch die Großeltern wirken wie Symbole eines verlorenen Lebens. Alles ist möglich, obwohl eigentlich nichts mehr möglich ist.⠀

Dementsprechend fühlten sich die meisten Charaktere für mich auch weniger an wie Menschen aus Fleisch und Blut als wie Archetypen einer zum Scheitern verurteilten Heldenreise. Nur Mila schüttelt den Mantel der Allgemeingültigkeit ab und zeigt sich den Leser:innen in roher Verwundbarkeit als Individuum. Sie ist das isolierte Ich im Kontrast zum vielgestalten, schwarmähnlichen Wir der anderen Kinder – doch interessanter Weise wird ausgerechnet ihre Sicht nicht aus der Ich-Perspektive geschildert, sondern aus der Distanz eines personalen Erzählers. Aber gerade durch den Kontrast erreicht sie als Protagonistin eine umso größere Wirkung, unterstreicht umso mehr die Leitmotive der Erzählung.⠀

Interessanterweise steht Mila im größten Kontrast zu ihrem eigenen Vater, dem letzten noch verbleibenden Vater des Dorfes – und gleichzeitig dem bösen Wolf dieses Märchens. In Milas Gedanken hockt seine Aggression in Gestalt einer riesigen Spinne, die jederzeit zuschlagen kann, auf seinem Rücken.⠀

Inhalt und Sprache wirken perfekt zusammen.⠀

Der Stil ist schlicht, auf die blanken Knochen reduziert, doch Leidenfrost spielt auf dieser Klaviatur ein vielstimmiges Lied mit leiser Wucht und dichter Atmosphäre. Gerade die “wir”-Perspektive der Kinder schreibt sie in geradezu hypnotischen Worten. Das ist packend und unwiderstehlich – und so beklemmend wie ein Choralgesang, dessen Misstöne sich der genauen Analyse entziehen. Was bleibt ist ein tiefes elementares Grauen: die Urangst eines verlassenen Kindes.⠀

Fazit⠀

In Lucia Leidenfrosts Debüt herrscht ein unbestimmter Krieg. Wo? Warum? Das wird nicht näher erläutert. Es geht um die Kinder, die im Grunde zu Kollateralschäden dieses Konfliktes werden – aus Not verlassen von ihren Eltern, die anderswo nach Arbeit suchen müssen. Die Kinder stellen ihre eigenen Regeln auf, mit den dazugehörigen Strafen für Verstöße, doch sie verlieren mehr und mehr den Halt. Die Zivilisation wird zunehmend zur hauchdünnen Fassade.⠀

Doch schwingt immer eine gewisse Doppeldeutigkeit mit, so dass man sich als Leser:in fragt: was ist real, was ist nur Sinnbild für etwas anderes? So oder so bietet der Roman eine Vielzahl an Interpretationsmöglichkeiten und Lucia Leidenfrost erzählt das in einer hochinteressanten reduzierten Sprache.⠀

Definitiv ein sehr starker Debütroman und eine Autorin, die man im Auge behalten sollte!


Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:

https://wordpress.mikkaliest.de/rezension-lucia-leidenfrost-wir-verlassenen-kinder/

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Cover des Buches Wir verlassenen Kinder (ISBN: 9783218012089)Lia48s avatar

Rezension zu "Wir verlassenen Kinder" von Lucia Leidenfrost

Schöne Ansätze; lässt mich jedoch mit zu vielen Fragezeichen zurück
Lia48vor 2 Monaten

„Wir warten darauf, dass das Auto zurückkommt, dass die Eltern umkehren, uns mitnehmen oder sagen: Nein, Kinder, wir bleiben bei euch, ein Leben ohne euch, das schaffen wir nicht!“

INHALT:
Nach und nach sind fast alle Erwachsenen aus dem Dorf verschwunden. Angeblich scheint irgendwo Krieg zu sein. Die Erwachsenen suchen Arbeit in der Stadt, damit ihre Kinder zur Schule gehen können und es einmal besser haben werden als sie.
Doch auch der letzte Lehrer hat das Dorf verlassen. Es gibt keinen Unterricht mehr. Die Kinder sind nun überwiegend auf sich allein gestellt und haben ihre eigenen Regeln aufgestellt. Wer sich nicht an sie hält, wird bestraft. So soll Mila, die sich nicht mehr der Kindergruppe anschließen möchte, eine Schnecke essen.

Milas Vater, der Bürgermeister ist ebenfalls noch im Dorf. Häufig sitzt die „Spinne“ auf ihm. Früher hat er dann auch die Mutter geschlagen und Geschirr an die Wand geworfen. Mila muss auf der Hut sein, auch für ihre Schwestern. Für sie macht sie sich immer wieder auf in fremde, leere Häuser, um nach Kleidung zu suchen. Doch die anderen Kinder sehen das gar nicht gerne…

Als dann auch noch die letzten Erwachsenen, darunter vor allem Großeltern, das Dorf und die Kinder hinter sich lassen, ist die jüngste Generation komplett auf sich allein gestellt. Kann das gut gehen?

MEINUNG:
Recht nüchtern erzählen die Kinder (aus der Wir-Form), Mila als Protagonistin sowie einzelne (ehemalige) Dorfbewohner aus ihrer Sicht und man bekommt einen Einblick vom aktuellen Alltag der Kinder. Diese leben jetzt nach ihren eigenen Regeln im Dorf. Doch irgendwann wird ihnen bewusst, dass sie sich nun manchen Aufgaben stellen müssen, die vorher die Erwachsenen ausgeführt hatten („Wir waren einmal echte Kinder. Jetzt stapeln wir Holz in unsere Öfen, suchen nach kleinen Holzstücken und Papier.“). Denn auch sie haben Hunger, frieren, oder brauchen neue Kleidung.
Mila mochte ich direkt gerne. Indem sie sich gegen die Gruppe und deren Regeln stellt, beweist sie großen Mut. Sie hat das Gefühl, sich um ihre jüngeren Geschwister kümmern zu müssen, da es sonst niemand macht.
Sehr authentisch fand ich, wie in Mila der Wunsch nach (sinnvollen) Regeln, Normalität, Tagesstruktur und Bildung wächst und wie sie sich schließlich wünscht, auch den jüngeren Kindern Bildung zukommen zu lassen.
Auch wie die übrigen Erwachsenen nach und nach ihre Taschen packen und das Dorf verlassen, war eindrucksvoll und beklemmend geschildert.
Ich war sehr gespannt, in welche Richtung sich das Buch entwickeln würde.
Während der ersten Buchhälfte kamen bei mir leider kaum Gefühle an. Hier kamen mir die Ängste, Sorgen, Wünsche und Träume der Kinder etwas zu kurz. Bei einem kurzen Buch war mir das ein etwas zu langer Anlauf. Ab etwa der zweiten Buchhälfte konnte ich mich dann aber auf die Geschichte einlassen und fand sie immer spannender.
Zwar habe ich schon dystopische Geschichten gelesen, in denen (z. B. aufgrund von Krankheit) nur noch Kinder gelebt haben, keine aber, in der sie einfach von den Erwachsenen zurückgelassen wurden. Daher war ich von Anfang an neugierig, was dahinterstecken würde. Warum lassen Eltern ihre Kinder seit sieben oder acht Jahren allein daheim, darunter auch ein Säugling!? Was veranlasst vor allem ein ganzes Dorf dazu?
Leider endet das Buch sehr offen und bot für mich keine zufriedenstellenden Antworten auf meine Fragen. Vielleicht kann man sich manches erschließen, aber für mich ergab einiges keinen Sinn, sodass mich das Buch vor allem wegen dem zu offenen Ende, eher etwas enttäuscht zurückgelassen hat.
Auch wenn ich mir manches Verhalten der Kinder gut vorstellen konnte, empfand ich anderes dagegen als eher unwahrscheinlich.
Sehr verwundert hat mich zudem, dass die Eltern ihren Briefen zu urteilen nach wirklich dachten, dass die Kinder allein zurechtkommen würden. Das fand ich leider sehr unglaubwürdig.

FAZIT: Den Ansätzen nach hätte sich das Buch noch zu einer tollen Geschichte entwickeln können. Den Alltag und das Verhalten der Kinder habe ich mit Interesse verfolgt. Die zweite Buchhälfte fand ich sehr spannend. Leider war mir dann aber das Ende viel zu offen, und einiges wirkte auf mich viel zu unglaubwürdig, sodass mich das Buch etwas enttäuscht und mit zu vielen Fragezeichen zurücklässt. 3-3,5/5 Sterne!

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Cover des Buches Wir verlassenen KinderVerlag_Kremayr-Scheriaus avatar

Ein abgeschiedenes Dorf. Leere Bauernhöfe. Eine aufgelassene Schule. Die Erwachsenen haben nach und nach das Dorf verlassen. Zurückgeblieben sind die Kinder. Sie beginnen ihre eigenen Gesetze und Regeln aufzustellen. Was harmlos beginnt, wird rasch zu einem System aus Gewalt und Macht, dem sich alle zu unterwerfen haben.

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DAS BUCH:

Ein abgeschiedenes Dorf. Leere Bauernhöfe. Eine aufgelassene Schule. Die Erwachsenen haben nach und nach das Dorf verlassen. Zurückgeblieben sind die Kinder. Sie empfangen Pakete und Geld. Sie kochen, putzen und pflegen die Großeltern und kleinen Geschwister. Scheinbar soll Krieg herrschen rundherum. Als auch der einzige Lehrer das Dorf verlässt, beginnen die Kinder, ihre eigenen Gesetze und Regeln aufzustellen. Was harmlos beginnt, wird rasch zu einem System aus Gewalt und Macht, dem sich alle zu unterwerfen haben. Nur Mila will sich nicht beugen und wird zur Außenseiterin, die bis zum Ende für das Gute kämpft.


Lucia Leidenfrost entwirft in ihrem ersten Roman eine unheimliche und vielstimmige Parabel. Das Dorf könnte überall stehen, zu jeder Zeit. Gerade das verleiht dem Roman eine durchdringende Aktualität. Doch so düster die Aussichten auch sein mögen, die Hoffnung leuchtet kraftvoll wie ein Stern in der Dunkelheit.


DIE AUTORIN:

Lucia Leidenfrost wurde 1990 in Frankenmarkt (Oberösterreich) geboren. Sie studierte Germanistik, Skandinavistik und Germanistische Linguistik an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen. Seit 2014 lebt sie in Mannheim und ist Co-Gründerin des Kollektivs für Junge Literatur Mannheim. Ihre Erzählungen sind in österreichischen und deutschen Literaturzeit-schriften erschienen. Sie erhielt u.a. das Start-Stipendium des Bundeskanzleramts Österreich, das Arbeitsstipendium des Förderkreises für SchriftstellerInnen in Baden-Württemberg und das Jahresstipendium für Literatur des Ministeriums für Kunst und Wissenschaft in Baden-Württemberg. Ihr Prosadebüt „Mir ist die Zunge so schwer“ ist im Frühjahr 2017 erschienen. „Wir verlassenen Kinder“ ist ihr erster Roman.


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Worum geht's?

In achtzehn Kurzgeschichten kommen Menschen zu Wort, die zeit ihres Lebens versäumt haben, zu sprechen. Es sind Täter und Opfer, Sehnsüchtige und Missverstandene, Einsame und Trauernde, die erst in hohem Alter mit der Vergangenheit hadern und mühselig ihre Erinnerung ans Licht bringen.
Sie sprechen von Geheimnissen, Fehlern und Missverständnissen, von verlorenen Lieben, von Kriegserfahrungen und Schuld. Sie alle verbindet die Schwierigkeit, Vergangenes in Worte zu fassen, und eine tiefe Sehnsucht nach dem Leben.
Mit großem Feingefühl und bildgewaltiger Sprache entwirft Lucia Leidenfrost ein Psychogramm der österreichischen Nachkriegszeit. Fast hört man die Stimmen ihrer Figuren, so genau trifft sie deren Ton. Bemerkenswerte Geschichten voller Schönheit, Melancholie und einer Ahnung von Hoffnung.

"Meine Erinnerung könnte eine Eule sein. Tagsüber macht sie nur ein Auge auf, um zu sehen, wer ihr nahekommt, aber in der Nacht wartet sie, bis die Mäuse über den Waldboden huschen. Lautlos gleitet sie hinab und greift zu mit ihren Klauen."

Lucia Leidenfrost

wurde 1990 in Frankenmarkt (Oberösterreich) geboren. Sie studierte Germanistik, Skandinavistik und Germanistische Linguistik an der Eberhard-Karls-Universität in Tübingen. Seit 2014 lebt sie in Mannheim und arbeitet am Institut für Deutsche Sprache. Ihre Erzählungen sind in österreichischen und deutschen Literaturzeitschriften erschienen. Sie erhielt u.a. das Start-Stipendium des BMUKK für Literatur sowie den Anerkennungspreis U19 beim Marianne-von-Willemer-Preis. „Mir ist die Zunge so schwer“ ist ihr erstes Buch.


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