Jakob wird fünfzig, aber ihm ist überhaupt nicht nach Feiern. Er hat keine Kinder, ist seit über zehn Jahren geschieden, und auch beruflich läuft es nicht mehr, nachdem er in jüngeren Jahren doch einige erfolgreiche Filme gemacht hat. Vom Leben erwartet er nicht mehr viel, er ist ein grantelnder Eigenbrötler und Zyniker geworden.
Ich kann sehr gut mit Jakob mitfühlen. Überhaupt hat die vielbelächelte Midlife Crisis durchaus ihre rationale Ursache und ihre Berechtigung, wenn man den Gang eines Lebens betrachtet. In jungen Jahren stecken wir voller Enthusiasmus und Elan und Engagement - und zwar, weil wir Träume haben, denen wir - mehr oder weniger ernsthaft und intensiv - nachjagen. Im Laufe der Jahre zerschlagen sich diese Wunschvorstellungen bei den allermeisten von uns, sie zerstäuben und verflüchtigen sich, von Jahr zu Jahr mehr. Mit Mitte Zwanzig weiß man, dass man nie über die Kreisklasse hinauskommen und in der Bundesliga spielen wird, mit Mitte Dreißig ist auch der Traum dahin, mit der Kellerband mal als Rockstar die Welt zu erobern. Das große Geld, der Ruhm, der Nobelpreis, nach und nach wird einem klar, dass all das nichts mehr wird. Und mit Mitte, Ende Vierzig weiß man, dass man entweder keine Kinder hat oder (wenn doch) dass auch die Kinder nicht als Projektionsfläche für das taugen, was man selbst nicht erreicht hat. Irgendwann ist unverkennbar, dass nicht einmal der Schreibtisch im Topmanagement auf einen wartet - und selbst der erträumte Sex mit Cindy Crawford oder später mit Jennifer Lawrence wird auf immer ein Wunschtraum bleiben. Das ist bitter, und an den runden Jahrestagen, wenn man Bilanz zieht, wird diese Bitterkeit eben deutlich.
Also alles durchaus ein Thema, das eine literarische Auseinandersetzung verdient hätte. Aber leider nicht bei Lucy Fricke. Die lässt den Griesgram mit seiner besten Freundin ins Schwimmbad gehen und in Folge (in einem Reigen, den diese Freundin arrangiert hat), all den wichtigen Menschen begegnen, die ihn auf seinem Leben begleitet haben: die Exfrau, der Kumpel und Rivale aus der Hochschule, die Sozialarbeiterin, die ihn als Jugendlichen aufgerichtet hat, und zum Schluss noch die Kindergartenfreundin aus Sri Lanka. Das ist nett und herzerwärmend zu lesen, aber in seiner Konstruktion ebenso aufdringlich buchgerecht arrangiert wie banal. Dem Menschen Jakob kommen wir bei dieser Feelgood-Tour wider Willen nie so richtig näher. Als wirkliche Person erwacht er - jedenfalls vor meinem inneren Auge - nicht zum Leben. Es ist eher wie eine inszenierte Fernsehshow (ich glaube, da gab es mal was in den 1970-ern), wo Leute ihren Lebensstationen vor Publikum noch einmal begegnen. Auch die perfekt austarierte Diversität ließ mich innerlich mal kurz mit den Augen rollen; immerhin, ein paar originelle und witzige Sätze werden uns beschert.
Das Büchlein also ist dünn, es ist (allzu) leicht und nett zu lesen, und es dürfte sich wunderbar als Verlegenheitsgeschenk zu fünfzigsten Geburtstagen eignen. In die vordere Reihe bemerkenswerter Lektüre schafft "Das Fest" es aber nicht.