Lutz Seiler

 3,7 Sterne bei 200 Bewertungen
Autor von Kruso, Stern 111 und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Lutz Seiler

Lutz Seiler wurde 1963 geboren und wuchs im thüringischen Gera auf. Zunächst absolvierte er eine Leere als Baufacharbeiter und arbeitete als Maurer und Zimmermann. Während seines Wehrdienstes begann er erste Gedichte zu schreiben. Dann studierte er Germanistik und war Herausgeber der Literaturzeitschrift Moosbrand. 2007 erhielt er den Ingeborg-Bachmann-Preis für seine Erzählung "Turksib". Mit seinem aktuellen Roman "Kruso" steht er auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2014. Seiler lebt derzeit in Schweden.

Alle Bücher von Lutz Seiler

Cover des Buches Kruso (ISBN: 9783518466308)

Kruso

 (120)
Erschienen am 06.09.2015
Cover des Buches Stern 111 (ISBN: 9783518471302)

Stern 111

 (45)
Erschienen am 07.03.2021
Cover des Buches Die Zeitwaage (ISBN: 9783518466285)

Die Zeitwaage

 (9)
Erschienen am 06.09.2015
Cover des Buches pech & blende (ISBN: 9783518121610)

pech & blende

 (4)
Erschienen am 24.07.2000
Cover des Buches im felderlatein (ISBN: 9783518421697)

im felderlatein

 (3)
Erschienen am 20.09.2010
Cover des Buches Turksib (ISBN: 9783518419687)

Turksib

 (3)
Erschienen am 28.01.2008
Cover des Buches vierzig kilometer nacht (ISBN: 9783518414576)

vierzig kilometer nacht

 (2)
Erschienen am 18.08.2003
Cover des Buches schrift für blinde riesen (ISBN: 9783518430002)

schrift für blinde riesen

 (1)
Erschienen am 16.08.2021

Neue Rezensionen zu Lutz Seiler

Cover des Buches Stern 111 (ISBN: 9783518471302)Magicsunsets avatar

Rezension zu "Stern 111" von Lutz Seiler

Ein packendes, überzeugendes Leseerlebnis
Magicsunsetvor 4 Monaten

„Obwohl sein Leben hinter dem Bombenwäldchen in der Rykestraße 27 vielleicht schäbig und ärmlich aussah (das Matratzenfloß auf den kalten Dielen, ein toter Schwarzweißfernseher als Anlegestelle), hatte er das Wort Armut bisher nie gedacht. Und wenn schon: ein armer Dichter zu sein, schien nicht verkehrt, wenn man ein Dichter war.“ (Zitat Seite 174)

 

Inhalt

Seine Eltern bitten Carl Bischoff, Student, sechsundzwanzig Jahre alt, nach Hause zu kommen, da sie mit ihm etwas besprechen wollen. Nach Hause, das ist Gera, gerade ist die Mauer gefallen und seine Eltern Walter und Inge, fünfzig und neunundvierzig Jahre alt, teilen ihm mit, dass sie weggehen. Er möge bitte auf die elterliche Wohnung aufpassen. Doch Carl kommt mit der Situation allein nicht zurecht und fährt nach Berlin. „Wie seine Eltern hatte er keine Adresse vor Augen gehabt, er war abgefahren ohne Ziel, nur mit irgendeiner Phantasie im Kopf, bei der man nicht wohnen konnte.“ (Zitat Seite 55). Er schließt sich einer Gruppe von Hausbesetzern an und bezieht selbst eine Wohnung in einem Abbruchhaus. Eine Werkbank, die jemand zurückgelassen hat, wird sein Schreibtisch. Dort verbringt er seine Zeit, schreibt an seinen Gedichten, hofft auf den Durchbruch, träumt davon, sein erstes eigenes Buch in Händen zu halten. Gleichzeitig hilft er mit, das Kellerlokal Assel als Treffpunkt, Kaffeekneipe auszubauen, als Asyl für die unterschiedlichsten Menschen, Außenseiter der Gesellschaft. Die Briefe seiner Mutter berichten ihm von der Reise seiner Eltern auf dem Weg zur Erfüllung eines jahrzehntealten Traumes.

 

Thema und Genre

In diesem Roman geht es um die Nachwendezeit in Deutschland, um viele Facetten von Zusammenhalt, Freundschaft und Liebe, um Hoffnungen, Chancen und Träume, aber auch um die mit den raschen Veränderungen verbundene Unsicherheit und Ängste.

 

Charaktere

Carl hat in diesen Jahren direkt nach dem Wendejahr 1989 sein eigenes Leben noch nicht entdeckt, zutiefst unsicher, zweifelt er an seinem Erfolg als Schriftsteller und die Angst vor Absagen blockiert ihn. Obwohl Carl mit Mitte Zwanzig zu diesem Zeitpunkt längst ein eigenes Leben führt, fühlt er sich als Kind, von seinen Eltern im Stich gelassen. Inge, seine Mutter ist dagegen flexibel, passt sich jeder Situation aktiv an, sie entscheidet operativ (eines ihrer Lieblingsworte), will endlich ihren und Walters Traum verwirklichen. Wir lernen in dieser Geschichte viele unterschiedliche Charaktere kennen und neugierig folgen wir ihnen, gespannt, wohin sie der Weg führen wird. Kurz treffen wir auch Ed und Kruso in Berlin wieder.

 

Handlung und Schreibstil

Es sind zwei Geschichten, die uns der Autor hier erzählt. Die erste, in deren Mittelpunkt Carl, ein angehender, junger Schriftsteller steht, spielt im gerade wieder vereinten Berlin, wo nicht nur die Menschen selbst, sondern auch die Stadt auf der Suche nach einem Weg aus dem Chaos in die Zukunft zu sein scheint. Die zweite Handlung erzählt von den Problemen und der schwierigen Situation jener Menschen, die Ostdeutschland sofort verlassen und im Westen auf einen Neubeginn hoffen.

Stern 111, der Titel, ist die Marke eines Kofferradios, das damals die erste Anschaffung der jungen Familie Bischoff gewesen ist und die Familie all die Jahre begleitet hat, ein Symbol ihrer Zusammengehörigkeit. Damals waren es die gemeinsam gehörte Musik und Meldungen, nun ersetzt durch die Berichte in den Briefen seiner Mutter. Die Ereignisse in der Gegenwart werden ergänzt durch Erinnerungen. Es sind einzelne Situationen oder Worte, die Carl zurück in seine Kindheit führen, nach Gera und in die Geborgenheit der Familie, die plötzlich im Jahr 1989 zu Ende ist. Als er in Berlin seine Liebe Effi wiedersieht und von einer gemeinsamen Zukunft träumt, ist es daher für Carl nicht einfach für sich selbst zu definieren, wie „zusammen sein“ funktioniert.

Faszinierend ist auch in diesem Roman die eindrückliche, aber gleichzeitig unglaublich leichte, lebhafte Erzählsprache des Autors.

 

Fazit

Der Autor ist ein großartiger Erzähler, der seinen Figuren auf ihrem Weg viel Freiraum lässt, man hat den Eindruck, er folgt ihnen nicht nur mit Empathie, sondern er ist selbst neugierig, wie und ob sie ihre Konflikte und Probleme lösen können, den eigenen Lebensweg entdecken. Ein ungewöhnlicher, packender Nachwende-Roman, den man mit Begeisterung liest.

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Cover des Buches schrift für blinde riesen (ISBN: 9783518430002)Magicsunsets avatar

Rezension zu "schrift für blinde riesen" von Lutz Seiler

Poetisch, fordernd, leise und eindrücklich
Magicsunsetvor einem Jahr

„ein leben, das heißt  einhunderttausend träume (circa) & zwanzig / millionen wimpernschläge.“ (aus „drüben stehen die robinien“, Seite 36)

 

Inhalt

Zu Beginn dieses Gedichtbandes stellt der Autor fest: „daumen & zeigefinger / kommen zusammen, die / schreibhand entsteht. zehntausend jahre / vor dem aufrechten gang.“ (aus „morgenrot & knochenaufgänge“, Seite 7). Es folgen dreiundsechzig Gedichte in sieben übergeordneten Kapiteln.

 

Themen und Sprache

Der Autor führt uns in seinen Gedichten zurück in die Kindheit, in vergangene Tage und die damit verbundenen Erinnerungen und Gefühle, die in Verlust und Abschied münden und sich mit der Gegenwart verbinden. Oft geht es auch um die Natur, als Begleitung und Ergänzung der Szene zu einem einprägsamen Bild. Doch gerade, wenn man sich lesend zwischen den Kiefern der Wälder und an der Küste des Meeres gedanklich niederlassen will, durchbricht er die gerade entstehende Wohlfühlzone und rüttelt aus auf, mit Umbrüchen, völlig neuen Bildern, lässt uns an seiner Suche und Gedanken teilhaben, gibt aber immer auch Raum für unsere eigenen Überlegungen, für das Nachdenken und Innehalten.

Ich habe Lutz Seiler durch seinen Roman „Kruso“ entdeckt, wo er mich auch sprachlich sofort beeindruckt und begeistert hat. Da gibt es eine Stelle, wo ein Satz über dreizehn Buchzeilen reicht und dieser ist weder geschachtelt, noch wirkt er konstruiert, erzählend verliert er in keinem einzigen Wort die Aussage oder den Sinn. Diese Sprache begeistert auch in den vorliegenden Gedichten, prägnant verdichtet, präzise und einprägsam in der Sprachmelodie, manchmal hart und trotzdem immer leise und poetisch zeichnet sie auch in der lyrischen Kürze Bilder und ganze Geschichten in unsere Gedanken.

 

Fazit

Im inneren Klappentext schreibt Lutz Seiler über Gedichte: „Jedes gute Gedicht kann der gestische Kern eines Romans sein und die Verbindung herstellen zum Ursprung des Genres: zum Epos und seinem Gesang.“  Besser kann man die hier vorliegenden Gedichte gar nicht beschreiben. Es lohnt sich, beim Gedanken an Lyrik nicht innerlich die Nase zu rümpfen oder den Kopf zu schütteln, man sollte neugierig bleiben, sich die Zeit nehmen und sich auf dieses besondere Leseerlebnis einlassen.

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Cover des Buches Stern 111 (ISBN: 9783518471302)Irisblatts avatar

Rezension zu "Stern 111" von Lutz Seiler

Aufbruchsstimmung zur Zeit der Wende 1989/90
Irisblattvor einem Jahr

Im November 1989 erreicht Carl Bischoff ein dringendes Telegramm seiner Eltern. Er soll so schnell wie möglich zu ihnen nach Gera kommen. Kaum angekommen, erfährt er, dass seine Eltern die DDR sofort verlassen wollen. Carl soll sie in die Nähe der Grenze bringen und sich um das Haus kümmern. Irritiert und überrascht von den Plänen seiner Eltern bleibt Carl zurück und harrt dort tatsächlich mehrere Wochen aus. Als er es nicht mehr aushält, setzt er sich in den Shiguli seines Vaters, fährt nach Berlin und landet schließlich im Osten der Stadt in der Hausbesetzer-Szene. Er findet dort sein "Rudel“, eine Bleibe und trifft seine Jugendliebe wieder, was alles andere als konfliktfrei verläuft. Dank seines Shiguli verdient er sich als Schwarztaxifahrer ein wenig Geld, obwohl er wortwörtlich keinen Plan von Berlin hat. Carl, der eigentlich Gedichte schreiben möchte, und das mal mehr und mal weniger erfolgreich tut, ist als gelernter Maurer und mit seinem handwerklichen Geschick in der Szene begehrt und hat plötzlich die Aufgabe Wände zu verputzen, leerstehende Häuser zu finden und bewohnbar zu machen. Er hilft maßgeblich beim Ausbau der Assel, die als Kneipe zum Treffpunkt der Szene und von Künstlern wird.

Lutz Seiler schafft es sehr gut die Aufbruchstimmung dieser Zeit, die in Berlin geherrscht haben muss, einzufangen. Dies gelingt ihm letztendlich durch die vielen schrägen Typen und einer Ziege namens Dodo. Ein bunter Haufen unterschiedlichster Charaktere trifft im Roman aufeinander. Es gibt wenig Geld und große Ideale.

Parallel zu Carls Geschichte erzählt Seiler den Weg von Carls Eltern. Walter und Inge gelangen über unterschiedliche Flüchtlingslager nach Hessen und an andere Orte. In diesem Erzählstrang werden die Schwierigkeiten thematisiert, die Flüchtlinge aus dem Osten hatten. Inge und Walter verfolgen zudem einen unbekannten Plan, den Carl das „Elterngeheimnis“ nennt. Erst gegen Ende erschließt sich für Carl der Sinn ihrer Flucht aus dem Osten und er versteht, was das alles mit Rock 'n' Roll zu tun hat. Seiler baut durch dieses Rätsel geschickt einen Spannungsbogen über den gesamten Roman auf.

Insgesamt hat mir der Roman über weite Teile gut gefallen. Er ist ein wichtiges literarisches Zeugnis dieser Zeit, in der alles im Umbruch und vieles möglich erschien. Auch die Ausgangslage, dass Carl von seinen Eltern zurückgelassen wird und nicht er seine Eltern verlässt sowie seine Gedanken dazu mochte ich gerne: „Unsere Eltern sollen es einmal besser haben. Etwas stimmte nicht mit diesem Satz.“ (S.31). Leider hatte der Text einige Längen, die das Lesevergnügen für mich immer wieder beeinträchtigten. Insgesamt wohlverdiente 3,5 Sterne, die ich gerne auf 4 Sterne aufrunde.


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Zusätzliche Informationen

Lutz Seiler wurde am 08. Juni 1963 in Gera (Deutschland) geboren.

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