Lutz Seiler Die Zeitwaage

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Inhaltsangabe zu „Die Zeitwaage“ von Lutz Seiler

Mit der Ruhe eines Seiltänzers bewegt sich dieser Träumer auch durch das Nachwende-Berlin. Zu den Dingen, die dabei in seinen Besitz geraten, gehört eine einzigartige Uhr, in deren Ticken er die Geschichte hören kann, die ihm geschehen ist. Lutz Seilers lange erwartetes neues Buch enthält neben Turksib, für die er mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, dreizehn neue Erzählungen. Ob in der Geschichte einer gespielten Erschießung oder im alltäglichen Drama einer wirklichen Trennung – in allen Texten des Bandes Die Zeitwaage geht es um prägende Wendepunkte, um das Groteske im Leben und unser häufig vergebliches Ringen um einen anderen Verlauf.

einige geschichten haben mir sehr gut gefallen. interessanterweise habe ich genau die, für die der autor einen preis gewonnen hat, nicht verstanden.

— giulianna
giulianna

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  • Rezension zu "Die Zeitwaage" von Lutz Seiler

    Die Zeitwaage
    Leserrezension2010

    Leserrezension2010

    23. August 2010 um 18:25

    A135 Die Zeitwaage von Lutz Seiler Kategorie: Allgemein Beeindruckender Erzählungsband des "Ingeborg-Bachmann"-Preisträgers von 2007 Der bisher hauptsächlich als Lyriker in Erscheinung getretene, mehrfach ausgezeichnete Lutz Seiler hat mit "Die Zeitwaage" seinen ersten Erzählungsband veröffentlicht. Ein Debüt, das in mehrfacher Hinsicht beeindruckend ist. Die Erzählung "Turksib", für die Lutz Seiler mit dem "Ingeborg-Bachmann-Preis" ausgezeichnet wurde, ist in "Die Zeitwaage" enthalten. Verblüffend ist Lutz Seilers Sprache. In einer Grauzone zwischen fast übertriebener Feinzeichnung und harten, an Umgangssprache erinnernden Sprachfetzen entfaltet sich diese Prosa, immer wieder suchend, sich windend, bis sie den notwendigen Duktus erreicht hat, mit einer eigenartig archaischen Wucht. Der Sprachrhythmus dieser Erzählungen erfordert langsames, teilweise mehrfaches Lesen, da man sonst die dieser Prosa unterlegte rhythmische Struktur nicht bemerkt; eine rhythmische Struktur, ohne deren Wahrnehmung diese Erzählungen einfach nicht funktionieren. Wie in jedem Erzählungsband gibt es auch hier bessere und weniger gute Erzählungen, die meisten sind jedoch außerordentlich gut geglückt. Die Reihung der Erzählungen ist das einzige wirkliche Manko, das ich diesem sehr beeindruckendem Band anlaste. Die ersten beiden Erzählungen, "Frank" und "Im Geräusch" sind die am wenigsten geglückten Miniaturen dieses Buches, zu bemüht um Aussage treten sie auf der Stelle, zu wenig Entwicklung haben Ereignisse, die mit fokussierter Präzision eingeleitet werden. "Färber hatte in den Wochen zuvor die Erfahrung gemacht, dass sein Vorname zu kompliziert war für die Türsteher des Restaurants; er hatte sich einen einfachen Namen zugelegt. Unangenehm war, dass er ihn jetzt wiederholen musste, das Mädchen hatte Hank statt Frank verstanden. Ich hätte es bei Hank belassen können, dachte er, aber er hatte sich an Frank gewöhnt, Frank." Ab der dritten Erzählung geht es dafür stetig bergauf. "Turksib" ist eine Art Reiseerzählung. Eine literarische Begleitung einer Reise durch radioaktiv verseuchte Kasachische Schneelandschaften, mit einem tickenden Geigerzähler als immer wieder eingeschobenem Leitmotiv, und die sich ins Groteske steigernde Begegnung des (deutschen) Ich-Erzählers mit einem Heine zitierenden (russischen) Heizer macht diese Erzählung zu einem sehr komplexen, auf vielen Wirklichkeitsebenen agierenden Gleichnis. Großartig auch "Der Stotterer"; eine Erzählung, die das Leben eines Mannes, der allgemein nur als "der Stotterer" bekannt ist, aus der durch viele Jahre gefilterten Sicht eines Jungen erzählt. Ein Leben, das erst mit dem absurd-unnötigen Tod des Mannes Aufmerksamkeit erregt. Wie Lutz Seiler in dieser Erzählung quasi beiläufig ein nachklingendes Porträt des stotternden und vermeintlich geistig unterentwickelten Mannes zeichnet, ist schlichtweg beeindruckend. "Vielleicht war es das, was mich zuerst in Bann geschlagen hatte. Aus der Entfernung (vier Garagen lagen zwischen uns) konnte ich kaum etwas klarer verstehen, und regelmäßig wurde seine Litanei überdröhnt von dem Gleis, das nur wenige Meter hinter den Garagen entlanglief. Kam ein Zug vorbei, wurde der Stotterer lauter, und am Ende brüllte er fast, als dürfe das Gespräch mit dem Wagen niemals abreißen oder als gäbe es gerade in diesem Moment noch viel zu sagen. Wenn er dann in seiner Anstrengung oder Selbstvergessenheit versäumte, die Stimme rechtzeitig wieder zu dämpfen, verstand ich ein paar Worte oder eine Wendung, etwas wie Moniooko-kio-kio oder Kawei-kaweiweso ... Aber genauer erinnere ich mich nicht, und schon damals wäre es mir schwergefallen, etwas von den Garagengesprächen des Stotterers und seiner Sprache wiederzugeben, obwohl ich darin ganze Geschichten hörte." "Der Badgang" und die titelgebende Erzählung "Die Zeitwaage" sind weitere blendende Erzählungen, während die Erzählung "Gavroche" der persönliche Favorit des Rezensenten ist. Schach und Liebe sind die beiden Hauptzutaten in dieser auch etwas absurden, aber doch sehr zärtlich-poetischen Liebesgeschichte ohne ein glückliches Ende. "Woran ich zuerst denke: der Moment, in dem ihr Auf und Ab plötzlich aussetzt, auf halber Höhe, und alles steht still. Ihre Leichtigkeit, ihre Haare im Gesicht, ihre Beine, die meine Hüften umschließen. Ich gehe langsam zum Fenster und drehe mich um. Ihr linker Arm in meinem Nacken, fest, eine Klammer, sie greift mit der rechten Hand zum Fensterwirbel und stützt ihre Fersen auf das Fensterbrett ... Gavroche richtete sich langsam auf, und ich sah noch, wie sie eine der Figuren berührte, vielleicht ziehen oder nur streicheln wollte, das hatte sie öfter getan, die Figuren zur Hand genommen und mit ihnen gesprochen, ihnen gut zugeredet, so jedenfalls hatte es sich angehört, wenn ich ins Zimmer gekommen war und sie es nicht sofort registriert hatte ..." Eine immense, poetisch-leidenschaftliche Zärtlichkeit in jeder Zeile dieser nostalgischen Erzählung, die für mich die Krönung dieser Sammlung ist. Ein großartiges, originelles Debüt, das sich klar von der harmlosen, kommerziell erfolgreichen Ich-Befindlichkeitsprosa mancher junger Autoren distanziert. Prosa, die man sich teilweise wirklich bewusst und unter Umständen auch mühsam erschließen muss, um sie genießen zu können. Eine dankbare Aufgabe, wenn man die Belohnung in Relation dazu stellt. Da ist es auch nicht weiter schlimm, wenn nicht alle Erzählungen das Niveau halten.

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  • Rezension zu "Die Zeitwaage" von Lutz Seiler

    Die Zeitwaage
    oblomov

    oblomov

    11. March 2010 um 17:28

    Ein Tagelöhner, der Germanistik studierte und den Ingeborg Bachmann Preis gewinnt. Nicht ohne Grund. Er kann Geschichten lebendig erzählen, erfahrbar machen. Die von ihm inszenierte klare Atmosphäre könnte auch eigene Erinnerung sein. So als würde man ein Foto betrachten, auf dem man meint sich selbst zu erkennen. In den 12 Geschichten spielt er mit den Erzählperspektiven, was das Buch umso mehr bereichert, da es ihm gelingt. Mit Julie Zehs Worten "Im Gedanken an alle, die beim Versuch auktorial zu erzählen, den Verstand verloren". Meine Empfehlung: gehen sie in ein Buchgeschäft, lesen sie die kurze Episode ab S.255.

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  • Rezension zu "Die Zeitwaage" von Lutz Seiler

    Die Zeitwaage
    Wolkenatlas

    Wolkenatlas

    13. January 2010 um 08:08

    Beeindruckender Erzählungsband des "Ingeborg-Bachmann"-Preisträgers von 2007 Der bisher hauptsächlich als Lyriker in Erscheinung getretene, mehrfach ausgezeichnete Lutz Seiler hat mit "Die Zeitwaage" seinen ersten Erzählungsband veröffentlicht. Ein Debüt, das in mehrfacher Hinsicht beeindruckend ist. Die Erzählung "Turksib", für die Lutz Seiler mit dem "Ingeborg-Bachmann-Preis" ausgezeichnet wurde, ist in "Die Zeitwaage" enthalten. Verblüffend ist Lutz Seilers Sprache. In einer Grauzone zwischen fast übertriebener Feinzeichnung und harten, an Umgangssprache erinnernden Sprachfetzen entfaltet sich diese Prosa, immer wieder suchend, sich windend, bis sie den notwendigen Duktus erreicht hat, mit einer eigenartig archaischen Wucht. Der Sprachrhythmus dieser Erzählungen erfordert langsames, teilweise mehrfaches Lesen, da man sonst die dieser Prosa unterlegte rhythmische Struktur nicht bemerkt; eine rhythmische Struktur, ohne deren Wahrnehmung diese Erzählungen einfach nicht funktionieren. Wie in jedem Erzählungsband gibt es auch hier bessere und weniger gute Erzählungen, die meisten sind jedoch außerordentlich gut geglückt. Die Reihung der Erzählungen ist das einzige wirkliche Manko, das ich diesem sehr beeindruckendem Band anlaste. Die ersten beiden Erzählungen, "Frank" und "Im Geräusch" sind die am wenigsten geglückten Miniaturen dieses Buches, zu bemüht um Aussage treten sie auf der Stelle, zu wenig Entwicklung haben Ereignisse, die mit fokussierter Präzision eingeleitet werden. "Färber hatte in den Wochen zuvor die Erfahrung gemacht, dass sein Vorname zu kompliziert war für die Türsteher des Restaurants; er hatte sich einen einfachen Namen zugelegt. Unangenehm war, dass er ihn jetzt wiederholen musste, das Mädchen hatte Hank statt Frank verstanden. Ich hätte es bei Hank belassen können, dachte er, aber er hatte sich an Frank gewöhnt, Frank." Ab der dritten Erzählung geht es dafür stetig bergauf. "Turksib" ist eine Art Reiseerzählung. Eine literarische Begleitung einer Reise durch radioaktiv verseuchte Kasachische Schneelandschaften, mit einem tickenden Geigerzähler als immer wieder eingeschobenem Leitmotiv, und die sich ins Groteske steigernde Begegnung des (deutschen) Ich-Erzählers mit einem Heine zitierenden (russischen) Heizer macht diese Erzählung zu einem sehr komplexen, auf vielen Wirklichkeitsebenen agierenden Gleichnis. Großartig auch "Der Stotterer"; eine Erzählung, die das Leben eines Mannes, der allgemein nur als "der Stotterer" bekannt ist, aus der durch viele Jahre gefilterten Sicht eines Jungen erzählt. Ein Leben, das erst mit dem absurd-unnötigen Tod des Mannes Aufmerksamkeit erregt. Wie Lutz Seiler in dieser Erzählung quasi beiläufig ein nachklingendes Porträt des stotternden und vermeintlich geistig unterentwickelten Mannes zeichnet, ist schlichtweg beeindruckend. "Vielleicht war es das, was mich zuerst in Bann geschlagen hatte. Aus der Entfernung (vier Garagen lagen zwischen uns) konnte ich kaum etwas klarer verstehen, und regelmäßig wurde seine Litanei überdröhnt von dem Gleis, das nur wenige Meter hinter den Garagen entlanglief. Kam ein Zug vorbei, wurde der Stotterer lauter, und am Ende brüllte er fast, als dürfe das Gespräch mit dem Wagen niemals abreißen oder als gäbe es gerade in diesem Moment noch viel zu sagen. Wenn er dann in seiner Anstrengung oder Selbstvergessenheit versäumte, die Stimme rechtzeitig wieder zu dämpfen, verstand ich ein paar Worte oder eine Wendung, etwas wie Moniooko-kio-kio oder Kawei-kaweiweso ... Aber genauer erinnere ich mich nicht, und schon damals wäre es mir schwergefallen, etwas von den Garagengesprächen des Stotterers und seiner Sprache wiederzugeben, obwohl ich darin ganze Geschichten hörte." "Der Badgang" und die titelgebende Erzählung "Die Zeitwaage" sind weitere blendende Erzählungen, während die Erzählung "Gavroche" der persönliche Favorit des Rezensenten ist. Schach und Liebe sind die beiden Hauptzutaten in dieser auch etwas absurden, aber doch sehr zärtlich-poetischen Liebesgeschichte ohne ein glückliches Ende. "Woran ich zuerst denke: der Moment, in dem ihr Auf und Ab plötzlich aussetzt, auf halber Höhe, und alles steht still. Ihre Leichtigkeit, ihre Haare im Gesicht, ihre Beine, die meine Hüften umschließen. Ich gehe langsam zum Fenster und drehe mich um. Ihr linker Arm in meinem Nacken, fest, eine Klammer, sie greift mit der rechten Hand zum Fensterwirbel und stützt ihre Fersen auf das Fensterbrett ... Gavroche richtete sich langsam auf, und ich sah noch, wie sie eine der Figuren berührte, vielleicht ziehen oder nur streicheln wollte, das hatte sie öfter getan, die Figuren zur Hand genommen und mit ihnen gesprochen, ihnen gut zugeredet, so jedenfalls hatte es sich angehört, wenn ich ins Zimmer gekommen war und sie es nicht sofort registriert hatte ..." Eine immense, poetisch-leidenschaftliche Zärtlichkeit in jeder Zeile dieser nostalgischen Erzählung, die für mich die Krönung dieser Sammlung ist. Ein großartiges, originelles Debüt, das sich klar von der harmlosen, kommerziell erfolgreichen Ich-Befindlichkeitsprosa mancher junger Autoren distanziert. Prosa, die man sich teilweise wirklich bewusst und unter Umständen auch mühsam erschließen muss, um sie genießen zu können. Eine dankbare Aufgabe, wenn man die Belohnung in Relation dazu stellt. Da ist es auch nicht weiter schlimm, wenn nicht alle Erzählungen das Niveau halten. (Erstveröffentlicht auf www.sandammeer.at, Roland Freisitzer; 12/2009)

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