Ma Jian

 4.2 Sterne bei 13 Bewertungen
Autor von Peking-Koma, Red Dust und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Ma Jian

Ma Jian wurde 1953 in Qingdao, China, geboren. Nachdem er als Fotojournalist für ein staatliches Magazin gearbeitet hatte, unternahm er eine dreijährige Reise durch China und sammelte seine Eindrücke in dem Reisebericht «Red Dust: 3 Jahre unterwegs durch China», für den er den Thomas Cook Travel Book Award erhielt. 1987 zog er von Peking nach Hongkong, um der Staatszensur zu entgehen, reiste aber 1989 wieder nach China, um die Aktivisten auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu unterstützen. Mittlerweile lebt er im Londoner Exil und ist mit Flora Drew, seiner englischen Übersetzerin, verheiratet.

Alle Bücher von Ma Jian

Peking-Koma

Peking-Koma

 (8)
Erschienen am 01.04.2011
Red Dust

Red Dust

 (2)
Erschienen am 01.03.2009
Die dunkle Straße

Die dunkle Straße

 (1)
Erschienen am 31.07.2015
Red Dust

Red Dust

 (1)
Erschienen am 03.08.2006
The Dark Road

The Dark Road

 (1)
Erschienen am 04.04.2013
The Noodle Maker

The Noodle Maker

 (0)
Erschienen am 05.05.2005
Beijing Coma

Beijing Coma

 (0)
Erschienen am 23.06.2009
Stick Out Your Tongue

Stick Out Your Tongue

 (0)
Erschienen am 04.01.2007

Neue Rezensionen zu Ma Jian

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Rezension zu "Die dunkle Straße" von Ma Jian

ein unglaubliches Buch über die Ein-Kind-Politik in China
renievor 3 Jahren

In China möchte frau nicht Frau sein - zumindest nicht in jener Gesellschaftsschicht, in die uns Ma Jian mit seinem großartigen Buch über die Ein-Kind-Politik in China führt. Eine Geschichte, die schockierend, bewegend, dramatisch und unvorstellbar zugleich ist.
Ma Jian gewährt mit diesem Roman einen ungeschönten Einblick in das Leben der chinesischen Bauern und Wanderarbeiter in der heutigen Zeit. Er porträtiert denjenigen Teil der chinesischen Gesellschaft, dem bisher ein Stück von dem Kuchen namens "Wirtschaftswunder" verwehrt geblieben ist und stattdessen aufgerieben wird zwischen Tradition und Fortschritt.

Worum geht es in diesem Buch?
"Weit entfernt von dem chinesischen Wirtschaftswunder und den hellen Lichtern von Peking und Shanghai liegt ein riesiges ländliches Hinterland, das die brachialen Folgen von Industrialisierung und Ökonomisierung zu tragen hat.
Dort leben die Bäuerin Meili und ihr Mann Kongzi, ein Nachkomme von Konfuzius in der sechsundsiebzigsten Generation. Die beiden wollen neben ihrem ersten Kind, einem Mädchen, einen Sohn, um das Erbe fortzusetzen. Da ihnen die Behörden, die für alle die Einkindehe vorschreiben, mit Zwangssterilisation drohen, fliehen sie. Auf dem Jangtse, einem letzten Hort staatlicher Unorganisiertheit und mithin gewisser Freiheiten, führen sie ein illegales Tagelöhner- und Flussnomadenleben. Jahrelang schlagen sie sich auf vergifteten Gewässern und in ruinierten Landschaften durch, bevor sie schließlich auf einem Müllplatz für die Ausschlachtung westlichen Elektronikschrotts landen..." (Klappentext)

Meili - was habe ich mit dieser Frau gelitten. Sie ist mit Kongzi verheiratet, einem direkten Nachfahren von Konfuzius (wenn auch in der 76. Generation), der sich auch noch etwas auf seinen berühmten Vorfahren einbildet. Da er in dem Dorf, in dem sie vor ihrer Flucht gelebt haben, als Lehrer tätig war, gibt er gern den Intellektuellen. Insbesondere seine Frau lässt er seine vermeintlich geistige Überlegenheit spüren. Anfangs war Meili stolz auf ihn und hat es als gegeben hingenommen, dass sie als Frau "dumm" ist. Aber während ihrer Flucht stellt sie fest, wie wenig belastbar ihr kluger Ehemann doch ist. Seine Versuche, die Familie irgendwie durchzubringen, sind oft zum Scheitern verurteilt. Meili entwickelt sich zu derjenigen, die die Familie am Leben erhält. Kongzi würde das wahrscheinlich anders sehen, denn in seinem Gesellschaftsbild ist die Frau dem Mann geistig unterlegen. Auch, wenn Kongzi sich zu einer großen Enttäuschung entwickelt, Meili würde ihn nie verlassen. Das verbieten ihr die traditionellen Werte.

"Als sie ihn mit siebzehn heiratete, war sie der Auffassung, die Ehe sei für immer und die Regierung würde die Menschen beschützen und versorgen, so wie die Ehemänner ihre Ehefrauen beschützten und versorgten. Aber kaum war sie verheiratet, zerplatzten ihre naiven Vorstellungen. Sie entdeckte, dass Frauen nicht über ihren Körper bestimmen konnten: Ihre Gebärmutter und die Geschlechtsorgane sind Kampfgebiete, um deren Beherrschung Ehemänner und der Staat miteinander ringen, Gebiete, die Ehemänner für ihre eigene sexuelle Befriedigung und zur Zeugung männlicher Nachkommen benutzen und die der Staat untersucht, überwacht, beschattet und ausschabt, um seine Macht zu festigen und Angst zu verbreiten." (S. 244)

In Meili's Kulturkreis ist die chinesische Frau dem Mann untertan. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, dem Mann einen männlichen Nachkommen zu schenken, damit der Fortbestand des kostbaren Familiennamens gewährleistet ist. Dieser Aufgabe steht die chinesische Ein-Kind-Politik im Weg. Mithilfe von Methoden, die mich immer wieder an die Judenverfolgungen im Dritten Reich erinnert haben, sorgt die sogenannte Familienplanungsbehörde für die Einhaltung dieses Gesetzes. Zwangssterilisationen und Zwangsabtreibungen (egal, wie weit die Schwangerschaft bereits fortgeschritten ist) sind dabei für die Schergen dieser Behörde ein probates Mittel. Misshandlungen und Korruption sind da noch das kleinere Übel bei den chinesischen Gesetzeshütern.

"'Zweihundertzehn Yuan für die Intrauterininjektion, zweihundertsechzig für die Narkose, hundertneunzig für Verschiedenes - das ist die Gebühr für die Entfernung der Kindsleiche -, außerdem Wäsche und Arbeitskosten. Insgesamt 775 Yuan. Normalerweise beträgt der Preis für einen Abbruch im achten Monat 1400 Yuan, Sie haben also einen Nachlass von fünfzig Prozent bekommen. Ich an Ihrer Stelle würde bezahlen und gehen...'" (S. 108)

Unvorstellbar, welchem Druck Meili ständig ausgesetzt ist
der Druck, nicht mehr schwanger werden zu dürfen, weil das Gesetz es verbietet
der Druck, wieder schwanger werden zu müssen, weil der männliche Nachkomme fehlt
der Druck, eine gute Ehefrau zu sein - ein Mann hat schließlich seine sexuellen Bedürfnisse
der Druck, für ihre Familie sorgen zu müssen, weil ihr Ehemann dazu nicht in der Lage ist
Manch eine würde an diesem ausweglosen Schicksal zerbrechen. Nicht so Meili. Sie fügt sich in ihr Schicksal, windet sich irgendwie durch's Leben und schafft es, sich ihre Träume von einem besseren Leben zu bewahren.

"Obwohl Meili aus einer Bauernfamilie kommt, sehnt sie sich danach, wie die reichen Frauen in den Fernsehserien zu leben, die klimatisierte Wohnungen und klimatisierte Autos haben und noch nie in ihrem Leben auf einem Feld waren. Wenn sie erst einmal eine von ihnen ist, wird auch sie geschneiderte Kostüme tragen, sich die Nägel rot lackieren und mit eleganten Sandalen an den Füßen ein klimatisiertes Flugzeug besteigen oder in einem Luxushotel über Teppichboden schreiten." (S. 125)

Das Ziel ihrer Reise ist "Himmelsstadt" - ein verlockender Zufluchtsort? Die Verzweiflung der Familie und das Bedürfnis nach Ruhe und Sicherheit ist so groß, dass sie einen Ort, der dioxinverseucht ist und als Schrottplatz für westlichen Elektronikschrott genutzt wird, als das Paradies ansehen.

In diesem Buch wird vieles als selbstverständlich dargestellt: die Minderwertigkeit der Frauen, die Willkür der Behörden, die Brutalität gegenüber Frauen; aber auch das Leben inmitten von vergifteten Landschaften und die stoische Akzeptanz der gesundheitlichen Folgen. Die Fassungslosigkeit kennt beim Lesen keine Grenzen. Ma Jian schreibt ungeschönt und ungefiltert. Oft sind die Dinge, über die er berichtet, kaum zu ertragen. 

"..., verkaufte ein Dorfbewohner seinen Sohn, der einen Klumpfuß hatte, an eine Verbrecherbande, ... Andere Eltern, die diesen Reichtum voller Neid betrachteten, versuchten auf ähnliche Weise zu Geld zu kommen. Jetzt verstümmeln sie ihre Kinder gleich nach der Geburt, sie brechen ihnen die Knochen oder verdrehen ihnen die Glieder, denn sie wissen, je schlimmer die Verstümmelung, desto mehr Geld lässt sich damit verdienen." (S. 202)

Dabei lässt Ma Jian immer wieder Zeilen aus alten chinesischen Gedichten und Liedern einfließen. Das Rezitieren ist ein netter Zeitvertreib für Kongzi, aber auch für Meili. Dadurch gelingt es ihnen manchmal dem Alltag zu entfliehen. Diese Zeilen sind natürlich sehr poetisch und blumig, stehen aber im krassen Gegensatz zu den Horrorszenarien, mit denen insbesondere Meili zu kämpfen hat. Dadurch wird das Hässliche in diesem Buch noch hässlicher und unerträglicher.

Fazit:
Dieses Buch war für mich ein Glücksgriff, auch, wenn ich die Geschichte von Meili und ihrer Familie manches Mal kaum aushalten konnte. Meine Auswahl der Zitate spiegelt nur ein sehr geringes Maß der, in diesem Buch vorkommenden Schreckensszenarien wider. Ich bin jedoch froh, dass ich diesen Roman gelesen habe. Der Einblick, den Ma Jian in einen großen Teil der heutigen chinesischen Gesellschaft gewährt, ist beeindruckend. China ist weit weg. Und es liegt nicht unbedingt im Interesse dieses Landes über derartige Themen zu berichten. Offiziell gibt es keine Probleme in dem geschilderten Ausmaß. Insofern ist dieses Buch ein außergewöhnliches Aufklärungsdokument, das ich nur jedem empfehlen kann, der Interesse an anderen Kulturkreisen hat. Nur Schwangere sollten ihre Finger von diesem Buch lassen, denn diese Geschichte geht an die Nerven ;-)

© Renie

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Annius avatar

Rezension zu "The Dark Road" von Ma Jian

Eine chinesische Familie auf der Flucht
Anniuvor 3 Jahren

Klappentext

“Far away from the Chinese economic miracle, from the bright lights of Beijing and Shanghai, is a vast rural hinterland, where life goes on much as it has for generations, with one extraordinary difference: ‘normal’ parents are permitted by the state to have only a single child. The Dark Road is the story of one such ‘normal’ family—Meili, a young peasant woman; her husband, Kongzi, a village schoolteacher; and their daughter, Nannan.

Kongzi is, according to family myth, a direct lineal descendant of Confucius, and he is haunted by the imperative to carry on the family name by having a son. And so Meili becomes pregnant again without state permission, and when local family planning officials launch a new wave of crackdowns, the family makes the radical decision to leave its village and set out on a small, rickety houseboat down the Yangtze River. Theirs is a dark road, and tragedy awaits them, and horror, but also the fierce beauty born of courageous resistance to injustice and inhumanity.”

Meine Meinung

Eine chinesische Familie flieht vor der brutalen Staatsgewalt und der Einkindpolitik, die auf dem Land gnadenlos umgesetzt wird. Ein spannendes Thema, wie ich finde. Da mich Bücher, die in Asien spielen, sehr interessieren, hat mich der Klappentext sofort neugierig gemacht. Die Lebensgeschichte der jungen Familie ist auch in der Tat spannend und ereignisreich. Jedoch sind viele Szenen nichts für schwache Gemüter, denn auch vor Vergewaltigungen, Morden und gewaltsamen Eingriffen wird hier nicht zurückgeschreckt. Da mein Wissen über die Politik Chinas sehr begrenzt ist, kann ich nicht sagen, wie realistisch diese Schilderungen sind.

Trotz der brisanten Thematik und einer sprachlichen Umsetzung, welche die unbeschreibliche Brutalität sehr passend in einfache, aber derbe Worte fasst, hatte ich jedoch meine Probleme mit dem Buch. Zur weiblichen Protagonistin, der jungen Mutter Meili, die von einem besseren, modernen Leben in der Stadt träumt, habe ich schnell einen emotionalen Bezug finden können. Auch wenn ich mich wirklich ständig gefragt habe, warum sie ihren Mann Kongzi nicht endlich verlässt. Da spielt der kulturelle Raum sicherlich eine entscheidende Rolle, aber dennoch war mir Kongzi (und hier kommen wir zu meinem größten Kritikpunkt) dermaßen unsympathisch, dass es mir schwer fiel, seine Motive nachzuvollziehen. Er ist vollkommen auf sich und seine Ideale konzentriert, agiert dabei sehr herzlos und behandelt Meili oftmals eher wie einen Gegenstand, den Mittel zum Zweck, eine Gebährmaschine für den ersehnten männlichen Erben. Sein Lebenstil wirkt sehr beschränkt und unverständlich. Daher bin ich nicht wirklich warm geworden mit der Geschichte und habe mich vor allem mit dem letzten Drittel sehr schwer getan.

Definitiv keine leichte Lektüre und kein Buch, das gute Laune verbreitet. Dennoch ein interessanter Einblick in die Mentalität einer chinesischen Familie, die mir aber leider sehr fremd geblieben ist.

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Ruth_liests avatar

Rezension zu "Peking-Koma" von Ma Jian

Rezension zu "Peking-Koma" von Ma Jian
Ruth_liestvor 7 Jahren

Ein junger Mann liegt zehn Jahre im Wachkoma. Er hört und spürt seine Umgebung ohne dass diese es bemerkt. Von seinem Bett aus erlebt und schildert er die Umwälzungen in Peking in diesen zehn Jahren. Auf einer zweiten Ebene erzählt er seine Geschichte bis zum Juni 1989. So nahm er als Student an den Demonstrationen auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking teil und wurde von einem Schuss so schwer verletzt, dass er den Rest seines Lebens im Koma verbringt.

Ob vor oder nach 1989 – sein gesellschaftliches Umfeld ist geprägt von Gewalt, Willkür, Ohnmacht und Grausamkeit. Der hervorragend geschriebene Roman lässt wenig Hoffnung auf eine große politische Veränderung in China zu und hinterlässt den Leser in reichlich melancholischer Stimmung. Dennoch absolut empfehlenswert!

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