Madeleine Thien Flüchtige Seelen

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Inhaltsangabe zu „Flüchtige Seelen“ von Madeleine Thien

Die Neurologin Janie kam als Mädchen von Kambodscha nach Kanada und hat sich in Montreal ein neues Leben aufgebaut. Als ihr Kollege und Mentor Hiroji plötzlich spurlos verschwindet, bricht diese Welt für sie zusammen, und sie muss sich der eigenen Vergangenheit stellen. Die preisgekrönte Schriftstellerin Madeleine Thien folgt den Erinnerungen, Verletzungen und Träumen ihrer Figuren aus dem Kanada der Gegenwart in den tropischen Dschungel Kambodschas in den siebziger Jahren, als dort die Roten Khmer mit brutalem Terror und der Ermordung von Millionen von Menschen eine neue Gesellschaftsordnung errichten wollten. Mit klarer, sanfter Sprache erzählt sie vom Verlust und von der Wiedergewinnung der Menschlichkeit.

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    Flüchtige Seelen
    Kerstin-Scheuer

    Kerstin-Scheuer

    07. September 2015 um 11:23

    Wieder einmal habe ich mich bei der Wahl meiner Lektüre auf Litprom verlassen und den Gewinnerroman des LiBeratur Preises 2015 gelesen, ohne mich im Vorfeld genauer darüber zu informieren. Mit „Flüchtige Seele“ von Madeleine Thien habe ich einen anspruchsvollen und traurigen Roman über das oft lebenslängliche Leiden von Flüchtlingen gefunden. Leider war dieses hochaktuelle Thema in einer sehr emotionslosen Sprache erzählt, die mich nicht berühren konnte. Worum geht es? Als Janies Vorgesetzter und Mentor Hiroji von einem Tag auf den anderen spurlos verschwindet, macht sich Janie selbst auf die Suche nach ihm. Die Spur führt ausgerechnet nach Kambodscha, wo Hirojis Bruder vor vielen Jahren verscholl, nachdem er dort als Mitarbeiter für das Rote Kreuz tätig war. So wird Janie, die selbst als junges Mädchen vor der Roten Khmer aus Kambodscha floh, von ihrer eigenen Vergangenheit eingeholt. Warum habe ich es gelesen? Madeleine Thien wurde für „Flüchtige Seelen“ in diesem Jahr mit dem LiBeratur Preis ausgezeichnet. Mir war sie bis dahin völlig unbekannt. Da sie sich aber gegen starke Konkurenz durchsetzen konnte, wurde ich neugierig auf diesen Roman, der mit der Flüchtiglingsthematik ein dieser Tage so brandaktuelles Thema aufgreift. Wie war mein erster Eindruck? Vorallem ihre wunderschönen Sprachbilder, die in einem scheinbaren Gegensatz zur todtraurigen Geschichte stehen, hatten es mir sofort angetan. Ich las beispielsweise von einer Katze, die in „Sonnenscheinpützen“ badete und hatte sofort ein deutliches Bild dieser Szene vor Augen. Madeleine Thiens Umgang mit Sprache ist wunderschön und voller zarte Poesie, die dem Grauen, über das sie berichtet, etwas die Schärfe nimmt. Wie fand ich den Aufbau? Dicht verwebt Madeleine Thien in „Flüchtige Seelen“ Erinnerungsfragmente, fiktive Tagebucheinträge und Flashbacks zu einer atmosphärisch dichten Einheit. Immer wieder werden ihre Figuren von grauenhaften Szenen von ihrer Flucht und anderen Erinnerungen auf ihrer Vergangenheit unter der Terrorherrschaft der Roten Khmer eingeholt. Dabei gelingt es Madeleine Thien, dass ich stets den Überblick über Ort und Zeit behalte. Zu groß ist der Kontrast zwischen dem Heute im winterlichen Kanada und dem Gestern im schwülen kambodschanischen Dschungel. Zudem wechselt die Erzählperspektive je nach Gattung des Textes. Zwar ist der Hauptteil in der dritten Person verfasst; Tagebucheinträge und Erinnerungsfragmente sind jedoch teilweise Inder Ich-Perspektive geschrieben. Auch das sorgt für Klarheit dem Leser. Auch dass die einzelnen Kapitel jeweils einem bestimmten Charakter zugeordnet sind, erleichterte mir die Orientierung. So war stets klar, über wessen Vergangenheit und Erinnerungen ich nun lesen werde. Stück für Stück fügen sich so im Laufe des Romans die einzelnen Teile ineinander, bis ein komplexes vollständiges Bild entsteht. Wie fand ich die Charaktere? Madeleine Thien kommt in „Flüchtige Seelen“ mit gerade einmal sechs Charakteren aus, die alle wunderbar ausdifferenziert und komplex dargestellt werden. Was die Sache bisweilen etwas kompliziert erscheinen lässt, ist, dass alle Protagonisten verschiedene Identitäten annehmen, um unter der Roten Khmer und während der Flucht überleben zu können. Es erfordert etwas Aufmerksamkeit, um mitzubekommen, um wen es sich eigentlich handelt. Ich hatte hiermit während des Lesens jedoch nie ein Problem. Ich fand es interessant und spannend, zu erfahren, welche unterschiedlichen Leben die einzelnen Figuren bereits führten. Bisweilen hat man den Eindruck, dass es sich um einen vollkommmen anderen Menschen und eine vollkommen andere Zeit handelt, so unvereinbar erscheinen die verschiedenen Identitäten. Etwas schade fand ich jedoch, dass Madeleine Thien in einem relativ emotionslosen Stil die einzelnen Szenen jeweils nur von außen – einem reinen Beobachter gleich – beschreibt. So konnte ich mich nicht wirklich mit ihren Figuren identifizieren und blieb von dem Gelesen trotz all der Grausamkeiten erstaunlich unberührt. Andererseits zeigt jedoch auch sehr gut die innere Zerrissenheit, die Terror und Flucht bei Thiens Figuren ausgelöst haben. Bei all den furchtbaren Erfahrungen wie Folter, Gehirnwäsche und dem Tod naher Angehöriger, ist ihnen ein halbwegs normales Leben nur möglich, weil sie die Vergangenheit so gut es geht verdrängt oder vermeintlich anderen Personen zugeschrieben haben. Wie fand ich das Buch insgesamt? Mit „Flüchtige Seelen“ legt Madeleine Thien einen anspruchsvollen und traurigen Roman über ein ebenso ernstes wie aktuelles Thema vor. Am Beispiel Kambodschas unter der Herrschaft der roten Khmer zeigt sie auf eindrucksvolle Weise, was Terror und Flucht in einem Menschen bewirken. Auch lange nach ihrer Auswanderung ins sichere, ferne Kanada bleiben Thiens Figuren innerlich zerrissen, erleben immer wieder die dramatischen Szenen ihrer Flucht und ihres Lebens davor und scheitern hierdurch in ihrem neu aufgebauten Leben. „Flüchtige Seelen“ ist keine leichte Kost, die den Leser unterhalten will. Vielmehr ist es eine anstrengende Reise in die Gefühlswelt eines Menschen auf der Flucht vor einem unmenschlichen Staat in ein besseres, freieres Leben. Dabei verschweigt Madeieine Thien nicht, dass dies einigen gar nicht, anderen nur zum Teil und mit Einschränkungen gelingt. Im Ergebnis entsteht so ein ebenso komplexer wie ehrlicher und trauriger Roman über die unterschiedlichen Schicksale von Flüchtlingen, den ich erstaunlich schnell gelesen hatte und der mich noch lange beschäftigte. Das hochaktuelle Thema und die gekonnte, anspruchsvolle Umsetzung, ohne jede Form der Effekthascherei, überzeugen. Vollkommen zu Recht erhielt Madeleine Thien für dieses Werk den LiBeratur Preis. Gerade in diesen Tagen wünsche ich mir für „Flüchtige Seelen“ viele aufmerksame Leser. (mehr Rezensionen: kerstin-scheuer.de)

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  • Ein wunderbarer, berührender Roman

    Flüchtige Seelen
    WinfriedStanzick

    WinfriedStanzick

    18. June 2015 um 11:25

    Wo kommen wir her ? Wer waren meine Vorfahren, welche Geschichte haben sie erlebt und was hat sie mit mir zu tun ? Welche Kräfte, mir bewusste und noch mehr meinem Bewußtsein nicht zugängliche, wirken aus der Vergangenheit auf mich ein ? Besonders aus den Teilen der Vergangenheit, die unklar, mit Schuld beladen und dunkel sind. Schon in ihrem Erstlingsroman „Jene Sehnsucht nach Gewissheit“ 2008 hat die die mit asiatischen Wurzeln in Kanada geborene Schriftstellerin Madeleine Thien immer wieder diese Fragen gestellt. Auch in ihrem neuen Roman „Flüchtige Seelen“ geht es um dieses Thema.  Thien folgt den Erinnerungen, Verletzungen und Träumen ihrer Figuren aus dem Kanada der Gegenwart in die tropischen Wälder des  Dschungels Kambodschas in den siebziger Jahren, als dort die Roten Khmer mit brutalen Terror und der Ermordung von Millionen von Menschen eine neue Gesellschaftsordnung errichten wollten. Hauptperson ist Janie, eine vor vielen Jahren aus Kambodscha geflohene Neurologin an der Universität in Montreal. Als mitten im Winter ihr alter Mentor Hiroji Matsui spurlos verschwindet, ist sie sehr verstört und versucht herauszubekommen, wo er steckt Offenbar hat er sich auf die Suche nach seinem lange verschollenen Bruder gemacht hat, der als Mitarbeiter des Roten Kreuzes in Kambodscha gelebt hat. Diese Hinwiese lassen mit Macht alte, schmerzhafte Erinnerungen in Janie hochkommen. Erinnerungen, wie sie als kleines Mädchen mit ihrer Familie die Hauptstadt verlassen musste, an die Deportation ihres Vaters, an die Fronarbeit der Mutter mit den Kindern auf dem Land.  Die ganze Schreckensherrschaft der Roten Khmer ist präsent. Doch indem sie die Suche nach ihrem Mentor fortsetzt, der seinerseits auf einer schmerzhaften Suche ist kann sie die Bruchstücke ihrer Vergangenheit wieder zusammensetzen und ihr Leben in der neuen Heimat noch einmal neu beginnen. Ein wunderbarer, berührender Roman, der  erzählt vom schmerzhaften Verlust der Menschlichkeit und von dem Glück, sie wiederzufinden.

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  • Die Traumata der Überlebenden

    Flüchtige Seelen
    Buecherschmaus

    Buecherschmaus

    23. December 2014 um 17:00

    Es gibt über den Vietnamkrieg eine ganze Menge zu lesen, zu schauen, zu erfahren, wenn auch meist aus amerikanischer Sicht. Die Grausamkeiten, die als indirekte Folge davon im Nachbarland Kambodscha geschahen sind viel weniger bekannt. Dort hat 1975 eine maoistische Gruppierung namens Rote Khmer die Herrschaft übernommen, in kürzester Zeit alle Intellektuellen verhaftet, gefoltert und umgebracht, die Stadtbevölkerung aufs Land vertrieben und bis zu ihrer Vertreibung 1978 bis zu 2 Millionen Menschen das Leben gekostet.  Der Roman "Flüchtige Seelen" beginnt 2006 in Vancouver/Kanada, wohin sich Janie, 1975 elfjährig hat retten können. Zuvor muss sie die Ermordung ihres Vaters, eines Übersetzers, miterleben und wird mit Mutter und jüngerem Bruder auf Land verschleppt. Dort müssen auch die Kinder hart arbeiten, der Bruder muss "Volksschädlinge" verhören und schließlich auch über ihre Ermordung entscheiden, die Familie wird auseinander gerissen und gemäß der Rote Khmer-Ideologie, dass jede Form der Individualität oder der mitmenschlichen Beziehungen wie sie z.B. eine Familie darstellt volksfeindlich sei, werden ihre Identitäten zerstört, sie müssen neue Namen annehmen, wissen nichts voneinander. Die Mutter stirbt recht bald an Hunger und Entkräftung, den Geschwistern gelingt gemeinsam die Flucht, aber der Bruder ertrinkt, als das Flüchtlingsboot von seeräubernden Fischern gekapert wird. Ein schreckliches Schicksal, das Madeleine Thien in schlichter, poetischer Sprache schonungslos und frei von jedem Pathos in Rückblicken erzählt. Denn neben den Gräuel, die das kambodschanische Volk erleben musste sind die Spätfolgen, die Traumata der Überlebenden, ihre Erinnerungen das Hauptthema des Buches. Janie hat "Glück gehabt", sie ist nun Neurowissenschaftlerin in Kanada, hat Mann und kleinen Sohn, leidet aber immer noch unter den damaligen Erlebnissen, was sich manchmal in Gewalt ihrem geliebten Kind gegenüber ausdrückt. Sie ist damit nicht allein. Ihr Professor, der japanisch stämmige Kanadier Hiroji leidet auch an den Spätfolgen der schrecklichen Ereignisse vor 30 Jahren. Damals ist sein Bruder James als Rotes Kreuz-Helfer im Kriegsgebiet verschollen und nie wieder aufgetaucht. Hiroji hat diesen Verlust nie verwunden und als er neue Nachrichten aus Kambodscha erhält, verschwindet er zunächst spurlos. Janie weiß, dass auch sie noch einmal in ihre Heimat zurückkehren muss. So rücken die Überlebenden in den Fokus, ihre Ängste und Traumata, ihre Versuche, das Geschehen tatsächlich zu ÜBER-, statt einfach nur weiterzuleben. Damit ist Madeleine Thien ein zutiefst berührendes, ein wichtiges Buch gelungen.

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  • Was man nicht einfach vergessen kann

    Flüchtige Seelen
    serendipity3012

    serendipity3012

    Was man nicht einfach vergessen kann In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts entstand aus der Kommunistischen Partei Kambodschas die Bewegung der Roten Khmer, eine Guerillagruppierung, die dem Land eine neue Ordnung auferlegen wollte und letztendlich sein Volk in die Knie zwang, keinen Widerstand zuließ und einen Massenmord erschreckenden Ausmaßes verübte. Um die 2 Millionen Menschen fielen dem Regime zum Opfer, bis die Herrschaft der Roten Khmer 1978 beendet wurde und die Gruppierung zunächst nur im Untergrund weiter existierte, bevor sie dann Anfang der 90er ihre Auflösung bekanntgab. Madeleine Thien nähert sich in ihrem Roman „Flüchtige Seelen“ dieser Schreckenszeit in Kambodscha an und lässt sie noch einmal vor den Augen des Lesers aufleben. Ihre Hauptfigur ist Janie, die am Neurologischen Institut der Universität von Montreal forscht und glaubt, mit ihrer kambodschanischen Vergangenheit abgeschlossen zu haben. Dann verschwindet ihr väterlicher Freund und Mentor Hiroji spurlos und Janie lässt die Frage nicht los, wo er sein könnte. Er kommt wie sie aus Kambodscha und hat unter der Herrschaft der Roten Khmer Schlimmes erlebt. Es zeichnet sich ab, dass er nach seinem verschollenen Bruder James sucht und sich auf den Weg in die alte Heimat gemacht hat. „Flüchtige Seelen“ widmet sich abschnittweise verschiedenen Episoden in Janies Leben – Janie, die zuvor Mei hieß, die sich eine neue Identität geschaffen hat, schaffen musste, um zu überleben. In Kanada inzwischen verheiratet und Mutter eines Sohnes, kann sie nicht mehr bei ihrer Familie leben, da sie die Vergangenheit nun einholt und nicht mehr loslässt. Wir lesen von ihrer Kindheit in Kambodscha, vom Verlust von Familienmitgliedern und auch von Hirojis Geschichte und Vergangenheit. Zwischen beiden finden sich Parallelen, die verdeutlichen, warum sie eine enge Bindung zueinander haben. Wenn Thiens Geschichte sich der Vergangenheit widmet, wenn es schwerer erträglich wird für den Leser, wenn sie auf den Krieg und auf das Leiden der Menschen schaut – stellvertretend auch für alle anderen Kriege, die es zu allen Zeiten gab und auch gegenwärtig gibt – dann ändert sich auch ihre Sprache, ihre Erzählweise. Wir sehen nicht mehr ganz so klar, verstehen aber trotzdem. „Flüchtige Seelen“ wühlt auf, berührt, verstört. Ist mitunter sperrig zu lesen. Hier kann man noch etwas lernen über ein Land, das selten in den Nachrichten zu sehen ist. Ein empfehlenswerter Roman, schwer, aber nicht ohne Hoffnung für seine Protagonisten.

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    Arun

    Arun

    04. October 2014 um 17:57