Madeleine Thien Sag nicht, wir hätten gar nichts

(4)

Lovelybooks Bewertung

  • 4 Bibliotheken
  • 1 Follower
  • 1 Leser
  • 4 Rezensionen
(2)
(2)
(0)
(0)
(0)

Inhaltsangabe zu „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ von Madeleine Thien

Ein preisgekrönter Roman über China von den 1940ern bis heute, über zwei eng verbundene Musikerfamilien und ihr Schicksal. Die herzzerreißenden Lebensgeschichten der Musiker, ihrer Freunde, Familien und Geliebten, die in den Strudel der Politik geraten, in das Auf und Ab von Revolution, Gewalt und Unterdrückung, führen zu der universellsten und zugleich privatesten aller Fragen: Wie kann der Mensch sich selbst treu bleiben, lieben und kreativ sein, wenn er sich verstellen und verstecken muss, weil er um sein Leben fürchtet? Erzählerin dieses vielschichtigen Epos ist Marie, die mit ihrer Mutter in Kanada lebt und nicht versteht, warum ihr Vater nach China zurückgekehrt ist. Als sie zehn Jahre alt war, haben sie einen Gast bei sich aufgenommen, die junge Ai-ming, die nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens aus Peking geflohen ist. Marie ahnte bald, dass sie eine gemeinsame Geschichte haben, und nun versucht sie, Licht ins Dunkel der Vergangenheit zu bringen.

Eine beeindruckende Geschichte mit leichten Schwächen.

— jasimaus123

Eindrucksvoll geschriebenes Epos, manchmal etwas langatmig.

— Buchperlenblog

Madeleine Thien erschafft eine revolutionäre Romanperspektive auf den Umerziehungsterrorismus im Namen von Mao Zedong

— jamal_tuschick

Stöbern in Romane

Die Stille zwischen Himmel und Meer

mich hat das Buch emotional mitgenommen an die Nordsee

Kuhtipp

In einem anderen Licht

Dunkle Schatten der Vergangenheit fallen auf Dorothea Sartorius

Bellis-Perennis

Der Wasserdieb

Eine Geschichte um Machtkampf und Kourptheit

Arietta

Und Marx stand still in Darwins Garten

Vielversprechender Titel, enttäuschender Inhalt

Schizothekare

Der Klang der verborgenen Räume

Ein starkes Debüt über zwei Frauen, welche sich so ähnlich sind und doch unterschiedlicher nicht leben könnten!

RoteZora

Das Haus ohne Männer

Es brummt im Bienenstock - und das Leben ist einfach immer wieder überraschen. Liebe hat so viele Gesichter!

MissStrawberry

  • Rezensionen
  • Leserunden
  • Buchverlosungen
  • Themen
  • Chinesische Zeitgeschichte

    Sag nicht, wir hätten gar nichts

    Buecherschmaus

    13. November 2017 um 12:03

    „Die Internationale“, jenes „Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung“, das die Einheit der Arbeiter über alle Ländergrenzen hinweg beschwört, existiert selbst in unzähligen nationalen Textfassungen, die voneinander jeweils nicht unerheblich abweichen können. Ursprünglich stammt der Text von Eugène Pottier, der ihn 1871 nach dem Fall der Pariser Kommune verfasste. In der bekanntesten deutschen Version von 1910 heißt es, neben der allseits bekannten Zeile „Völker hört die Signale, Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht“, am Ende der ersten Strophe: „Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger/Alles zu werden, strömt zuhauf!“ (im Original: „Nous ne sommes rien, soyons tous“).In ihrer chinesischen Version wird daraus, in der englischen Übertragung, „Do not say we have nothing, we shall be the masters of the world“. Von hier stammt der Titel von Madeleine Thiens großem Roman über mehr als sechzig Jahre chinesische Geschichte – dankenswerter Weise in der deutschen Ausgabe beibehalten.Denn diese Zeilen stehen in engem Bezug zum Erzählten. Auf fast 650 Seiten, auf denen die Autorin die Lebensgeschichten ihrer Protagonisten ausbreitet, werden diese wie der Leser immer wieder schmerzlich darauf gestoßen, wie wenig die Menschen in China „masters of the world“, ja noch nicht einmal die Meister ihres eigenen kleinen Lebens und das ihrer Familien sein durften. Dass sie im Gegenteil sogar noch weniger als nichts galten in jenem Land der Kulturrevolution, das die Ausrottung des Individualismus auf seine Fahnen schrieb.Zudem spielte „Die Internationale“ auch eine große Rolle bei den Studentenprotesten im Jahr 1989 in China, deren Niederschlagung als „Tiananmen Massaker“ in die Geschichte einging. Sie wurde von den Studenten bei der Räumung des Platzes durch das Militär gesungen.Hiermit sind auch zwei der Eckdaten der chinesischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, wie sie in „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ erzählt wird, benannt. Das dritte große geschichtliche Ereignis und der „Urgrund“ ist der zweite chinesisch-japanische Krieg, der mit großer Grausamkeit von 1937 bis 1945 geführt wurde, schließlich als Teil des Zweiten Weltkriegs.Der Roman beginnt allerdings wesentlich später, mit den Erinnerungen Li-Lings oder Maries oder Ma-Lis im kanadischen Vancouver. Sie ist, wie viele ihrer Schicksalsgenossen und -genossinnen und wie die Protagonistinnen aus den vergangenen Büchern Thiens auch, zerrissen zwischen ihrer westlichen und östlichen Identität. Tochter von chinesischen Eltern, die nach Kanada flüchteten, steht sie irgendwo dazwischen und muss schmerzlich erfahren, wie wenig sie doch von ihrer Abstammung, Familie, ja gar von ihren Eltern weiß.„In nur einem Jahr verließ uns mein Vater zweimal. Das erste Mal, um seine Ehe zu beenden, und das zweite Mal, als er sich das Leben nahm. In diesem Jahr, 1989, flog meine Mutter nach Hongkong, um meinen Vater auf einem Friedhof nahe der Grenze zu China zur Ruhe zu betten. Danach kehrte sie verstört nach Vancouver zurück, wo ich allein zu Hause geblieben war. Ich war zehn Jahre alt.“Ein zutiefst verstörendes Erlebnis, fühlte sich Li-Ling doch bis dahin von ihrem Vater geliebt, geborgen in einer gesicherten, friedvollen Existenz. Auch als erwachsene Frau im Jahr 2016, und das ist eine weitere Zeitebene, die Thien kunstvoll mit derjenigen von 1989 und der aus den Jahren Mao Tse-tungs verschränkt, fragt sich Li-Ling/Marie, was den Vater wohl zu diesem schrecklichen Schritt im Alter von nur 39 Jahren bewogen haben könnte. Mit einer Reise nach Hongkong, während der sie die Hinterlassenschaften des Vaters erhält, öffnet sich ein Fenster in die Vergangenheit. Sie erinnert sich nicht nur an die Zeit der Trauer, sondern auch an das Mädchen Ai-Ming, das 1989 plötzlich in das Leben Maries und ihrer Mutter trat. Marie ist sich aber durchaus der Unsicherheit ihrer Erinnerungen bewusst.„Trotz meiner Bemühungen weiß ich es bis heute nicht. Es ist möglich, dass ich mich an alles falsch erinnere.“Denn auch Ai-Ming verschwand irgendwann aus ihrem Leben und kann ihr heute beim Zusammensetzen des Puzzles genauso wenig helfen wie ihre Mutter, denn diese lernte den Vater erst in Kanada kennen.Ai-Ming geriet im Jahr 1989 in Folge der Studentenproteste in Schwierigkeiten und musste fliehen. Ihre Mutter wandte sich hilfesuchend an Maries, denn die beiden Väter waren einst sehr gute Freunde. Mit Ai-Ming erreichen auch bisher unbekannte Tatsachen die behütete Welt in Kanada. Geschichten über Maries Vater, der als einziges Familienmitglied die große Hungersnot, die in China in den Jahren 1958 bis 1961 nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 15 und über 40 Millionen Menschenleben gefordert hatte, überlebte. Fatale Witterungsbedingungen, aber auch große politische Fehlentscheidungen während Maos Kampagne „Der große Sprung nach vorn“, führten zu dieser verheerenden Katastrophe. Nur dank eines „Professors“ in Shanghai, der Maries Vater Jiang Kai bei sich aufnahm, konnte dieser die Zeit überstehen. Er wurde zu einem begabten Pianisten an der Hochschule für Musik. Dort lernte er Ai-Mings Vater kennen, der sein Lehrer wurde und selbst ein sehr talentierter Komponist war. Die Dritte im Freundschaftsbunde war Zhuli, dessen Cousine und ihrerseits leidenschaftliche Violinistin.An dieser Stelle sei eine Kritik meinerseits erlaubt, die sich auf die Namensgebung in der deutschen Übersetzung bezieht. Während die Personen im Original mit ihren Spitznamen „Sparrow“, „Swirl“, „Big Mother“ usw. benannt werden, hat sich die Übersetzerin für die weitaus weniger geschmeidigen „Kleiner Sperling“, „Wirbelwind“, „Große Mutter Messer“, „Alte Katze“ usw. entschieden. Für mich litt dadurch nicht unerheblich die Flüssigkeit des Textes, da die Namen sehr oft vorkamen. Eine Entscheidung, die vielleicht dem chinesischen „Flair“ geschuldet sein mag, für mich aber nicht zwingend erscheint.Rund um die drei Freunde und ihre Familien erleben wir nun nicht nur die dramatischen geschichtlichen Ereignisse während der Herrschaft Mao tse-tungs und der vorsichtigen Öffnungs- und Reformpolitik unter seinem Nachfolger Deng Xiaoping. Die Studentenproteste 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens, die, hervorgegangen aus Trauerfeierlichkeiten um den Reformpolitiker Hu Yaoang, bald in die Forderung nach mehr Demokratie mündeten und deren Niederschlagung durch die Armee vermutlich mehrere tausend Opfer, Verhaftungen und Hinrichtungen zur Folge hatte (wenn auch fälschlicherweise vom Massaker auf dem Tiananmen-Platz gesprochen wird, da die Studenten auf dem Platz friedlich abziehen konnten. Die Opfer entstanden an Barrikaden und Kämpfen in der Stadt) bilden den dramatischen, spannenden Höhepunkt des Romans.Ein wichtiges Motiv ist auch die Musik, der die Freunde leidenschaftlich ergeben sind. Bachs Goldberg Variationen, Prokovjev, Schostakovitch und Debussy durchziehen mit ihren Kompositionen das gesamte Buch. Die Liebe zu dieser „westlichen“ Musik und die Träume der jungen Musiker bilden nicht nur den, musikalisch ausgedrückten und im Text immer wieder betonten, „Kontrapunkt“ zu den Unterdrückungen, Verfolgungen, Schikanen, Folterungen und Hinrichtungen, die während der Kulturrevolution 1966-1976 geschätzt „1,5 bis 1,8 Millionen Todesopfer, die gleiche Anzahl von dauerhaft körperlich Versehrten, 22 bis 30 Millionen direkt politisch Verfolgte; über hundert Millionen der von "Sippenhaft" Betroffene“ forderte. Sie führte auch unmittelbar dazu, dass die drei Freunde selbst zu den Verfolgten gehörten. Diese klassische westliche Musik galt plötzlich als dekadent und individualistisch (was Mao aber nict davon abhielt in Peking ein eigenes hochklassiges Symphonieorchester aufbauen zu lassen), wurde verboten und verfolgt. Vielleicht lag es daran,„dass sie so viele Gefühle in uns aufwühlen, dass sie uns veranlassen, uns nicht nur zu fragen, wer wir sind, sondern auch, wer wir sein wollen.“Zhuli, deren Vater, Wen, der Träumer, als Schriftsteller selbst vor den Verfolgungen als „Volksfeind“ fliehen musste, traf es dabei am härtesten. Jiang Kai passte sich an, konnte in Peking weiterhin als Musiker arbeiten. Sperling wurde zur Arbeit in einer Radiofabrik bestimmt.Eindrücklich erzählt Madeleine Thien von der Verschwendung von Talent und Energie durch die Verfolgung von Intellektuellen, Künstlern, Lehrern, „Bürgerlichen“. Den Verlust von Identitäten, Selbstvertrauen, der Schizophrenie, in die sich die Menschen begeben mussten: in die öffentliche Person, die in endlosen Selbstkritiken und Denunziationen sich selbst, Freunde und Familie anklagen und beschuldigen musste, wenn dies auch oft nur oberflächlich und mechanisch geschah, und die private Person zuhause. Den Belastungen, unter denen die Familien, Ehen und Freundschaften oftmals zerbrachen. Der Einzelne zählte nichts, durfte nicht über sein Leben bestimmen, Arbeitsplatz, Ehe, Reiseerlaubnis, Wohnort, alles wurde von den Machthabern bestimmt. Ganz nach der Leitlinie „Um das Denken zu verändern, musste man nur seine Lebensumstände ändern.“Jiang Kai gelingt als einzigem die Flucht aus China. Er gründet in Kanada eine neue Existenz, eine Familie. Aber vergessen kann auch er seine Heimat, seine Jugend, die Opfer, die seine Anpassung dort forderten, nicht. Mit Sperling verband ihn zudem, wie im Laufe der Erkundigungen Maries und der Puzzleteichen, die bereits Ai-Ming beigesteuerte, offenbar wird, eine zarte homosexuelle Liebe.Madeleine Thien verhandelt viele verschiedene Themen in ihrem großen Epos. Es geht um politischen Wahn und Machtlosigkeit, Anpassung und Widerstand, Aufrichtigkeit und Wahrheit, Verlust und Erinnerung. Und nicht zuletzt um Kunst, speziell um Musik, die, wenn auch nur beschränkt, ein Rettungsanker sein kann. Ein weiteres „künstlerisches“ Motiv ist „Das Buch der Aufzeichnungen“, von Wen dem Träumer gesammelte und aufgeschriebene Geschichten, die im Verlauf des Romans unzählige Male abgeschrieben, umgewandelt und ergänzt, zeitweise als kodierte Botschaften in Umlauf gebracht werden und die beiden Familien verbindet. Es ist ein Symbol für die Widerständigkeit von Literatur, dafür, dass auch unterdrückte Wahrheiten überdauern. Es wird schließlich, zumindest in Auszügen bei Marie in Kanada landen.Für die Erzählerin Marie ist es wie ihre eigenen Aufzeichnungen „zurückzuführen (…) auf diesen beharrlichen Wunsch: die Zeit zu verstehen, in der wir leben. Die Aufzeichnungen zu machen, die gemacht werden müssen, und sie am Ende loszulassen. Das würde ich meinem Vater sagen. Darauf zu vertrauen, dass eines Tages jemand anderes die Aufzeichnungen fortsetzt.“„Es ist töricht zu glauben, dass eine Geschichte endet. Es gibt so viele mögliche Enden wie Anfänge.“„Sag nicht wir hätten gar nichts“ ist ein überwältigender Roman – in Hinsicht auf seine Themenfülle und der Eindringlichkeit und Klarheit, mit der die geschichtlichen Ereignisse geschildert werden. Seine Verflechtungen der Zeitebenen und seine Personenfülle fordern den Leser. Auch treten, wie bei den meisten Romanen dieses Umfangs, besonders im Mittelteil gelegentliche Längen auf. Er zählt für mich aber zu den eindrücklichsten Leseerlebnissen dieses literarisch eh schon hochklassigen Jahres. Er entwickelt einen ungeheuren Sog, ist eindringlich, voller Leben und Empathie, ohne jegliche Sentimentalität, detailreich, poetisch und vor allem großartig konstruiert. Er spielt mit der Sprache, den chinesischen Schriftzeichen, zieht mit dem „Buch der Aufzeichnungen“, das auf ein ebenso verfolgtes literarisches Werk aus dem Jahr 91 v.Chr., den „Historical Records“ von Sima Qian anspielt, eine Metaebene ein und liefert nicht zuletzt eine zutiefst berührende Familien- und Freundschaftsgeschichte. Madeleine Thien stand 2016 auf der Shortlist des Man Booker Prize. Bekommen hat sie den Preis nicht. Verdient hätte sie ihn schon.

    Mehr
  • Eine bewegende Familiensaga!

    Sag nicht, wir hätten gar nichts

    jasimaus123

    09. October 2017 um 08:20

    In diesem Buch wird die Geschichte von drei Generationen von Musikerfamilien während des Aufstiegs der chinesischen Partei in den 1940er-Jahren und der etwas später darauf folgenden Kulturrevolution. Dabei behandelt das Buch vor allem das Thema, wie kann man sich selbst und seiner Leidenschaft treu bleiben, wenn sein eigenes Land durch politische Unruhen zerrüttelt wird und man um sein und das Leben seiner Liebsten fürchtet. Etwas das ich schon während des Lesens sehr bedauert habe, war die Tatsache, dass ich sehr wenig über die Geschichte Chinas weiß. In meinem Geschichteunterricht beschränkten wir uns vor allem auf die europäische Geschichte. Ich glaube, ich hätte den Roman noch einmal mit ganz anderen Augen betrachtet, wenn ich schon zuvor mehr über die politischen Unruhen in China gewusst hätte. Dennoch muss ich sagen, dass mich das Buch sehr bewegt und einen tiefen Eindruck hinterlassen hat. Gerade dadurch, dass man die Geschichte Chinas durch drei verschiedene Generationen erlebt, zeigt noch einmal deutlicher wie schlimm es für die Menschen in dieser Zeit gewesen sein muss. Es brauchte jedoch eine Weile bis die Geschichte mich für sich gewonnen hat. Dadurch, dass das Buch sehr viele Charaktere enthält, war ich anfangs sehr verwirrt wie nun die Beziehungen zwischen den Personen sind. Das hat sich leider bis ans Ende durchgezogen, obwohl ich mir von Kapitel zu Kapitel immer leichter tat. Trotzdem hat dieser Aspekt das Lesevergnügen doch etwas eingeschränkt und das finde ich sehr schade. Wäre vorne im Buch ein kurzer Stammbaum, oder zumindest ein Personenverzeichnis gewesen, hätte man dieses Problem gelöst. Ich könnte mich nämlich vorstellen, dass es mehreren Lesern diesbezüglich gleich geht wie mir. Ansonsten kann ich zu diesem Werk aber keine Kritik finden. Madeleine Thien erzählt in einem wundervollen Schreibstil auf berührende Weise wie viel Schrecken sich in der Geschichte China versteckt. Dabei geht sie sehr stark auf die Gefühle und das Innenleben ihrer vielseitigen Charaktere ein und schafft es, mich vollkommen in den Bann zu ziehen. Das Buch ist wirklich keine einfache Lektüre und mit viel Schmerz verbunden. Gleichzeitig gibt es selbst in dieser dunklen Zeit Momente in denen die Protagonisten Hoffnung schöpften und diese gefielen mir am besten. Ich bin sehr dankbar, dass Madeleine Thien einen Teil der chinesischen Geschichte in ihrem Buch festhält und an uns Leser weitergibt. FAZIT:Eine bewegende Familiensaga, die ein erschütterndes Portrait einer Musikerfamilie während der politischen Krisen in China darstellt. Anfangs fiel es mir etwas schwer die Personen zuzuorden, doch je weiter man liest, desto mehr beginnt man sich in der Geschichte zu verlieren und mit den Charakteren zu weinen, zu lachen und zu hoffen.

    Mehr
  • Eindrucksvolles, wenn auch zuweilen etwas langwieriges Epos

    Sag nicht, wir hätten gar nichts

    Buchperlenblog

    13. September 2017 um 08:29

    "Die Zeit, Stunden, Minuten und Sekunden, die Dinge, die sie zählten, und die Art und Weise, wie sie zählten, hatten sich beschleunigt im neuen China. Er wollte diesen Wandel ausdrücken, eine Sinfonie komponieren, die sowohl das Moderne als auch das Alte umfasste: das „noch nicht“ und das „fast vorbei“." (S.175) Inhalt Erzählt wird die Geschichte von Marie. Und die Geschichte von Ai-Ming. Und von kleiner Sperling, von Kai, von Zhuli, Große Mutter Messer, Ba Laute und so vielen anderen. Es ist eine Geschichte in einer Geschichte in einer Geschichte in einer Geschichte. Zwei eng verbundene Musikerfamilien erleben von den 1940ern bis heute, was es heißt, in einem Land der Revolution aufzuwachsen. Im damaligen China geht eine Welle durch die Bevölkerung. Die langjährige Kulturrevolution fordert sehr viele Opfer, menschliche sowie kulturelle. Marie, die in Kanada aufgewachsen ist, ahnt lange nichts von der blutigen, brutalen Geschichte in ihrer Familie. Erst als sie Ai-Ming zuhause aufnimmt, fängt sie an, im Leben ihrer Eltern nachzuforschen und stößt mit der Zeit auf immer weitere Geheimnisse. Rezension Ich hatte mich sehr auf dieses Buch gefreut. Die Kulturrevolution in China ist ein Thema, über das man noch immer viel zu wenig weiß. Es fing auch sehr interessant an. Wir lernen Marie kennen, als sie ihren Vater verlor. Er verließ die Familie, ging zurück nach China und beging nur wenige Wochen später Selbstmord. Warum? Als Ai-Ming zu Marie und ihrer Mutter stößt, löst sich in Maries Innerem der Wunsch, endlich mehr über ihre Familie zu erfahren. Offensichtlich waren Ai-Mings Vater – kleiner Sperling – und Maries Vater gut miteinander bekannt gewesen. Langsam erzählt Ai-Ming Marie bruchstückhaft die Geschichte ihrer Familie. Und so gleitet man von Marie und der Gegenwart in die 1940er, in der die Geschichte ihrer Familie einen Anfang nahm. Hier lernt man Große Mutter Messer kennen und ihre Schwester Wirbelwind, Wen den Träumer, der seine Liebe zu Wirbelwind mit abgeschriebenen Kapiteln des Buches der Aufzeichnung zeigt. Die Namen sind sicherlich sehr chinesisch in ihrer Bedeutung, doch tragen sie häufig zu Verwirrungen bei. Ich habe viele Seiten gebraucht, um die Verwandtschaftsbeziehungen der einzelnen Personen auseinander zu nehmen und zu verstehen. Auch gab es immer wieder Längen, in denen die für die Protagonisten so wichtige Beziehung und Liebe zur Musik gezeichnet wurde. Natürlich ist das für die Geschichte wichtig, aber mich haben diese Stellen leider mehr als einmal gelangweilt. Dann war ich versucht, in der Geschichte voranzukommen, wollte vorblättern und stellte schnell fest, dass ich nun wesentliche Details verpasst hatte. Also wieder zurück zum Anfang. Das Buch und ich, wir tanzten teilweise einen Reigen aus Hass und Liebe. Die Geschehnisse der Kulturrevolution sind grauenhaft, in derem Zuge viele Menschen in China ihre Arbeit, ihre Liebe zur Kunst, ihre Heimat und ihr Leben verloren, in der sie gefoltert und zur Denunzierung von Freunden und Familie gezwungen wurden. Man erlebt mit Wirbelwind und Wen dem Träumer, mit Sperling, Zhula und den anderen die Grausamkeiten kennen, die von den Mitgliedern der Roten Garde verübt wurden. Ziel dieser Kulturrevolution war es, das bourgeoise Leben der Menschen zu beenden. Alle Macht der Partei. Es wird nur noch die Musik gehört, die von höchster Ebene gestattet ist. Menschen werden ihre Arbeitsplätze zugeteilt. Denunzierungen, Kampfsitzungen, Folter waren an der Tagesordnung. Es hört sich nach einer Dystopie an, nach Fiktion, nach 1984 und George Orwell und ist doch Wahrheit. Selbst als diese Zeit vorüber war, wurde es nicht ruhig in China. Immer wieder kam es zu Aufständen, in denen sich plötzlich auch Ai-Ming wiederfand. Es nimmt kein Ende. Fazit Wie viel von sich selbst muss man aufgeben, um am Leben zu bleiben? Wie viel Leid kann man ertragen, und gibt doch niemals seinen eigenen Traum auf? Das sind die zentralen Fragen dieses Buches. Eindrucksvoll geschriebenes Epos vor einer hochinteressanten Kulisse. Manchmal etwas langatmig mit leicht verwirrender Erzählstruktur, aber dennoch lesenswert. Bewertung im Detail Idee ★★★★★ ( 5 / 5 ) Handlung ★★★★☆ ( 4 / 5 ) Charaktere ★★★☆☆ ( 3 / 5 ) Sprache ★★★★☆ ( 4 / 5 ) Emotionen ★★★☆☆ ( 3 / 5 ) = 3.8 ★★★★

    Mehr
  • In einem falschen Augenblick der Geschichte

    Sag nicht, wir hätten gar nichts

    jamal_tuschick

    04. September 2017 um 08:07

    1966 fielen der Kulturrevolution fünfhundert Klaviere im Konservatorium von Shanghai zum Opfer. Der als Volkserhebung inszenierte Staatsterror zwang Direktor He Lüting (1903 – 1999) auf die Streckbank. Man unterwarf den „bourgeoisen“ Komponisten öffentlich der Folter, um ihn zur Selbstkritik zu ermutigen. Lüting widerstand. Schließlich wurde er in sein Amt zurückgerufen. Davon erzählt Madeleine Thien auf den Umwegen der Fiktionalisierung. Ein Degradierter spielt nachts Schallplatten ab und summt Fragmente von Liedern, die nur noch mündlich und illegal überliefert werden. Seine Tochter, eine Computerkoryphäe, demonstriert Jahrzehnte später auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens und flüchtet nach dem „Zwischenfall vom 4. Juni (1989)“, so die offizielle Sprachregelung, nach Vancouver. Da begegnet AI-Ming dem Kind Marie. In diesem Verhältnis wird sie zur unterweisenden Person. Thien lässt eine Reihe Hochbegabter in familienförmigen Kolonnen aufmarschieren. Ihre Erzählerin ist die sino-kanadische Mathematikerin Jiang Li-Ling, genannt Marie. Im Alter von zehn wurde sie von einem Doppelschlag des Schicksals getroffen. Ihr Vater, ein dissidenter Pianist, verließ sie und brachte sich dann um. Nun ist sie dreißig und versteht noch immer nicht, was damals geschah. Ein Reiz des Romans ergibt sich aus dem Abstand der Erzählerin zu den Gegenständen der Erzählung. Marie orientiert sich an Charles Dickens – und Godfrey Harold Hardy. Der Zahlentheoretiker sagte einmal: „Ich habe in meinem Leben nie etwas Nützliches getan.“ Thien zitiert ihn mit der Charakterisierung, die Mathematik sei „das Strengste und Unnahbarste“ im kosmischen Angebot. Hardy sprach so über Schönheit. Maries anglo-kanadische Prägung imprägniert sie. Das chinesische Kriegs- und Revolutionsgeschehen erscheint im Spiegel der zerbrochenen Biografien ihrer Altvorderen phantasmagorisch. Die Metaphorik krampft. Der „abgeschlagene Kopf eines Soldatenjungen auf dem Stadttor“ wird seltsam zum Sinnbild der Einsamkeit. Die Schlechten setzen die an Babylon heranreichenden Zivilisationserfahrungen in den chinesischen Apparaten gegen die „Reaktionäre“ in Paarungen von organisatorischer Effizienz und Sadismus barbarisch ein. Die Guten sind mit der Bewahrung geistiger Konterbande beschäftigt. Der Treibstoff aller Traditionen und jedes Fortschritts wird unter dem Schorf der ins erweiterte Jetzt geschlagenen Wunden in Sicherheit gehalten. Partituren und andere Aufzeichnungen bleiben wie Schätze verborgen, während Maos Garden „rechtsabweichende“ Intellektuelle malträtieren. „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ liest sich wie eine Fundamentalkritik an Versuchen, die Kulturrevolution als einen Zukunftsmotor der Vergangenheit ins Museum zu stellen.

    Mehr
  • Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist! Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach!

    Hol dir mehr von LovelyBooks