Sag nicht, wir hätten gar nichts

von Madeleine Thien 
4,5 Sterne bei11 Bewertungen
Sag nicht, wir hätten gar nichts
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Historisch beeindruckend

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Beeindruckende Familiengeschichte zweier chinesischer Musikerfamilien vor politischen Hintergrund Chinesisch-sozialistischer Repressalien

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Inhaltsangabe zu "Sag nicht, wir hätten gar nichts"

Ein preisgekrönter Roman über China von den 1940ern bis heute, über zwei eng verbundene Musikerfamilien und ihr Schicksal. Die herzzerreißenden Lebensgeschichten der Musiker, ihrer Freunde, Familien und Geliebten, die in den Strudel der Politik geraten, in das Auf und Ab von Revolution, Gewalt und Unterdrückung, führen zu der universellsten und zugleich privatesten aller Fragen: Wie kann der Mensch sich selbst treu bleiben, lieben und kreativ sein, wenn er sich verstellen und verstecken muss, weil er um sein Leben fürchtet? Erzählerin dieses vielschichtigen Epos ist Marie, die mit ihrer Mutter in Kanada lebt und nicht versteht, warum ihr Vater nach China zurückgekehrt ist. Als sie zehn Jahre alt war, haben sie einen Gast bei sich aufgenommen, die junge Ai-ming, die nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens aus Peking geflohen ist. Marie ahnte bald, dass sie eine gemeinsame Geschichte haben, und nun versucht sie, Licht ins Dunkel der Vergangenheit zu bringen.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783630875200
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:656 Seiten
Verlag:Luchterhand
Erscheinungsdatum:04.09.2017

Rezensionen und Bewertungen

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    Curinvor 7 Monaten
    Ein wunderbarer und vielschichtiger Roman

    Als Ai-ming nach einer Demonstration aus China fliehen muss, findet sie Unterschlupf bei der 10-jährigen Marie und deren Mutter in Kanada. Beide Familien kennen sich schon seit Generationen hinweg und haben viele politische Krisen in ihrem Heimatland erlebt. Bald schon beginnt Marie das ältere Mädchen nach ihrer Geschichte zu fragen und taucht dabei tief ein in die Vergangenheit, die sie weitaus mehr betrifft, als sie anfangs meint... .
    Die Autorin Madeleine Thien hat hier einen spannenden Generationsroman geschrieben, indem sie ausgehend von den Neunzigern aus der Sicht zwei junger Mädchen die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen von China Revue passieren lässt.
    Von Anfang an merkt man beim lesen, dass man hier ein ganz besonderes Buch in der Hand hält. Durch die Erzählungen von Ai-ming und das beständige Nachfragen von Marie, wird die Geschichte von China nachvollziehbarer und auch greifbarer gemacht. 
    Wenn Ai-ming nicht gerade erzählt, wird die Handlung aus der Ich-Perspektive von Marie geschildert. Sie ist ein 10-jähriges Mädchen, welches in der Schule mit Leichtigkeit lernt und gerade was mathematische Zusammenhänge betrifft, sehr begabt zu sein scheint. Für mich ist sie eine sehr sympatische Figur, die mir für ihr junges Alter allerdings etwas zu reif und zu nachdenklich schien.
    Ai-ming kam mir anfangs ein wenig rätselhaft und undurchschaubar vor. Man merkt, dass sie von ihren raschen Flucht aus China noch traumatisiert ist, doch dann öffnet sie sich nach und nach etwas. Gerade die Gespräche, die sie dann mit Marie führt und ihr von ihrer Familie erzählt, fand ich sehr interessant und auch spannend.
    Madeline Thien schreibt sehr anschaulich und hat es geschafft, eine lebendige Handlung zu entwerfen. Gerade wenn Ai-ming alte Familiengeschichten erzählt, wird der Schreibstil richtig poetisch und man hat das Gefühl, fast schon so etwas wie eine Art Legende zu lesen. 
    Allerdings fiel es mir manchmal schwer, zu verstehen, um welchen Teil der chinesischen Geschichte es gerade geht, was wohl auch an fehlendem Wissen meinerseits liegt. Jedoch wird sehr deutlich, dass durch die schlagartigen politischen Wechsel viele Grausamkeiten passiert sind und alle mit Einschränkungen und vielen Verboten zu kämpfen hatten.
    Insgesamt hat mir ,,Sag nicht, wir hätten gar nichts" ein wunderbarer Roman, der für mich sehr spannend zu lesen war und mich auch sehr berührt hat. Gerne empfehle ich das Buch hier weiter.

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    PagesofPaddys avatar
    PagesofPaddyvor 7 Monaten
    a chinese music tale

    Mit „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ hat Madeleine Thien ein sehr spezielles, aber durchaus lesenswertes Buch geschaffen. Die Geschichte um die Familie von Jiang Li-ling (Marie Jiang) ist größtenteils wirklich sehr interessant und bietet aufgrund der historischen Ereignisse (unter anderem die Kulturrevolution in China) ein vielschichtiges thematisches Setting. 
    Erzählt wird die Geschichte fliesend zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Thien hat einen wirklich tollen, leserlichen Schreibstil und trotzdem ist das Buch nie beliebig oder kurzweilig. Während ich das Buch gelesen habe, habe ich mich immer wieder dabei ertappt wie mich ihr Stil, ihre ganze Art die Geschichte zu erzählen begeistert, erschreckt und berührt hat. Wer sich für chinesische Geschichte interessiert sollte hier definitiv mal einen Blick wagen. Was für mich etwas den Spaß gemindert hat, waren immer mal wieder Passagen die ich etwas langatmig fand. Dazu kommt, dass die Familienmitglieder alle etwas irritierende Namen (zumindest für mich) haben. Da heißen die Personen dann Sperling, Wirbelwind oder Messer. Natürlich ist das authentischer als wenn sie Jake, Bruce und Helen heißen würden aber gerade am Anfang war das für mich eine echte Herausforderung. Da kam es dann auch mal vor, dass ich eine Seite nochmal lesen musste weil ich verwirrt war. Trotzdem hat die Geschichte ihren ganz eigenen Sog. „Sag nicht, wir hätten nichts“ ist kein einfaches Buch. Ich hatte anfangs etwas Angst, dass die Musik Thematik mich langweilen könnte aber im großen und ganzen war das okay und teilweise sogar wirklich interessant. Für jemanden der sich mit klassischer Musik bzw. mit Musik im allgemeinen auskennt, bietet das Buch sicherlich nochmal einen speziellen Reiz. 
    Und so bleibt ein Buch was sprachlich klasse, inhaltlich ausgefeilt, bewegendes aber speziell ist. Die gelegentliche Langatmigkeit und die ab und an verwirrenden Namen trüben das Lesevergnügen aber nicht nachhaltig.

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    T
    TaHavor 8 Monaten
    Grandioses Epos

    Sag nicht, wir hätten gar nichts

    Madeleine Thien

    Übersetzt von Anette Grube

    Erschienen am 04. September 2017 bei Luchterhand

    656 Seiten, 24 Euro

     

    Klappentext:

    Ein preisgekrönter Roman über China von den 1940ern bis heute, über zwei eng verbundene Musikerfamilien und ihr Schicksal. Die herzzerreißenden Lebensgeschichten der Musiker, ihrer Freunde, Familien und Geliebten, die in den Strudel der Politik geraten, in das Auf und Ab von Revolution, Gewalt und Unterdrückung, führen zu der universellsten und zugleich privatesten aller Fragen: Wie kann der Mensch sich selbst treu bleiben, lieben und kreativ sein, wenn er sich verstellen und verstecken muss, weil er um sein Leben fürchtet? Erzählerin dieses vielschichtigen Epos ist Marie, die mit ihrer Mutter in Kanada lebt und nicht versteht, warum ihr Vater nach China zurückgekehrt ist. Als sie zehn Jahre alt war, haben sie einen Gast bei sich aufgenommen, die junge Ai-ming, die nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens aus Peking geflohen ist. Marie ahnte bald, dass sie eine gemeinsame Geschichte haben, und nun versucht sie, Licht ins Dunkel der Vergangenheit zu bringen.

     

    Meinung:

    Nun komme ich ins Schwärmen! Endlich wieder einmal ein richtiges Epos. Nach Donna Tartts Distelfink habe ich kein so geniales Werk mehr in Händen gehalten. Die kanadische Schriftstellerin mit chinesisch-malaysischen Wurzeln präsentiert eine Familiensaga, die die letzten 100 Jahre chinesischer Geschichte und Kultur ganz feinfühlig und doch sehr unmittelbar nahebringt. Hier erzählt ein Mädchen, die kleine Marie, die über verschiedene Namen verfügt. Ihr Vater hat sich das Leben genommen. Mit diesen Protagonisten beginnt eine Familiengeschichte, die sich über mehrere Orte und über eine Zeitspanne von etwa 100 Jahren ausbreitet.

    Der Leser lernt „Große Mutter Messer“ und „Wen, den Träumer“ kennen, aber auch, dass es ein Verbrechen ist, am Konservatorium zu studieren. Bei den Demütigungen bleibt man entsetzt zurück. Ergriffen beobachtet man, wie angesichts der Brutalität Entscheidungen getroffen werden, ist Zeuge von Denunziantentum und Unterwerfung. Gleichzeitig geht es um kodierte Botschaften, mit deren Hilfe nach Verschollenen gesucht werden kann, um ein Buch, dass immer wieder aufs Neue abgeschrieben wird. Es geht um Vergangenheit und Zukunft, um die Geschichte Chinas, um das Leben der beiden Musikerfamilien.

    Die Autorin weiß, wie Sprache funktioniert. Sie bettet die chinesischen Schriftzeichen ein in die Geschichte, die erzählt wird, erläutert gleichzeitig die unterschiedlichen Bedeutungen eines Zeichens und häufig auch den Wortstamm oder Varianten der Zeichen. Sie vermittelt Wissen über chinesische Schrift auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Manchmal merkt man fast nicht, dass es sich nicht um eine persönliche Ansprache hält sondern Teil der erzählten Geschichte ist. Die grandiose Übersetzung lässt der Geschichte ihre Besonderheit.

    Dieses Buch über Familie, über die Geschichte Chinas, über Politik, Musik und Umbrüche fesselt!

    Die einfühlsame, bildgewaltige Sprache transportiert den Inhalt auf einer anderen Ebene.

     Fazit:

    Dieses Buch war wie eine Reise in ein unbekanntes Land. Es dauerte ein wenig, bis ich angekommen bin, da es so fremd, so ungewohnt war. Doch dann war es nur noch spannend, überall erwartete mich Überraschendes, mir bislang völlig unbekanntes. Und dann wollte ich gar nicht mehr die Heimreise antreten.  





    https://musikgarten-hammer.blogspot.de/2018/02/ein-besonders-lesenswertes-epos.html

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    NeriFeevor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Historisch beeindruckend
    Bedrückend, aufwühlend, historisch

    Ich habe in diesem Jahr mein zweites Buch gelesen und bin tatsächlich etwas stolz darauf, denn: das aktuelle hatte mehr als 600 Seiten und da tue ich mich immer etwas schwer. Denn meistens zieht es sich am Ende so sehr, dass ich froh bin, wenn es ein Ende hat. Sag nicht, wir hätten gar nichts, war da sicher eine andere Kategorie. Es handelt sich um einen mehrfach preisgekrönten Generationen übergreifenden Roman der kanadischen Schriftstellerin Madeleine Thien, deren Familie aus China stammt.

    Klappentext
    Ein preisgekrönter Roman über China von den 1940ern bis heute, über zwei eng verbundene Musikerfamilien und ihr Schicksal. Die herzzerreißenden Lebensgeschichten der Musiker, ihrer Freunde, Familien und Geliebten, die in den Strudel der Politik geraten, in das Auf und Ab von Revolution, Gewalt und Unterdrückung, führen zu der universellsten und zugleich privatesten aller Fragen: Wie kann der Mensch sich selbst treu bleiben, lieben und kreativ sein, wenn er sich verstellen und verstecken muss, weil er um sein Leben fürchtet? Erzählerin dieses vielschichtigen Epos ist Marie, die mit ihrer Mutter in Kanada lebt und nicht versteht, warum ihr Vater nach China zurückgekehrt ist. Als sie zehn Jahre alt war, haben sie einen Gast bei sich aufgenommen, die junge Ai-ming, die nach dem Massaker am Platz des Himmlischen Friedens aus Peking geflohen ist. Marie ahnte bald, dass sie eine gemeinsame Geschichte haben, und nun versucht sie, Licht ins Dunkel der Vergangenheit zu bringen.
    Der Klappentext ist schon sehr informativ und, wie ich finde, sehr beeindruckend. Obwohl mir die Geschichte Chinas nicht unbekannt war, haben mich die geschilderten Geschehnisse Thiens, oft schockiert zurück gelassen. Der Autorin gelingt es, dem Leser das China der 1940er Jahre bis heute begreiflich zu machen und es mit all seinen Facetten, Grausamkeiten und seinem Sinn für Familie und Musik zu schildern. Thien selbst wurde 1974 in Kanada geboren und studierte dort kreatives Schreiben. Es folgten erste Auszeichnungen für ihre Literatur und so beschloss sie, sich dieser hauptberuflich zu widmen.


    Sag nicht, wir hätten gar nichts gewann den Governer General’s Literary Award und den Scotiabank Giller Prize, hoch angesehene Literaturpreise in Kanada. Erzählt wird die Geschichte von Marie, welche ebenfalls mit ihrer Mutter in Kanada lebt. Eine quälende Frage kreist ununterbrochen in Marie´s Kopf: Warum ist ihr Vater nach China zurück gekehrt? Auf der Suche nach Antworten, lernt Marie Ai-Ming kennen. Ein neunzehnjähriges Mädchen, das aus Peking geflohen ist, und welches Marie´s Mutter bei ihnen aufnimmt. Ai-Ming´s und Marie´s Vater haben sich gekannt. Das weckt das Interesse von Marie mehr und mehr. Sie begibt sich auf die Suche nach Antworten.

    Ich bin sehr gut in die Geschichte hinein gekommen. Die Sprache ist ansprechend, klug und mitreissend. Jedes Kapitel ist mit einem chinesischen Schriftzeichen versehen. Immer wieder lässt Thien ihre Leser an anfänglichen Sprachbarrieren teilnehmen. Viele Schriftzeichen werden im Verlauf der Geschichte gezeichnet und erklärt. Die Erzählweise bleibt durchweg beklemmend, emotional und ergreifend.

    Eine bedeutende Rolle spielt neben der Suche nach der eigenen Identität und derer Marie´s Familie, die Musik. Thien beschreibt die musikalische Familie und deren ebenso musikbegeisterten Weggefährten als sehr leidenschaftlich. Die schrecklichen Machenschaften der Politik führen dazu, dass viele ihrer Familienmitglieder und deren Freunde Opfer der Kulturrevolution werden. Millionen von Menschen, unter ihnen Künstler, Musiker und Journalisten wurden in Umerziehungslager gesperrt oder ermordet. Viele Menschen waren gezwungen, ihre eigenen Familien zu denunzieren.

    Ich hatte häufig Schwierigkeiten, die Namen der Protagonisten nicht durcheinander zu bringen. So dass ich hier und da etwas verwirrt zurück blieb und einige Passagen noch einmal lesen musste. Das kann aber auch eine persönliche Schwäche von mir sein. Namen wie Wen der Träumer, Fliegender Bär, Große Mutter Messer, Sperling und Glausauge waren zum Teil eine Herausforderung für mich, die Verbindungen einzelner Charaktere untereinander zu verstehen oder viel mehr nachhaltig zu erinnern.

    Die düstere Vergangenheit China´s wird von Madeleine Thien auf beeindruckende Weise erzählt. Die Gräueltaten der Regierung und die Angst der Menschen werden so real wiedergegeben, dass es mir teilweise schwer fiel, weiterzulesen. All das, was Thien beschreibt, war brutale Realität und bewegt sicher all ihre Leser zutiefst.

    Mein Dank für das Rezensionsexemplar geht an den Luchterhand-Verlag.

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    Buecherschmauss avatar
    Buecherschmausvor einem Jahr
    Chinesische Zeitgeschichte

    „Die Internationale“, jenes „Kampflied der sozialistischen Arbeiterbewegung“, das die Einheit der Arbeiter über alle Ländergrenzen hinweg beschwört, existiert selbst in unzähligen nationalen Textfassungen, die voneinander jeweils nicht unerheblich abweichen können. Ursprünglich stammt der Text von Eugène Pottier, der ihn 1871 nach dem Fall der Pariser Kommune verfasste. In der bekanntesten deutschen Version von 1910 heißt es, neben der allseits bekannten Zeile „Völker hört die Signale, Auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht“, am Ende der ersten Strophe: „Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger/Alles zu werden, strömt zuhauf!“ (im Original: „Nous ne sommes rien, soyons tous“).
    In ihrer chinesischen Version wird daraus, in der englischen Übertragung, „Do not say we have nothing, we shall be the masters of the world“. Von hier stammt der Titel von Madeleine Thiens großem Roman über mehr als sechzig Jahre chinesische Geschichte – dankenswerter Weise in der deutschen Ausgabe beibehalten.
    Denn diese Zeilen stehen in engem Bezug zum Erzählten. Auf fast 650 Seiten, auf denen die Autorin die Lebensgeschichten ihrer Protagonisten ausbreitet, werden diese wie der Leser immer wieder schmerzlich darauf gestoßen, wie wenig die Menschen in China „masters of the world“, ja noch nicht einmal die Meister ihres eigenen kleinen Lebens und das ihrer Familien sein durften. Dass sie im Gegenteil sogar noch weniger als nichts galten in jenem Land der Kulturrevolution, das die Ausrottung des Individualismus auf seine Fahnen schrieb.
    Zudem spielte „Die Internationale“ auch eine große Rolle bei den Studentenprotesten im Jahr 1989 in China, deren Niederschlagung als „Tiananmen Massaker“ in die Geschichte einging. Sie wurde von den Studenten bei der Räumung des Platzes durch das Militär gesungen.
    Hiermit sind auch zwei der Eckdaten der chinesischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, wie sie in „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ erzählt wird, benannt. Das dritte große geschichtliche Ereignis und der „Urgrund“ ist der zweite chinesisch-japanische Krieg, der mit großer Grausamkeit von 1937 bis 1945 geführt wurde, schließlich als Teil des Zweiten Weltkriegs.
    Der Roman beginnt allerdings wesentlich später, mit den Erinnerungen Li-Lings oder Maries oder Ma-Lis im kanadischen Vancouver. Sie ist, wie viele ihrer Schicksalsgenossen und -genossinnen und wie die Protagonistinnen aus den vergangenen Büchern Thiens auch, zerrissen zwischen ihrer westlichen und östlichen Identität. Tochter von chinesischen Eltern, die nach Kanada flüchteten, steht sie irgendwo dazwischen und muss schmerzlich erfahren, wie wenig sie doch von ihrer Abstammung, Familie, ja gar von ihren Eltern weiß.
    „In nur einem Jahr verließ uns mein Vater zweimal. Das erste Mal, um seine Ehe zu beenden, und das zweite Mal, als er sich das Leben nahm. In diesem Jahr, 1989, flog meine Mutter nach Hongkong, um meinen Vater auf einem Friedhof nahe der Grenze zu China zur Ruhe zu betten. Danach kehrte sie verstört nach Vancouver zurück, wo ich allein zu Hause geblieben war. Ich war zehn Jahre alt.“
    Ein zutiefst verstörendes Erlebnis, fühlte sich Li-Ling doch bis dahin von ihrem Vater geliebt, geborgen in einer gesicherten, friedvollen Existenz. Auch als erwachsene Frau im Jahr 2016, und das ist eine weitere Zeitebene, die Thien kunstvoll mit derjenigen von 1989 und der aus den Jahren Mao Tse-tungs verschränkt, fragt sich Li-Ling/Marie, was den Vater wohl zu diesem schrecklichen Schritt im Alter von nur 39 Jahren bewogen haben könnte. Mit einer Reise nach Hongkong, während der sie die Hinterlassenschaften des Vaters erhält, öffnet sich ein Fenster in die Vergangenheit. Sie erinnert sich nicht nur an die Zeit der Trauer, sondern auch an das Mädchen Ai-Ming, das 1989 plötzlich in das Leben Maries und ihrer Mutter trat. Marie ist sich aber durchaus der Unsicherheit ihrer Erinnerungen bewusst.
    „Trotz meiner Bemühungen weiß ich es bis heute nicht. Es ist möglich, dass ich mich an alles falsch erinnere.“
    Denn auch Ai-Ming verschwand irgendwann aus ihrem Leben und kann ihr heute beim Zusammensetzen des Puzzles genauso wenig helfen wie ihre Mutter, denn diese lernte den Vater erst in Kanada kennen.
    Ai-Ming geriet im Jahr 1989 in Folge der Studentenproteste in Schwierigkeiten und musste fliehen. Ihre Mutter wandte sich hilfesuchend an Maries, denn die beiden Väter waren einst sehr gute Freunde. Mit Ai-Ming erreichen auch bisher unbekannte Tatsachen die behütete Welt in Kanada. Geschichten über Maries Vater, der als einziges Familienmitglied die große Hungersnot, die in China in den Jahren 1958 bis 1961 nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 15 und über 40 Millionen Menschenleben gefordert hatte, überlebte. Fatale Witterungsbedingungen, aber auch große politische Fehlentscheidungen während Maos Kampagne „Der große Sprung nach vorn“, führten zu dieser verheerenden Katastrophe. Nur dank eines „Professors“ in Shanghai, der Maries Vater Jiang Kai bei sich aufnahm, konnte dieser die Zeit überstehen. Er wurde zu einem begabten Pianisten an der Hochschule für Musik. Dort lernte er Ai-Mings Vater kennen, der sein Lehrer wurde und selbst ein sehr talentierter Komponist war. Die Dritte im Freundschaftsbunde war Zhuli, dessen Cousine und ihrerseits leidenschaftliche Violinistin.
    An dieser Stelle sei eine Kritik meinerseits erlaubt, die sich auf die Namensgebung in der deutschen Übersetzung bezieht. Während die Personen im Original mit ihren Spitznamen „Sparrow“, „Swirl“, „Big Mother“ usw. benannt werden, hat sich die Übersetzerin für die weitaus weniger geschmeidigen „Kleiner Sperling“, „Wirbelwind“, „Große Mutter Messer“, „Alte Katze“ usw. entschieden. Für mich litt dadurch nicht unerheblich die Flüssigkeit des Textes, da die Namen sehr oft vorkamen. Eine Entscheidung, die vielleicht dem chinesischen „Flair“ geschuldet sein mag, für mich aber nicht zwingend erscheint.
    Rund um die drei Freunde und ihre Familien erleben wir nun nicht nur die dramatischen geschichtlichen Ereignisse während der Herrschaft Mao tse-tungs und der vorsichtigen Öffnungs- und Reformpolitik unter seinem Nachfolger Deng Xiaoping. Die Studentenproteste 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens, die, hervorgegangen aus Trauerfeierlichkeiten um den Reformpolitiker Hu Yaoang, bald in die Forderung nach mehr Demokratie mündeten und deren Niederschlagung durch die Armee vermutlich mehrere tausend Opfer, Verhaftungen und Hinrichtungen zur Folge hatte (wenn auch fälschlicherweise vom Massaker auf dem Tiananmen-Platz gesprochen wird, da die Studenten auf dem Platz friedlich abziehen konnten. Die Opfer entstanden an Barrikaden und Kämpfen in der Stadt) bilden den dramatischen, spannenden Höhepunkt des Romans.
    Ein wichtiges Motiv ist auch die Musik, der die Freunde leidenschaftlich ergeben sind. Bachs Goldberg Variationen, Prokovjev, Schostakovitch und Debussy durchziehen mit ihren Kompositionen das gesamte Buch. Die Liebe zu dieser „westlichen“ Musik und die Träume der jungen Musiker bilden nicht nur den, musikalisch ausgedrückten und im Text immer wieder betonten, „Kontrapunkt“ zu den Unterdrückungen, Verfolgungen, Schikanen, Folterungen und Hinrichtungen, die während der Kulturrevolution 1966-1976 geschätzt „1,5 bis 1,8 Millionen Todesopfer, die gleiche Anzahl von dauerhaft körperlich Versehrten, 22 bis 30 Millionen direkt politisch Verfolgte; über hundert Millionen der von "Sippenhaft" Betroffene“ forderte. Sie führte auch unmittelbar dazu, dass die drei Freunde selbst zu den Verfolgten gehörten. Diese klassische westliche Musik galt plötzlich als dekadent und individualistisch (was Mao aber nict davon abhielt in Peking ein eigenes hochklassiges Symphonieorchester aufbauen zu lassen), wurde verboten und verfolgt. Vielleicht lag es daran,
    „dass sie so viele Gefühle in uns aufwühlen, dass sie uns veranlassen, uns nicht nur zu fragen, wer wir sind, sondern auch, wer wir sein wollen.“
    Zhuli, deren Vater, Wen, der Träumer, als Schriftsteller selbst vor den Verfolgungen als „Volksfeind“ fliehen musste, traf es dabei am härtesten. Jiang Kai passte sich an, konnte in Peking weiterhin als Musiker arbeiten. Sperling wurde zur Arbeit in einer Radiofabrik bestimmt.
    Eindrücklich erzählt Madeleine Thien von der Verschwendung von Talent und Energie durch die Verfolgung von Intellektuellen, Künstlern, Lehrern, „Bürgerlichen“. Den Verlust von Identitäten, Selbstvertrauen, der Schizophrenie, in die sich die Menschen begeben mussten: in die öffentliche Person, die in endlosen Selbstkritiken und Denunziationen sich selbst, Freunde und Familie anklagen und beschuldigen musste, wenn dies auch oft nur oberflächlich und mechanisch geschah, und die private Person zuhause. Den Belastungen, unter denen die Familien, Ehen und Freundschaften oftmals zerbrachen. Der Einzelne zählte nichts, durfte nicht über sein Leben bestimmen, Arbeitsplatz, Ehe, Reiseerlaubnis, Wohnort, alles wurde von den Machthabern bestimmt. Ganz nach der Leitlinie „Um das Denken zu verändern, musste man nur seine Lebensumstände ändern.“
    Jiang Kai gelingt als einzigem die Flucht aus China. Er gründet in Kanada eine neue Existenz, eine Familie. Aber vergessen kann auch er seine Heimat, seine Jugend, die Opfer, die seine Anpassung dort forderten, nicht. Mit Sperling verband ihn zudem, wie im Laufe der Erkundigungen Maries und der Puzzleteichen, die bereits Ai-Ming beigesteuerte, offenbar wird, eine zarte homosexuelle Liebe.
    Madeleine Thien verhandelt viele verschiedene Themen in ihrem großen Epos. Es geht um politischen Wahn und Machtlosigkeit, Anpassung und Widerstand, Aufrichtigkeit und Wahrheit, Verlust und Erinnerung. Und nicht zuletzt um Kunst, speziell um Musik, die, wenn auch nur beschränkt, ein Rettungsanker sein kann.
    Ein weiteres „künstlerisches“ Motiv ist „Das Buch der Aufzeichnungen“, von Wen dem Träumer gesammelte und aufgeschriebene Geschichten, die im Verlauf des Romans unzählige Male abgeschrieben, umgewandelt und ergänzt, zeitweise als kodierte Botschaften in Umlauf gebracht werden und die beiden Familien verbindet. Es ist ein Symbol für die Widerständigkeit von Literatur, dafür, dass auch unterdrückte Wahrheiten überdauern. Es wird schließlich, zumindest in Auszügen bei Marie in Kanada landen.
    Für die Erzählerin Marie ist es wie ihre eigenen Aufzeichnungen
    „zurückzuführen (…) auf diesen beharrlichen Wunsch: die Zeit zu verstehen, in der wir leben. Die Aufzeichnungen zu machen, die gemacht werden müssen, und sie am Ende loszulassen. Das würde ich meinem Vater sagen. Darauf zu vertrauen, dass eines Tages jemand anderes die Aufzeichnungen fortsetzt.“
    „Es ist töricht zu glauben, dass eine Geschichte endet. Es gibt so viele mögliche Enden wie Anfänge.“
    „Sag nicht wir hätten gar nichts“ ist ein überwältigender Roman – in Hinsicht auf seine Themenfülle und der Eindringlichkeit und Klarheit, mit der die geschichtlichen Ereignisse geschildert werden. Seine Verflechtungen der Zeitebenen und seine Personenfülle fordern den Leser. Auch treten, wie bei den meisten Romanen dieses Umfangs, besonders im Mittelteil gelegentliche Längen auf. Er zählt für mich aber zu den eindrücklichsten Leseerlebnissen dieses literarisch eh schon hochklassigen Jahres. Er entwickelt einen ungeheuren Sog, ist eindringlich, voller Leben und Empathie, ohne jegliche Sentimentalität, detailreich, poetisch und vor allem großartig konstruiert. Er spielt mit der Sprache, den chinesischen Schriftzeichen, zieht mit dem „Buch der Aufzeichnungen“, das auf ein ebenso verfolgtes literarisches Werk aus dem Jahr 91 v.Chr., den „Historical Records“ von Sima Qian anspielt, eine Metaebene ein und liefert nicht zuletzt eine zutiefst berührende Familien- und Freundschaftsgeschichte.
    Madeleine Thien stand 2016 auf der Shortlist des Man Booker Prize. Bekommen hat sie den Preis nicht. Verdient hätte sie ihn schon.

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    jasimaus123vor einem Jahr
    Kurzmeinung: Eine beeindruckende Geschichte mit leichten Schwächen.
    Eine bewegende Familiensaga!

    In diesem Buch wird die Geschichte von drei Generationen von Musikerfamilien während des Aufstiegs der chinesischen Partei in den 1940er-Jahren und der etwas später darauf folgenden Kulturrevolution. Dabei behandelt das Buch vor allem das Thema, wie kann man sich selbst und seiner Leidenschaft treu bleiben, wenn sein eigenes Land durch politische Unruhen zerrüttelt wird und man um sein und das Leben seiner Liebsten fürchtet.

    Etwas das ich schon während des Lesens sehr bedauert habe, war die Tatsache, dass ich sehr wenig über die Geschichte Chinas weiß. In meinem Geschichteunterricht beschränkten wir uns vor allem auf die europäische Geschichte. Ich glaube, ich hätte den Roman noch einmal mit ganz anderen Augen betrachtet, wenn ich schon zuvor mehr über die politischen Unruhen in China gewusst hätte. Dennoch muss ich sagen, dass mich das Buch sehr bewegt und einen tiefen Eindruck hinterlassen hat. Gerade dadurch, dass man die Geschichte Chinas durch drei verschiedene Generationen erlebt, zeigt noch einmal deutlicher wie schlimm es für die Menschen in dieser Zeit gewesen sein muss.

    Es brauchte jedoch eine Weile bis die Geschichte mich für sich gewonnen hat. Dadurch, dass das Buch sehr viele Charaktere enthält, war ich anfangs sehr verwirrt wie nun die Beziehungen zwischen den Personen sind. Das hat sich leider bis ans Ende durchgezogen, obwohl ich mir von Kapitel zu Kapitel immer leichter tat. Trotzdem hat dieser Aspekt das Lesevergnügen doch etwas eingeschränkt und das finde ich sehr schade. Wäre vorne im Buch ein kurzer Stammbaum, oder zumindest ein Personenverzeichnis gewesen, hätte man dieses Problem gelöst. Ich könnte mich nämlich vorstellen, dass es mehreren Lesern diesbezüglich gleich geht wie mir.

    Ansonsten kann ich zu diesem Werk aber keine Kritik finden. Madeleine Thien erzählt in einem wundervollen Schreibstil auf berührende Weise wie viel Schrecken sich in der Geschichte China versteckt. Dabei geht sie sehr stark auf die Gefühle und das Innenleben ihrer vielseitigen Charaktere ein und schafft es, mich vollkommen in den Bann zu ziehen. Das Buch ist wirklich keine einfache Lektüre und mit viel Schmerz verbunden. Gleichzeitig gibt es selbst in dieser dunklen Zeit Momente in denen die Protagonisten Hoffnung schöpften und diese gefielen mir am besten. Ich bin sehr dankbar, dass Madeleine Thien einen Teil der chinesischen Geschichte in ihrem Buch festhält und an uns Leser weitergibt.

    FAZIT:
    Eine bewegende Familiensaga, die ein erschütterndes Portrait einer Musikerfamilie während der politischen Krisen in China darstellt. Anfangs fiel es mir etwas schwer die Personen zuzuorden, doch je weiter man liest, desto mehr beginnt man sich in der Geschichte zu verlieren und mit den Charakteren zu weinen, zu lachen und zu hoffen.

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    Buchperlenblogs avatar
    Buchperlenblogvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Eindrucksvoll geschriebenes Epos, manchmal etwas langatmig.
    Eindrucksvolles, wenn auch zuweilen etwas langwieriges Epos

    "Die Zeit, Stunden, Minuten und Sekunden, die Dinge, die sie zählten, und die Art und Weise, wie sie zählten, hatten sich beschleunigt im neuen China. Er wollte diesen Wandel ausdrücken, eine Sinfonie komponieren, die sowohl das Moderne als auch das Alte umfasste: das „noch nicht“ und das „fast vorbei“." (S.175)

    Inhalt

    Erzählt wird die Geschichte von Marie. Und die Geschichte von Ai-Ming. Und von kleiner Sperling, von Kai, von Zhuli, Große Mutter Messer, Ba Laute und so vielen anderen. Es ist eine Geschichte in einer Geschichte in einer Geschichte in einer Geschichte.

    Zwei eng verbundene Musikerfamilien erleben von den 1940ern bis heute, was es heißt, in einem Land der Revolution aufzuwachsen. Im damaligen China geht eine Welle durch die Bevölkerung. Die langjährige Kulturrevolution fordert sehr viele Opfer, menschliche sowie kulturelle. Marie, die in Kanada aufgewachsen ist, ahnt lange nichts von der blutigen, brutalen Geschichte in ihrer Familie. Erst als sie Ai-Ming zuhause aufnimmt, fängt sie an, im Leben ihrer Eltern nachzuforschen und stößt mit der Zeit auf immer weitere Geheimnisse.

    Rezension

    Ich hatte mich sehr auf dieses Buch gefreut. Die Kulturrevolution in China ist ein Thema, über das man noch immer viel zu wenig weiß. Es fing auch sehr interessant an. Wir lernen Marie kennen, als sie ihren Vater verlor. Er verließ die Familie, ging zurück nach China und beging nur wenige Wochen später Selbstmord. Warum?

    Als Ai-Ming zu Marie und ihrer Mutter stößt, löst sich in Maries Innerem der Wunsch, endlich mehr über ihre Familie zu erfahren. Offensichtlich waren Ai-Mings Vater – kleiner Sperling – und Maries Vater gut miteinander bekannt gewesen. Langsam erzählt Ai-Ming Marie bruchstückhaft die Geschichte ihrer Familie.

    Und so gleitet man von Marie und der Gegenwart in die 1940er, in der die Geschichte ihrer Familie einen Anfang nahm. Hier lernt man Große Mutter Messer kennen und ihre Schwester Wirbelwind, Wen den Träumer, der seine Liebe zu Wirbelwind mit abgeschriebenen Kapiteln des Buches der Aufzeichnung zeigt. Die Namen sind sicherlich sehr chinesisch in ihrer Bedeutung, doch tragen sie häufig zu Verwirrungen bei. Ich habe viele Seiten gebraucht, um die Verwandtschaftsbeziehungen der einzelnen Personen auseinander zu nehmen und zu verstehen. Auch gab es immer wieder Längen, in denen die für die Protagonisten so wichtige Beziehung und Liebe zur Musik gezeichnet wurde. Natürlich ist das für die Geschichte wichtig, aber mich haben diese Stellen leider mehr als einmal gelangweilt. Dann war ich versucht, in der Geschichte voranzukommen, wollte vorblättern und stellte schnell fest, dass ich nun wesentliche Details verpasst hatte. Also wieder zurück zum Anfang. Das Buch und ich, wir tanzten teilweise einen Reigen aus Hass und Liebe.

    Die Geschehnisse der Kulturrevolution sind grauenhaft, in derem Zuge viele Menschen in China ihre Arbeit, ihre Liebe zur Kunst, ihre Heimat und ihr Leben verloren, in der sie gefoltert und zur Denunzierung von Freunden und Familie gezwungen wurden. Man erlebt mit Wirbelwind und Wen dem Träumer, mit Sperling, Zhula und den anderen die Grausamkeiten kennen, die von den Mitgliedern der Roten Garde verübt wurden. Ziel dieser Kulturrevolution war es, das bourgeoise Leben der Menschen zu beenden. Alle Macht der Partei. Es wird nur noch die Musik gehört, die von höchster Ebene gestattet ist. Menschen werden ihre Arbeitsplätze zugeteilt. Denunzierungen, Kampfsitzungen, Folter waren an der Tagesordnung. Es hört sich nach einer Dystopie an, nach Fiktion, nach 1984 und George Orwell und ist doch Wahrheit. Selbst als diese Zeit vorüber war, wurde es nicht ruhig in China. Immer wieder kam es zu Aufständen, in denen sich plötzlich auch Ai-Ming wiederfand. Es nimmt kein Ende.

    Fazit

    Wie viel von sich selbst muss man aufgeben, um am Leben zu bleiben? Wie viel Leid kann man ertragen, und gibt doch niemals seinen eigenen Traum auf? Das sind die zentralen Fragen dieses Buches. Eindrucksvoll geschriebenes Epos vor einer hochinteressanten Kulisse. Manchmal etwas langatmig mit leicht verwirrender Erzählstruktur, aber dennoch lesenswert.

    Bewertung im Detail

    Idee ★★★★★ ( 5 / 5 )

    Handlung ★★★★☆ ( 4 / 5 )

    Charaktere ★★★☆☆ ( 3 / 5 )

    Sprache ★★★★☆ ( 4 / 5 )

    Emotionen ★★★☆☆ ( 3 / 5 )

    = 3.8 ★★★★


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    J
    jamal_tuschickvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Madeleine Thien erschafft eine revolutionäre Romanperspektive auf den Umerziehungsterrorismus im Namen von Mao Zedong
    In einem falschen Augenblick der Geschichte

    1966 fielen der Kulturrevolution fünfhundert Klaviere im Konservatorium von Shanghai zum Opfer. Der als Volkserhebung inszenierte Staatsterror zwang Direktor He Lüting (1903 – 1999) auf die Streckbank. Man unterwarf den „bourgeoisen“ Komponisten öffentlich der Folter, um ihn zur Selbstkritik zu ermutigen. Lüting widerstand. Schließlich wurde er in sein Amt zurückgerufen. Davon erzählt Madeleine Thien auf den Umwegen der Fiktionalisierung. Ein Degradierter spielt nachts Schallplatten ab und summt Fragmente von Liedern, die nur noch mündlich und illegal überliefert werden. Seine Tochter, eine Computerkoryphäe, demonstriert Jahrzehnte später auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens und flüchtet nach dem „Zwischenfall vom 4. Juni (1989)“, so die offizielle Sprachregelung, nach Vancouver. Da begegnet AI-Ming dem Kind Marie. In diesem Verhältnis wird sie zur unterweisenden Person.
    Thien lässt eine Reihe Hochbegabter in familienförmigen Kolonnen aufmarschieren. Ihre Erzählerin ist die sino-kanadische Mathematikerin Jiang Li-Ling, genannt Marie. Im Alter von zehn wurde sie von einem Doppelschlag des Schicksals getroffen. Ihr Vater, ein dissidenter Pianist, verließ sie und brachte sich dann um. Nun ist sie dreißig und versteht noch immer nicht, was damals geschah. Ein Reiz des Romans ergibt sich aus dem Abstand der Erzählerin zu den Gegenständen der Erzählung. Marie orientiert sich an Charles Dickens – und Godfrey Harold Hardy. Der Zahlentheoretiker sagte einmal: „Ich habe in meinem Leben nie etwas Nützliches getan.“ Thien zitiert ihn mit der Charakterisierung, die Mathematik sei „das Strengste und Unnahbarste“ im kosmischen Angebot. Hardy sprach so über Schönheit.
    Maries anglo-kanadische Prägung imprägniert sie. Das chinesische Kriegs- und Revolutionsgeschehen erscheint im Spiegel der zerbrochenen Biografien ihrer Altvorderen phantasmagorisch. Die Metaphorik krampft. Der „abgeschlagene Kopf eines Soldatenjungen auf dem Stadttor“ wird seltsam zum Sinnbild der Einsamkeit.
    Die Schlechten setzen die an Babylon heranreichenden Zivilisationserfahrungen in den chinesischen Apparaten gegen die „Reaktionäre“ in Paarungen von organisatorischer Effizienz und Sadismus barbarisch ein. Die Guten sind mit der Bewahrung geistiger Konterbande beschäftigt. Der Treibstoff aller Traditionen und jedes Fortschritts wird unter dem Schorf der ins erweiterte Jetzt geschlagenen Wunden in Sicherheit gehalten. Partituren und andere Aufzeichnungen bleiben wie Schätze verborgen, während Maos Garden „rechtsabweichende“ Intellektuelle malträtieren. „Sag nicht, wir hätten gar nichts“ liest sich wie eine Fundamentalkritik an Versuchen, die Kulturrevolution als einen Zukunftsmotor der Vergangenheit ins Museum zu stellen.

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    krimielsevor 10 Monaten
    Kurzmeinung: Beeindruckende Familiengeschichte zweier chinesischer Musikerfamilien vor politischen Hintergrund Chinesisch-sozialistischer Repressalien
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    NoraSherawrs avatar
    NoraSherawrvor 2 Monaten

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