Madison Smartt Bell

 3.8 Sterne bei 13 Bewertungen
Autor von Die Farbe der Nacht, Die Farbe der Nacht und weiteren Büchern.

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Die Farbe der Nacht

Die Farbe der Nacht

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Erschienen am 18.02.2013
Die Farbe der Nacht

Die Farbe der Nacht

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Erschienen am 18.02.2013
Ein sauberer Schnitt.

Ein sauberer Schnitt.

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Erschienen am 01.01.1990
Battery Park heimwärts

Battery Park heimwärts

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Erschienen am 01.12.1997
Jahr des Schweigens

Jahr des Schweigens

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Erschienen am 01.07.1998
Lavoisier in the Year One

Lavoisier in the Year One

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Erschienen am 01.06.2006

Neue Rezensionen zu Madison Smartt Bell

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Babschas avatar

Rezension zu "Die Farbe der Nacht" von Madison Smartt Bell

Mit Vollgas in den Abgrund
Babschavor 4 Jahren


Mae Chorea, eine Frau irgendwo zwischen fünfzig und sechzig, verdient ihren Lebensunterhalt als Croupière in einem Kasino nahe Las Vegas. Nach Schichtende streift sie hinter dem Trailerpark, in dem sie lebt, nachts stundenlang mit ihrem Präzisionsgewehr durch die Wüste. Um sich zu verlieren, sich abzureagieren und mit ihrer Vergangenheit fertig zu werden, die so grauenhaft ist, dass es für drei gereicht hätte. Und genau diese  breitet sie selbst in diversen Rückblenden vor dem Leser aus. Ihre ziemlich bescheidene Kindheit in irgendeinem Sumpfgebiet mit verständnislosen Eltern und einem psychopathischen älteren Bruder lässt sie schon in jungen Jahren erstarren und hart werden. Später schließt sie sich einer Hippie-Kommune im kalifornischen outback an, in der ein charismatischer Guru seine fast ausschließlich weiblichen Jüngerinnen nach allen Regeln der Kunst missbraucht. Dort lernt sie dann auch Laurel kennen, eine vermeintlich naive junge Frau, zu der sie eine intensive sexuelle Beziehung unterhält. Als die ganze Truppe irgendwann durchdreht und kriminell wird, können die beiden Frauen flüchten und ihre Wege trennen sich. Jahrzehnte später erkennt Mae ihre Geliebte auf den Fernsehbildern von 9/11 wieder. Als eine Kontaktaufnahme zu ihr scheitert, schnappt sie sich ihr Gewehr und bricht auf nach New York. Und das mit festen Absichten.

Ein Buch, randvoll mit Sex, Brutalität und menschlichen Abgründen legt der Autor hier vor. Aber es ist mehr. Es ist die Geschichte des von Anfang an verkorksten und gescheiterten Lebens einer Frau, die sich sowohl aufgrund ihrer genetischen Polung wie aufgrund ihrer Lebensumstände zu obsessiver Gewalt -auch an sich selbst- als einzigem Überlebensmittel bekennt und dies, je weiter die Dinge voran schreiten, auch immer exzessiver auslebt. Eine Person, die keinen Respekt mehr vor dem Leben kennt und sich außerhalb der Gesellschaft stehend empfindet. "Sterbliche" nennt sie die Menschen um sich herum, aber was ist sie selbst? Das darf der Leser tunlichst selbst zu ergründen versuchen. Gelegenheiten, in ihren wirren verquasten Kopf zu schauen, bietet sie ihm wahrlich genug.

Mein Eindruck ist etwas zwiespältig. Die Lebensgeschichte und Persönlichkeit der Protagonistin wird grandios, mit voller Wucht und ohne Rücksicht auf Verluste ausgebreitet. Dennoch bleibt sie in ihrem Denken und Handeln, so interessant sie auch sein mag, suspekt und nicht nachvollziehbar, gewinnt auch einfach nicht so etwas wie tragische Züge, die das Ganze irgendwie erklärbarer und nachvollziehbarer machen könnten. Was bleibt, ist einfach zuzusehen, wie eine Frau so schicksalhaft wie selbstverschuldet ihr Leben ruiniert und vor die Hunde geht. 

Der erzählerische Stil und die Sprache des Autors überzeugen, schießen allerdings manchmal in ihrer Drastik übers Ziel hinaus. Was allerdings stört und für mich einen Stern Abzug kostet, ist, wie unverblümt und bis in tiefste Einzelheiten der Autor in seinem Werk die tatsächlichen Begebenheiten um Charles Manson und seine family, die an gleicher Stelle wie im Buch Ende der Sechziger ihre grauenhaften Morde begingen, einfach abkupfert. Das hätte er eigentlich gar nicht nötig gehabt.

Insgesamt aber ein starkes, außergewöhnliches Leseerlebnis. Allerdings nichts für zarte Gemüter.

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ladyhopelesss avatar

Rezension zu "Die Farbe der Nacht" von Madison Smartt Bell

Dem Dunklen begegnen.
ladyhopelessvor 4 Jahren

Manche Bücher verlangen dem Leser viel ab. Man nimmt sie in die Hand, beginnt in ihnen zu blättern, bleibt an einzelnen Textpassagen hängen und spürt, es wird nicht leicht werden. Dennoch übt das Geschriebene eine Faszination aus, die verhindert, dass man das Buch weglegt. Dann, immer wieder während des Lesens, fragt man sich, warum tue ich mir das an? Und wenn man die letzte Seite gelesen hat, das Buch schließt, ist man auf eine Art erschüttert, die tief geht. Man streicht nicht über den Buchrücken, mit dem Gefühl einen neuen Freund kennengelernt zu haben. Vielmehr hat man das Gefühl, etwas Dunklem begegnet zu sein.

Zugegeben, solche Bücher sind selten und was ich hier beschreibe, ist absolut subjektiv, doch „Die Farbe der Nacht“ von Madison Smartt Bell ist für mich ein solches Buch.

Der Plot: Mit 16 reißt Mae von zu Hause aus und landet in San Francisco. Es ist der Höhepunkt der Hippiebewegung. Sie gerät in die Fänge der Sekte „das Volk“. Der Anführer D. lässt sich mit seinen Anhängern in einer Region nördlich von L.A. nieder. Von dort aus führt er „das Volk“ in einen Kreislauf aus Raub, Drogen, Orgien, Prostitution und Gewalt. Dort lernt Mae auch Laurel kennen. Sie werden ein Paar. Mae und Laurel bringen ihre eigenen Geschichten aus erfahrener und verübter Gewalt mit und sie folgen D. und seinem Partner O. auf deren immer brutaler werdenden Pfad. Als die Situation auf verschiedenen Ebenen eskaliert, schaffen es die beiden, zu fliehen, doch ihre Wege trennen sich. Dreißig Jahre später entdeckt Mae Laurel im Fernsehen. Sie erkennt sie, als diese auf einer Straße in New York kniend, vom Staub der eingestürzten Türme bedeckt, die Hände gen Himmel reckt. Und alles holt sie wieder ein.

„Die Farbe der Nacht“ geht in vielerlei Hinsicht an die Grenzen des Vorstellbaren und auch des Erträglichen. Das Grundthema ist Terror. Bell spiegelt den Terror auf drei Ebenen. Im vermeintlich geschützten Raum der Familie, innerhalb einer Sekte und als ultimativen Anschlag. Im Zentrum dieser drei Ebenen steht Mae. Sie ist Täter und Opfer zugleich. Bell lässt ihre Geschichte wie ein Film vor den Augen des Lesers ablaufen. Dabei wechselt er in kurz gehaltenen Episoden immer wieder die Zeitebenen und die Orte. Was sich zunächst verwirrend liest, ergibt schnell Sinn. Es ermöglicht dem Leser, Mae und die Geschehnisse um sie herum in ihrer gesamten Komplexität wahrzunehmen. Die Wurzeln ihres Verhaltens stehen direkt neben den Konsequenzen und den daraus resultierenden Handlungen ohne dass sie direkt aufeinander bezogen werden. Tatsächlich liegen teilweise Jahre und Jahrzehnte dazwischen. All das ergibt jedoch am Ende das dichte Bild einer gestörten, kaum fassbaren Persönlichkeit.

Sprachlich lässt der Autor durch szenische Beschreibungen dichte, intensive Bilder vor dem inneren Auge des Lesers entstehen. Ihm gelingt dabei eine äußerst anschauliche Darstellung der jeweiligen Zeit und des entsprechenden Landstrichs. Auf diese Weise webt er die persönliche Geschichte der Mae in einen gesellschaftlichen Kontext und spürt so, ohne es konkret zu benennen, auch der Entwicklung der USA nach. Die Sprache gleitet dann ins Verschlüsselte ab, wenn Drogen und/oder Gewalt das Szenario bestimmen. Man hat jedoch nicht das Gefühl, das Bell sich dahinter versteckt, sich scheut die Details in ihrer Klarheit zu benennen, sondern vielmehr vermittelt er dem Leser einen Eindruck der geistigen Verfassung der Protagonistin. Diese Passagen sind es auch, die einen besonders fordern. Immer wieder fragt man sich, ob das, was man in die Bilder hinein liest, dem Geschehen entspricht oder ob man in die Falle der (Un)tiefen des Geistes der Protagonistin beziehungsweise des eigenen Geistes tappt. Nur Stück für Stück wird der Autor konkreter und erst gegen Ende werden bestimmte Geschehnisse aus der Andeutung heraus gelöst und klar benannt. Diese Art des Erzählens entwickelt einen ganz eigenen Sog. Man hat als Leser das Gefühl, von Bell provoziert zu werden. Wie weit gehst Du als Leser, wie viel hältst Du aus?

Ich habe alles ausgehalten. Ich habe das Buch zu Ende gelesen und ich bin froh darüber. Abgesehen davon, dass das Ende an sich großartig ist und mir noch ein letztes Keuchen entlocken konnte, ist „Die Farbe der Nacht“ tatsächlich äußerst spannend. Bell fordert seinen Leser, zwingt ihn, seine geistige und seelische Komfortzone zu verlassen, um ihn an etwas heranzuführen, dass – hoffentlich – weit jenseits der eigenen geistigen Verfassung liegt. Mir persönlich liegt das, aber man sollte sich fragen, warum liest man, bevor man diesen Roman in die Hand nimmt. Liest man, um sich besser zu fühlen, dann ist dieses Buch sicher nicht das Richtige. Liest man aber, um vielleicht an innere und äußere Orte zu gelangen, die einem im wahren Leben vermutlich verschlossen bleiben werden, dann rate ich, sich diesem Buch zu stellen. Es ist eine Lektion, es ist aber auch Erkenntnis.

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Boriss avatar

Rezension zu "Die Farbe der Nacht" von Madison Smartt Bell

"Reise in Amerikas Herz der Finsternis"
Borisvor 6 Jahren

Ich hätte gewarnt sein müssen als ich auf dem Klappentext diese Plattitüde gelesen habe.
Nehmen wir an ich wäre ein amerikanischer Autor und ich möchte DEN düsteren, blutigen Roman schreiben...
Was fällt mir zuerst ein. Sex kommt immer gut. Aber nicht so einfach zwei Menschen die miteinander schlafen...Inzest ist nicht schlecht. Aber der Bruder meiner Hauptfigur muß natürlich auch ziemlich gestört sein. Schmerz, Blut gehört auch dazu. Später muß dieser Bruder dann nach Vietnam und noch gestörter zurückkommen und seine Frau quälen, bevor er dann seine ganze Familie auslöscht und dann von der Polizei getötet wird. Dann kann ich eine schöne Szene schreiben, in der meine Hauptfigur auf sein Grab pisst...hat er ja auch verdient!
Das Ganze soll ja in den späten 60iger Jahren spielen...was fällt mir da ein...Die dunkle Seite von "love and peace", Drogen, ganz wichtig, rauchen, spritzen, durch die Nase...da war doch noch was...HELTER SKELTER!!! Tolle Idee! Nur kann ich Manson nicht Charlie nennen, wäre zu einfach...Wie wäre es mit D, wie Dionysos! Ich schreibe ja keinen Schundroman...Kultur ist wichtig! Dann gibt es noch einen Sänger, den nenne ich O, wie....und eine Frau, die heißt Eerie....
Da habe ich ja schon einen guten Cocktail gemischt, aber es fehlt noch ein wenig Gegenwart. Moment da gab es doch noch was...9.11.!!! Das ist noch niemand eingefallen! Irgendwie hängt ja alles zusammen, diese Hippies könnten ja auch an 9.11......,OK, soweit gehe ich dann doch nicht, aber die einstürzenden Türme kommen einfach immer gut
Jetzt kann der Verlag was von "Herz der Finsternis" schreiben, oder von "Genealogie der Gewalt"...leider geht nicht "Wegführer in die Hölle" das haben die schon bei Donald Ray Pollock verbraten. Na ja, man kann nicht alles haben....

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