Exzerpt
Erfindung des Pornos
- Pornografie entstand als moralische Kategorie, als das Bürgertum im Zeitalter der Aufklärung ebendiese (also die Darstellung sexualisierter Inhalte) zensieren wollte. Auch der Begriff ist so, wie er seitdem verwendet wird, erst um 1850 entstanden (davor waren ’Pornographen’, wenn der Begriff überhaupt verwendet wurde, z.B. Ethnographen, die sich mit Sex Work befassten) -> ”Im Kern meint Pornografie weniger die Darstellung des Sexuellen als ein Darstellungsverbot des Sexuellen)
Gewalt im Porno
- Studien über Gewalt in heterosexuellen Pornos legen die Schwelle für Gewalt oft schon sehr niedrig an, sodass nahezu jeder Kink schon als Gewalt gilt. Worin sich aber Studien mit niedriger und höherer Schwelle bei der Einstufung von Gewalt meist annähern, ”ist die Geschlechterdynamik: Die große Mehrheit der als aggressiv markierten Verhaltensweisen geht von männlich gelesenen Personen aus und trifft weiblich gelesene.”
- Körperliche Gewalt (oder Kinks) kommt etwa doppelt so viel in lesbischen und schwulen Pornos vor und noch öfter in queer-feministischen (”Mit 54% kamen Spanking, Gagging und Slapping fast doppelt so häufig vor wie in populären Mainstreampornos.”
- ”Consentual Non Consent”-Inhalte (Inszenierungen von erzwungenem Sex) und generell Szenen, in denen Personen negative Reaktionen auf Gewalt zeigen sind mit 0-6% die absolute Ausnahme in populären Pornos
Porno und Feminismus
- Radikalfeministinnen sind schon in den 80ern Allianzen mit Rechten eingegangen in ihrem Kampf darum, ein Pornoverbot zu erwirken (vgl. heute TERFs). Die Feindschaft ggü. Pornos per se liegt unter anderem in biologistischen Ansichten begründet, nach denen Männer quasi schon aufgrund ihrer Biologie eher Gewalt ausüben und Frauen Gewalt erfahren, weswegen es auch keine feministischen Pornos geben kann (dieses biologistische Denken findet sich auch heute wieder im Cis-Sexismus der Radikalfeministinnen). In Abgrenzung entstand der sexpositive Feminismus (aus dem dann auch Queerfeminismus hervorging) —> ”Für mich stellt sich die Frage, ob nach all der Zeit noch immer von ’merkwürdigen Bettgenossen’ die Rede sein kann, oder wir tatsächlich eher von einer ’feministischen Rechten’ sprechen sollten.”
- Progressivität im Pornogeschäft? —> ”2019 gingen bei den AVN-Awards, den ’Porno-Oscars’, die Hälfte aller Nominierungen für beste Regie an Frauen und damit mehr als in der gesamten Geschichte der Oscars! Dort war in fast hundert Jahren erst acht Mal eine Regisseurin nominiert, und nur drei von ihnen gewannen”
- Die feministische Pornobewegung, die zunächst eine vor allem cisweiblich, heterosexuell und weiß geprägte Bewegung war, fiel und fällt oft auf durch eine elitäre Haltung, ein Hinabblicken auf den Mainstreamporno (und dessen Konsumenten). Filmische Qualität wird hier auch oft höher gewertet.
- Maßgeblich für eine Etablierung/Salonfähigkeit von Pornos in der Mittelschicht, war in den 2000ern u.a. die schwedische Regisseurin, Produzentin und Autorin Erika Lust, die in ihrem Buch „Good Porn“ „Männer-„ und „Frauenpornos“ gegenüberstellt und in ersteren z.B. die Darstellerinnen abwertet als „blonde Huren une Nymphomaninnen“, die „Netzstrümpfe und Nuttenröcke“ trügen, während Lust in ihren eigenen Pornos „moderne, berufstätige, emanzipierte, ganz normale Frauen“ in Markenkleidern zeige. Auch in der feministischen Porno-Community findet eine Abgrenzung zum Mainstream Porno statt, etwa durch Selbstdefinitionen als „art core“ oder „post Porn“
- In Bezug auf die Arbeitsbedingungen und zusammenhängend mit einem Authentizitätsanspruch, herrscht in der feministischen Pornoproduktion (und bei Konsumenten) oft die Erwartung, dass Darstellerinnen echte Orgasmen haben. Das beweise außerdem, dass sie auch wirklich Spaß haben und freiwillig da sind. Oeming erzählt außerdem, dass sie von mehren feministischen Produktionen gehört hat, die „ihre Performenden bewusst gar nicht bezahlen, um vollständige Freiwilligkeit zu garantieren.“ Feministischen Porno müsse man sich damit nicht nur als Konsumentin, sondern auch als Darstellerin leisten können.
- Ein häufiges Argument dafür, wieso Pornos per se frauenfeindlich sind, ist, dass Frauen bildlich zerstückelt und auf ihre Geschlechtsorgane reduziert werden. Das passiert natürlich bei Männern auch, oft sogar in viel größerem Ausmaß (und weil das so offensichtlich ist, bin ich mir auch nicht sicher, ob dieses ‚Argument’ wirklich so oft gebracht wird, wie Oeming hier nahelegt).
- Trotz des „geschlechterübergreifende[n] Objektstatus“ in Pornos, wird der Objektstatus der Frauen oft stärker wahrgenommen und der des Mannes teilweise ganz übersehen. Oeming macht dazu ein spannendes Gedankenspiel: „Wenn wir ein Bild von einem nackten Mann sehen, der von sechs nackten Frauen umgeben im Bett liegt, was ist unser erster Gedanke? Hat der es gut, der wird von den ganzen Frauen verwöhnt! Tauschen wir die Geschlechter: Wir sehen eine nackte Frau umgeben von sechs nackten Männern. Was denken viele als Erstes? Oh Gott, die Arme wird von den ganzen Männern benutzt! Die Idee, dass Sex etwas ist, was Männer wollen und Frauen ihnen geben, ist derart verankert in unseren Köpfen, dass wir in einer Frau, die Sex hat, automatisch eine passive statt eine selbstbestimmte Frau sehen - ein Objekt, statt ein Subjekt.“ (Leider lässt sie hier außen vor, dass in diese Wahrnehmung höchstwahrscheinlich auch Ängste vor Männern mit reinspielen und/oder das Wissen um die Gefahr, die sie statistisch gesehen für Frauen darstellen.)
- Weiteres Argument gegen den (bloßen) Objektstatus der Frauen im Mainstreamporno: Frauen haben höhere Redeanteile und initiieren fast doppelt so häufig den Sex
Moral Panic und Kindesgefährdung
- neue moralische Panikwelle als ab den späten 00er Jahren Pornos für alle im Internet frei zugänglich waren (Medien berichteten alarmistisch z.B. über die „sexuelle Verwahrlosung“ der Kinder, die SZ rief 2009 die „Generation Porno“ aus) - „Dass permanent von ‚Kindern‘ die Rede ist, obwohl es sich in aller Regel um Jugendliche handelt, ist nur einer der vielen skandalisierenden Framing-Kniffe in der öffentlichen Unterhaltung über jugendliche Pornonutzung.“ —> im Grunde gleiche Debatte oder zumindest gleich geführte Debatte wie schon im 18. Jahrhundert die Lesewut-Debatte (also ungefähr zeitgleich zur Entstehung des modernen Konzepts der Pornografie!!!)
- Der heutige Kinder- und Jugendmedienschutz hat seinen Ursprung in der Angst des Einflusses von Büchern. - „1926 trat im Deutschen Reich das ‚Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften’ in Kraft, und 1953 wurde das „Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften‘ eingeführt, dem die Errichtung der Bundeszentrale für Kinder- und Jugendmedienschutz folgte.“
- Im 20. Jahrhundert entstand die Medienwirkungsforschung, von der mittlerweile auch die Pornowirkungsforschung ein Teil ist. Viele Studien waren und sind hier aber vor allem von der Frage geleitet, WIE schädlich Pornos sind; nicht, OB sie schädlich sind. Außerdem können meistens nur Korrelationen und keine Kausalitäten festgestellt. Das liegt vor allem daran, dass man nur schwer Experimente durchführen kann bzw. mit Jugendlichen gar keine Experimente machen kann, da man sie ja nicht pornografischen Inhalten aussetzen darf.
Pathologisierung von Sex & „Pornosucht“
- 1884 veröffentlichte der deutsche Psychiater Richard von Krafft-Ebing die Psychopathia Sexualis, „in der er anhand etlicher Fallbeispiele verschiedenste Sexualstörungen vorstellte, darunter Masochismus und Sadismus. Auch Homosexualität stuft er darin als erbliche Nervenkrankheit ein.“ -> Buch wurde zum Standardwerk und prägte das westliche Denken über Sexualität
- Masturbation galt zuerst als sündhaftes Sexualverhalten (im 13. Jhd. von Thomas von Aquin zur Sünde erklärt), in der Aufklärung dann als krankhaftes Verhalten (1760 von einem Schweizer Arzt als Onanie bezeichnet, nach Onan aus dem AT, und zu einem gefährlichen Verhalten erklärt, das alles möglichen Krankheiten nach sich ziehen kann, wie Ausschläge, Rheuma und Sehstörungen, Lepra, Tuberkulose, Epilepsie, …)
- Heute gilt nicht mehr die Masturbation per se als krankhaft, sondern die exzessive Masturbation („1830 als ‚Erotomanie‘ medizinisch erfasst und später von Krafft-Ebing als ‚sexuelle Hyperästhesie‘ weiter verbreitet“)
- 1983 veröffentlichte US-Psychologe Patrick Carnes sein Buch: „Zerstörerische Lust: Sex als Sucht“ (80er Zeit des konservativen Backlash nach der Sexuellen Revolution, auch befeuert durch AIDS-Epidemie), erstmals Vorstellung der „Diagnose“‘ Sexsucht
- „Sexsucht“ sowie „Pornosucht“ keine offiziellen Diagnosen. In der ICD-11 gibt es die Diagnose CSBD (Compulsive Sexual Behavior Disorder), Zwangsstörung im Kapitel der Impulskontrollstörungen (also keine Sucht; manche plädieren aber dafür, zwanghaftes Sexualverhalten als Verhaltenssucht einzuordnen)
- Medien nutzen den Begriff „Pornosucht“ trotzdem ständig und erwecken im Vergleich mit anderen Drogen(-Süchten) den Eindruck, es gäbe eine solche Diagnose UND es handle sich dabei um eine stoffgebundene Sucht
- Entgegen diverser Behauptungen können Studien nicht bestätigen, dass exzessiver Pornokonsum ursächlich für Erektionsstörungen ist. Entscheidend für erektile Dysfunktion sei vor allem „Kontrollverlust oder Leidensdruck, also das Verhältnis zum - NICHT der Umfang vom - eigenen Pornokonsum.“ Außerdem ist anzunehmen, dass Menschen mit Erektionsschwierigkeiten zu einem höheren Pornokonsum neigen, weil dabei ja weniger Druck auf ihnen lastet
Sonstiges
- in den USA wurde Pornografie 1969 legalisiert, „lesbian porn“ (die sog. Beaver Loops) waren aber davor schon zulässig, da juristisch Szenen ohne erigierten Penis nicht als pornografisch eingestuft wurden
- (Schambehaftete!) Überwältigungsfantasien von Frauen: “Dabei ist paradoxerweise ein Erklärungsansatz für die Häufigkeit dieser Fantasien gerade, dass das Element des Gezwungenwerdens für Frauen unbewusst als Umgehen der eigenen sexuellen Schuld dient.”
Kritik
Bezieht sich vor allem auf ca die erste Hälfte: Ich hätte mir gewünscht, dass mehr auf die genannten Studien eingegangen wird. So entstehen manchmal beim Zitieren der Studien Unklarheiten. Auch hätte man einige Argumente der Gegenseite ruhig ernster nehmen und entsprechend darauf eingehen können. Ich selbst bin auch überzeugt, dass es einen rechten Feminismus gibt, aber allein mit dieser Degradierung der Radikalfeministinnen ist es ja noch nicht getan (Es werden viele dumme Zitate von eher rechten oder konservativen Feministinnen angeführt, deren Inhalte offensichtlich dumm sind. Ich gehe davon aus, dass auch viel gegen Pornografie und bestimmte Praktiken gesagt und geschrieben wurde, das zumindest intelligenter klingt und mehr Hand und Fuß hat und ich hätte schön gefunden, wenn Oeming primär darauf eingegangen wäre und weniger z.B. Alice Schwarzer zitiert hätte). Teilweise werden hier Aussagen zitiert, die so absurd klingen, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass das unter Radikalfeministinnen eine Mehrheitsmeinung war (”Selbst der in ihren Augen immer nur männlicher Leistungslogik entspringende Orgasmus - auch der weibliche - war ein No-Go.”) Solche Stellen finde ich etwas zu rage baity.
An manchen Stellen werden außerdem unpassende Vergleiche gezogen oder verkürzte Aussagen getroffen (Beispiel: ”Hierzulande geben 96% der Männer und und 79% der Frauen zwischen 18 und 75 Jahren an, schon einmal Pornos gesehen zu haben. Zum Vergleich: 1988 gaben in der BRD nur 22% der Männer und 19% der Frauen an, etwa einmal im Monat Pornos zu nutzen.”)
Die Entscheidung, wenn von Entwicklungen in Deutschland in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts die Rede ist, immer nur auf die BRD einzugehen und die DDR komplett auszusparen, wird sicher aus gutem Grund getroffen sein; es wird hier aber leider keiner genannt.
Insgesamt halte ich das Buch für einen wichtigen Beitrag zu einer eigentlich unnötigen Debatte (bezogen darauf wie die Porno-Debatte sich ja aktuell nicht wirklich um Inhalte dreht, sondern darum, ob Pornos überhaupt existieren sollten, was hier mehr als zurecht kritisiert wird)








