Titus lebt! Er hat Gormenghast wiedergefunden und erneut verlassen – diesmal aus freiem Willen – um sich von seiner Vergangenheit zu befreien. Mehr lässt sich zum Inhalt meiner Meinung nach auch nicht sagen, es ist vielmehr eine Aneinanderreihung diverser Szenen als eine Geschichte mit rotem Faden.
Nachdem Mervyn Peake 1968 starb, verblieb das Manuskript zum vierten Teil der Gormenghast-Saga lange in irgendeiner Schublade, oder in einem Karton, vielleicht auch auf dem Dachboden, in der hintersten Ecke – jedenfalls möchte ich mir das so vorstellen – bis seine Witwe Maeve Gilmore die Aufzeichnungen fand und das Werk ihres Mannes vollenden wollte. Denn Gormenghast war nicht als Trilogie geplant, Peake wollte die Welt um Titus fortführen – wohin weiß niemand.
Nach 12 Seiten bricht Peakes Manuskript ab, es ist unleserlich, und von da an ist Maeve Gilmore auf sich allein gestellt. Sie muss nun Titus Welt in ihrem eigenen Kopf auferstehen lassen, und wahrscheinlich hat sie sich dabei genauso hilflos gefühlt wie Titus auf seinen Wanderungen. Es wird deutlich, dass nun eine Frau schreibt – ganz ohne in Klischees verfallen zu wollen – oder wem das nicht gefällt, es wird zu mindestens deutlich, dass nun eine andere Person schreibt. Schlagartig, ohne Übergang. Ob ich das mag, oder nicht – darüber bin ich mir selbst noch nicht im Klaren. Einerseits mag ich Gilmores luftigeren Schreibstil, ihre leichtern Sätze und Formulierungen – alles wirkt ein wenig bunter als zuvor; und andererseits habe ich das Gefühl, dass sie sich so in diesen Formulierungen verstrickt, dass sie ein wenig vergisst, Titus Handlung zu geben.
Zum ersten Mal wurde die Fortführung von Maeve Gilmore veröffentlicht, und sie hat sicher grandiose Arbeit damit geleistet – aber vielleicht wäre es in diesem Fall besser gewesen, Titus ruhen zu lassen.
Rezension zu "Gormenghast / Titus erwacht" von Mervyn Peake


