Magali Nieradka-Steiner

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Exil unter Palmen

Exil unter Palmen

 (2)
Erschienen am 01.06.2018

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Rezension zu "Exil unter Palmen" von Magali Nieradka-Steiner

Ein Exil für die deutsche Literatur
Sikalvor 6 Monaten

Während wir heute die Côte d’Azur mit Urlaub in Verbindung bringen, hatten die Reisenden Anfang des 20. Jahrhunderts zumeist andere Beweggründe. Einerseits wollten sie natürlich die Sonne genießen, hatten zum Teil gesundheitliche Probleme, ein Aufenthalt in wärmeren Gebieten wurde zur Therapie. Doch rasch entwickelte sich der „letzte Zipfel Europas“ zu einem Zufluchtsort, vereinte gestrandete Weltenbummler, Maler, Schriftsteller u.a. Der kleine Ort Sanary-sur-Mer wurde zum Rettungsanker bekannter Namen, wie Franz Werfel, die Familie Mann, Marta und Lion Feuchtwanger, Stefan Zweig, die Huxleys und vieler anderer.

 

Spätestens seit Hitlers Machtübernahme und dem darauf folgenden Umbruch wurden diese Menschen nicht mehr als Künstler gehandelt, sondern wurden zu Staatsfeinden degradiert, Bücherverbrennungen, Vertreibungen, Konfiszieren des Vermögens – es wurde mit harten Bandagen gekämpft. Durch verschiedene Kontakte und Vernetzungen konnten sie zum Glück den Nazis entkommen und sich ihr „Exil unter Palmen“ aufbauen. Niemand wusste wie lange sie sich diese Auszeit nehmen mussten.

 

Die Autorin Magali Nieradka-Steiner ist akademische Mitarbeiterin an der Universität Heidelberg und Lehrbeauftragte an der Uni Mannheim. Sie beschäftigt sich mit Themen wie Exilforschung und Migration, kann hier auf ein enormes Wissen bauen. Sie versucht dieser Vielzahl an Namen Struktur zu geben, zeigt Verbindungen zwischen den Menschen auf, beschreibt die einzelnen Domizile der Vertriebenen.

 

Die Deutschen und Österreicher waren zunächst willkommen in Frankreich (zumindest bis Deutschland den Franzosen den Krieg erklärte), sie blieben unter sich und wurden von den Einwohnern des Ortes toleriert. Doch letztendlich wurden auch hier die Menschen vom System eingeholt und in diverse Internierungslager gebracht. Nur mit großer Hartnäckigkeit oder viel Glück konnten sie ihrem Schicksal entkommen. Z.B. konnte Lion Feuchtwanger mit Unterstützung von Miles Standish flüchten, indem Feuchtwanger mit Mantel und Kopftuch verkleidet als Standishs Schwiegermutter fungierte. Viele solcher Geschichten und Anekdoten finden sich in diesem Buch und machen dieses lesenswert.

 

Es dauerte einige Zeit, bis sich Sanary-sur-Mer seiner Vergangenheit stellte. Heute gibt es eine Gedenktafel, die an die vielen Menschen erinnert, die hier Zuflucht suchten und letztendlich doch auch diesen Rettungsanker aufgeben mussten. Über sechzig Namen finden sich auf dieser Erinnerungstafel – Menschen, die Angst und Terror hinter sich lassen konnten und nach Amerika emigrierten und Menschen, die den Ort nur als Zwischenstation nutzten, um den Krieg zu überstehen und danach wieder in ihre Heimat zurückkehrten. Zumindest werden diese Menschen nicht vergessen, wird ihr Andenken hochgehalten, seit Jahren werden verschiedenste Ausstellungen oder auch Tagungen organisiert, die das Exil ins Bewusstsein bringen.

 

Ein interessantes Buch über Einzelschicksale prominenter Schriftsteller und deren Zufluchtsort am Mittelmeer. Gerne vergebe ich vier Sterne.

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aus-erlesens avatar

Rezension zu "Exil unter Palmen" von Magali Nieradka-Steiner

Lebensabschnittparadies am Meer mit Haken und Ösen
aus-erlesenvor 6 Monaten

Klingt wie ein Traumurlaub, der niemals enden sollte: Eine sehr lange Zeit an der Côte d’Azur. Das savoir-vivre genießen. Die ewig strahlende Sonne. Ja, für viele ist das das Synonym von Paradies oder zumindest einer zeitlich begrenzten Erholungsphase selbigen Ausmaßes. Doch es gab eine Zeit, in der Die Côte d’Azur nicht nur der Sehnsuchtsort der Sonnenanbeter war, sondern im wahrsten Sinne des Wortes Zuflucht. Ein Ort, an dem man Terror, Erniedrigung und Angst ums eigene Leben ein wenig vergessen konnte. Sanary-sur-Mer war einmal das Exil von Lion Feuchtwanger, Franz Werfel, Thomas Mann, Hermann Kesten. Die Künstler mussten ihre Heimat verlasse, da sie als Dorn im Fleisch des Faschismus Verderb bedeuteten. Schon kurz nach der Machtübernahme der Nazis flohen sie zuhauf. Hermann Kesten, Lektor beim Gustav Kiepenheuer Verlag, war einer der Lockvögel. Er war der erste Ansprechpartner und Wohnungsvermittler. In La Tranquille fanden die Manns, Thomas, Katia, Golo, Michael, Erika und Monika das gewünschte Domizil – mit entsprechender Zimmeranzahl und funktionierender Struktur. 

Die Villa Valmer wurde das Arbeits- und Lebenskosmos von Lion Feuchtwanger und seiner Frau Marta. Sie war es auch, die die Besucher tagsüber abwimmelte, damit ihr Gatte an seinen Werken schreiben konnte. Doch das „Exil unter Palmen“, wie es die Autorin dieses Buches, Magali Nieradka-Steiner, nennt, unterliegt auch dem Gang der Geschichte und ihrer Wendungen. 

Anfangs waren die Deutschen, man nannte den Ort schon Sanary der Deutschen, noch willkommen. Sie waren still, blieben unter sich und im Ort achtete man sie auch wegen ihrer angeborenen Etikette. Man stand sich nicht im Weg. Das Vichy-Regime brachte neuen Wind an die Côte. Behörden wurden effizienter. Aus dem Sanary der Deutschen wurde das Sanary der Juden. Wieder mussten Dutzende Deutsche – eine Gedenktafel im Ort weist fast siebzig Exilanten aus Deutschland und Österreich auf – flüchten. Die Nähe zu Marseille war Glück im Unglück. Denn von hier gab es meist nur die letzten Passagen gen Afrika, Lissabon, um dann weiter in Richtung Süd- oder Nordamerika zu kommen. Einige schafften den Absprung sofort. Viele wurden interniert. So wie Lion Feuchtwanger oder Alfred Kantorowicz. Wenigen gelang die Flucht. Zu viele ertrugen die Lagerzeit nicht. 

Magali Nieradka-Steiner stellt einen Ort vor, dessen Lage für Urlauber ideal ist. Mittlerweile hat sich der Ort seiner historischen Bedeutung gestellt und weist hier und da auf die berühmten ehemaligen Bewohner hin. Sie alle, von Ernst Bloch bis Stefan Zweig von Egon Erwin Kisch bis Alfred Neumann, waren auf der Flucht. Sie fanden hier kurz- bis mittelfristig eine Raststätte auf ihrem weiteren Weg in eine bessere Zeit. Manche kehrten noch einmal zurück, nachdem die Schrecken vorbei waren. Andere fanden in Kalifornien, ihre Lebensheil. Sie kehrten nie mehr in ihre Heimat oder ihr Exil unter Palmen zurück.


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