Maike Wetzel

 3.8 Sterne bei 33 Bewertungen
Autorin von Elly, Lange Tage und weiteren Büchern.

Lebenslauf von Maike Wetzel

Die Schriftstellerin mit dem filmischen Blick: Die 1974 im hessischen Groß-Gerau geborene Maike Wetzel zog es zunächst zum Film. So studierte sie an der Filmhochschule in München und mit einem Stipendium in Großbritannien das Regiefach. Zwischen 1995 und 2002 realisierte sie fünf Kurzfilme. Bereits 1995 fand aber auch schon Maike Wetzels literarisches Talent Beachtung im Jungen Literaturforum Hessen-Thüringen. Ihre beiden Erzählbände „Hochzeiten“ von 2000 und „Lange Tage“ von 2003 brachten ihr viel Anerkennung ein. Die beiden Titel wurden jeweils komplett ins Englische und Ungarische übersetzt, einzelne der Erzählungen in zahlreiche andere Sprachen. Außerdem profitierten viele Anthologien von Wetzels erzählerischem Schaffen. Audio-Formate erschienen im Rundfunk und auf Hörbüchern. Damit zählt Maike Wetzel zu den wichtigsten Nachwuchsvertretern der kurzen Prosaform in Deutschland. 2014 durfte Maike Wetzel als erste Residenzschriftstellerin des Goethe-Instituts Wellington, Neuseeland kennenlernen. Für ihr erstes umfangreiches Literaturprojekt, die Arbeit am Romanmanuskript „Elly“, erhielt sie 2017 als Unterstützung den Robert-Gernhardt-Preis. Maike Wetzel lebt schwerpunktmäßig in Berlin, ist aber bundesweit als Dozentin und Journalistin aktiv. Ihre Leserinnen und Leser können ihr auch in den Sozialen Netzwerken, etwa bei Twitter und Facebook, begegnen.

Alle Bücher von Maike Wetzel

Lange Tage

Lange Tage

 (13)
Erschienen am 01.09.2003
Elly

Elly

 (14)
Erschienen am 07.08.2018
Hochzeiten

Hochzeiten

 (6)
Erschienen am 01.04.2006
Das Hotel

Das Hotel

 (0)
Erschienen am 07.01.2012
Meine Zeit

Meine Zeit

 (0)
Erschienen am 01.03.1999
Die Katze

Die Katze

 (0)
Erschienen am 30.10.2016
Fremde Fenster

Fremde Fenster

 (0)
Erschienen am 02.07.2010

Neue Rezensionen zu Maike Wetzel

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Gwhynwhyfars avatar

Rezension zu "Elly" von Maike Wetzel

Worst case - das Kind ist plötzlich verschwunden
Gwhynwhyfarvor 16 Tagen

Der Anfang: »Diese Geschichte ist nicht meine Geschichte. Ich bin nicht sicher, wem sie gehört. Sie liegt auf der Straße, sie schläft in unserem Haus und trotzdem ist sie mir immer einen Schritt voraus. Wenn ich diese Geschichte nun aufschreibe, ist das ein Versuch, sie zu bannen.«

Bereits die ersten Sätze ziehen den Leser hinein in die Geschichte. Alles beginnt im Krankenhaus und hier geht es um Macht, um Manipulation – Kinder unter sich – hier wird geklärt, wer das Zepter in der Macht hält. Ein Vorspiel auf das, was nun folgen wird. Eine Erzählung, die bis zur letzten Seite nicht loslässt.

Ein familiärer Albtraum – Ein Kind verschwindet spurlos, eine Schwester. Eine Bilderbuchfamilie in Schockstarre. Eine Elfjährige fährt mit dem Fahrrad zum Sport und kommt dort nicht an. Das kann nicht sein, darf nicht wahr sein. Doch sie bleibt verschwunden. Wie verändert sich die Familie, wie verändern sich die Beziehungen untereinander und was geschieht mit dem verbliebenen Kind, der Schwester?

»Ich war die große Schwester und erklärte Elly auch im Urlaub, was sie zu tun und zu lassen hatte. Wir bauten Hütten aus Zweigen und legten uns darin schlafen. Unsere Eltern fanden uns erst nach Sonnenuntergang. Sie waren nicht beunruhigt damals, nur amüsiert.«

Worst Case, mit dem Tod kann man abschließen, aber nicht mit dem Unfassbaren, dem Nichts. Gedanken darüber was passiert sein kann, Hoffnung, es ist nicht das Ende. Judith und Hamit, die Eltern, Ines, die ältere Schwester, jeder ist in seiner Trauer letztendlich allein, in seiner Hoffnung – dem Abschließen. Maike Wetzel wechselt die Perspektive, die Familienmitglieder kommen zu Wort, der analytische Vater, die Tochter, die sich nicht mehr wahrgenommen fühlt, eine sich auflösende Mutter. Wie reagiert die Gesellschaft? Die Eltern werden verdächtigt. Hält die Familie zu ihnen? Was löst ein solches Ereignis aus in der Beziehung zwischen allen Beteiligten?

»Heimlich bin ich wütend auf meine Schwester. Sie nimmt mir alles weg. Ich habe kein Recht, fröhlich zu sein, wenn meine Schwester leidet, wenn sie vielleicht tot ist, wenn sie allein in einen Kerker gesperrt, vergewaltigt, ohne Sonne, ohne vernünftige Nahrung vegetiert. Elly ist weg. Es gibt nichts anderes, was zählt.«

Die Sprache ist knapp, die Geschichte eine Essenz, die Autorin konzentriert sich auf wesentliche Punkte, aber hier schlägt sie zu, hier trifft die Sprache, den Leser wie eine Faust. Maike Wetzel serviert uns Puzzleteile, passend, denn es sind Splitter im tiefen Schweigen, in der Betäubung, Schweigen besteht aus Stille, schreibt die Autorin. »Elly ist weg«, ein Satz, der sich durch den ganzen Roman zieht, sich ständig wiederholt, das zentrale Leid.

»Elly ist fort. Wir haben noch Ines. Ich hoffe, sie bleibt.«


Präzise Sprache, fein gewebt, atmosphärisch dicht, ein kleiner Roman mit nur 148 Seiten, große Schrift, Passagen, die mich immer wieder die Luft anhalten ließen und ein Roman, der am Ende eine Überraschung bereithält. Stille – Schweigen, aber alles ist in Bewegung, und sei es nur am Rande, der Vater ist Ingenieur für Rolltreppen, und in diesem Buch steht rein gar nichts still. Im ersten Augenblick scheint das zentrale Thema dieses Buchs Verlust zu sein. Aber wer genau hinsieht, erkennt dahinter das große Thema: Manipulation. Das verwebt die Autorin auf viele Art und Weise und sei es nur in kleinen Andeutungen. Innenperspektive, Außenperspektive, der Leser bekommt eine andere Wahrnehmung der Figuren. Und da ist Hamit, der Vater, der nicht mal Arabisch spricht, seinen Namen nicht richtig aussprechen kann, mit dem kehligen Halslaut, der behauptet, er sei Grieche, um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen. Sein Aussehen, sein Name, die Lüge liegt sofort auf dem Tisch. Kann man so einem trauen?

»Ich erfinde mich, ich spiele mich, täglich neu. Ich erzähle, um zu leben. Was stört, töte ich ab. Ich lausche auf die Herzen und erzähle den Menschen dann, was sie hören wollen. Ich lulle sie ein.«

Vier Jahre später: In Dänemark wird am Strand eine verstörte, verwahrloste Jugendliche aufgegriffen. Die Beschreibung passt auf Elly. In der Entwicklungszeit verändert sich das Aussehen, in diesem Fall besonders, denn ein Kind, das missbraucht wurde, in Gefangenschaft gehalten, hat Schlimmes durchgemacht. Ist dieses verängstigte Wesen Elly? Wer soll es sonst sein, alles wird gut. Der Leser ist beruhigt ...

Maike Wetzel studierte an der Münchner Filmhochschule und in Großbritannien, arbeitet als Drehbuchautorin und Schriftstellerin. Für ihr Romandebüt »Elly« erhielt sie den Robert Gernhardt Preis und den Martha Saalfeld-Preis. Ihre Erzählungen wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und mehrfach ausgezeichnet.

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Doreen_Klauss avatar

Rezension zu "Elly" von Maike Wetzel

Nichts mehr wie es war
Doreen_Klausvor 3 Monaten

Das eigene Kind verschwindet. Horrorvorstellung für alle Eltern. 

Eben war die Welt noch in Ordnung und von einer Sekunde auf die Andere ist nichts mehr wie es war.
Das erleben die Eltern und die Schwester der elfjährigen Elly, als diese auf dem Weg zum Sportverein spurlos verschwindet.

Die Autorin hat in ihrem Roman eine, wie ich finde, ungewöhnliche Art des Erzählens gewählt. Die einzelnen Figuren der Geschichte treten, in den sie betreffenden Abschnitten, immer als Ich-Erzähler auf, so entsteht ein Perspektivenwechsel und man bekommt direkten Einblick in die Gefühlswelt der jeweiligen Person. Leider gelingt es der Autorin nicht wirklich die Individualität durch eine Veränderung des Schreibstile herauszuarbeiten. Die Sprache und die Erzählweise bleibt immer gleich, egal ob die Schwester erzählt, die Mutter, oder der Vater. Die Kapitel sind optisch nicht der jeweiligen Person zugeordnet und so brauchte ich erst einige Zeilen um zu erfassen wer gerade erzählt. Das empfand ich als verwirrend.

Die Geschichte dreht sich um Schuldgefühle, um die Suche nach Antworten, um Verleugnung, natürlich um Trauer und den Umgang damit, aber auch um unerfüllte Hoffnungen. Der Wunsch "es möge alles wieder gut werden" schwebt ständig über der Geschichte und bestimmt das Handeln der Figuren.

Die Geschichte nimmt eine Entwicklung, die dem Leser schnell klar wird, die die Figuren aber hartnäckig leugnen. Bei längerem Nachdenken kann man die Beweggründe hinter diesem Verhalten sogar etwas verstehen, auch wenn man anderer Meinung ist. 

Das Ende empfand ich als sehr speziell, es war gar nicht meins und hat mich lange nach der Lektüre noch beschäftigt. Für mich ist es nicht stimmig und ich hätte es als Abschluss der Geschichte nicht gebraucht.

Insgesamt muss ich sagen, dass ich vom Klappentext her etwas anderes erwartet habe. Trotzdem habe ich das Buch gerne gelesen.
Über das kontroverse Ende muss sich nun jeder Leser sein eigenes Urteil bilden.

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krimielses avatar

Rezension zu "Elly" von Maike Wetzel

Verlust
krimielsevor 3 Monaten

Der Debütroman „Elly“ von Maike Wetzel zeigt auf ungewöhnlich eindrucksvolle Weise den Umgang einer Familie mit dem Verschwinden eines Mitgliedes.

Die elfjährige Elly ist verschwunden, spurlos auf dem nachmittäglichen Weg zum Judotraining im Nachbarort. Die Familie mit Eltern und älterer Schwester bleibt zurück und bemüht sich um Weiterleben. Elly bleibt aber, in den Gedanken, die sich ziellos und endlos um den Tag des Verschwindens, um Schuldgefühle und um Erinnerungen drehen, ebenso durch die Suche nach dem Mädchen und in der Trauer um den Verlust, der keine Gewissheit und keinen Ort zum Trauern kennt. Der Alltag geht weiter, holprig und ganz nah am Abgrund für die Eltern, mit der Versuch um Ersatz für Elly für die größer Schwester. Der Zusammenhalt löst sich jedoch unaufhaltsam auf, die Fassade bröckelt und die Gewissheiten, Verlässlichkeiten und der background als Familie verschwindet zusehends im Sog von Trauer, Verlust und Sehnsucht.

Düster ist die Grundstimmung, schrecklich im Verlust selbst und letztlich ohne oder nur mit falscher Hoffnung stehen alle Charaktere da. Dass ein Kind verschwindet ist ein fürchterliches Ereignis, noch entsetzlicher die Ungewissheit, was passierte. Und gruselig und abgründig ist der Umgang der Familienmitglieder mit dem Verlust. Ines, die ältere Schwester, versucht sich eine neue Elly zu schaffen, Judith, die Mutter, verliert sich in Süchtigkeit. Hamid, der Vater wühlt in Schuld und Sühne. Alle klinken sich letztlich aus der Wirklichkeit aus und driften in verschiedene Richtungen auseinander. Das Konstrukt Familie zerfällt, löst sich auf, und man schaut als Leser äußerst hilflos dabei zu, weil es keine Lösung für Zusammenhalt, Wärme und Hoffnung gibt.

Vielstimmig und immer in der Ich-Form, den Leser dabei direkt wie von einer Theaterbühne herab ansprechend, erzählen die Zurückgebliebenen vom Alltag nach den Verschwinden, von ihren Gefühlen und Gedanken. Das ist ungewöhnlich und eindringlich, erzeugt Nähe und Distanz gleichzeitig durch die direkte Vortragsart, ohne die Möglichkeit, wirklich in die Köpfe einzudringen. Es bleibt einerseits kein Platz, man kann sich als Leser einer direkten Anrede nicht entziehen. Andererseits bestimmt die Figur selbst, wie viel sie von sich preisgibt.

Unterstützt wird das sprachlich brillant, mit kurzen und spröden, fast hackenden Sätzen, mit denen die Autorin ihren Text gestaltet.

Durch die Knappheit des Textes ist man als Leser gezwungen, die Zwischenräume selbst auszufüllen. Mutig verzichtet die Autorin auf Details und ablenkende Beschreibungen, geht keine Nebenwege, sondern hält sowohl ihre Figuren als auch ihr Publikum rigoros bei der Stange. Das fordert beim Lesen, schafft eine unheimliche erzählerische Wucht, und man kann sich nicht einfach davon mogeln und zurückziehen. Bravo dafür!
Das schmale Büchlein ist für mich dadurch ein eindrucksvolles Beispiel großartiger Andersartigkeit beim sehr geradlinigen vielstimmigen Erzählen einer eindringlichen Geschichte.

Kommentare: 1
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Gespräche aus der Community

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Schoeffling_und_Cos avatar

Liebe Leserinnen und Leser,

 

wir laden Euch herzlich ein, an unserer Leserunde zu Maike Wetzels Roman »Elly« teilzunehmen. Damit Ihr Euch von dem Buch einen Eindruck machen könnt, ist hier ein kleiner Vorgeschmack:

 

Elly ist weg. Eines Tages verschwindet die Elfjährige spurlos aus dem Leben ihrer Familie. Die Eltern und Ellys ältere Schwester bleiben zurück und versuchen trotz des Verlustes weiterzumachen. Doch die drei können nicht loslassen, Elly bleibt allgegenwärtig, in Gedanken, Taten und Schuldgefühlen. Jeder spielt den Tag, nach dem nichts mehr war wie zuvor, unablässig im Kopf durch. Die Suche nach Elly hört nicht auf, alle Beteiligten schaffen sich ihren eigenen Ersatz für das Verlorene.

 

Falls dieser Auszug des Klappentextes Eure Neugierde geweckt hat, könnt Ihr Euch für die Leserunde und ein Leseexemplar bewerben. Dazu müsst Ihr nur eine Frage beantworten: Habt Ihr schon einmal einen Roman gelesen oder Film gesehen, der vom Plot ähnlich ist?

 

Wir sind auf Eure Antworten gespannt!

 

Liebe Grüße und viel Glück wünscht Euch Euer

Verlag Schöffling & Co

 

PS: Eine Leseprobe zum Buch findet Ihr hier.

Zur Leserunde

Zusätzliche Informationen

Maike Wetzel wurde am 29. September 1974 in Groß-Gerau, Hessen (Deutschland) geboren.

Maike Wetzel im Netz:

Community-Statistik

in 51 Bibliotheken

auf 4 Wunschlisten

von 1 Lesern aktuell gelesen

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