Wenn die Vergangenheit an die Tür klopft, ist es selten ein freundlicher Besuch. Edie, einst eine brillante Diebin, hat ihre acht Jahre im Gefängnis abgesessen. Jetzt steht sie wieder in der Welt draußen. Geläutert vielleicht, aber ohne Plan, ohne Perspektive. Ihre Rückkehr ist still: Nur ihre Schwester und deren Kinder erwarten sie, der Rest ihres alten Lebens ist verschwunden. Doch kaum beginnt sie, sich in der Freiheit zurechtzufinden, holt sie die Vergangenheit ein. Eine Nachricht von Angel, der Frau, die sie einst verraten hat, reißt alte Wunden auf und öffnet gleichzeitig eine neue Tür: einen Coup, größer als alles, was Edie je gewagt hat. 125 Milliarden Credits stehen auf dem Spiel. Eine Summe, die so verlockend ist, dass Edie ernsthaft erwägt, alles aufs Spiel zu setzen – ihre Freiheit, ihr neues Leben, vielleicht sogar sich selbst.
Schon nach wenigen Seiten wird deutlich, dass Makana Yamamoto zwar das Gewand eines Science-Fiction-Romans übergestreift hat, aber im Herzen eine klassische Heist-Story erzählen will. Die futuristische Kulisse – die Raumstation Kepler
– dient mehr als dekorative Kulisse. Technologische Raffinessen, gesellschaftliche Visionen oder tiefere Einblicke in das Leben der Zukunft bekommt man nur sehr spärlich. Das Zukunftsszenario wirkt überraschend gegenwartsnah, fast beiläufig. Die Science-Fiction fungiert hier weniger als Genre, eher als Setting, das lediglich andeutet, aber kaum erklärt oder weiterdenkt. Die Ich-Erzählerin Edie wird als innerlich zerrissene Figur aufgebaut, deren Gedanken wir direkt miterleben. Doch statt innerer Tiefe oder komplexer Reflexion bleibt vieles oberflächlich und oft unlogisch. Ihre Entscheidung, ausgerechnet der Frau erneut zu vertrauen, die sie einst verraten hat, wirkt naiv und kaum nachvollziehbar, es sei denn, man vermutet tiefere emotionale Verstrickungen, die aber anfänglich viel zu wenig herausgearbeitet werden. Edie bleibt unentschlossen, diffus, ihre Entwicklung verläuft sprunghaft und wenig glaubwürdig. Sie wirkt weder besonders klug noch stark und leider auch nicht interessant genug, um als tragende Figur zu überzeugen.
Der Aufbau der Crew ist ein weiteres zentrales Element des Romans. Hacker, Betrüger, eine Tänzer, Schläger – die Truppe liest sich wie ein Best-of aus dem Genre-Katalog. Doch so stereotyp die Figuren sind, so schnell und unspektakulär werden sie auch rekrutiert. Fast zu einfach lassen sie sich auf den waghalsigen Plan ein, was ihrer vermeintlichen Professionalität widerspricht. Die Logik des Coups hält kritischem Blick nicht stand: Der Plan wirkt überhastet, unausgereift und voller Widersprüche. Wäre Danny Ocean im All – er hätte längst abgewunken. Trotz all dieser Schwächen hätte der Coup selbst das Potenzial gehabt, für Spannung und Überraschung zu sorgen. Doch auch hier wird der Ball schnell fallen gelassen. Die Durchführung des Plans erfolgt rasant und mit kleinen Kurven. Kaum ist Spannung aufgebaut, ist sie auch schon wieder verpufft. Das Finale, das eigentlich als Höhepunkt der Geschichte fungieren sollte, bleibt daher eher blass, weil es weniger um den Coup selbst geht, sondern um das, was dahintersteht.
Was Hammajang Luck
wirklich interessiert, ist nicht das große Geld, sondern die komplizierte Beziehung zwischen Edie und Angel. Ihre gemeinsame Vergangenheit, das gegenseitige Misstrauen, die unausgesprochene Anziehung und all das hätte Stoff für ein tiefes psychologisches Porträt geboten. Doch Yamamoto kratzt meist nur an der Oberfläche. Zwar werden Edies Gedanken eingestreut, ihre inneren Konflikte angedeutet, doch echte emotionale Tiefe bleibt aus. Die Figuren handeln oft mehr wie Spielfiguren eines Plots als wie echte Menschen mit nachvollziehbaren Gefühlen und Beweggründen. Der Mann, um den sich alles dreht, Atlas, der reichste und einflussreichste Mann der Galaxie, bleibt weitgehend im Dunkeln. Ein solch zentraler Charakter hätte die Chance geboten, dem Geschehen eine zusätzliche Dimension zu verleihen. Doch er bleibt konturlos, wirkt eher irrelevant. Damit verliert der Coup nicht nur an Spannung, sondern auch an Gewicht.
Fazit:
Science-Fiction trifft Heist-Story – aber leider nur auf den ersten Blick!
Hammajang Luck
will vieles zugleich sein: Science-Fiction, Heist-Thriller, psychologisches Drama, aber scheitert letztlich daran, einen Fokus zu setzen. Die Science-Fiction dient nur als oberflächliche Kulisse, der Coup ist spannungsarm und voller Logiklücken, und die psychologische Tiefe der Figuren bleibt im Ansatz stecken. Edie ist keine starke Heldin, sondern eine unsichere, einfach gezeichnete Figur, deren Handlungen oft wenig nachvollziehbar erscheinen. Nur Angel bekommt etwas mehr Raum, bleibt aber ebenfalls klischeebehaftet. Was bleibt, ist eine Story mit interessanter Grundidee, aber schwacher Ausführung. Wer eine komplexe, fesselnde Heist-Geschichte in futuristischem Setting erwartet, wird wohl enttäuscht. Wer sich hingegen auf eine einfach gestrickte Geschichte mit einem Hauch Drama und einer Prise Weltraum einlassen kann, mag hier Unterhaltung finden.
Matthias Göbel
Autorin: Makana Yamamoto
Übersetzung: Stefanie Adam
Paperback: 448 Seiten
Veröffentlichung: 11.06.2025
Verlag: Heyne Verlag
ISBN: 9783453323292
Makana Yamamoto
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
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Hammajang Luck
Neue Rezensionen zu Makana Yamamoto
Wie jede:r Lesende habe ich Lieblingsgenres, neudeutsch Tropes. Mit Tropes sind Themen oder wiederkehrende Muster und Handlungen gemeint, die grundsätzlich in allen Büchergenres enthalten sind, die man mag oder eben nicht. Eines der Bücher, das ich in meinem Urlaub gelesen habe, hat da zwei meiner Vorlieben wunderbar bedient: Ein Science-Fiction Roman mit Heist-Motiv, „Hammajang Luck“ von Makana Yamamoto. Bewertung vorweg: großartig!
Das Heist-Motiv kennen die meisten von euch wahrscheinlich eher aus dem Kino. Bekannte Beispiele sind „Ocean’s Eleven“, „Die Unfassbaren“ oder auch der Klassiker „Der Clou“ mit Robert Redford und Paul Newman. In der Literatur gab es das Untergenre schon länger. Einer der klassischen Heist-Filme, vielleicht sogar der Auslöser des Genres, war „Der große Eisenbahnraub“ von 1978 nach einem Roman von Michael Crichton mit Sean Connery und Donald Sutherland in den Hauptrollen.
Ein Heist Roman – „heist“ bedeutet in der deutschen Übersetzung „(Raub-)Überfall“ – zeigt Planung, Vorbereitung und Durchführung eines meist komplizierten, nahezu unmöglichen und spektakulären Raubes aus dem Blickwinkel der Täter:innen. Genau darum geht es auch in „Hammajang Luck“. Edie, Gelegenheitskriminelle:r, wird aus dem Gefängnis entlassen und direkt von Ex-Freundin Angel für einen neuen Job angeworben, der 125 Milliarden Credits einbringen soll. Zwei Probleme: Der Raubzug spielt auf der Kepler Weltraumstation und Angel hat Edie einst ins Gefängnis gebracht. Nachdem Edie sich entschieden hat mitzumachen, um die medizinische Behandlung sierer krebskranken Nichte zu finanzieren, beginnt der eigentliche, genretypische Spaß: weitere Teammitglieder, alles Spezialist:innen, müssen angeheuert werden. Und hier liegt für mich der große Reiz des Romans, denn die Crew ist wunderbar weiblich, divers und queer. Natürlich gibt es Reibereien zwischen den verschiedenen Persönlichkeiten, einiges geht auch erst mal schief, aber letztlich hält die „found family“ – noch so ein Trope, den ich mag – zusammen, als der Raubzug in die finale Phase geht. Spannung garantiert!
Edie hat Scheiße gebaut. Und sitzt für einen schiefgelaufenen Coup im Knast. Doch durch eine glückliche Fügung wird sie nach 8 endlos gefühlten Jahren - getrennt von ihrer geliebten Schwester und deren Kindern, dem Rest ihrer Familie - dank guter Führung vorzeitig entlassen. Und prompt von Angel drangsaliert. Angel, die sie vor 8 Jahren an die Cops verraten und ins Gefängnis gebracht hat. Angel, die für einen neuen Coup Hilfe benötigt, und dafür nur die besten der Besten anheuern will. Es geht um eine Menge Geld, aber auch um DEN Tech-Giganten schlechthin. Der soll nämlich erpresst werden. Eine Billion Credits, so Angels Forderung.
Doch Edie und Angels Vergangenheit dreht sich um viel mehr als ihre kriminellen Machenschaften.
Kurz vorweg: der Science-Fiction-Aspekt geht in diesem Buch etwas unter. Bis auf die Tatsache, dass alles far far away from planet Earth spielt, außergewöhnliche Technologien entwickelt werden oder Menschen sich kybernetische Körperteile transplantieren lassen können, erkenne ich hier wenig Science Fiction à la Blade Runner, wie der Klappentext verspricht (wer hat sich diesen Vergleich überlegt?)
So, und nun mein kurzes Fazit:
Insgesamt fühlte ich mich gut unterhalten.
Ein spannender Coup, found family, non-binary characters, unterdrückte Gefühle (gut, auf Sexszenen kann ich prinzipiell in ALLEN Büchern verzichten, soll aber zu Edies inneren Konflikten beitragen.). Ich behaupte einfach mal, dass Fans vom Han Solo Film hier voll auf ihre Kosten kommen werden.
Was mir besonders gut gefiel war der Zwiespalt, in dem Edie sich befindet. Einerseits möchte sie endlich ein ehrliches Leben führen und die verpasste Zeit mit ihrer Familie nachholen. Andererseits steckt ihre Familie in finanziellen Schwierigkeiten und Edie kann und will nicht länger zusehen, wie ihre Schwester nur das Mindestmaß an Sicherheit und Unterstützung erhält. Doch dafür die wiedergewonnene Freiheit aufs Spiel setzen?
Auch, dass die Motivation hinter dem Erpressungsversuch des Milliardärs nicht allein monetär ist. Jedenfalls nicht für Angel…
Die Plottwists waren zwar vorhersehbar, nichts, was mir die Synapsen weggesprengt hat. Gerade wenn man die Dynamik zwischen den Charakteren zu interpretieren weiß, errät sich der weitere Verlauf der Handlung. Und dennoch konnte mich das Buch an mehreren Stellen vollkommen einnehmen, gerade weil diese Charakterdynamik sich so stimmend anfühlte.
Es würde mich gar nicht wundern, wenn Disney sich die FIlmrechte hierzu sichert, denn so habe ich das Buch und die Handlung empfunden: wie ein Disney-Antihelden-Buch, dessen Protagonisten trotz ihrer kriminellen Ader das Wohl der Menschen am Herzen liegt und oberste Priorität hat.
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