Malte Herwig Die Flakhelfer

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Inhaltsangabe zu „Die Flakhelfer“ von Malte Herwig

Hitlers langer Schatten

Flakhelfer – das waren Jugendliche vor allem der Jahrgänge 1926 bis 1928, die in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs noch eingezogen wurden, um die Niederlage NS-Deutschlands weiter hinauszuzögern. Manch ein führender Kopf der Bundesrepublik Deutschland, der dieser Generation angehört, wurde in jungen Jahren als NSDAP-Mitglied geführt. Viele haben das verschwiegen oder vergessen, verleugnet oder verdrängt. Malte Herwig hat die 1945 auf abenteuerliche Weise gerettete Mitgliederkartei der Nazi-Partei gründlich gesichtet und ist auf viele bekannte Namen gestoßen. Herwig erzählt die Geschichte einer schuldlos schuldigen Verstrickung mit der NS-Vergangenheit, in der so bedeutende Persönlichkeiten wie Horst Ehmke, Erhard Eppler, Iring Fetscher, Hans-Dietrich Genscher, Günter Grass, Hans Werner Henze, Walter Jens, Siegfried Lenz, Erich Loest, Hermann Lübbe, Niklas Luhmann, Dieter Wellershoff und andere besonders engagierte Demokraten eine zentrale Rolle spielen. Dabei entsteht das aufregende Bild einer von Widersprüchen zerrissenen Generation.

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    Die Flakhelfer

    michael_lehmann-pape

    12. June 2013 um 12:34

      Es ist schon das Herwig ganz grundsätzlich bewegende Thema. Jene Menschen, die oft „auf den letzten Drücker noch“ Teil des NS Regimes geworden waren (und das in vielen Fällen durchaus freiwillig und nicht unter „vorgehaltener Waffe“). Genau jene Menschen auch, die im Kleinen wie im Großen, im Alltag oder in der Kunst (Grass) und Politik (Genscher) zu tragenden Säulen der Bundesrepublik Deutschland wurden, die Demokratie entfalteten und intensiv sogar verteidigten.   Wie aber kann das sein, dass die gleichen Persönlichkeiten in der Endphase des dritten Reiches aktiv ins Geschehen eingriffen? Der gerade verstorbene Walter Jens war Mitglied der NSDAP und hatte gar als „Vortragender“ in Teilen das „Programm“ der Partei öffentlich vertreten. Und seine Einlassungen zu den Gründen und Motiven waren und bleiben verwischen, halbgar, so, als hätte er selbst keine rechte Erklärung. Günter Grass als Nobelpreisträger und ständiger Verfechter individueller Freiheiten war Mitglied, Dieter Wellershof, Hans Dietrich Genscher, unzählig ist die Liste der Namen. Herwig arbeitet sich durch und arbeitet heraus, wie vage die Erinnerungen zu sein scheinen und wie groß die spürbare Scham, wie unangenehm das Thema fast allen ist.   Ohne moralischen Zeigfinger, übrigens. Sicherlich wertet Herwig, natürlich bezieht er eine klare Position. Aber er bewertet nicht die Personen, denen er sich nähert, sondern das Geschehen der Verstrickung. Und stellt glaubhaft dar, dass tatsächlich viele dieser „Flakhelfer“ selbst keine wirkliche, tragende und überzeugende Antwort darauf haben, warum sie mit ihrer Unterschrift Mitglied der Partei noch geworden sind.   Mehr aber noch seht im Raum. Die Frage des „offiziellen Umgangs“ lässt Herwig nicht aus und lässt nicht locker, den Staat kritisch anzufragen.   „Denn nicht nur viele Flakhelfer verschwiegen ihre Verstrickung in Hitlers Partei. Auch die Bundesregierung verhinderte durch geschicktes Taktieren jahrzehntelang die Rückgabe ....... der NSDAP Mitgliederkartei an Deutschland“.   Ahnen ja, aber letztlich lieber nicht wissen, das war die Devise. Einen Strich ziehen, einen Abschluss machen und sich nicht der Peinlichkeit für das eigene, nun demokratisch aufgebaute Leben (an dem viele Karrieren nun auch hingen) durch unliebsame Fragen nach der Vergangenheit in Unruhe bringen lassen (die Diskussion um Grass zeigt ja exemplarisch die immer noch hohe kritische Sensibilität für das „Mittun“ am dritten Reich auf). Und auch nicht der Peinlichkeit ins Auge sehen müssen, dass viele der „Stützen der Gesellschaft“ und ebenso viele der „verantwortlichen Politiker“ hier dunkle bis schwarze Flecken in der Vergangenheit nie offen aufgearbeitet haben.   Vor allem, weil es ja auch anders gegangen wäre. Auch hier wirft Herwig einen beleuchtenden Blick auf viele, die eben nicht „ins System“ eingetreten waren (ohne gleich Attentate gegen Hitler durchzuführen). Ein kollektiver Zwang, dem sich nun aber keiner hätte entziehen können, dies kann als Ausrede und Begründung nicht ohne weiteres ins Feld geführt werden.   Sorgfältig geht Herwig dem nach. Versucht, Linien aufzuzeigen, selber zu verstehen (und damit für den Leser Verständnis herzustellen), welche Motive damals jene Personen bewegt haben und warum dies alles bis heute so geleugnet und abgewehrt wird, solange, bis unumstößliche Beweise in Form von Mitgliedsformularen vorliegen.   Gerade weil Herwig verstehen will und nicht polemisch anklagt, gerade weil er so sorgfältig viele auch prominente Namen „hinter dem Ofen“ hervorholt (mit Beharrlichkeit und nicht mit Gewalt), ist ihm ein eindrucksvolles Buch über Motive und persönliche Haltungen und Entwicklungen gelungen, dass ein „es einfach gut sein lassen“ in bester Weise nicht zulässt. Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

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