Manfred Koch

 4,2 Sterne bei 46 Bewertungen
Autor von Totgelacht, Kaltfront und weiteren Büchern.
Autorenbild von Manfred Koch (© privat / Quelle: Styria Books)

Lebenslauf

MANFRED KOCH wurde 1950 in Graz geboren und lebt seit 1971 in Salzburg. Er war Werbetexter, Dramaturg und Regieassistent und ist seit 1980 freier Schriftsteller. Bekannt wurde er u. a. mit seiner politisch-satirischen Kolumne „Eingekocht“ in den „Salzburger Nachrichten“ und als Mitbegründer und Textautor des „Salzburger Affronttheaters“ (ARD/ORF/SRG-Kabarettpreis „Salzburger Stier“ 1995). Neben Arbeiten für TV, Hörfunk und Theater schrieb Manfred Koch mehrere Bücher. 2011 erschien im Molden-Verlag sein Psychokrimi „Hexenspiel“ und 2013 sein Psychothriller „Kaltfront“, der als einer der fünf besten deutschsprachigen Kriminalromane 2014 für den Friedrich-Glauser-Preis nominiert wurde.

Alle Bücher von Manfred Koch

Cover des Buches Totgelacht (ISBN: 9783222135064)

Totgelacht

(21)
Erschienen am 27.05.2015
Cover des Buches Kaltfront (ISBN: 9783854853237)

Kaltfront

(9)
Erschienen am 26.07.2013
Cover des Buches Hexenspiel (ISBN: 9783854852919)

Hexenspiel

(5)
Erschienen am 11.04.2011
Cover des Buches Rilke (ISBN: 9783406821837)

Rilke

(3)
Erschienen am 24.03.2025
Cover des Buches Nette Leute mit Hunden (ISBN: 9783839223970)

Nette Leute mit Hunden

(3)
Erschienen am 13.03.2019
Cover des Buches Genies und ihre Geheimnisse, Band 2 (ISBN: 9783548610016)

Genies und ihre Geheimnisse, Band 2

(1)
Erschienen am 08.09.2010
Cover des Buches Faulheit (ISBN: 9783866741690)

Faulheit

(1)
Erschienen am 20.04.2012
Cover des Buches Totenstille (ISBN: 9783902498236)

Totenstille

(1)
Erschienen am 20.10.2008

Neue Rezensionen zu Manfred Koch

Cover des Buches Rilke (ISBN: 9783406821837)
U

Rezension zu "Rilke" von Manfred Koch

ursheinzaerni
Wenn Ängste zu Weltliteratur werden

Urs Heinz Aerni: Der aus Prag stammende Rainer Maria Rilke feierte in diesem Jahr einen runden Geburtstag. Sein literarisches Werk wurde gewürdigt unter anderem durch mehrere Biografien. Was hat Sie veranlasst, ihm ein 560-Seiten starkes Buch zu widmen, das ich – so unter uns – als die herausragendste Biografie sehe?

Manfred Koch: Ich beschäftige mich schon seit mehr als 40 Jahren mit Rilke, habe über ihn promoviert und viele Aufsätze über ihn geschrieben. Als sich nach meiner Emeritierung an der Universität Basel vor drei Jahren abzeichnete, dass 2025 und 2026 gleich zwei Gedenkjahre anstehen würden – 150. Geburtstag und 100. Todestag – dachte ich, jetzt hast du Zeit, Lust und Gelegenheit, so etwas wie ein Resümee deiner Auseinandersetzung mit diesem Dichter vorzulegen.

Aerni: Sie schreiben nahe an seinem Leben und doch mit der nötigen Distanz. Empathisch und doch mit Überblick, bestückt mit vielen lesenswerten Auszügen und Zitaten aus den Schriften Rilkes. Wie dürfen wir uns das Vorgehen der Auswahl der Texte vorstellen?

Koch: Die Distanz war bei mir immer da; ich schreibe gleich im Vorwort, dass ich als Student Rilke anfangs nicht mochte. Die Gedichte kamen mir zu süßlich, zu gefühlig, zu manieriert vor. Erst durch die Lektüre des Romans Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge habe ich einen Zugang bekommen und in der Folge auch das lyrische Werk Rilkes immer mehr schätzen gelernt. Wobei „schätzen“ fast zu schwach ausgedrückt ist: ich fand immer mehr Gedichte wirklich mitreißend und würde heute sagen, dass er ein sprachmusikalischer Zauberer ist, wie es nur wenige in der Weltliteratur gibt. 

Aerni: Was wohl dazu führte, dass die Auswahl der Texte zur Qual wurde?

Koch: Was die Auswahl der Texte für die Biographie angeht, habe ich versucht, eine Balance zwischen „greatest hits“ wie Der Panther oder Duineser Elegien und weniger bekannten Gedichten und Prosastücken zu schaffen. Aber viele Rilke-Texte, die ich ursprünglich in kurzen Interpretationen besprochen habe, musste ich auch wieder rausnehmen, weil die Biographie sonst noch dicker geworden wäre. Oder eben zu akademisch, denn man muss ja auch auf ein Gleichgewicht von biographischer Erzählung und Ausführungen zum Werk achten.

Aerni: Das schriftstellerische Leiden im Leben von Rilke wird da und dort immer wieder belächelt, als das Klischee des berühmten «Weltschmerzes» auf den Schultern von Dichtern. Zu Unrecht? Oder würde der Befund heute «Hochsensibilität» lauten?

Koch: Es gibt ein witziges Gedicht von Robert Gernhardt, das ich ursprünglich zitieren wollte, über dieses Klischee des „poeta dolens“, des leidenden Dichters. Es heißt Der Dichter und beginnt: „Abends zählt er seine Leiden,/ tut sich an dem Vorrat weiden,/ wählt eins aus, bedichtet es,/ und das Dichten richtet es.“ 

Aerni: Herrlich. Also eine Bestätigung eines Klischees?

Autor Manfred Koch (c) Angelika Overath

Koch: Die Selbststilisierung zum schlechthinnigen Schmerzensmann muss man auch bei Rilke selbstverständlich hinterfragen. Aber wenn Rilke sagte, es sei für ihn vor allem darauf angekommen, aus dem „Furchtbaren“ – sprich: seinen schlimmen psychischen Krisen, seinen Angstzuständen – das „Fruchtbare“ zu gewinnen, muss man das doch auch sehr ernst nehmen. Er wurde tatsächlich erst zum Autor von weltliterarischem Rang durch eine ans Pathologische grenzende Verstärkung seiner extremen Sensibilität. 

Aerni: Zustand generiert Poesie…

Koch: Auf den Punkt gebracht: Er wurde als Autor immer besser, je kränker er wurde. In Bezug auf die Angst, sein Hauptthema, lässt er seinen Romanhelden Malte einmal sagen, er habe sich „fürchten gelernt mit der wirklichen Furcht, die nur zunimmt, wenn die Kraft zunimmt, die sie erzeugt“.  Diese Erfahrung, dass die zerstörerische Gewalt der Angst die Kraft des Schreibens verstärken kann, steht hinter Rilkes andauernder Forderung, das „Schlimme“, „Grausame“ nicht zu verdrängen, sondern sich ihm zu stellen, es zu „überstehn“ in der Hoffnung, dass daraus die treibende Kraft des literarischen Schreibens wird. 

Aerni: Für uns heute Lesende ist es beeindruckend, wie Rilke während der Wende 19./20. Jahrhundert quer durch Europa reiste und ein Netzwerk pflegte, bestehend aus Kulturschaffenden vieler Künste. Es ist ein Getriebensein, aber auch die Suche nach Stoffen für die literarische Kreativität. Sie leben in Sent, in Graubünden. Wie haben Sie es mit dem Reisen?

Koch: Im Unterschied zu meiner Frau, der Schriftstellerin Angelika Overath, die sehr viele Reisereportagen geschrieben hat, bin ich eher ein Sesshafter. Im hintersten Winkel der Schweiz zu wohnen, hat für mich immer etwas Beruhigendes gehabt. Ich habe gut verstanden, warum Rilke sich in seinen letzten Lebensjahren in einen abgelegenen Winkel des Wallis zurückgezogen hat. Für die Biographie wollte ich ursprünglich aber viel reisen, ich wollte viele Rilke-Ort, wo ich noch nie war – Worpswede, Südschweden, Toledo und Ronda in Spanien, Ägypten u.a.m. – aufsuchen. 

Aerni: Und?

Koch: Dazu kam es dann leider nicht, weil ich so langsam vorankam, dass ich zuletzt doch an den heimischen Schreibtisch in Sent gefesselt blieb, um das Buch rechtzeitig fertigzustellen.

Aerni: Rilkes Leben ist verbunden mit der Schweiz, wie Zürich, Winterthur, Tessin, Basel, aber auch Graubünden mit Aufenthalten in Sils Maria, im Bergell und Soglio. Rilkes Leben mündete aber, wenn man so sagen darf, durch den Tod im Wallis…

Koch: Einmal kommt in seinen Briefen sogar meine Heimatgemeinde das bündnerische Scuol vor – noch unter dem deutschen Namen „Schuls“. Sein Verleger Anton Kippenberg machte anfangs der 1920er Jahre eine Kur in Vulpera-Tarasp, Rilke war zur gleichen Zeit in Bad Ragaz und dachte naiverweise, dass es nur ein Katzensprung von da ins Unterengadin sei, weshalb er Kippenberg einen Besuch versprach. Irgendjemand hat ihn dann darauf hingewiesen, wie lange die Bahnfahrt dauern würde, darauf machte er einen Rückzieher. Aber gerade Ragaz wurde Rilke in seinen letzten Lebensjahren zu einem seiner liebsten Orte. Wenn ihm sein Wohnturm bei Sierre und das Wallis überhaupt zu abgeschieden und zu spröde vorkamen, ging er nach Ragaz.

Aerni: Was sich auch literarisch auswirkte?

Koch: Einer seiner schönsten Prosatexte handelt von einer Wanderung durch die Tamina-Schlucht, die er gemeinsam mit seiner Schweizer Gönnerin Nanny Wunderly-Volkart unternahm. Der andere Graubündner Schlüsselort für Rilke war 1919, gleich nach der Einreise in die Schweiz, Soglio im Bergell. Dort entstand sein Essay Urgeräusch, ein kühnes Gedankenexperiment über die Möglichkeit, Linienführungen in der Natur wie die „Kronennaht“ des menschlichen Schädels, aber auch die Konturen von Bergrücken oder tieferliegenden Gesteinsschichten mit der Nadel eines Phonographen oder eines Grammophons abzufahren, um sie zum Klingen zu bringen. Die Erde als gigantischer Tonträger – eine großartige Phantasie!

Aerni: Es berührt, wie Sie die komplexe Welt der Angst von Rilke dokumentieren, aber auch, wie wichtig Frauen für sein Leben waren, vielleicht auch als Fluchtorte für seine Gefühle, die die Männerwelt nicht verstand?

Koch: Sein Freund Rudolf Kassner, wohl der einzige Mann, der für Rilke wirklich ein Freund war, meinte einmal über ihn: „Er sah den Mann nicht ein.“ Seine Seele habe „ein Mädchenkleid“ hat Rilke selbst über sich gesagt. Immer wieder hat er betont, dass sein Dichten eigentlich eine weibliche Aktivität sei. Das heißt vor allem, dass es nicht auf einen entschlossenen, „männlichen“ Willen zurückgehe, sondern sich eher einer passiven „weiblichen“ Aufnahmebereitschaft, einem „mädchenhaften“ Sensorium verdanke. „Rilke und die Frauen“ ist seit geraumer Zeit ein Lieblingsthema der Rilke-Biographik, das oft leider auch mit einem gewissen schlüpfrigen Voyeurismus behandelt wird. Mir kam es vor allem darauf an, den Lesern und Leserinnen zu vermitteln, was er meinte, wenn er von einem „inneren Mädchen“ als seiner eigentlichen kreativen Kraft sprach.

Aerni: Herr Koch, Sie stammen aus Stuttgart, wirkten an Universitäten in Gießen, Tübingen und Basel und leben jetzt im beschaulichen Engadin. Gut so?

Koch: Ja, sehr gut sogar! Wie vorher schon erwähnt, lebe ich, obwohl in einer Großtadt aufgewachsen, sehr gern in einem Bergdorf 1400 Meter ü.M. Es ist ein unglaubliches Privileg, eine Rilke-Biographie an einem Schreibtisch zu verfassen, der vor einem großen Fenster mit Ausblick auf die Lischana-Gruppe, den Piz S-chalambert und den Piz Pisoc steht, die fast das halbe Jahr lang mit Schnee bedeckt sind. Das ist für mich schon die wahre „Beschaulichkeit“.

Aerni: Sie geben auch Kreatives Schreiben. Vielleicht noch zum Schluss für alle Schreibwilligen: Nennen Sie uns drei Werkzeuge, die helfen, das Schreiben bunt werden zu lassen?

Koch: Da muss ich als erstes ein Motto zitieren, auf das sich viele Schreibkurse völlig richtig berufen:

Erstens: „Show, don’t tell!“ Kommentieren, erläutern, verdeutlichen, werten Sie nicht zu viel, wenn Sie von etwas erzählen oder es bedichten, sondern lassen Sie die Dinge für sich sprechen. Rilke nannte das „sachliches Sagen“ und meinte damit eine Beobachtungs- und Schreibtechnik, die die Dinge nicht zum Anlass nimmt, sofort die spontanen Gefühle des Ich auszubreiten, sondern alles Subjektive ganz ins Gegenständliche verlegt, es aus den Details des beschriebenen Gegenstands aufsteigen lässt.

Dann zitiere ich gerne noch meine Frau, die Schreiblehrerin, die im Kurs immer ein Blatt mit dem Titel Götter und Gifte austeilt, also: Was soll man unbedingt vermeiden und was beherzigen?  Zu beherzigen ist vor allem noch zweierlei:

Zweitens: Schreiben Sie mit allen Sinnen!

Drittens: Suchen Sie Reibung, Gegensätzlichkeit, Spannung in Ihren Text zu bringen, kreieren Sie Momente des Umschlags, der Überraschung, der unerwarteten Bilder! 

+++

Manfred Koch, geb. 1955 in Stuttgart, hat bis 2021 an den Universitäten Gießen, Tübingen und Basel deutsche Literaturgeschichte unterrichtet. Zusammen mit der Schriftstellerin Angelika Overath führt er eine Schule für Kreatives Schreiben in Sent, seinem Wohnort im Engadin.

Das Buch: „Rilke – Dichter der Angst„, Biografie von Manfred Koch, 560 Seiten mit 30 Abbildungen, C.H. Beck Verlag, 2025

Das Interview erschien zum ersten Mal in der Zeitung „Bündner Woche“ in Chur.

Cover des Buches Rilke (ISBN: 9783406821837)
booklovings avatar

Rezension zu "Rilke" von Manfred Koch

bookloving
Rilke jenseits des Mythos - Eine beeindruckende Biografie

MEINE MEINUNG

Anlässlich des 150. Geburtstag des berühmten Lyrikers Rainer Maria Rilke legt der Literaturwissenschaftler Manfred Koch mit seiner umfangreichen Biografie „Rilke: Dichter der Angst“ eine spannende, tiefenpsychologisch fundierte Gesamtschau vor, die den Dichter und sein Werk neu und eindrucksvoll beleuchtet.

Mit seinen eingehenden Analysen präsentiert er uns überraschende Erkenntnisse über den Menschen hinter dem Mythos und einen frischen Kontrapunkt zu den gängigen Rilke-Vorstellungen. Koch gelingt es überzeugend, bekannte Klischees aufzubrechen und Rilke nicht als idealisierten „Dichterpriester“, sondern als sensiblen Künstler darzustellen, der zeitlebens von Selbstzweifeln und existenziellen Ängsten geprägt war.

Beeindruckend verbindet der Literaturwissenschaftler akribische biografische Rekonstruktionen mit präziser Werkdeutung. Sehr anschaulich zeigt er, wie Rilkes literarisches Schaffen als eine Art Überlebensstrategie diente – als Reaktion auf traumatische Kindheitserlebnisse, psychische Krisen und permanente Unsicherheit, die ihn ein Leben lang begleitete.

Besonders eingehend widmet sich Koch der Kindheit Rilkes und analysiert anhand bislang weitgehend unbeachteter Briefe, Tagebuchfragmente und medizinischer Unterlagen die problematische Mutter-Kind-Beziehung. Er macht deutlich, wie diese Beziehung seine Schwierigkeiten im Aufbau von Bindungen sowie seinen hohen Perfektionismus im Schreiben nachhaltig beeinflusste.

Darüber hinaus beleuchtet Koch die Ambivalenzen in Rilkes Beziehungen zu Frauen und Mäzenen, die häufig von Abhängigkeiten geprägt waren und auf seinen tiefen existentiellen Ängsten beruhten.

Besonders faszinierend sind zudem Kochs Deutungen in Bezug auf Rilkes nuancierter Haltung zu Geschlechterrollen und Identitätsfragen. So zeigt er auf, dass Rilke in seinen Gedichten bewusst mit den Grenzen von Geschlecht spielte – als ein Versuch, Schutzräumen gegenüber der Komplexität realer zwischenmenschlicher Beziehungen zu schaffen.

Koch scheut sich nicht davor, auch die weniger schmeichelhaften Seiten und Widersprüche des Genies zu thematisieren: Hierzu gehörten beispielsweise dessen finanzielle Abhängigkeiten, sein egoistisches Verhalten gegenüber Freunden und Geliebten sowie die Tendenz, alltägliche Probleme philosophisch zu überhöhen. Dabei bewahrt die Biografie stets einen fairen und empathischen Ton, der Rilkes Schwächen und seine tiefe Verwundbarkeit menschlich nachvollziehbar macht, ohne sie moralisch zu verurteilen.

Die Verbindung von Biografie und Werk wird durch zahlreiche neue Quellen gestützt, darunter viele bislang unveröffentlichte Briefe und Notizen, die im äußerst umfangreichen wissenschaftlichen Anhang dokumentiert sind. Diese fundierte Quellenbasis belegt gekonnt die Thesen des Autors und verleiht dem Werk großes Gewicht.

Zu kritisieren bleibt jedoch, dass sich Koch teilweise zu stark auf seine „Angst-These“ fokussiert, die nicht immer durchgängig überzeugt und womöglich auch andere Deutungs- oder Lebensaspekte Rilkes etwas zu kurz kommen lässt.

Dennoch ist die Biografie ein bedeutender Fortschritt in der Rilke-Forschung, der den Dichter aus einer neuen, zeitgemäßen Perspektive zeigt.

Kochs einfühlsame Biografie eröffnet einen spannenden Zugang zu Rilkes Werk, indem sie psychologische Tiefe und literarisches Verständnis gekonnt vereint und so den Dichter-Mythos differenziert relativiert.

Gekonnt zeichnet Koch ein sensibles und schonungslos ehrliches Porträt eines zutiefst verletzlichen Menschen, der sein Leben lang mit inneren Dämonen rang und einen hohen Preis für seine Kunst zahlte.

Für alle, die hinter das Bild des Genies schauen wollen, die eine Verbindung von Psychologie und Literatur schätzen und keine klassische, rein werkorientierte Biografie erwarten, bietet Kochs Werk neue, faszinierende Einsichten und frische Zugänge zu Rilke – ein Meilenstein voller Empathie und kritischer Reflexion.


FAZIT

Ein beeindruckendes, psychologisch nuanciertes Porträt eines zutiefst komplexen Künstlers, das den bekannten Rilke-Mythos herausfordert und die Ängste, Widersprüche und Verletzlichkeiten des Dichters eindrucksvoll in den Mittelpunkt stellt.

Eine äußerst anspruchsvolle, aber bereichernde Lektüre für alle, die hinter das Genie blicken wollen!

Cover des Buches Rilke (ISBN: 9783406821837)
sleepwalker1303s avatar

Rezension zu "Rilke" von Manfred Koch

sleepwalker1303
Umfangreiche Biografie mit vielen interessanten Aspekten

Rainer Maria Rilkes Geburtstag jährt sich im Dezember 2025 zum 150. Mal. Der Germanist Manfred Koch hat mit „Rilke. Dichter der Angst“ eine neue Biografie des Künstlers veröffentlicht, der als einer der größten Dichter des 20. Jahrhunderts gilt. Meine eigenen Kontakte mit Rilkes Werken sind mehr oder weniger auf „Der Panther“ beschränkt, daher hat das Buch mich ihm nähergebracht. Manfred Koch ist in seiner Biografie ein Lebensporträt Rilkes gelungen, dessen literaturgeschichtlicher Gehalt überwältigend ist. Es ist keine schlichte Aneinanderreihung der Stationen in Rilkes Leben, sondern eine Einordnung der Werke des Dichters in dasselbe, durch akribische Auseinandersetzung und Interpretation. Er beleuchtet sowohl das „Werk im Leben“ als auch das „Leben im Werk““. Ich bin kein Fachmensch für Literatur, dennoch habe ich das Buch mit Begeisterung gelesen. Kochs zahlreiche Interpretationen sind meiner Meinung nach auch für Laien interessant, können einen beim Lesen aber auch ein bisschen „erschlagen“. Ich gestehe, mich hat der Mensch Rainer Maria Rilke auch ein bisschen mehr interessiert.

Aber von vorn.

Rilkes Leben war wohl von Anfang an nicht einfach. Als Zweitgeborener musste er der Mutter die Tochter ersetzen, die 1873 nach nur einer Woche verstorben war, was Rilke zur Aussage „Meine Seele trägt ein Mädchenkleid“ bewog und ihn zu einem geschlechtlich fluiden Menschen machte. Geboren am 4. Dezember 1825 in Prag, wurde er auf die Namen René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke getauft, René heißt „der Wiedergeborene“. Der Vater plante eine Karriere beim Militär, wurde aber Bahnbeamter. Die Mutter stammte aus einer Fabrikantenfamilie und war von der Ehe enttäuscht, sie hätte sich ein vornehmeres Leben erhofft. Und auch der Sohn fühlte sich zu Höherem auserkoren. So änderte er nicht nur seinen Namen zu Rainer Maria Cäsar Rilke, er änderte gleich seine ganze Herkunft von „Sohn eines Bahnbeamten“ zu „entstammt einem uralten Kärntner Adelsgeschlecht“. Da wurden seine schlechte Gesundheit, seine immer wieder unterbrochene Schullaufbahn zur Nebensache. Gedichtet hat er schon zu Schulzeiten, woraufhin sein Onkel Jaroslav, der ihn gern als Nachfolger in seiner Anwaltskanzlei gesehen hätte, ihn als „poetisches Muttersöhnchen“ sah. 

Tatsächlich spielte die Mutter in seinem Leben wie in seinem Werk eine wichtige, wiederkehrende Rolle (ob sie ihn wirklich missbraucht hat, ist nicht abschließend geklärt). Ebenso, wie die Angst. Auf 475 Seiten (plus fast 100 Seiten Anhang) beschäftigt sich der Literaturexperte Manfred Koch mit Rilke und seinem Werk. Fakt ist, dass der Dichter wohl ein in sich äußerst widersprüchlicher Mensch war. Er wollte, dass seine Werke bekannt werden – aber nicht er selbst. („Er wollte ein Namenloser, ein Niemand «hinter meinen Liedern» bleiben.“) Über weite Teile seines Lebens war er sich selbst genug, schätzte das Alleinsein sehr. Aber er schätzte auch die Gesellschaft von (meist jüngeren) Frauen, Künstlern und natürlich schätzte er die finanziellen Zuwendungen, die ihm Freunde und Verwandte zuteilwerden ließen, schlicht: er war immer wieder auf der Suche nach Musen und Mäzenen. Er wollte sich ganz auf seine Kunst konzentrieren können und Nebensächlichkeiten wie Broterwerb oder Familienleben sollten ihn dabei nicht stören. Der „geschlechtlich fluide“ Dichter hatte wohl auch einen Schlag beim weiblichen Geschlecht. Das Muster war oft dasselbe: er lernte eine Frau kennen, schrieb ihr. Sie schrieb zurück. Auf die zarte Annäherung folgten vorsichtige Liebesschwüre bis hin zu überbordender Leidenschaft mit zahllosen schwülstigen Liebesbriefen, bis die Damen sich gestresst abwandten („Nach beinahe einem Jahr engsten Zusammenseins musste Lou Salomé ihren ersten längeren Urlaub von Rainer nehmen.“) 

Spricht man von Rilke, kommt man um „es ist kompliziert“ nicht herum. Die Lektüre von „Rilke. Dichter der Angst“ war für mich trotz der Komplexität eine Wonne, selbst seine umfangreiche Korrespondenz ist Literatur. Von mir volle Punktzahl.  

Gespräche aus der Community

Liebe Leserinnen und Leser!

Dieses Mal haben wir uns eine besondere Aktion für euch überlegt. Ihr habt die einmalige Chance, die satirische und durchaus schwarzhumorige Kurzkrimi-Sammlung "Totgelacht" von Manfred Koch, die in Deutschland am 15. Juni erscheint, vorab zu lesen!

Über den Inhalt:
Wer pointierten Witz und absurden, abgrundtiefschwarzen Humor mag, wird Manfred Kochs neues Buch lieben. In 20 Kurz-Krimis spielt er mit Versatzstücken und Motiven der klassischen und neueren Krimi-Literatur und nimmt den überbordenden Krimi-Hype auf die satirisch-literarische Totengräber-Schippe.

Kriminell schräge Geschichten für hartnäckige Krimifans, Krimi-Overkill-Geschädigte und Immer-schon-Krimi-Verächter. Ein mordsmäßiges Lesevergnügen, böser, satirischer, schwärzer, witziger, frecher und intelligenter, als es die Kriminalpolizei erlaubt.

Prädikat: Einfach zum Totlachen!


Zur Leseprobe eines "Kürzestkrimis" geht's hier.

Über den Autor:

Manfred Koch wurde 1950 in Graz geboren und lebt seit 1971 in Salzburg. Er war Werbetexter, Dramaturg und Regieassistent und ist seit 1980 freier Schriftsteller. Bekannt wurde er u. a. mit seiner satirischen Kolumne „Eingekocht“ in den „Salzburger Nachrichten“ und als Mitbegründer und Textautor des Salzburger Affronttheaters (ARD/ORF/SRG-Kabarettpreis „Salzburger Stier“ 1995). Neben Arbeiten für TV, Hörfunk und Theater schrieb Manfred Koch mehrere Bücher. Bei Styriabooks: 2011 „Hexenspiel“ (Psychokrimi), 2013 „Kaltfront“ (Psychothriller) – nominiert für den „Friedrich-Glauser-Preis 2014“ (Kategorie: Bester Kriminalroman).


Wie kommt ihr nun an ein exklusives Vorabexemplar?
Bewerbt euch bis einschließlich 25.5. hier und schreibt uns, warum ihr euch für Totgelacht interessiert und was euch an der Leseprobe gefallen hat! Zu gewinnen gibt es Printexemplare oder ebooks (epub oder mobi-Format). Bitte gebt bei eurer Bewerbung an, was ihr lieber hättet. Nach Ende der Bewerbungsfrist werden die Gewinner hier veröffentlicht und erhalten außerdem eine private Gewinnverständigung!

Im Gewinnfall
erwarten wir von euch:
- aktive und zeitnahe Teilnahme an der Leserunde
- eine Rezension in mindestens einem der gängigen Kanäle (amazon, lovelybooks, wasliestdu etc.)


Viel Erfolg wünscht euch
euer Styriabooks Team
540 BeiträgeVerlosung beendet
Verlagsgruppe_Styrias avatar
Letzter Beitrag von  Verlagsgruppe_Styria
Ich finde, das ist dir auch gelungen. Vielen Dank!

Welche Genres erwarten dich?

Community-Statistik

in 74 Bibliotheken

auf 7 Merkzettel

von 1 Leser*innen aktuell gelesen

von 1 Leser*innen gefolgt

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freund*innen und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber*innen und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Hol dir mehr von LovelyBooks