Manichi Yoshimura

 3,9 Sterne bei 14 Bewertungen
Autor*in von Kein schönerer Ort.

Lebenslauf

Manichi Yoshimura, geb. 1961 in Ehime, aufgewachsen in Osaka. Studium in Kyoto. Gab erst spät sein literarisches Debüt. Akutagawa-Preisträger des Jahres 2003. Kein schönerer Ort (OT: Borādo-byō) erschien in Japan zuerst im Januar 2014. Anlass des Schreibens waren der Tsunami und die Reaktorkatastrophe in Fukushima vom 11.3.2011.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Manichi Yoshimura

Cover des Buches Kein schönerer Ort (ISBN: 9783944751191)

Kein schönerer Ort

(14)
Erschienen am 13.08.2018

Neue Rezensionen zu Manichi Yoshimura

Cover des Buches Kein schönerer Ort (ISBN: 9783944751191)
Trishen77s avatar

Rezension zu "Kein schönerer Ort" von Manichi Yoshimura

Trishen77
Eindrucksvoll

Natürlich hinkt ein Vergleich dieses Romans mit Philip K. Dicks „Nach der Bombe“ oder Kazuo Ishiguros beeindruckendem Werk „Der schlafende Riese“. Was sie aber alle drei gemeinsam haben und auch ähnlich aufziehen, ist eine Realität, in der eine Gemeinschaft sich gerade deshalb eng aneinanderhält, weil etwas nicht stimmt, nicht zu stimmen scheint; in der das Weggesehen, das Nichterwähnen gepflegt wird, weil sonst vielleicht alles auseinanderbricht, das mühsame Weiterleben gefährdet wäre.

Manichi Yoshimura hat sich für ihren Roman allerdings einen besonderen Blickwinkel ausgesucht: geschildert wird das Geschehen aus der Sicht eines 11-jährigen Mädchens. Dieses Mädchen lebt in einer scheinbar normalen Welt, deren Rahmen aber schiefhängt; am Rand und mittendrin taucht immer wieder vieles auf, was beunruhigend wirkt, aber dennoch tun alle anderen so, als wäre nichts passiert – und nur hier und da fällt jemand aus der Rolle. Dabei gibt es doch so viele Belege dafür, dass etwas passiert ist, etwas Unaussprechliches, Schleichendes.

Gefallen hat mir, dass das Buch in keinem Moment allzu dramatisch oder aufmerksamkeitsheischend daherkommt. Dafür ist es immer wieder unerhört eindrücklich. Viele Szenen verdichten sich in der Vorstellung, weil sie mit der richtigen Dosis Intensität geschildert werden. Die meiste Zeit fließt die Handlung einfach dahin, aber diese Verdichtungen geben dem ganzen Buch übergreifend einen eindringlichen Touch.

„Kein schönerer Ort“ ist ein besonderes Buch, ein Buch das auf unscheinbare Weise brilliert und dessen ganze Wucht man zuerst nicht bemerkt, aber dennoch spürt. Lesenswert!

Cover des Buches Kein schönerer Ort (ISBN: 9783944751191)
D

Rezension zu "Kein schönerer Ort" von Manichi Yoshimura

DarkPassenger
Essen sie lieber nichts aus Umizuka …

Die Story beginnt harmlos, eine scheinbar überforderte, alleinerziehende Mutter mit einer Tochter, die viel Fantasie und Neugier besitzt. Aber dann stirbt das erste Kind in der Schule und man fragt sich, ob die Mutter nicht mit Recht so argwöhnisch ist. Ob die Nachbarn oder Arbeitskollegen sie ausspionieren und ob die scheinbar freiwilligen Aktionen für eine noch schönere Stadt nicht erzwungen sind. Es bleibt alles sehr vage, aber man kann ahnen, dass es hier um eine Umweltkatastrophe geht, die stillschweigend zur Kenntnis genommen wird und Menschen das Leben kostet, da man darauf beharrt, dass alles, was man frisch und regional konsumiert, gesund ist. Es gibt keine Lösung oder Hoffnungsschimmer. Der Leser bleibt nachdenklich zurück, mit dem Wissen, dass es erschreckend realistisch ist.

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Beusts avatar

Rezension zu "Kein schönerer Ort" von Manichi Yoshimura

Beust
Kyoko denkt nach

Umizuka ist ein Ort, der immer schöner werden soll. dafür sind den Einwohnern zahlreiche Regeln auferlegt worden - vom nachbarschaftlichen Mülleinsammeln, Grünanlagenpflegen bis hin zu gemeinschaftlichen Feiern und einer gruppenstiftenden Hymne. Dass diese Regeln in alle Bereiche des Lebens vordringen, erlebt schon die elfjährige Kyoko in der Schule, wo die Schüler nach den „Zehn Regeln der Klasse 5b“ (S. 48) leben sollen. Nummer 3. etwa lautet „Beim Schulessen wollen wir nichts zurückgehen lassen“, Nr. 8 „Wir wollen zusammenstehen“, Nr. 10 „Wir alle sind eins“. Da die Lektüre dem Bericht des Mädchens Kyoko folgt, enthüllt sich nur Zeile für Zeile, wie tief Umizukas Regeln in alle Winkel des Privaten vordringen. Denn Kyoko versteht nicht alles, was um sie geschieht, aber sie denkt viel nach und reibt sich stark mit den strengen, scheinbar antisozialen Regeln ihrer Mutter, die sich vor den Nachbarn versteckt und immer weniger mit Kyoko versteht. Die erkennt schließlich: „Wie soll man auch verstehen können, was andere dachten, wenn man oft genug nicht einmal verstand, was im eigenen Kopf vorging.“ (S. 104)

Es geht aber noch sehr viel mehr vor in diesem Ort Umizuka, den offenbar vor einigen Jahren eine schlimme Katastrophe heimgesucht hat, deretwegen alle Bewohner erst fort- und später wieder hergezogen sind. Dieser Umzug hat offenbar mit der Einführung strenger Regeln zu tun und mit einigen Merkwürdigkeiten, die Kyoko nicht in Frage stellt, die aber beim Lesen so gar nicht alltäglich wirken: Sieben Schüler sterben innerhalb eines Schuljahrs, doch Kyoko argwöhnt nichts, während am Ende jedes Absatzes Alarmglocken schrillen.

Es ist eine Stärke des Buchs, das es nicht versucht, den naiven Tonfall einer Elfjährigen zu imitieren, denn Kyoko erzählt mit fast zwanzig Jahren Abstand in der Sprache der Erwachsenen. Aber sie referiert ihren damaligen Wissensstand glaubwürdig und umso überzeugender. Es ist eine weitere Stärke dieses Romans, wie er den Blick des Lesers auf die Mutter Seite für Seite wandelt. Der innere Totalitarismus wird durch den äußeren abgelöst und öffnet den Blick auf eine Gesellschaft, die sich dem nichtalltäglichen Alltag nach einer Katastrophe unterwirft. Da der Roman im Angesicht der Fukushima-Katastrophe geschrieben wurde, denkt man unwillkürlich an radioaktive Verseuchung - aber hierzu gibt es allenfalls Andeutungen. Wohl aber wird deutlich, wie wichtig der Verlust des Hinterfragens, die Eindämmung des individuellen Willens und die Einschränkung einer wissensbasierten Fähigkeit zur Kritik für eine etwaige Regierung ist, die einfach weitermacht. Umizuka war nicht schön und ist nun erst recht nicht schöner, egal was die Hymnen künden!

Ein strahlkräftiger Roman mit langer Halbwertzeit.

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