Manja Präkels

 3.8 Sterne bei 4 Bewertungen

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Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

 (4)
Erschienen am 31.07.2017
Tresenlieder

Tresenlieder

 (0)
Erschienen am 30.01.2004

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Rezension zu "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" von Manja Präkels

Sprachlich hervorragendes und differenziertes Buch über die Wendegeneration
TheDorlievor 6 Monaten

"Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" von Manja Präkels ist ein sehr wichtiges und hervorragend geschriebenes Buch, das in der Rückschau auf die DDR nicht mit dem Mauerfall endet, sondern weiter erzählt: Die Geschichte über Orientierungslosigkeit und teilweiser Verwahrlosung einer Generation, die ungeschützt in eine neue Gesellschaftsform katapultiert wird und dem plötzlichem Wandel der Werte ausgesetzt ist. Die Vorbilder dieser Generation verschwinden von heute auf morgen, wechseln ihre Gesinnung oder geben sich dem Materialismus hin. Ergebnis: Flucht, Selbstverleugnung, Lähmung und Angreifbarkeit für Extreme, vor allem für rechte Extreme.
Vordergründig geht es in dem Roman um die Entwicklung eines Jungen zum Nazi, wobei die Hauptperson Mimi ist, eine von Wiedersprüchen gezeichnete junge Frau, die das Unmögliche versucht: zu entkommen und gleichzeitig Verantwortung zu tragen. Sie ist getrieben davon, sich ihrer Geschichte und ihrer (angenommenen) Schuld zu stellen. Der Roman vermittelt ein subjektives und gleichzeitig allgemeingültiges Bild eines zerrissenen jungen Menschen in den Nachwendejahren, der geprägt ist durch die Überforderung der Älteren, deren Anpassung und Schweigen und die begründete Angst, im neuen System nicht bestehen zu können. Es wird spürbar, wie sich diese Angst auf die Jungen überträgt und in Hass auf Andersartige umschlägt - einfach so, in rasender Geschwindigkeit, schweinbar aus dem Nichts und unfassbar für jene, die an ein humanistisches Menschenbild glauben.
Prägnant zeigt Manja Präkels auf, dass in den frühen 90er Jahren niemand ein Außenseiter sein wollte (Nachwehen der Diktatur), sich dennoch alle so fühlen und deshalb bemüht waren, irgendwo dazuzugehören, selbst wenn die eigenen Helden am Ende anderen den Schädel einschlugen. Ich werde noch lange über diese Reise in die Vergangenheit und deren Auswirkung auf unsere politische Gegenwart nachdenken. Mehr kann ein Buch nicht leisten, das ist es, was gute Literatur vermag. Danke dafür.

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Rezension zu "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" von Manja Präkels

Verstörend, authentisch und ungeschminkt
KaterinaFrancescavor einem Jahr

In ihrer Kindheit stibitzen Mimi und Oliver heimlich Schnapskirschen während ihre benachbarten Familien fröhlich feiern, gehen gemeinsam angeln und erkunden die im Verfall begriffenden Ruinen und menschenleeren Plätze ihrer brandenburgischen Kleinstadt. Doch mit der DDR wandelt sich auch Oliver. Aus dem einstigen Freund wird der Rädelsführer des örtlichen Neonazischlägertrupps. "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" zeichnet ein individuelles, authentisches Bild von der provinziellen DDR, der rauen Einfachheit des Lebens und des schleichenden Verfalls von den 70ern bis Ende der 90er Jahre.
Aus der Ich-Perspektive schildert die Protagonistin Mimi ihre Kindheitserlebnisse ungeschminkt und authentisch, was die Identifikation mit ihr erleichtert. Geschickt wird das individuelle Schicksal Mimis in größere Zusammenhänge gestellt. Ihre Mutter, Lehrerin in der DDR, muss nach deren Ende wieder studieren, um ihren Job behalten zu können. Ihr Vater, schwer an Diabetes erkrankt, kämpft mit dem Fortschreiten seiner Krankheit und ertränkt seinen Kummer in den Trinkgelagen mit seinen Nachbarn und Freunden. Berührend und schonungslos werden die engen familiären Bindungen und Nachbarschaftsverhältnisse von Mimi geschildert sowie deren einengende Wirkung auf die jugendliche Protagonistin. Am Ertrinken, versucht Mimi die Flucht nach vorn: nach Ostberlin. Doch auch dort stellt sich das erhoffte Vergessen nicht ein. Verstörend sind die erlebten Traumata der Protagonistin, die ihre zahlreichen Fluchversuche vor den örtlichen, gewalttätigen Neonazitrupps hervorrufen. Dass diese sinnlose Gewalt kaum geahndet wird, weder in der DDR noch in der wiedervereinten BRD, hinterlässt ein Gefühl des Zorns und lässt einen die Ohnmacht der Protagonistin spüren. Oliver macht eine 180-Grad Wendung vom gejagten Opfer zum skrupellosen Jäger. Mimis jugendliche Sinnsuche wird dringlicher, nachdem alle
vermeintlichen Wahrheiten mit dem Zusammenbruch der DDR infrage gestellt
werden. Die manchmal überbordenden Rauschzustände mögen zwar Ausdruck von Mimis Wunsch nach dem Vergessen, sein, allerdings behindern sie teilweise das Fortschreiten der Erzählung. Im Großen und Ganzen skizziert der Roman ein ungeschöntes Bild des Lebens in der DDR, nur bei dem ersten Ausflug in den Westen (nach Hamburg) erscheint die Kapitalismuskritik etwas überspitzt, als die ganze Familie Essen en masse in sich reinstopft, um anschließend das Rotlichtviertel der Hansestadt zu durchqueren.
Sprachlich ist der Roman flüssig und gespickt mit Strophen aus zeitgenössischen Songs sowie kleineren Gedichten Mimis, die deren Gemütszustand wiederspiegeln.

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