Manuel Karasek

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Mirabels Entscheidung

Mirabels Entscheidung

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Erschienen am 01.01.2017

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Rezension zu "Mirabels Entscheidung" von Manuel Karasek

Schwule Mädchen schlagen härter
jamal_tuschickvor 2 Jahren

Die Ressorts werden noch im Kommandoton der Wehrmacht geführt, als Hanns Torzek seine Karriere als Journalist startet. Der Sohn eines armen Schluckers entging seiner Einberufung soeben, nicht aber der nationalsozialistischen Vereinnahmung. Alles, was im Wirtschaftswunderdeutschland Rang und Namen hat und in Amt und Würden sich demokratisch tüncht, könnte eine mörderische Vergangenheit haben. Das schert Torzek nicht. Sein Aufstiegswille erschöpft sich in der Überwindung von Beschränkungen einer kleinen Herkunft. Zuerst beteiligt er sich in Stuttgart an der Kulturberichterstattung. Er wird zu einer Figur der süddeutschen Theaterlandschaft, als fleißiger Besucher von Premieren in Tübungen und Ulm. Umständliche Anreisen im Zug, flache Inszenierungen, fade Wirtshausmahlzeiten, öde Fremdenzimmer: Manuel Karasek schildert den priviligierten Alltag eines Feuilletonredakteurs um 1960 an den Tatsachen vorbei als dürftige Angelegenheit. Torzek strebt eine Premiumexistenz an und kriegt, was er will. Er sucht Erregung in der Arbeit und an ihren Rändern, wo die Volontärinnen und andere Elevinnen defilieren. Zuhause explodiert Mirabel in ihrer Hauptrolle als außerordentlich schöne und gewaltbereite Gattin. Torzek langweilen die Eruptionen des venezolanischen Vulkans in einem erträglichen Maß. Er hält an der Verbindung fest. Zu reizvoll erscheint ihm der semi-karibische Ehecocktail in der Grauzone bundesrepublikanischen Gesellschaftslebens. Torzek hat eine Frau mit Seltenheitswert.
Manuel Karasek kommt aus einer schreibenden Familie. Wer es darauf anlegt, kann sich über Angehörige dieser Familie informieren wie über Fürstenhäuser. Manuel K. schreibt mit einer angenehmen Gleichgültigkeit für das Ausgesuchte, manchmal direkt platt. Schon Vater Hellmuth zeigte keine Neigung, sich aufzuhalten und in den Schmuckschatullen der Sprache zu kramen. Er hatte die süffelige, über alles Beschwerliche hinweggleitende Art einer sanften Planierraupe. Etwas Wässriges ging von ihm aus (sei wie das Wasser: Bruce Lee). Er war so anders als seine verrannten Brüder Horst und Peter. Trotzdem konnte er zuschlagen, so in der Abrechnung mit dem alten Augstein. Hellmuth beschreibt den Mogul, wie er seine leitenden Herren im Bademantel empfängt. Die Redakteure schieben ihre italienischen Schlupfschuhe in den Flokati, stranguliert von ihren Krawatten, während Augsteins Eier vor ihren Augen baumeln. Der Mächtige kennt keine Scham (ungefähr Martin Walser/Walter Benjamin). Er hat einen Blick für Notzuchtgelegenheiten. Wir mokieren uns über ihn und bewundern ihn doch - den durchgreifenden Vater, der die Mutter seiner ältesten Söhne Jorge und Javier zur Steigerung der eigenen Attraktivität einsetzt - und im Feuilleton überregional kursierender Periodika den Gipfel erreicht. Nach zwanzig Ehejahren setzt sich Mirabel 1979 mit Jorge in die alte Heimat ab. Der Sohn, gestaucht von zwei Kulturen, daheim in Hamburg, droht in Caracas zu verdampfen. Jorge sieht aus wie ein Venezolaner, fühlt aber wie ein deutsches Nordlicht. In die Geschichte seiner Schule geht er als “schwules Mädchen” ein. In der Zwischenzeit gründet Hanns Torzek die nächste Familie.
Karasek spielt mit den Möglichkeiten durchsichtiger Verblendungen. Wie in der Bilanz seines Vaters heißt der “Spiegel” “Das Magazin”, dessen Gründer Rudolf Augstein Rainer Fels und Jakob Augsteins leiblicher Vater moussiert als Werner Mulser angesichts der seiner Bedeutung Spalier stehenden Verlagsschönheiten. 1981 kehrt die geflüchtete Schrumpffamilie nach Deutschland zurück. Nun kommt Jorges jüngerer Bruder Javier ins Spiel.

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