María Cecilia Barbetta

 2.8 Sterne bei 44 Bewertungen
Autorin von Änderungsschneiderei Los Milagros, Nachtleuchten und weiteren Büchern.

Lebenslauf von María Cecilia Barbetta

Die Argentinierin, die auf Deutsch schreibt: Dass die beklemmende Atmosphäre der Militärdiktatur in Argentinien ihre Kindheit prägte, wurde María Cecilia Barbetta erst später klar. Die 1972 in Buenos Aires geborene Schriftstellerin begriff die Verluste im Heimatland nach ihren eigenen Aussagen erst so richtig als Studentin in Berlin. In Argentinien hatte Barbetta die deutsche Schule besucht und ein Studium in „Deutsch als Fremdsprache“ begonnen, in Berlin wurde sie heimisch in der deutschen Sprache und war fasziniert vom freien Lebensstil ihrer Kommilitonen. Auch wenn ihr erster Roman „Änderungsschneiderei Milagros“ (2010) in Argentinien, dem Land ihrer Herkunft, spielt, hat Barbetta ihn auf Deutsch geschrieben. Sie erhielt renommierte Auszeichnungen wie den aspekte- Literaturpreis und den Adelbert-von-Chamisso-Preis für ihr Debütwerk und ist seit 2011 Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland. Auch ihr zweiter Roman „Nachtleuchten“, dessen Manuskript den Alfred-Döblin-Preis bereits vor seiner Veröffentlichung im August 2018 erhielt, spielt in Buenos Aires. Das Buch schaffte es auch auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2018. Aus der Sicht einiger junger Menschen greift Barbetta die politischen Spannungen in Argentinien auf. Zwar begreift sie ihre Themen und ihren Stil als authentisch lateinamerikanisch, in die deutsche Sprache jedoch sei sie verliebt, sagt María Cecilia Barbetta, die seit 2007 neben der argentinischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt.

Neue Bücher

Nachtleuchten
 (7)
Neu erschienen am 15.08.2018 als Hardcover bei S. FISCHER.

Alle Bücher von María Cecilia Barbetta

María Cecilia BarbettaÄnderungsschneiderei Los Milagros
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Änderungsschneiderei Los Milagros
Änderungsschneiderei Los Milagros
 (37)
Erschienen am 01.10.2010
María Cecilia BarbettaNachtleuchten
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Nachtleuchten
Nachtleuchten
 (7)
Erschienen am 15.08.2018
María Cecilia BarbettaPoetik des Neo-Phantastischen
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Poetik des Neo-Phantastischen
Poetik des Neo-Phantastischen
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Erschienen am 01.06.2002
María Cecilia BarbettaLittle Global Cities
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Little Global Cities
Little Global Cities
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Erschienen am 03.03.2015
María Cecilia BarbettaLittle Global Cities
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Little Global Cities
Little Global Cities
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Erschienen am 16.05.2014

Zur Fragerunde mit…

María Cecilia Barbetta stammt ursprünglich aus Argentinien, schreibt jedoch alle ihre Romane auf Deutsch. Schon in Argentinien besuchte sie die deutsche Schule und studierte später in Berlin, jedoch spielt ihr Debütroman „Änderungsschneiderei Milagros“ von 2010 in ihrem Heimatland. Für ihre Arbeit ist Barbetta bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet worden, darunter der Adelbert-von-Chamisso-Preis, der an deutschsprachige Werke fremdsprachiger Autoren verliehen wird. Ihr Roman „Nachtleuchten“ schafft es 2018 auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Für ihre Fans auf LovelyBooks hat sie sich ein bisschen Zeit genommen und einige Fragen beantwortet. Hier könnt ihr das ganze Interview nachlesen.

Liebe Frau Barbetta, aus welchem Grund haben Sie sich dafür entschieden, in einer Fremdsprache zu schreiben und nicht in Ihrer Muttersprache?

Danke für Ihre Frage und Ihr Interesse! Ich schreibe auf Deutsch, weil ich die Sprache liebe. Ich habe sie in Buenos Aires studiert, das heißt, mich bereits vor langer Zeit für diese Fremdsprache entschieden und a-l-l-e-s dafür getan, sie zu erlernen. Sie ist und bleibt meine absolute Leidenschaft. Ich mag die deutschen Wörter, ihren wunderschönen Klang, aber auch die Grammatik, vor allem mag ich das Gefühl, dass im Umgang mit der Fremdsprache nichts eine Selbstverständlichkeit ist. Ich mag das Nachdenken über die Sprache und besonders die Doppeldeutigkeit mancher Begriffe, weil das ein Zeichen von Offenheit ist. Deutsche Wörter haben eine Plastizität und Sinnlichkeit, die Wörter auf Spanisch sicherlich auch haben, die ich aber nicht wahrnehme, da ich Spanisch gebrauche, ohne mir ihrer Gesetzmäßigkeit bewusst zu sein. Die Distanz, die mich von der deutschen Sprache trennt, finde ich äußerst produktiv. Sie führt dazu, dass sie mich immer wieder überrascht, und das Resultat ist eine unbändige Freude, so wie die bei frisch Verliebten. Wenn es darum geht, literarisch zu schreiben, ist Deutsch für mich anders als das argentinische Spanisch vollständig unbesetzt, und weil Deutsch für mich unbesetzt ist, kommt es mir leicht vor, obwohl es paradoxerweise voller Tücken ist.

In „Nachtleuchten“ steckt Ihr Herzblut und ein Teil von Ihnen – was erhoffen Sie sich von Ihrem Werk, was hoffen Sie in den Lesern zu bewegen, bzw. was wünschen Sie sich, was wir Leser aus Ihrem Werk mitnehmen?

Sie haben vollkommen recht. Kunst ist eine Tochter der Freiheit, hat Friedrich Schiller einmal geschrieben, und als ich das zum ersten Mal las, ging mein Herz auf. Beim Schreiben, aber auch im Leben sind mir zwei Dinge wichtig: Ich will Schönheit aufspüren und das Gefühl der Freiheit einatmen. Erkämpfen möchte ich mir weder das eine noch das andere. Meine Leser und Leserinnen sollen wissen, dass ich lesend und schreibend glücklich zu werden versuche. Literatur, davon bin ich überzeugt, kann uns immer den Weg aufzeigen.

Wie wichtig war es Ihnen, in dem Roman Ihre eigene politische Meinung zu schreiben – oder war es im Gegenteil Ihr Anliegen, neutral zu bleiben?

Literatur, so wie ich sie verstehe, steht für Freiheit, FREIHEIT groß geschrieben. Sie ist kein politisches Pamphlet, sondern ein Spiel mit ungeahnten Möglichkeiten, eine Entdeckungsreise, auf die ich mich selber einlasse. „Nachtleuchten“ will kein Politthriller sein, denn ich wollte mich nicht in die Köpfe der Mörder und Verbrecher jener Zeit hineinbegeben. Ich wollte also nicht die politischen blutigen Kämpfe in den Vordergrund stellen, sondern vielmehr den Alltag der kleinen Leute. Die kleinen Leute sind meine großen Helden: eine progressive Nonne, eine Klosterschülerin, ein schwuler Friseur, eine Gruppe Automechaniker ... Ich liefere keine Antworten, sondern erzähle die Lebensgeschichten von einfachen Menschen, die versuchen, in finsteren Zeiten den Mut nicht zu verlieren und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft allen Widrigkeiten zum Trotz aufrechtzuerhalten. Diese Figuren achten das Leben, vielleicht umso mehr, weil der Tod in jener Zeit so präsent ist.

Ihr Buch zeichnet sich unter anderem besonders durch die detaillierten Beschreibungen aus. Haben Sie Vorbilder oder Bücher, die Sie selbst zum Schreiben inspiriert haben? Wenn ja, welche? Was fördert bei Ihnen die Entstehung von Ideen und die Entstehung von Bildern für einen Roman?

Mein großes Vorbild ist Julio Cortázar, ein argentinischer Autor, der seine Heimat verließ und in Frankreich lebte, jemand, der überall Schönheit aufspürte, auch an den Orten, an denen es objektiv gesehen keine Schönheit gab, ein einfühlsamer, großzügiger Autor, der trotz seiner absoluten Könnerschaft bescheiden war und seine Leser achtete. Von ihm habe ich gelernt, in den Lesern und Leserinnen die wahren Komplizen eines jeden Autors zu sehen, freie Geister, ohne die es kein Buch gibt, denn sie sind es, die es zum Leben erwecken. „Nachtleuchten“ liegt mir wahrlich am Herzen, deshalb danke ich Ihnen für das schöne Lob. Ich habe sehr lange daran gearbeitet. Gewidmet ist es meinen Großeltern mütterlicherseits, die Pate standen für die Figur von Berta Sanfratello und Julio El Haddad. Von Cortázar abgesehen, sind solche Menschen Vorbilder für das zweite Buch, Menschen, die es tatsächlich gegeben hat, die heute aber leider nicht mehr da sind. Einige Figuren in „Nachtleuchten“ hatten also eine Entsprechung in der Wirklichkeit, aber angereichert habe ich sie natürlich mit einer guten Portion Einbildungskraft. Den Friseur Celio Rachello hat es auch gegeben. Er hieß aber Mario und hat mir, als ich 15 war, eine schreckliche Dauerwelle verpasst (ich wollte damals unbedingt Locken und sah dann aus wie ein Pudel). Das Armutsviertel in José León Suárez gibt es auch. In der Wirklichkeit ist es meine Mutter und nicht Schwester María, die einmal in der Woche dahin fährt, um Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen. Pater Amaro hieß Luis Agazzi. Er war, seitdem ich denken kann, steinalt. Er nuschelte, und ich konnte bei der Messe kein Wort verstehen, außer wenn er „Die da, die da“ sagte. Er meinte tatsächlich die Spiritisten. Don Nasif war der Nachbar meines Opas und sah genauso aus, wie ich ihn beschreibe. Er war eine Seele von Mensch. Abdala hieß aber in Wirklichkeit der Schwager meines Opas. Diese einfachen Menschen, die nicht einmal studieren konnten, sind meine Vorbilder. Sie wurden literarische Figuren, weil sie mein Leben bereichert haben. Ich wollte, dass sie, wenngleich in der Literatur, weiterleben und vielleicht anderen als Vorbild dienen. Übrigens, auch die Plastikmadonna gibt es. Sie gehörte meiner italienischen Oma, und ich nahm die Statuette mit nach Berlin, als sie starb.

Vom Standpunkt eines Unwissenden aus, der sich bisher wenig mit Argentinien und der Geschichte des Landes beschäftigt hat: Wo wäre Argentinien Ihrer Meinung nach ohne diese revolutionären Gedanken heute? War diese Revolution eine Frage oder ein Ergebnis dieser Zeit? Welchen Weg hätte man einschlagen sollen und wäre diese Revolution zur heutigen Zeit eine andere?

Das Wort „Revolution“ haben in jener Zeit alle in den Mund genommen, sowohl Linke als auch Rechte. Um nur ein Beispiel zu geben: Die Militärjunta, die nach der Bombardierung der Plaza de Mayo den Präsidenten Perón 1955 wegputschte, nannte sich selbst „Revolución Libertadora“, die „Befreiende Revolution“. Unter ihrer Flagge geschah auch das Massaker von José León Suárez, das ich in „Nachtleuchten“ beschreibe. Revolutionen, auch linke, sind in jenen Jahren immer mit Waffengewalt verbunden. Sogar die Drittweltpriesterbewegung bleibt von diesem Zeitgeist nicht verschont. Mein Buch richtet das Augenmerk deswegen mehr auf die unspektakulären Kämpfe, auf einen Alltag, in dem es um Nächstenliebe geht, um Zusammenhalt, um Werte wie Ehrlichkeit, Großzügigkeit und Freundschaft. Ihre Verfechter stärken sich gegenseitig, sie verlieben sich, denn das Leben, das sie achten, geht weiter, sie treffen sich, tauschen sich über Politik aus, haben Träume und große Ideale, sie trauern, spielen Lotto, singen unter der Dusche oder kämpfen gegen das Gefühl von Melancholie an ... Es geht ihnen in erster Linie darum, das Leben in seinen unterschiedlichen Aspekten zu würdigen und es immerzu für lebenswert zu erachten. Sie geben nicht auf. Das ist in meinen Augen die wahre Revolution.

Was bedeutet für Sie in unserer heutigen modernen und aufgeklärten Welt Glaube? Haben Sie ähnlich wie Teresa eine katholische Mädchenschule oder ähnliche Einrichtungen besucht? Wie hat das gegebenenfalls Ihr Leben aus heutiger Sicht beeinflusst?

Genauso wie meine literarische Figur Teresa Gianelli hat meine Mutter, nicht ich, eine katholische Mädchenschule besucht, das Instituto Santa Ana, in dem aber kein Französisch unterrichtet wurde, sondern ganz einfach Spanisch. Als kleines Mädchen und Heranwachsende bin ich sonntags immer in die Kirche gegangen und habe eine ganze Weile mit dem Gedanken gespielt, Nonne zu werden. Ich war ein braves Mädchen, wollte immer allen helfen, den alten Menschen, den Kindern, die Welt retten, so wie viele von uns in jungen Jahren. Gerechtigkeit erschien mir ein hohes Gut, und so ist es heute immer noch. Keine Ahnung, ob es naiv ist, wahrscheinlich schon, aber egal: Ich will mir das Gefühl nicht nehmen lassen, nicht die Hoffnung trotz aller Widrigkeiten und schlimmen Ungerechtigkeiten auf diesem Planeten, dass am Ende, ganz, ganz, ganz am Ende immer das Gute siegt. Dafür muss jeder aber seine kleine (große) Aufgabe meistern, wie es im „Nachtleuchten“ heißt. Ich glaube fest an die Literatur, daran, dass sie uns hilft, uns in fremde Schicksale einzufühlen und dadurch empathisch, ja, menschlicher zu werden.

Sie waren bei Denis Scheck im Gespräch und in Zeitungen wird teils kritisch über Sie bzw. Ihr Buch berichtet. Wie gehen Sie mit diesen unterschiedlichen Reaktionen auf Ihr zweites Buch um? Hatte das Feedback zu Ihrem ersten Buch einen Einfluss auf „Nachtleuchten“?

Gute Kritiken machen mich natürlich glücklich, aber leider vergesse ich sie schnell. Die weniger wohlwollenden stimmen mich traurig, und ich vergesse sie leider nicht, was mein Schreiben enorm erschwert. Manchmal sind Kritiken sehr verletzend formuliert, denn nicht alle Menschen vermögen die Wirkung ihrer Worte zu ersehen oder zu ermessen. Unlängst hat eine Zeitung einigen Autoren und Autorinnen die Frage gestellt: „Was wollten Sie Ihren Kritikern schon immer mal sagen?“ Anstelle einer Abrechnung habe ich mich dafür entschieden, einen kleinen literarischen Text darüber zu schreiben, den ich jetzt mit Ihnen teile. Meine Antwort lautete: „Die Mandragora gehört vielmehr zur Fauna als zur Flora, denn das Giftkraut der Kirke schreit, wenn man es ausreißt. Das Handbuch der phantastischen Zoologie, das Jorge Luis Borges unter Mitarbeit von Margarita Guerrero herausgab, bevölkern imaginäre Wesen. Sie heißen Sirene, Einhorn oder Sphinx. In meinen Augen ist jeder eigenwillige Roman ein solches Geschöpf, ein Mischwesen, eine Kreuzung aus Erlebtem und Erdachtem, aus Versatzstücken, realen Orten und Traumbildern, die sich phantasmagorisch überlagern. Gängige Kategorien und Demarkationslinien greifen nicht mehr. Atmen Sie tief ein und aus. Beruhigen Sie sich. Sie brauchen keine Angst zu haben. Nutzen Sie vielmehr die Chance, die sich Ihnen bietet, das Tier von allen erdenklichen Blickwinkeln zu betrachten. Gehen Sie ein paar Schritte. Borges schrieb einmal, der Mensch, der sich fortbewege, verändere die Formen seiner Umgebung. Sie werden Zeit benötigen, das Tier kennenzulernen. Versuchen Sie es nicht zu zähmen, mit Ihren vorgefertigten Meinungen und gesetzten Erwartungen einzuzwängen. Das Tier hat sich lange, bevor Sie es erblickten, seine Freiheit erkämpft.“

Videos zum Autor

Neue Rezensionen zu María Cecilia Barbetta

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Baerbel82s avatar

Rezension zu "Nachtleuchten" von María Cecilia Barbetta

Argentinien in den 70er Jahren
Baerbel82vor 4 Tagen

María Cecilia Barbetta erzählt in ihrem zweiten Roman „Nachtleuchten“ über das Stadtviertel Ballester, nicht weit von der Hauptstadt Buenos Aires entfernt.

Wir lernen die 12-jährige Teresa und ihre Mitschülerinnen kennen. Sie besuchen das Mädcheninternat Santa Ana, das von Nonnen geführt wird. Teresa hat die Idee, eine Wandermadonna durch das Viertel zu tragen.

Die vielen spanischen Namen, seitenweise Tabellen über Ameisen, das war mir zu anstrengend. Irgendwie hat mir der rote Faden gefehlt. Und so habe ich nach etwa 80 Seiten aufgegeben und das Buch abgebrochen.

Fazit: Abgebrochen. Blumige Sprache. Zu viel Kirche. Leider nicht mein Ding.

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MikkaGs avatar

Rezension zu "Nachtleuchten" von María Cecilia Barbetta

Ein buntes Wirrwarr in Zeiten des Umsturzes
MikkaGvor 10 Tagen

Argentinien steht kurz vor dem Militärputsch.

Die großen Veränderungen im Land zeigen sich im Kleinen – im Alltag ganz normaler Menschen, die keinerlei Einfluss auf diese Entwicklungen haben. Über Politik wird in der Autowerkstatt debattiert, im Friseursalon beweint man den Tod Juan Peróns, in der Klosterschule verwechselt man in aller Unschuld Kommunismus und Spiritismus.

Wunderbare Geschichten, traurige Geschichten, spannende Geschichten:

‘Autor-Mechaniker’ Álvaro Fantini übernimmt die Redaktion der Lokalzeitung und gewinnt die verschiedensten Menschen dafür, über das zu schreiben, was sie bewegt. Kritische Stimmen sind erlaubt, was durchaus nicht unbedeutend ist in dieser Zeit. Derweil zieht Klosterschülerin Teresa mit einer billigen Plastikmadonna durch die Stadt und verleiht sie im Glauben ihrer Wundertätigkeit für jeweils sieben Tage an verschiedene Haushalte. Frisör Celio kümmert sich liebevoll um seine schon vor Jahren verstummten Mutter, die sich dennoch als Stimme bombastischer Sprachgewalt erweist.

Das ist nur ein kleiner Auszug der zahlreichen Geschichten, die sich immer mehr überschneiden und dadurch an Tiefe gewinnen.

Und so sind es auch die Charaktere, die diesem Roman seine Kraft und seine Lebendigkeit verleihen.

María Cecilia Barbetta zeichnet sie mal mit leichter Hand, mal laut und überlebensgroß, oft so zart und liebevoll, dass einem das Herz aufgeht. In den vier Akten der Geschichte begegnet man einigen davon immer wieder, entdeckt ungeahnte Aspekte ihrer Persönlichkeit. Im Laufe der Handlung kommen jedoch auch zahlreiche Charaktere neu hinzu.

Irgendwann verliert man den Überblick.

Gegen Ende bricht eine wahre Kakophonie von Stimmen los. Die Schauplätze verschwimmen, schwindelerregend – man kann das ‘wer’ und ‘wo’ kaum mehr auseinanderhalten. Und das ist noch deutlich untertrieben.

Man verliert als Leser vollkommen den Halt, und das ist sicher von der Autorin auch so beabsichtigt.

Eine Unterscheidung der verschiedenen Stimmen ist nicht mehr möglich und im Grunde auch nicht mehr notwendig. All diese Menschen werden zu einem einzigen großen Choralgesang lebender, atmender Zeitgeschichte. Gerade das Chaos und die heillose Verwirrung bilden einen passenden Hintergrund für diese Geschichte, die in einer Zeit großen Umsturzes spielt.

Dennoch, ich muss es gestehen, fand ich Teile des dritten Aktes und die Gänze des vierten sehr anstrengend zu lesen. Ich musste ein paar Nächte darüber schlafen, bis ich meinen inneren Frieden mit der Kakaphonie schließen konnte.

Der Schreibstil war für mich jedoch das Highlight des Romans.
Er wandelt sich immer und immer wieder, je nachdem, wo die Handlung sich gerade abspielt und welche Charaktere im Mittelpunkt stehen. Metaphern und Bilder werden an Berufe und Persönlichkeiten angepasst oder spiegeln die politische Situation wieder, und das ist unglaublich clever gemacht.

Die Autorin spielt mit der Sprache – kunstvoll, lustvoll, humorvoll –, nicht nur mit ihrem Klang, sondern oft auch mit der Optik interessant gesetzter Passagen. So spricht ein Charakter in einer Szene zum Beispiel leiser und die Schriftgröße wird immer kleiner, einem anderen gehen verschiedene Buchstaben verloren, oder ein Autounfall wird in einer Schrift beschrieben, die an einen Comic erinnert.

Durch die Handlung mit ihren durchaus ersten Themen zieht sich ein großartiger Humor. Ich habe mehr als einmal laut gelacht.

FAZIT

1974, kurz vor vor Beginn der argentinischen Militärdiktatur: “Nachtleuchten” bietet einen Einblick in das Leben verschiedener Bürger eines kleinen Ortes in der Provinz Buenos Aires.

Sprachlich ist das ungewöhnlich und bestechend, der Schreibstil konnte mich voll und ganz überzeugen. Auch die Charaktere sind rundum gelungen, und das Buch baut eine dichte Atmosphäre auf, so dass man die Stimmung vor dem Putsch sehr gut nachempfinden kann.

Allerdings muss man sich im Verlauf des Buches zunehmend durchkämpfen, wenn immer mehr und mehr Stimmen, Handlungsorte und Perspektiven zur Geschichte stoßen, die zum Teil auch noch alle gleichzeitig zur Sprache kommen.

Diese Rezension erschien zunächst auf meinem Buchblog:
https://wordpress.mikkaliest.de/2018/10/12/deutscher-buchpreis-2018-maria-cecilia-barbetta-nachtleuchten/

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Dominikuss avatar

Rezension zu "Nachtleuchten" von María Cecilia Barbetta

Mal was anderes
Dominikusvor 2 Monaten

Nachtleuchten ist der zweite auf deutsch geschriebene Roman der Autorin Maria Cecelia Barbetta, die in Argentinien geboren und aufgewachsen ist. Seit 1996 lebt sie in Berlin. Nachtleuchten steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.


Der Roman beginnt 1974 im Heimatstadt Buenos Aires der Autorin. Sie schreibt lateinamerikanischen Stil mit Sprachwitz und Humor.

Er umfasst die Militärdiktatur in Argentinien und die politischen Konflikte.


Die Personen bezaubern mit mit ihren tollen Geschichten und Ausspüchen.

Es beginnt in einer Mädchenschule, das von Nonnen geführt wird. Die Madonna Verehrung ist interessant.

Die Autorin zeigt die große Frömmigkeit und den Aberglauben.

Dann geht es in die Autowerkstatt von Ballester.

Die Bewohner lauschen den Nachrichten über politische Unruhen.


Der Roman besticht mit poetischer Sprache. Ein sehr gut konstruiertes Werk mit interessanter Erzählperspektive und witzigen Wortspielen.


Mit Dunkelleuchten hat Maria Cecilia Barbetta eine schöne Hommage an ihren Geburtsort geschaffen.


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Gespräche aus der Community

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JohannaLuisas avatar
Deutscher Buchpreis

Wir freuen uns sehr, den Deutschen Buchpreis 2018 bei LovelyBooks begleiten zu dürfen! Nachdem wir die Leseproben der zwanzig Longlist-Titel diskutiert haben, stellen wir euch nun die sechs Titel der Shortlist vor.

Heute habt ihr die Gelegenheit, María Cecilia Barbetta Fragen zu stellen und mit etwas Glück eins von zwei Exemplaren von "Nachtleuchten" zu gewinnen!

Stellt eure Fragen an die Autorin
heute am 25.09.2018 über den blauen "Jetzt bewerben"-Button und landet damit automatisch im Lostopf für unsere Verlosung.

Unter allen Usern, die an mindestens 3 Aktionen zu den Shortlist-Autoren teilnehmen, verlosen wir außerdem ein signiertes Exemplar des Deutschen Buchpreis-Gewinners!

Da die Autoren der Shortlist aus zeitlichen Gründen nicht alle Fragen beantworten können, werden wir María Cecilia Barbetta ausgewählte Fragen zukommen lassen und ihre Antworten nachreichen.

Mehr zum Buch
Shortlist Deutscher Buchpreis 2018: 'Nachtleuchten'. In ihrem neuen Roman erzählt María Cecilia Barbetta von der gespenstischen Atmosphäre am Vorabend eines politischen Umsturzes. Sie sind aus der ganzen Welt gekommen und haben sich in Buenos Aires eine Existenz aufgebaut. In dem Viertel Ballester kämpfen sie jeder auf seine Art für den Aufbruch, die Revolution und eine bessere Zukunft – Teresa und ihre Klassenkameradinnen in der katholischen Mädchenschule ebenso wie Celio, der Friseur in der 'Ewigen Schönheit', oder die Mechaniker der Autowerkstatt 'Autopia'. Doch politische Spannungen zerreißen das Land, Aberglaube und Gewalt schleichen sich in die Normalität. Mit einem feinen Gespür für die Poesie des Alltags erzählt die in Argentinien geborene María Cecilia Barbetta von der Liebe zum Leben in Zeiten des Umbruchs.

>> Zur Leseprobe

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Zusätzliche Informationen

María Cecilia Barbetta wurde am 08. Juli 1972 in Buenos Aires (Argentinien) geboren.

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