Die Natur findet ihren Weg. Immer, aber vielleicht nicht so, wie das für uns Menschen passt. In diesem poetischen Roman gibt María Ospina Pizano den Tieren eigene Stimmen, ja, der Natur als solches. Auch, wenn die Menschenwelt für die Tiere absurd bleibt, abstrakt, unverständlich, schildern sie genau dieses in erstaunlicher Präzision.
Dieses leise Werk hätte ich vermutlich übersehen, hätte mich nicht eine begeisterte Rezension Dajobama auf Für kurze Zeit nur Hier aufmerksam gemacht. Es ist ein Buch ganz nach meinem Geschmack und jetzt schon ein Jahreshighlight 2025. Besonders fasziniert hat mich, dass Ospina Pizano die Tiere nie vermenschlicht. Der Roman stellt Fragen, wie sich die Tiere fühlen. Aber bleibt immer offen, ob dies stimmen könnte. Wie viel projizieren Menschen auf die Tiere – und sind doch ihr schlimmster Feind.
Zwei Straßenhündinnen bilden die erzählerische Klammer, dann ist es ein Vogel (ein Scharlachkardinal), ein Käfer, ein Stachelschwein, denen wir folgen zwischen New York und Bogotá, zwischen Stadt und Land, Natur und Mensch.
„Als die Polizeisirene aufheult und mit ihrem blauen Blinklicht die Morgendämmerung unterbricht, schrickt der Scharlachkardinal auf. Er flattert zum obersten Ast und bezieht daraus womöglich den nötigen Schwung, um sich endgültig dafür zu entscheiden, einen anderen Rastplatz zu suchen.“
Die Tiere sehen die Zerstörung der Natur, aber verstehen sie nicht, auch, wenn sie die Leidtragenden sind. Sie sehen die Verrohung der Menschen mit Lagern für Kinder in den USA, aber begreifen sie nicht. Können wir diese Ungerechtigkeit eigentlich überhaupt begreifen?
Ein Jahreshighlight 2025. Bitte lesen. 5 von 5 Sternen.




