Marcel Bauer

 5 Sterne bei 1 Bewertungen
Autor*in von Schattenkinder und Der Mäuserich.

Lebenslauf

Marcel Bauer, 1946 in Eupen/Belgien geboren, studierte Soziologie und Geschichte in Löwen und Berlin. Er ist Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste (EASA). 1968 erschien sein erster Lyrik-Band. Über vierzig Jahre lang bereiste er im Auftrag großer Hilfswerke alle fünf Kontinente. Seine Reportagen mit den Schwerpunkten Kultur und Religion erschienen in GEO, der FAZ, dem Rheinischen Merkur und anderen namhaften Publikationen. Etliche seiner TV-Dokumentationen für Arte und öffentlich-rechtliche Sender in Europa und Nordamerika wurden international prämiert. Marcel Bauer ist Autor mehrerer Sachbücher zur Geschichte im Dreiländereck. Im Jahre 2016 veröffentlichte er seinen ersten Roman »Shango – Im Bann des Voodoo«. Im Rahmen einer TV-Dokumentation für den WDR (Die verlorenen Kinder) begegnete er im Jahre 2000 Joshua Rozenberg alias Pierre Thonnar. Dessen Lebensgeschichte dient als Vorlage für diesen Roman.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Marcel Bauer

Cover des Buches Schattenkinder (ISBN: 9783898014373)

Schattenkinder

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Erschienen am 04.02.2022
Cover des Buches Der Mäuserich (ISBN: 9783898014700)

Der Mäuserich

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Erschienen am 26.06.2023

Neue Rezensionen zu Marcel Bauer

Cover des Buches Schattenkinder (ISBN: 9783898014373)
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Rezension zu "Schattenkinder" von Marcel Bauer

Ein sehr lesenswertes Buch
MichaelHeinzelvor einem Jahr

Schattenkinder-Bücher gibt es mindestens ein Dutzend; die meisten sind fiktionale Romane, die wenig bis nichts mit der Realität zu tun haben. Hier handelt es sich jedoch um ein „Memoir“, das zwar nach Angaben des Autors auch „frei erfunden“ ist, sich jedoch auf authentische Interviews und Zeitzeugenberichte stützt über die gewesene Realität in Belgien während der deutschen Okkupation. Der belgische Autor aus dem deutschsprachigen Eupen beschreibt das Überleben jüdischer Kinder und Jugendlicher in Belgien während der Shoah durch privates und katholisch-klerikales Engagement, durch das rund die Hälfte der jüdischen Einwohner Belgiens (Staatsbürger wie Fremde) vor der Vernichtung bewahrt werden konnte.

Die Familie Rozenberg flieht im Olympia-Jahr 1936 aus dem polnischen Lodz durch das brodelnde Nazi-Deutschland ins neutrale Belgien, wo sie nahe Lüttich zunächst Fuß fassen können und der Vater sogar wieder seine Metzgerei aufbauen kann. Die beiden Söhne Mendel und Joshua wachsen wohlbehütet in trügerischer Sicherheit heran, denn Antisemitismus und faschistoiden Nationalismus gibt’s auch hier. Im Mai 1940 fliehen sie beim deutschen Einmarsch Hals über Kopf bis ins „freie“ Vichy-Frankreich, kehren dann aber gegen Ende des Jahres nach Seraing zurück, wo sie sogar wieder ihr Haus beziehen und ihre Metzgerei betreiben können. Die deutschen Besatzer machen ihnen allerdings das Leben immer schwerer: 1941 wird der Vater von der Organisation Todt zwangsrekrutiert und kommt zunächst nach Frankreich an den Atlantik-Wall; das Letzte, was man von ihm hört, dass er von dort nach Polen „verlegt“ werden soll und sich in seinem Heimatland bessere Umstände erwartet. Die Mutter wird zwangsverpflichtet in eine Lütticher Munitionsfabrik, was ihr aber das Leben rettet, indem der Arbeitgeber sie im letzten Moment vor dem Abtransport ebenfalls nach Auschwitz bewahrt. Danach taucht sie mit ihren Söhnen beim Lütticher Bischof Kerkhofs ab, der ihnen neue Identitäten gibt und – Mutter und Söhne getrennt – in kirchlichen Einrichtungen im frankophonen Teil des Hohen Venns unterbringt. Die Jungen kommen nach Stoumont zu Abbé Stenné in eine katholische Jugendeinrichtung, wo sie mit ihrer neuen Identität als Pierre und Jean-Marie Thonnar unauffällig unter den christlichen Jugendlichen versteckt werden können. Es geht ihnen gut, sie fühlen sich dort wohl und überstehen 1944 sogar eine Gestapo-Razzia. Selbstverständlich werden sie im katholischen Glauben erzogen; schließlich gehörte das mit zur Tarnung. Aber "für Juden hat jedes Kreuz einen Haken" und der Erfolg lässt nicht lange auf sich warten: Pierre lässt sich nach einem Jahr taufen und wird sogar Ministrant. Seinem Freund Moshe bleibt die Taufe zunächst erspart, bis er mitten in den schlimmsten Kämpfen der Ardennen-Offensive vom Abbé zu einer letzten Ölung als Ministrant mitgeholt wird und dazu kurz und bündig gegen seinen Willen noch die Nottaufe verpasst bekommt. Pierre wird im September 1944 in Stoumont befreit, fährt aber Weihnachten aus Lüttich noch mal zurück, um an einer Weihnachtsaufführung teilnehmen zu können. Dabei gerät er mitten in die Ardennen-Offensive; die Weihnachtskämpfe der SS Leibstandarte Adolf Hitler um Malmedy, Stavelot, inbes. aber auf der Höhe von La Gleize und Stoumont werden ausführlich, für zarte Gemüter vielleicht schon zu detailliert geschildert.

Alle Kinder überleben, auch manche ihrer untergetauchten Eltern, so dass viele nach dem Krieg wieder zusammengeführt werden können. Über ihren weiteren Lebensweg erfahren wir nur noch wenig. Das ist schade, denn dann beginnt für diese Schattenkinder vielfach eine Phase, in der sie sich ihrer Zerrissenheit zwischen Judentum und Christentum bewusst werden und entscheiden müssen.

Das Buch ist spannend in leicht lesbarem Stil geschrieben. Wenn man sich gelegentlich fragt, was ist „erfunden“ und was ist authentisch, so ist das das immanente Problem jeder narrativen Geschichtsschreibung. Dem deutschen Leser, der vielleicht nicht so mit der Zeit der deutschen Besatzung in Belgien vertraut ist, gibt der Autor Hilfen, ohne dass es zur Geschichtsstunde ausartet. Neben der eigentlichen Story geht er dabei auch auf die Ausbeutungs- und Repressionsmaßnahmen der Nazis in Belgien ein und natürlich auf die Deportationszüge nach Auschwitz. Andererseits setzt er m.E. für deutsche Leser zuviel voraus, etwa wenn er die Gründe für den angesprochenen Hass der alt-belgischen Bevölkerung auf die zwangsannektierten neu-belgischen Flüchtlinge während der Ardennen-Offensive nicht erläutert, nämlich die Unterschiede, die die Nazis zwischen Alt-Belgiern und volksdeutschen Neu-Belgiern machten.

Nur ganz peripher spricht der Autor im Prolog die nach 1945 aufgekommene „unrühmliche“ Frage der Missionierung und Zwangstaufe jüdischer Kinder und Jugendlicher an. Die Tragik dieses ethischen Dilemmas hätte es wohl verdient, eingehender diskutiert zu werden, vielleicht auch an einigen Beispielen benennen, wie diese Jugendlichen später ihr Trauma verarbeitet haben. Der eifrige Ministrant Pierre ist ja offenbar zum Joshua re-konvertiert, wie man eher nebenbei im Abspann erfährt.

Insgesamt ein sehr empfehlenswertes Buch!

 

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