Marcel Beyer

 3.9 Sterne bei 72 Bewertungen
Autor von Flughunde, Kaltenburg und weiteren Büchern.
Marcel Beyer

Lebenslauf von Marcel Beyer

Marcel Beyer, geboren am 23. November in Tailfingen, wuchs in Kiel und Neuss auf. Nach erfolgreich bestandenem Abitur studierte er an der Universität Siegen Germanistik, Anglistik und Literaturwissenschaft. 1992 schloss er das Studium mit einem Magister ab und widmete sich dem Schreiben für diverse Zeitschriften. So arbeitete er als Lektor bei der Literaturzeitschrift Konzepte mit und schrieb Beiträge für die Musikzeitschrift Spex. 1996 war er Writer in Residence am University College London und zog außerdem nach Dresden, wo er bis heute ansässig ist. Beyer verfasst Romane und Lyrik, die sich mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen und ist Mitglied des PEN-Zentrum Deutschland und der Deutschen Akdemie für Sprache und Dichtung. 2016 erhielt Beyer den Georg-Büchner-Preis.

Alle Bücher von Marcel Beyer

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Flughunde

Flughunde

 (35)
Erschienen am 28.10.1996
Kaltenburg

Kaltenburg

 (19)
Erschienen am 20.07.2009
Putins Briefkasten

Putins Briefkasten

 (3)
Erschienen am 13.02.2012
Graphit

Graphit

 (3)
Erschienen am 06.10.2014
Spione

Spione

 (3)
Erschienen am 01.01.2001
Das blindgeweinte Jahrhundert

Das blindgeweinte Jahrhundert

 (2)
Erschienen am 10.04.2017
Falsches Futter

Falsches Futter

 (2)
Erschienen am 27.01.1997
Das Menschenfleisch

Das Menschenfleisch

 (2)
Erschienen am 27.05.1997

Neue Rezensionen zu Marcel Beyer

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Rezension zu "Das blindgeweinte Jahrhundert" von Marcel Beyer

Anregende Essays
michael_lehmann-papevor 2 Jahren

Anregende Essays

Da sitzt dieser Nachtfalter auf dem Rücken des schlafenden Vogels. Und schiebt sachte mit seinem Rüssel unter das Augenlid des Vogels. Verharrt. Und trinkt Tränen.

Was nicht nur biologisch und zoologisch interessant ist, sondern wohl auch das 20. Jahrhundert im Gesamten gut hätte gebrauchen können. In dem die Zeitgeschichte, aber auch die Literatur zu und über dieser Zeitgeschichte bittere Tränen en Masse vergossen hat.

Soweit, dass es „blindgeweint“ ist?

Das nicht, denn Marcel Beyer zeigt in den 10 im Buch versammelten Essays (wobei das letzte der Kapitel eher ein Nachwort und Dank darstellt), dass man sich dem Thema „Tränen“ vielfältig, aber immer in Bezug auf die reale Welt und das Geschehen der jeweiligen Zeit nähern kann.

Und dabei das geschriebene Wort durch nichts zu ersetzten ist.

Denn wenn ein Biologe eine neue Art beschreibt, dann absolut ausführlich, differenzierend, auf kleinste Details auch sprachlich achtend. Eine Methode, die immer noch gilt, die nur so angewandt ist. Auch wenn der Leser durch diese übergenaue Beschreibung eher noch daran gehindert wird, ein klares Bild im Kopf zu entwerfen (was ein Foto ja leisten könnte), würde eine fotografische Abbildung eben nicht die dutzenden Begriffe für Grautöne, für kleinste Merkmale treffen. Die aber entscheidend ist in der Frage, diese von anderen Arten zu unterscheiden.

Wobei diese „Nachbesinnung“ intensiv mit dem ersten Essay korrespondiert, was von der kompositorischen Kraft Beyers auch zeugt.

Wo ein Affe 1938 im Berliner Zoo anscheinend zufällig eine Leica umhängen hat und ein Foto von den Besuchern „schießt“. Und doch bei genauer Betrachtung (und sprachlich von Beyer wunderbar dargestellt) die gesamte Szene gestellt ist. Inszeniert von einem Fotografen, der einige Jahre später, 1940, eine Verhaftungsszene ebenfalls wohl „nachstellt“, wie Beyer sorgsam sprachlich nachzeichnend auf einem anderen Foto desgleichen Fotografen entdeckt.

„Sich von Hilmar Pabel photographieren zu lassen“ heißt somit „sterben lernen“, heißt „töten helfen“ und damit sind die ersten Tränen schon in Reichweite, das muss Beyer gar nicht mehr explizit ausführen.

Wobei es, neben den „harten Tränen“ auch „weichgespülte“ Tränen durchaus sind, die Beyer nonchalant mitverarbeitet, wenn er Helmut Kohl an Rilkes Grab, Helmut Kohl Rilke zitierend und die gesamte Situation der Ereignisse von 1989 mit so manchen „Abschiedstränen“ mit hineinnimmt.

Eher assoziativ und spielerisch greift Beyer Themen, die er mit klarer, anregender Sprache und im besten, unterhaltsamen Stil vorführt, dem Leser nahebringt und, nicht selten, eher im Hintergrund die „Tränen“ ein gewichtiges Wort mitsprechen lässt. Und sich dabei nicht scheut, selbst den Kitsch in Person von „Heintje“ „tränenreich“ zu erinnern.

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Rezension zu "Kaltenburg" von Marcel Beyer

Bälge, Standpräparate und Schreckmauser
Julinovor 2 Jahren

Bälge, Standpräparate, Schreckmauser, Sämereien – in Marcel Beyers 2008 bei Suhrkamp erschienenem Roman Kaltenburg stehen Tiere, genauer: Vögel, vielleicht noch genauer: Ornithologen ganz im Mittelpunkt des Geschehens. Aus Anlass der Verleihung des Georg-Büchner-Preises an Marcel Beyer in diesem Jahr habe ich mir das Buch mal vorgenommen.

Kaltenburg beginnt raffiniert: Der weltbekannte Zoologe Ludwig Kaltenburg wird am Ende seines Lebens als einsamer, trauriger alter Mann beschrieben, der beim Besuch von Gästen auf sein Leben zurückblickt. Der Erzähler schweift dabei ein wenig ab, um das große Ganze besser in den Blick zu nehmen. Bei einer eigenartigen Episode aus Kaltenburgs umstrittenem Hauptwerk Urformen der Angst gibt der Erzähler sich dann plötzlich, im letzten Wort des ersten Kapitels, als Ich-Erzähler zu erkennen, dessen Lebensweg eng mit dem Kaltenburgs verflochten ist.

Hermann Funk, so der Name des Erzählers, wächst in Posen auf, zur Zeit der deutschen Besatzung Polens durch die Nationalsozialisten. Zum ersten Mal begegnet er hier dem zu dieser Zeit in Königsberg lehrenden Professor Kaltenburg, der ein Freund der Familie wird. Später zieht Familie Funk nach Dresden um, wo Hermann in den Luftangriffen vom Februar 1945 seine Eltern verliert.

Einige Jahre später nimmt er wieder Kontakt zu Kaltenburg auf, der derweil ein zoologisches Institut in Dresden leitet. Funk wird Kaltenburgs Schüler, lernt von ihm alle Handgriffe und Theoreme der Zoologie, vor allem der Ornithologie. Am Institut treiben sich neben unzähligen Tieren auch die unterschiedlichsten Gestalten herum. Tierfilme werden gedreht, Experimente durchgeführt, Tiere aufgezogen, beobachtet und versorgt. Auch die Stasi ist mit offenen Ohren auf dem Gelände unterwegs.

Doch Hermann Funk kann nie die Erwartungen Kaltenburgs ganz erfüllen, wendet sich innerlich von der Zoologie mehr und mehr ab, um schließlich auch dem Professor in Anbetracht von dessen im Laufe des Romans immer mehr zutage tretender NS-Vergangenheit den Rücken zuzukehren. Kaltenburg selbst wird zunehmend von seiner Vergangenheit eingeholt und verlässt schließlich Hals über Kopf Dresden, um in seine österreichische Heimat nach Wien zurückzukehren, wo er einsam sterben wird.

Marcel Beyer gestaltet den Roman als Erinnerungsbuch, in dem sich der Erzähler frei in die Vergangenheit zurückversetzt, Ereignisse erinnert und in diesem Erinnern neue Zusammenhänge erkennt. Als Rahmenhandlung dient der Austausch mit einer Dolmetscherin, die immer wieder überraschend auftaucht und durch eingestreute Fragen den Erinnerungen Richtung gibt. Wo diese Dolmetscherin herkommt und was sie dazu antreibt, den alten Funk wiederholt aufzusuchen, bleibt jedoch im Dunkeln.

In erster Linie konzentrieren sich die Erinnerungen auf Funks Verhältnis zu Kaltenburg. Doch auch Funks Leben abseits des Instituts wird erinnert. Vor allem Klara Hagemann, seine erste große Liebe und spätere Ehefrau, bildet einen zweiten Schwerpunkt, dazu kommen noch einige Freunde, vor allem der Tierfilmer Knut Sieverding und der Bildende Künstler Martin Spengler. Letztere stehen ebenfalls in engem Kontakt mit Kaltenburg – irgendwie dreht sich am Ende also doch alles um den verschrobenen Professor.

Kaltenburg zeichnet sich vor allem durch eine wunderbare Sprache aus. Die frei treibenden, gelegentlich auch etwas dahindümpelnden Erinnerungen erhalten einen edlen Klang. So edel, dass auch trotz teilweise anhaltender Ereignislosigkeit der Lesefluss nicht abreißt. Nicht ganz zufällig ist Funks Frau Klara eine faszinierte Leserin von Prousts Recherche.

Immer wieder tauchen dabei Eckdaten deutscher Geschichte auf, werden zeittypische Stimmungen eingefangen, mit wenigen Strichen skizziert. Daran arbeiten sich andere Autor_innen ganze Romane lang ab.

Freitag, der sechste März. Am Morgen ist die Nachricht von Stalins Tod gemeldet worden. […] Während ich die halbe Treppe zu den Brut- und Sammelbecken hinuntersteige, die in den Räumlichkeiten zur Hangseite untergebracht sind, spüre ich eine Verlorenheit, die ich in diesem Haus noch nie empfunden habe. Das Gemäuer wirkt feucht, meine Schritte hallen auf den Steinstufen wider, nirgendwo eine Menschliche Stimme, nirgendwo ein Tier. Das kalte Licht im Vorraum, das Tonnengewölbe mit den dicht an dicht stehenden Aquarien, das leise Summer zahlloser Umwälzpumpen.

Auch der Protagonist Kaltenburg ist in der Geschichte verankert. Seine Figur ist eng an den Zoologen Konrad Lorenz angelehnt, der allerdings nach 1945 nicht in Dresden – der Heimat Beyers –, sondern im westfälischen Buldern ein Institut leitete. Bleibt Kaltenburgs Haltung zur NS-Ideologie jedoch durchweg unklar, ist in Lorenz’ Sympathie für biologistische Argumentationen eine klare Nähe zu den Nationalsozialisten erkennbar, die nach wie vor aufgearbeitet wird.

Was Beyers Roman für mich aber neben der Sprache zu einem besonderen Buch macht, sind die Tiere. Das mag in Anbetracht von mächtigen historischen Flaggschiffen wie NS-Ideologie, der Bombardierung Dresdens, dem Mauerbau, der Stasi und dem Prager Frühling etwas lapidar klingen. Aber dies alles wäre für sich in seiner ja nicht gerade neuen Abfolge allzu statisch, allzu absehbar, ja vielleicht sogar gewollt, wären da nicht die vielen Tiere. Überall begleiten sie Kaltenburg, umgeben ihn wie ein Hofstaat, dem er als liebender Fürst vorsteht. Erst sie beleben den grauen, ja oft – nomen est omen – kalten Kaltenburg, lassen ihn Emotionen zeigen. Eine besondere Liebe drückt sich im Umgang mit seinen Tieren aus, die er Menschen gegenüber kaum zeigen kann. So erlangt der Roman eine Wärme, eine Beflügelung, die ihm ansonsten verwehrt geblieben wäre. Die Tiere zeichnen ihn aus, machen ihn besonders.

Ein Herbstnachmittag – Kaltenburgs erster Herbst in Dresden – mit scheußlichem Wind und Regen, es ist still um die Villa, still auch, als ich die Halle betrete, alle Lebewesen haben sich vor dem Wetter zurückgezogen. Alles im Haus ist nach einem genau austarierten System auf die Tiere ausgerichtet, bald vierzig Jahre Erfahrung stecken im Erscheinungsbild der Räume, die auf den Unkundigen zunächst wie das blanke Chaos wirken mögen. In einem Zimmer etwa stehen die Möbel ein Stück von der Wand abgerückt – dahinter die Höhle eines Tieres, das außer Kaltenburg vielleicht noch niemand zu Gesicht bekommen hat. In einem anderen Raum unglaubliches Gerümpel, Stühle und Tische durcheinander, leere Buchrücken – dies war das Lieblingszimmer eines Kapuzineraffen, der längst in den Zoo abgewandert ist, heute aber scheinen sich dort die Hamster besonders wohl zu fühlen. […] Nirgendwo Deckenleuchten, die Vorhangstangen jedoch sind – anders als die Vorhänge – in jedem Raum geblieben: Alle Finken müssen geeignete Schlafzimmer vorfinden.

Auch wenn Kaltenburg ein wenig Straffung an einigen Stellen nicht geschadet hätte, halte ich den Roman für ein famoses Werk. In erster Linie ist dies der Sprache geschuldet, der Beschreibungskunst, mit der Beyer feinfühlig Stimmungen zu erzeugen und seine Figuren zu charakterisieren versteht. Der Kunstgriff, mit Hilfe von Tieren dem Roman ein ganz eigenes Leben einzuhauchen, setzt dem Ganzen dabei die Krone auf. Ein würdiger Büchner-Preisträger, dem Sprache alles ist und der sie in einzigartiger Weise einzusetzen vermag.

Nicht ganz unpassend vergleicht sich Marcel Beyer in seiner schlicht Hund betitelten Büchner-Preisrede mit einem ebensolchen. Dem Preisträger gebühren hier die Schlussworte:

Die Reizdeutschen steigen von ihren Feldherrenhügeln herab und sprechen längst ein anderes, ein Schlüpferjägerdeutsch, ich aber merke, wie ich mürbe werde, mürbe. Ein in den Putz gezeichneter, von der Rückseite der Welt her über den Horizont schauender, auf immer in der Sprache halbversunkener Hund. […]
Ich bin der Hund, dem Woyzeck auf den Hut geholfen hat.

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Rezension zu "Kaltenburg" von Marcel Beyer

Rezension zu "Kaltenburg" von Marcel Beyer
parolesvor 9 Jahren

Dresden 14.2.1945 :"Mit gesenktem Blick forschen die Überlebenden nach bekannten Gesichtern. Irgendwann beginnen auch die Schimpansen, die Züge der reglos am Boden liegenden Gestalten zu betrachten, man könnte glauben, sie sähen abwechselnd den Toten und den Lebenden ratsuchend in die Augen. Tatsächlich meint der Beobachter so etwas wie Erleichterung unter den Tieren zu bemerken, als die Menschen aus ihrer Apathie erwachen, die überall verstreuten Leichname zusammensammeln und sie auf einem unversehrten Rasenstreifen in eine Ordnung bringen. Nichts wissen die Schimpansen von der Identifizierung verstorbener Angehöriger, nichts von den Toten, die man in einer Reihe im Gras bettet, und nichts davon, wie man einen Leichnam an Schultern und Füßen greift, um ihn zu seinesgleichen zu tragen.Und dennoch schließt sich ein Affe nach dem anderen dieser Arbeit an, wie Kaltenburg berichtet, ohne zu sagen, wer ihm diese Szene beschrieben hat. Ich."
Ende des 1. Kapitels, als einziges aus der Perspektive der Titelfigur, des Tierforschers Ludwig Kaltenburg erzählt. Mit dem fulminanten "Ich" tritt der eigentliche Erzähler, der Ornithologe Herrmann Funk, auf, Waise nach der Dresdner Bombennacht, Ziehsohn von Kaltenburg, Beobachter der Vögel und der Vita Kaltenburgs in zwei Diktaturen, dessen Geschichte - wie seine eigene - er erst in hohem Alter zu dechiffrieren versucht. Nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil er in einer jungen Übersetzerin einer interessierten Fragerin begegnet. Fasziniert bin ich der Enträtselung der im Erinnerungsprozesst auftauchenden Fragmente und Andeutungen gefolgt und war wieder davon hingerissen, wie Fiktion Vergangenheit erfahrbar machen kann.
Wer mehr wissen möchte, sollte die Rezension von HeikeG lesen. Auch sehr gut die Rezension von Hubert Spiegel vom 12. Marz 2008 in der FAZ. Noch besser: Keine fremdem Deutungen vorweg, einfach loslesen.

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Marcel Beyer wurde am 23. November 1965 in Tailfingen, Baden-Württemberg (Deutschland) geboren.

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