Marcel Beyer Das blindgeweinte Jahrhundert

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Inhaltsangabe zu „Das blindgeweinte Jahrhundert“ von Marcel Beyer

Ist Literatur im exterministischen 20. Jahrhundert, in dem Tod ein Meister aus Deutschland geworden ist, noch möglich? Ist ihre Daseinsberechtigung entfallen, da nach Auschwitz jede kulturelle Produktion nur Ausdruck der Barbarei sein kann? Ist Literatur gerade wegen der Gräueltaten notwendig, gar unumgänglich? Welcher Verfahren hat sich solche Literatur zu bedienen? Diese Fragen verfolgt der Georg-Büchner-Preisträger des Jahres 2016 in seinen poetischen Untersuchungen und hat eine ebenso knappe wie weitreichende Antwort parat: durch Detailarbeit am Material der Realität wie der Literatur. Marcel Beyer verfährt bei seinen Erkundungen des Status von Literatur nach dem Ausschlussprinzip: das Radio funktioniert als notwendigerweise eindimensionales Medium; das Kino tritt stets im Gewand der Inszenierung auf und ist bekanntlich genauso manipulierbar wie die Fotografie. Im selben Maße, wie die überlieferten Zeugnisse der Quellenkritik bedürfen, ist für die Dokusoap eine Kritik der in der Regel anmaßenden Zeitzeugen notwendig. Weit entfernt von jeder Regelpoetik oder den Creative-Writing-Ratschlägen ist die poetische Bilanz, die analytisch, essaysistisch wie erzählerisch verfährt, von Marcel Beyer ernüchternd: eine Literatur ohne Reflexion auf deren Entstehung und zeitgenössischen Tendenzen ist nicht zu haben. Und ist für Marcel Beyer-Leser ermutigend: Dieser Autor beherrscht solche Forderungen der Vergangenheit und der Jetztzeit mit Nachdruck und dem notwendigen Spiel.

Marcel Beyer weiß wirklich, mit Sprache umzugehn.

— Godelewa
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    Das blindgeweinte Jahrhundert
    michael_lehmann-pape

    michael_lehmann-pape

    09. May 2017 um 12:23

    Anregende EssaysDa sitzt dieser Nachtfalter auf dem Rücken des schlafenden Vogels. Und schiebt sachte mit seinem Rüssel unter das Augenlid des Vogels. Verharrt. Und trinkt Tränen.Was nicht nur biologisch und zoologisch interessant ist, sondern wohl auch das 20. Jahrhundert im Gesamten gut hätte gebrauchen können. In dem die Zeitgeschichte, aber auch die Literatur zu und über dieser Zeitgeschichte bittere Tränen en Masse vergossen hat.Soweit, dass es „blindgeweint“ ist?Das nicht, denn Marcel Beyer zeigt in den 10 im Buch versammelten Essays (wobei das letzte der Kapitel eher ein Nachwort und Dank darstellt), dass man sich dem Thema „Tränen“ vielfältig, aber immer in Bezug auf die reale Welt und das Geschehen der jeweiligen Zeit nähern kann.Und dabei das geschriebene Wort durch nichts zu ersetzten ist.Denn wenn ein Biologe eine neue Art beschreibt, dann absolut ausführlich, differenzierend, auf kleinste Details auch sprachlich achtend. Eine Methode, die immer noch gilt, die nur so angewandt ist. Auch wenn der Leser durch diese übergenaue Beschreibung eher noch daran gehindert wird, ein klares Bild im Kopf zu entwerfen (was ein Foto ja leisten könnte), würde eine fotografische Abbildung eben nicht die dutzenden Begriffe für Grautöne, für kleinste Merkmale treffen. Die aber entscheidend ist in der Frage, diese von anderen Arten zu unterscheiden.Wobei diese „Nachbesinnung“ intensiv mit dem ersten Essay korrespondiert, was von der kompositorischen Kraft Beyers auch zeugt.Wo ein Affe 1938 im Berliner Zoo anscheinend zufällig eine Leica umhängen hat und ein Foto von den Besuchern „schießt“. Und doch bei genauer Betrachtung (und sprachlich von Beyer wunderbar dargestellt) die gesamte Szene gestellt ist. Inszeniert von einem Fotografen, der einige Jahre später, 1940, eine Verhaftungsszene ebenfalls wohl „nachstellt“, wie Beyer sorgsam sprachlich nachzeichnend auf einem anderen Foto desgleichen Fotografen entdeckt.„Sich von Hilmar Pabel photographieren zu lassen“ heißt somit „sterben lernen“, heißt „töten helfen“ und damit sind die ersten Tränen schon in Reichweite, das muss Beyer gar nicht mehr explizit ausführen.Wobei es, neben den „harten Tränen“ auch „weichgespülte“ Tränen durchaus sind, die Beyer nonchalant mitverarbeitet, wenn er Helmut Kohl an Rilkes Grab, Helmut Kohl Rilke zitierend und die gesamte Situation der Ereignisse von 1989 mit so manchen „Abschiedstränen“ mit hineinnimmt.Eher assoziativ und spielerisch greift Beyer Themen, die er mit klarer, anregender Sprache und im besten, unterhaltsamen Stil vorführt, dem Leser nahebringt und, nicht selten, eher im Hintergrund die „Tränen“ ein gewichtiges Wort mitsprechen lässt. Und sich dabei nicht scheut, selbst den Kitsch in Person von „Heintje“ „tränenreich“ zu erinnern.

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