Marcel Beyer Kaltenburg

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Inhaltsangabe zu „Kaltenburg“ von Marcel Beyer

Wer ist Kaltenburg? Ein Ornithologe und Verhaltensforscher, der nach dem Krieg in Dresden ein Forschungsinstitut aufbaut. Ein Exzentriker, der den Dienstwagen samt Stasi-Chauffeur stehen lässt und Motorrad fährt. Für Hermann Funk, der seine Eltern in der Dresdner Bombennacht verlor, wird er zum Ziehvater. Als alter Mann erinnert sich Funk: an die Gründung des Institutes und der DDR, an Kaltenburgs plötzliches Verschwinden nach dem Mauerbau, an ein möglicherweise dunkles Kapitel in dessen Vergangenheit. Vor dem Hintergrund von einem halben Jahrhundert DDR-Geschichte erzählt Marcel Beyer in seinem hochgelobten Roman meisterlich von menschlichen Lebensläufen. Joseph-Breitbach-Preis 2008

Leider wahr: Das erste Kapitel ist ein Geniestreich. Doch danach verliert die Handlung langsam aber sicher an Fahrt.

— katrinMM
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Ein famoses Werk, das durch seine besondere Sprache besticht.

— Julino
Julino

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  • Bälge, Standpräparate und Schreckmauser

    Kaltenburg
    Julino

    Julino

    24. November 2016 um 13:16

    Bälge, Standpräparate, Schreckmauser, Sämereien – in Marcel Beyers 2008 bei Suhrkamp erschienenem Roman Kaltenburg stehen Tiere, genauer: Vögel, vielleicht noch genauer: Ornithologen ganz im Mittelpunkt des Geschehens. Aus Anlass der Verleihung des Georg-Büchner-Preises an Marcel Beyer in diesem Jahr habe ich mir das Buch mal vorgenommen. Kaltenburg beginnt raffiniert: Der weltbekannte Zoologe Ludwig Kaltenburg wird am Ende seines Lebens als einsamer, trauriger alter Mann beschrieben, der beim Besuch von Gästen auf sein Leben zurückblickt. Der Erzähler schweift dabei ein wenig ab, um das große Ganze besser in den Blick zu nehmen. Bei einer eigenartigen Episode aus Kaltenburgs umstrittenem Hauptwerk Urformen der Angst gibt der Erzähler sich dann plötzlich, im letzten Wort des ersten Kapitels, als Ich-Erzähler zu erkennen, dessen Lebensweg eng mit dem Kaltenburgs verflochten ist. Hermann Funk, so der Name des Erzählers, wächst in Posen auf, zur Zeit der deutschen Besatzung Polens durch die Nationalsozialisten. Zum ersten Mal begegnet er hier dem zu dieser Zeit in Königsberg lehrenden Professor Kaltenburg, der ein Freund der Familie wird. Später zieht Familie Funk nach Dresden um, wo Hermann in den Luftangriffen vom Februar 1945 seine Eltern verliert. Einige Jahre später nimmt er wieder Kontakt zu Kaltenburg auf, der derweil ein zoologisches Institut in Dresden leitet. Funk wird Kaltenburgs Schüler, lernt von ihm alle Handgriffe und Theoreme der Zoologie, vor allem der Ornithologie. Am Institut treiben sich neben unzähligen Tieren auch die unterschiedlichsten Gestalten herum. Tierfilme werden gedreht, Experimente durchgeführt, Tiere aufgezogen, beobachtet und versorgt. Auch die Stasi ist mit offenen Ohren auf dem Gelände unterwegs. Doch Hermann Funk kann nie die Erwartungen Kaltenburgs ganz erfüllen, wendet sich innerlich von der Zoologie mehr und mehr ab, um schließlich auch dem Professor in Anbetracht von dessen im Laufe des Romans immer mehr zutage tretender NS-Vergangenheit den Rücken zuzukehren. Kaltenburg selbst wird zunehmend von seiner Vergangenheit eingeholt und verlässt schließlich Hals über Kopf Dresden, um in seine österreichische Heimat nach Wien zurückzukehren, wo er einsam sterben wird. Marcel Beyer gestaltet den Roman als Erinnerungsbuch, in dem sich der Erzähler frei in die Vergangenheit zurückversetzt, Ereignisse erinnert und in diesem Erinnern neue Zusammenhänge erkennt. Als Rahmenhandlung dient der Austausch mit einer Dolmetscherin, die immer wieder überraschend auftaucht und durch eingestreute Fragen den Erinnerungen Richtung gibt. Wo diese Dolmetscherin herkommt und was sie dazu antreibt, den alten Funk wiederholt aufzusuchen, bleibt jedoch im Dunkeln. In erster Linie konzentrieren sich die Erinnerungen auf Funks Verhältnis zu Kaltenburg. Doch auch Funks Leben abseits des Instituts wird erinnert. Vor allem Klara Hagemann, seine erste große Liebe und spätere Ehefrau, bildet einen zweiten Schwerpunkt, dazu kommen noch einige Freunde, vor allem der Tierfilmer Knut Sieverding und der Bildende Künstler Martin Spengler. Letztere stehen ebenfalls in engem Kontakt mit Kaltenburg – irgendwie dreht sich am Ende also doch alles um den verschrobenen Professor. Kaltenburg zeichnet sich vor allem durch eine wunderbare Sprache aus. Die frei treibenden, gelegentlich auch etwas dahindümpelnden Erinnerungen erhalten einen edlen Klang. So edel, dass auch trotz teilweise anhaltender Ereignislosigkeit der Lesefluss nicht abreißt. Nicht ganz zufällig ist Funks Frau Klara eine faszinierte Leserin von Prousts Recherche. Immer wieder tauchen dabei Eckdaten deutscher Geschichte auf, werden zeittypische Stimmungen eingefangen, mit wenigen Strichen skizziert. Daran arbeiten sich andere Autor_innen ganze Romane lang ab. Freitag, der sechste März. Am Morgen ist die Nachricht von Stalins Tod gemeldet worden. […] Während ich die halbe Treppe zu den Brut- und Sammelbecken hinuntersteige, die in den Räumlichkeiten zur Hangseite untergebracht sind, spüre ich eine Verlorenheit, die ich in diesem Haus noch nie empfunden habe. Das Gemäuer wirkt feucht, meine Schritte hallen auf den Steinstufen wider, nirgendwo eine Menschliche Stimme, nirgendwo ein Tier. Das kalte Licht im Vorraum, das Tonnengewölbe mit den dicht an dicht stehenden Aquarien, das leise Summer zahlloser Umwälzpumpen. Auch der Protagonist Kaltenburg ist in der Geschichte verankert. Seine Figur ist eng an den Zoologen Konrad Lorenz angelehnt, der allerdings nach 1945 nicht in Dresden – der Heimat Beyers –, sondern im westfälischen Buldern ein Institut leitete. Bleibt Kaltenburgs Haltung zur NS-Ideologie jedoch durchweg unklar, ist in Lorenz’ Sympathie für biologistische Argumentationen eine klare Nähe zu den Nationalsozialisten erkennbar, die nach wie vor aufgearbeitet wird. Was Beyers Roman für mich aber neben der Sprache zu einem besonderen Buch macht, sind die Tiere. Das mag in Anbetracht von mächtigen historischen Flaggschiffen wie NS-Ideologie, der Bombardierung Dresdens, dem Mauerbau, der Stasi und dem Prager Frühling etwas lapidar klingen. Aber dies alles wäre für sich in seiner ja nicht gerade neuen Abfolge allzu statisch, allzu absehbar, ja vielleicht sogar gewollt, wären da nicht die vielen Tiere. Überall begleiten sie Kaltenburg, umgeben ihn wie ein Hofstaat, dem er als liebender Fürst vorsteht. Erst sie beleben den grauen, ja oft – nomen est omen – kalten Kaltenburg, lassen ihn Emotionen zeigen. Eine besondere Liebe drückt sich im Umgang mit seinen Tieren aus, die er Menschen gegenüber kaum zeigen kann. So erlangt der Roman eine Wärme, eine Beflügelung, die ihm ansonsten verwehrt geblieben wäre. Die Tiere zeichnen ihn aus, machen ihn besonders. Ein Herbstnachmittag – Kaltenburgs erster Herbst in Dresden – mit scheußlichem Wind und Regen, es ist still um die Villa, still auch, als ich die Halle betrete, alle Lebewesen haben sich vor dem Wetter zurückgezogen. Alles im Haus ist nach einem genau austarierten System auf die Tiere ausgerichtet, bald vierzig Jahre Erfahrung stecken im Erscheinungsbild der Räume, die auf den Unkundigen zunächst wie das blanke Chaos wirken mögen. In einem Zimmer etwa stehen die Möbel ein Stück von der Wand abgerückt – dahinter die Höhle eines Tieres, das außer Kaltenburg vielleicht noch niemand zu Gesicht bekommen hat. In einem anderen Raum unglaubliches Gerümpel, Stühle und Tische durcheinander, leere Buchrücken – dies war das Lieblingszimmer eines Kapuzineraffen, der längst in den Zoo abgewandert ist, heute aber scheinen sich dort die Hamster besonders wohl zu fühlen. […] Nirgendwo Deckenleuchten, die Vorhangstangen jedoch sind – anders als die Vorhänge – in jedem Raum geblieben: Alle Finken müssen geeignete Schlafzimmer vorfinden. Auch wenn Kaltenburg ein wenig Straffung an einigen Stellen nicht geschadet hätte, halte ich den Roman für ein famoses Werk. In erster Linie ist dies der Sprache geschuldet, der Beschreibungskunst, mit der Beyer feinfühlig Stimmungen zu erzeugen und seine Figuren zu charakterisieren versteht. Der Kunstgriff, mit Hilfe von Tieren dem Roman ein ganz eigenes Leben einzuhauchen, setzt dem Ganzen dabei die Krone auf. Ein würdiger Büchner-Preisträger, dem Sprache alles ist und der sie in einzigartiger Weise einzusetzen vermag. Nicht ganz unpassend vergleicht sich Marcel Beyer in seiner schlicht Hund betitelten Büchner-Preisrede mit einem ebensolchen. Dem Preisträger gebühren hier die Schlussworte: Die Reizdeutschen steigen von ihren Feldherrenhügeln herab und sprechen längst ein anderes, ein Schlüpferjägerdeutsch, ich aber merke, wie ich mürbe werde, mürbe. Ein in den Putz gezeichneter, von der Rückseite der Welt her über den Horizont schauender, auf immer in der Sprache halbversunkener Hund. […]Ich bin der Hund, dem Woyzeck auf den Hut geholfen hat.

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  • Rezension zu "Kaltenburg" von Marcel Beyer

    Kaltenburg
    paroles

    paroles

    30. August 2009 um 19:27

    Dresden 14.2.1945 :"Mit gesenktem Blick forschen die Überlebenden nach bekannten Gesichtern. Irgendwann beginnen auch die Schimpansen, die Züge der reglos am Boden liegenden Gestalten zu betrachten, man könnte glauben, sie sähen abwechselnd den Toten und den Lebenden ratsuchend in die Augen. Tatsächlich meint der Beobachter so etwas wie Erleichterung unter den Tieren zu bemerken, als die Menschen aus ihrer Apathie erwachen, die überall verstreuten Leichname zusammensammeln und sie auf einem unversehrten Rasenstreifen in eine Ordnung bringen. Nichts wissen die Schimpansen von der Identifizierung verstorbener Angehöriger, nichts von den Toten, die man in einer Reihe im Gras bettet, und nichts davon, wie man einen Leichnam an Schultern und Füßen greift, um ihn zu seinesgleichen zu tragen.Und dennoch schließt sich ein Affe nach dem anderen dieser Arbeit an, wie Kaltenburg berichtet, ohne zu sagen, wer ihm diese Szene beschrieben hat. Ich." Ende des 1. Kapitels, als einziges aus der Perspektive der Titelfigur, des Tierforschers Ludwig Kaltenburg erzählt. Mit dem fulminanten "Ich" tritt der eigentliche Erzähler, der Ornithologe Herrmann Funk, auf, Waise nach der Dresdner Bombennacht, Ziehsohn von Kaltenburg, Beobachter der Vögel und der Vita Kaltenburgs in zwei Diktaturen, dessen Geschichte - wie seine eigene - er erst in hohem Alter zu dechiffrieren versucht. Nicht aus eigenem Antrieb, sondern weil er in einer jungen Übersetzerin einer interessierten Fragerin begegnet. Fasziniert bin ich der Enträtselung der im Erinnerungsprozesst auftauchenden Fragmente und Andeutungen gefolgt und war wieder davon hingerissen, wie Fiktion Vergangenheit erfahrbar machen kann. Wer mehr wissen möchte, sollte die Rezension von HeikeG lesen. Auch sehr gut die Rezension von Hubert Spiegel vom 12. Marz 2008 in der FAZ. Noch besser: Keine fremdem Deutungen vorweg, einfach loslesen.

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  • Rezension zu "Kaltenburg" von Marcel Beyer

    Kaltenburg
    HeikeG

    HeikeG

    12. August 2008 um 18:50

    Leben heißt Beobachten Wer ist dieser Marcel Beyer, der als der reflektierendste junge deutsche Autor der Gegenwart gilt? Was zeichnet diesen 1965 in Taiflingen/Baden Württemberg geborenen, bis 1996 in Köln und heute in Dresden wohnenden und arbeitenden Autor aus? Bereits 1989 erschien sein erster Gedichtband "Kleine Zahnpasta". Neben Lyrik und Prosa, veröffentlichte Beyer journalistische Arbeiten zu Musik und Literatur. Die Vergangenheit, ihre Ruhelosigkeit und der Umgang mit dieser in der Sprache ist Schwerpunkt seines literarischen Schaffens. 1991 erschien sein erster Roman "Das Menschenfleisch", gefolgt von "Flughunde" (1995) und "Spione" (2000). Beyer wurde unter anderem mit dem Berliner Literaturpreis, dem Heinrich Böll Preis und dem Hölderlin Preis bedacht. Und immer wieder sind es Tiere, die Beyer in seinen Büchern dem Menschen gegenüber stellt, deren Verhalten in einen menschlichen Bezug gesetzt wird. War in seinem Roman "Flughunde" die Hauptfigur der Stimmensammler Hermann Karnau, so ist es in seinem neuen Buch der zu Beginn des 20. Jahrhunderts geborene Biologe und Verhaltensforscher Ludwig Kaltenburg. Kennzeichnend für all seine Romane ist außerdem, dass sich Beyer mit dem Stoff seiner Erzählung so intensiv vertraut macht, indem er sich historische, naturkundliche und technische Stoffe aneignet, ja geradezu aufsaugt und substantiell mit ihnen verschmilzt, dass man an seiner Authentizität absolut nicht zweifelt und verblüfft ist, wenn man beim Nachgoogeln die entsprechenden Personen oder Schauplätze gar nicht findet. Beyer ist der "Erfinder der Wirklichkeit", der "Magier authentischer Illusion". Und das macht ihn in Deutschland wohl so einzigartig. Sparsame Dialoge, präzise Beobachtungsgabe Angelegt ist der Roman "Kaltenburg" als Lebensrückblende des Ornithologen Hermann Funk, der als Ich-Erzähler fungiert und seit seiner Kindheit in einem mehr oder weniger engen Abhängigkeitsverhältnis zu eben jenem Ludwig Kaltenburg steht. Diese, seine Erinnerungen tauchen leicht und spielerisch, dann wieder schwer und schmerzhaft während mehrerer Gespräche mit Katharina Fischer - einer Dolmetscherin - wieder auf, die über ihn etwas von Kaltenburg erfahren möchte. In äußerst sparsamen Dialogen, aber einer dafür umso präziseren Beobachtungsgabe seiner Umwelt und einer nachdenklichen, sehr genauen Sprache, gelingt Beyer ein großartiges Panorama des vergangenen letzten Jahrhunderts. Die Begegnung des Ich-Erzählers beginnt in Posen der Dreißiger Jahre, wo er im Haus einer gutbürgerlichen Familie und Sohn eines Botanikers und seiner Frau eine glückliche Kindheit verbringt. Die Erinnerungen an sein polnisches Kindermädchen, die vielen Vögel, die sein Vater aufpäppelt, nachdem sie alle irgendwie verletzt oder krank gefunden wurden, und vor denen er mehr Angst hat, als dass er Zuneigung empfindet. Und hier in Posen begegnet er zum ersten Mal dem Ehrfurcht einflößenden, schon damals in der Fachwelt bekannten Ludwig Kaltenburg, der ein Freund der Familie ist. Doch eines Tages belauscht er ein erregtes Gespräch seines Vaters mit Kaltenburg. Die politischen Umwälzungen des Dritten Reiches sowie den Krieg nimmt er nur am Rande wahr. Den Sinn dieses Gesprächs sollte er erst viel später verstehen und sein Bild des ehrfurchtsvollen Mannes gehörig durcheinander schütteln. Vielfältige Erinnerungen Wie so viele Familien musste auch seine aus Posen fliehen. Das Schicksal seines geliebten Kindermädchens - damals mit den Augen eines unschuldigen kleinen Jungen wahrgenommen - sollte er erst viel später erahnen können. Doch der gewählte Zufluchtsort - Dresden - sollte sich als Farce herausstellen. Funk gerät in das Hölleninferno des Angriffs am 13. Februar 1945 auf die Perle des Barocks, das Elbflorenz, wo die Stadt, durch die er noch am Tag zuvor mit seiner Mutter wandelte, dem Erdboden gleichgemacht wurde. Der Junge verliert seine Eltern und kommt bei einer Pflegefamilie um. Gerade diese Erinnerungen des Flammeninfernos, den Hermann im "Großen Garten", einer weitläufigen Grünanlage im Herzen der Stadt, überlebt, ist äußerst intensiv und emotional erschüttert gezeichnet. Doch nicht Menschen setzt Beyer/Funk in seine Beobachtungen, sondern das sinnlose Sterben wird anhand von Vögeln aufgezeigt und gelingt ihm umso intensiver. Prägend für seinen weiteren Lebenslauf sollten diese Tiere werden. Denn hier in Dresden trifft er Ludwig Kaltenburg wieder. Der nimmt ihn wie einen Ziehsohn auf und dirigiert sein weiteres Leben. Das er Ornithologie studiert und anschließend als engster Mitarbeiter in Kaltenburgs angesehenem Institut arbeitet steht einfach fest. Und so prägt und leitet der berühmte Biologe den weiteren Werdegang seines Ziehsohnes bis zu seiner Flucht nach Wien kurz nach dem Mauerbau. Haupthandlungsort ist Dresden, doch ist es kein Dresdenroman und auch keine DDR-Historie, wenn auch viele Originalschauplätze identisch und als Dresdnerin für mich wunderbar nachzuvollziehen sind. Möglichkeiten des Daseins Auch berichtet Funk dem Leser seinen Lebensweg nicht chronologisch, sondern springt sporadisch durch Stationen seiner Erinnerungen, die bei den Gesprächen mit der Dolmetscherin zu Tage treten. Der rote Faden geht jedoch dabei nie verloren. "Kaltenburg" ist gleichfalls kein Entwicklungsroman oder gar eine verkappte Biografie. Auch wenn Ludwig Kaltenburg starke Parallelen zum österreichischen „Einstein der Tierseele“, dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz aufweist und Beyer sich sicherlich seines Lebensweges bedient hat. So projiziert er gewisse Eckdaten dessen Lebens (Mitglied der NSDAP, Professur in Königsberg, Zusammenarbeit mit berühmten Ornithologen und Botanikern, Mitarbeit an erbbiologischen Studien in Posen, sowjetische Kriegsgefangenschaft) nach Dresden in der ehemalige DDR. Doch Marcel Beyer geht es um Möglichkeiten des Daseins, um die "Druckkammern historischer Gegebenheiten", um Stimmungen um die "Urformen der Angst" und das Menschen zu allem fähig sein können, auch dem Schrecklichsten - im Gegensatz zum Tier. Denn es geht um Tiere, ganz speziell um Vögel, um Krähen und Dohlen und natürlich um Menschen und den zivilisatorische Einflüsse auf deren Erkenntnisvermögen und deren Wahrnehmungen. Und es geht um Erinnerungen. Einfach macht es Marcel Beyer dem Leser jedoch nicht. Der Lektüregenuss braucht ein bisschen Zeit, der Leser muss sich in Ruhe im ungewohnten Raum seines Romankonstrukts orientieren, um dann die verborgenen, aber gezielt gelegten Fährten seines Textes zu entdecken. Diese wiederum weisen auf Einzelheiten hin und decken Zusammenhänge auf, die ihm, kaum dass er sie erkannt hat, selbst wieder fraglich scheinen. Fazit: "Kaltenburg" ist ein Netz ineinander gewobener Bilder, eine anspruchsvolle Collage, montiert aus zahlreichen Erinnerungsstücken des Ornithologen Hermann Funk, die verschiedenen Perspektiven aber auch Gegensätze bilden und untrennbar mit dem Biologen Ludwig Kaltenburg verknüpft sind. Dabei bedient sich Marcel Beyer teils fiktiver, teils realer Ereignisse von der Zeit kurz vor dem Nationalsozialismus bis nach den Fall der Mauer und dem wiedervereinten Deutschland. Einige der Figuren sind mit historischen Personen assoziiert, aber sie dienen nur als Projektionsflächen für Marcel Beyers Ideen. Ein großes Stück anspruchsvoller Literatur.

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