Marcel Maas

 3,7 Sterne bei 3 Bewertungen
Autorenbild von Marcel Maas (© Cindi Jacobs)

Lebenslauf

Marcel Maas, geboren 1987 in Oberhausen, legt mit Play.Repeat. ein atemberaubendes Debüt vor und bringt einen neuen Ton in die deutsche Gegenwartsliteratur. Marcel Maas hat in Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert. Er war Mitherausgeber der Literaturzeitschrift BELLA triste und ist eines von vier Mitgliedern der literarischen Boygroup Text, Drugs & Rock’n Roll. Seit einigen Monaten entwickelt er für die Marcel Maas und Lutz Woellert 42 GbR Spiele und Events. Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften. Play. Repeat. ist seine erste Buchveröffentlichung.

Alle Bücher von Marcel Maas

Cover des Buches Prokrastiniert Euch (ISBN: 9783627002008)

Prokrastiniert Euch

(2)
Erschienen am 02.09.2013
Cover des Buches Play. Repeat (ISBN: 9783627001650)

Play. Repeat

(1)
Erschienen am 01.09.2010

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Cover des Buches Prokrastiniert Euch (ISBN: 9783627002008)
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Rezension zu "Prokrastiniert Euch" von Marcel Maas

Trishen77
Wortschatz

"wir enden in methoden"

Nein, dies sind gewiss keine Gedichte von Liebe oder Herzschmerz, von Offenbarungen oder Ansichten; es sind keine Geschichten (außer vielleicht mit viel Phantasie und immenser Geduld) oder klassisch hermetische Symboliken. Was wir hier, in diesem Band vorfinden ist: ein Chaos. Ein Aufteilen und Verbinden nach Art von zwischen Rede und ihrem Verblassen angesiedelter Willkür. Actionpainting mit Worten, bei einer allerdings sehr konkreten Farbauswahl.

"im schlaf reiben wir schnipsel aus sand"

"wir gedenken all jener ungekämmten tage"

"schlafsandburgen stürzen"

Wollte man es selbst lyrisch ausdrücken, würde man vielleicht von einem Flipperspiel der Sprache reden; jeder Satz, jede Wendung wirkt wie ein zufällig angestoßener Teil, ein Geräusch, ein Stück Melodie, die eingeht in ein polyphones Aufeinandersteigen der Halbsätze und Ideen, der Allegorien und kopflichen Auswüchse. Anfangs ist dieses Spiel mühsam und anstrengend und es ergibt sich weniger mehr, als ein paar beschaulich-radikale Lyrismen und ein paar netzhautschwache Ahnungen - man befindet sich auf einer Achterbahnfahrt, aber man hat das Gefühl, als fände sie komplett im Dunkeln statt und was um einen herum Form oder Gestalt hat, ist eine Frage nach Illusion vs. Klarheit.

"ich bin genetisch verändeter manga
ich sehe
mit großen augen in tropfsteinhöhlen
es schlägt mein herz aspiriniert"

Doch irgendwann gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Und man merkt, dass man schon von dem Strom gefesselt ist, von der übergroßen (und wirklich bemerkenswerten) sprachlichen Innovation, die beinahe jedem Satz, jedem Fußbreit Text zu Grunde liegt. Langsam kann man aufatmen, kann das Durcheinander als Assoziation ohne Grenzen akzeptieren, dem möglichst viele Impulse zugespielt werden. Dazwischen ist immer wieder mal die Ratlosigkeit am Zug, aber bereits im nächsten Abschnitt, bleiben wieder ein-zwei Ideenschnipsel haften. Es beginnt das, was Joseph Brodsky "geistige Beschleunigung" nannte. Das Erleben von Sprache als Kosmos, der über die Wertsysteme und Kategorien innerhalb der Normsprache hinausgeht; als eine Bewusstwerdung in sich. Einem Aufgehen der Möglichkeiten, als Sonne, über einer verlassenen Stadt, gleicht manches Gedicht.

"setzte dich an wände.
verlange die mitschuld.
puzzle dir aus blicken
einen stein und wieg ihn in der hand.
sei ein taxi"

"die stadt besteht halb aus winter und bahnhof"

Zumindest das Zitat mit der Stadt ruft ein unbewusstes Gefühl in uns wach. Eine Idee, klamm und unbeherrschbar, aber eindeutig ein Zucken auf der Erinnerungsleiste. Momente wie diese geschehen doch sehr häufig in Marcel Maas Band - sie sind, so sehe ich es, die wahre Kraft, die ihm innewohnt, die alles, was äußerlichen Sinn angeht, zugunsten dieses abseitigen, unintegrativen Sinns aufgibt.

"Wenn einer hinter dir geht,
sag ihm die Zeit sei ein vager Parcours,
wiederum wiederum"

So scheint seine Lyrik zu handeln. Aufschlussreich ist sie demnach nicht und ich kann sie niemandem empfehlen, der eine klare Linie, eine erzählerische Note in Gedichten sucht. Wer sie aber als Szenen ohne Vordergrund, als Angelegenheit der Sprache in sich, sehen kann, wird den einen oder anderen Moment damit haben. Im Prinzip ist das ganze Buch eine Demonstration eines Wortschatzes in kreativen, lyrischen Verbindungen, auch unter Einfluss von modernen Stigmata, Redewendungen, Schlagwörtern. Das ganze ist keine konkrete Einsicht, sondern ein Spiel mit den Ansichten zur Einsicht, die ein wenig ad absurdum geführt und gleichzeitig auf sprachlicher Ebene ein wenig vertieft werden.

"der rekrutenstatus verällt
zur halbwertszeit
stands unentschieden, aber wir tendierten"

Sätze wie dieses "aber wir tendieren" sind eines der Rätsel in diesem Band, die eine eigenwillige Anziehungskraft ausüben. Eigentlich ist es nur ein Satz, aber es steckt darin eine sehr subtile Endschleife, die unsere Vorstellung anknackst und sich ihr einfach auf gewisse Weise erschließt - jedoch ohne, dass wir nachprüfen können, wie oder wieso.

Wer sich auf diesen Teil von sprachlicher Auslotung einlassen kann, dem kann ich diesen Band empfehlen. Alle anderen sollte sorgfältig abwägen, was sie erwarten und wie sie mit diesem Band umgehen. Mir hat er, letztendlich, gefallen; ich bewundere das Konzept und die Innovationen, die Leichtigkeit, mit der Sprache hier zugespitzt wird, mit der sie frei laufengelassen wird und doch stets ästhetisch wirkt. Dennoch bleibt es eine sehr exzentrische, leicht ungenießbare Technik, dagegen lässt sich nichts sagen.

"ich rede nicht von dem geräusch des regens [...]
ich wachte auf als
taubstummes
syndikat."

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