Marci Shore Der Geschmack von Asche

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Inhaltsangabe zu „Der Geschmack von Asche“ von Marci Shore

Die Jahrzehnte kommunistischer Herrschaft in den osteuropäischen Ländern haben in praktisch jeder Familie Fragen aufgeworfen, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs irgendwie beantwortet werden müssen. Diese "posttraumatischen" Störungen in Ländern und Gesellschaften, die nach ihrer Identität suchen, sind das Thema dieses Buchs. Es ist eine Reise in die Seelenlandschaften der Menschen und die Summe einer zwanzigjährigen Beschäftigung. Marci Shore spürt den Geistern des Kommunismus im gegenwärtigen Osteuropa nach, vor allem in Polen, Tschechien, der Slowakei und Rumänien. Sie interessiert sich für das, was Geschichte aus den Menschen und ihren Leben gemacht hat. Sie hat Menschen in Prag, Krakau, Warschau, Vilnius, Kiew, Moskau, Bukarest besucht, aber auch in der Provinz und in den jeweiligen Enklaven in New York, Jerusalem und Wien. Das Buch ist von hoher literarischer Qualität, geradezu betörend schön geschrieben. Es atmet eine tiefe Humanität, und man spürt, dass die Ich-Erzählerin eine ungewöhnlich kluge und sympathische Frau ist; sie wirkt wie ein Medium zwischen den porträtierten Menschen und dem Leser, durch das hindurch man sich sehr gut in die jeweilige Situation hineinversetzen kann, von der sie berichtet.

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  • Die Suche nach Identität nach dem Zusammenbruch des „eisernen Vorhangs“

    Der Geschmack von Asche

    michael_lehmann-pape

    03. March 2014 um 09:25

    Vorher ohne Freiheit, aber auskömmlich, nachher fast völlige Freiheit, aber knapp mit Geld, dafür großzügiger ausgestattet, statt nur mit dem Nötigsten versehen. Nüchtern zieht ein Schüler aus Stankov Bilanz. Ebenso wie: „Heute lacht man, aber damals war man froh um den freien Tag“, im Rückblick auf die regelmäßigen Feierlichkeiten zum 1. Mai in seiner Heimat, die in nun völlig anderem System ihre Identität sucht. Fast 50 Jahre lang (in Russland wesentlich länger) haben die östlichen europäischen Staaten im Totalitarismus verbracht. Ein System, dass bis in die kleinen Alltäglichkeiten Mentalitäten geformt hat. Nicht nur, was den ständig spürbaren Mangel anging und die langen Schlangen, auch was reine Geselligkeit in der Öffentlichkeit anging. Kneipenkulturen wie im „freien Westen“? Da, wo man auf jedes Wort vor Fremden aufpassen musste? Spitzel überall, drakonische Strafen drohten dem, der „nicht funktioniert“. Eine Prägung, die auch nach dem Ende des Sozialismus sowjetischer Prägung und dem Fall aller Mauern ja nicht einfach so verschwunden war. Inneres Misstrauen, Verletzungen, teils traumatisierende Erlebnisse, die Folgen hatten und die für so manche Schwierigkeit bei der Orientierung in der „neuen Welt“ sorgten. Nicht nur, was den massiven wirtschaftlichen Umbau betraf. „Osteuropa ist anders“. Auch in der Gegenwart noch. „Auf diesen Ländern lastet die Vergangenheit spürbar und drückend“. Eine Geographie mit dem „Geschmack der Asche“ allein schon wegen der allgegenwärtigen Kohlebeheizung. All das (und mehr) ist die Beobachtung Shores, der sie in diesem Buch auch im Stil (aus der Ich-Perspektive erzählt sie ihre Recherchen) intensiv nachgeht. 1993 besuchte sie das erste Mal „den Osten“ mit sehr wenig Kenntnis, damals. Motiviert von der Suche nach einer „Geschichte mit gutem Ende“, einer Geschichte, der Befreiung, des Aufatmens. Und ja, auch das hat sie gefunden, aber andres, als gedacht und noch viel mehr neben dieser eher naiven Erwartung von vor über 20 Jahren. Es ist, wie Shore feststellt. Es geht gar nicht um die großen „Systeme“, sondern: „Jedes historische Drama vollzieht sich im Leben Einzelner“. Genau diesen Einzelnen kommt Shore auf die Spür und rückt ihnen nahe. Eine Nähe, die sie dann in bester Weise dem Leser im Buch vermittelt und so weit hinter all die großen politischen Reden und wirtschaftlichen Reformen schaut. Bis hin zur spürbaren Zäsur „zwischen den Lebensaltern“, sprich zwischen jenen, die von den sozialistischen Jahren geprägt wurden und jenen, die entweder „in Freiheit“ geboren wurden oder in jenen Jahren jung genug waren, um „zu viel an Erbe“ mit sich tragen zu müssen. So erzählt dieses Buch auch von den Schattenseiten, von der „Fortdauer der Vergangenheit in der Gegenwart“, vom schweren individuellen Erbe der „verschlossenen Jahre“. Stalinisten und deren Enkel, Dissidenten, Dichter, Politiker, Überzeugte und Kritiker, Mitläufer und Fluchtbereite, Zionisten und Kommunisten, exponierte und einfache Menschen, alle kommen zu Wort im Buch , auf die ein oder andere Weise und so schafft Shore ein großes Bild der „Gegenwart“ aus der konkreten „Vergangenheit“ heraus, das nicht als „schwarz und weiß“ verstehbar ist, sondern eine Vielzahl von Nuancen enthält. Begonnen bei Amanda, Künstlerin mit tschechischem Ehemann, der sich bgerade, im April 1995, das Leben genommen hat. Auch weil er feststellte, dass seine 25jährige Sehnsucht nach Rückkehr in die Heimat ins Leere lief, denn er stellte fest, „dass er dort nicht mehr heimisch war“. Und noch lange nicht endend bei Alexander in Brooklyn, der auch heute noch beredt von dem Grauen der sowjetischen Lager zu berichten weiß, dass auch ihn für das Leben geprägt hat. Sachlich, nüchtern, berichtend, nicht immer einfach zugänglich, immer aber das „einfache Leben“ im Blick legt Shore vielfache Zeugnisse der Wirkung des Lebens im Totalitarismus vor und der Schwierigkeit, irgendwann dann „einfach so, aber unvorbereitet“, frei sein zu wollen. Mit eindrucksvollen Menschen und Lebensgeschichten, die es wert sind, gelesen zu werden. Auch, aber nicht nur, um die Gegenwart des östlichen Europas besser verstehen zu können.

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