Eine Mutter kann nicht mehr und springt in den Tod. Eine Tochter bleibt zurück und gibt sich der Wut hin. Eine kinderlose Freundin lernt, was Care-Arbeit bedeutet. So lässt sich der Plot von Mareike Fallwickls Roman Die Wut, die bleibt zusammenfassen, wobei der Sprung in den Tod auf der ersten Seite steht und im Zentrum der Geschichte die Auswirkungen dieses Selbstmordes auf ihr Umfeld erzählt wird. Dabei wird schnell klar, dass Helene – die springende Mutter – den Freitod wählt, um den Erwartungen und dem Druck zu entkommen, die ihre Familie im Kleinen und die Gesellschaft im Ganzen an sie als Mutter stellt. Aufgerieben von einer Pandemie, gefangen in einer Beziehung mit einem Mann, der Arbeit über Familie stellt, bleibt sie mit Kindern, Haushalt und Mental Load zurück – bis sie keinen Ausweg mehr sieht. Ihre Tochter Lola, woke und belesen, erkennt die strukturellen Zusammenhänge. Nachdem sie Opfer männlicher Gewalt wird, kennt sie statt Trauer nur noch Wut und gibt sich dieser Emotion radikal hin. Sarah, Helenes Freundin seit Kindergarten-Tagen, springt der zurückgebliebenen Familie zur Seite und muss auf schmerzliche Weise lernen, wie schnell man als Frau in einer Familie verpflichtet wird – auch wenn es nicht die eigene ist – und wie gering dies honoriert wird.
Mareike Fallwickl thematisiert in Die Wut, die bleibt viele wichtige Themen: Gender Care Gap, Mental und Emotional Load von Frauen, abwesende Väter, männliche Gewalt, Körperbilder und Schönheitswahn, weibliches Altern. Es ist eine Rundumkritik des Patriarchats und auch wenn die Fülle dieser Themen überzogen erscheint, zeigt Fallwickl, dass und wie die einzelnen Motive ineinander wirken und dabei leider gar nicht unrealistisch erscheinen, sondern den Alltag vieler Frauen widerspiegeln.
Alles in Die Wut, die bleibt ist wichtig und richtig – und dennoch finde ich den Roman nicht überzeugend. Fallwickl will nämlich belehren, das verhehlt die Geschichte nicht, und sie entscheidet sich leider, dies mit der Holzhammer-Methode zu tun. Alle ihre Figuren sind minimal überzeichnet, sodass die Geschichte insgesamt zu gewollt wirkt: Das beginnt mit dem drastischen Selbstmord am Anfang des Romans und endet mit der Racheengel-Formation, der sich Lola anschließt, um Gerechtigkeit durch Faustschläge herzustellen. Dazwischen finden sich Männer, die reine Klischees sind und eine Sprachlosigkeit, die die Figuren nicht einmal versuchen zu überwinden, da Fallwickl sich ganz auf die titelgebende Emotion fokussiert: Wut. Dabei möchte ich nicht falsch verstanden werden: Es gibt unzählige Gründe, als Frau wütend zu sein und ich verstehe jede, die nicht mehr bereit ist, Mitleid und Verständnis für Männer aufzubringen; doch im Roman wird diese Wut überhöht und kritiklos präsentiert, Momente der Reflexion – gerade bei Lola – werden dadurch unmöglich gemacht.
Die Wut, die bleibt lässt sich sehr gut lesen, die Sprache ist alltagsnah. Fallwickl entscheidet sich dazu, die Geschichte abwechselnd aus Lolas und Sarahs Perspektive zu erzählen, was eine gewisse Dynamik erzeugt, die jedoch nicht komplett über die zähen Momente der circa 370 Seiten langen Erzählung hinwegträgt. Lolas Kapitel haben mich dabei persönlich sehr angestrengt, die hier langsam entwickelte Utopie (oder doch eher Dystopie?) konnte mich nicht überzeugen; Sarahs Entwicklung ist stimmiger, gerade ihre Kapitel werden jedoch durch die bewusst schwach gezeichneten männlichen Figuren geschwächt.
Im Endeffekt präsentiert mir Fallwickl in Die Wut, die bleibt eine zu einfache Antwort, obwohl sie hervorragend aufzeigt, wie komplex das Leben als Frau im Patriarchat des 21. Jahrhunderts (Stichwort: Wir sind doch schon längst gleichberechtigt) ist. Die Wut mag berechtigt sein, aber wohin führt sie mich? Ich nehme wenig aus der Lektüre mit und kann daher nur 3 Sterne vergeben.























