Neuer Beitrag

jahfaby

vor 3 Jahren

(0)


Dies ist die Geschichte von Emma, einem bulimiekranken Mädchen, dass die Welt nicht ohne ihre Drogen erträgt. Eigentlich ist es auch nicht ihre ganze Geschichte, sondern ein Zeitraum von einem verlängerten Wochenende, in das immer wieder Rückblicke in die Kindheit und Jugend von Emma geworfen werden. Es beginnt also in einem Club, beim Ficken auf dem Klo mit einem Fremden und wechselt schnell auf den Parkplatz, wo Emma versucht, ungestört zu kotzen. Klappt aber nicht, denn da steht plötzlich dieser Typ mit einem Schild. Emma liest das Schuld und erschrickt unglaublich. Der Satz auf dem Schild bringt sie dazu, ihr gesamtes Leben zu überdenken. Also schreibt sie ihre Lebensgeschichte auf, an diesem Wochenende, zwischen Drogen, Kotzen, Technomusik, Menschen, Angst, dem Versuch, zu Schlafen und noch mehr Drogen.
Wie ihr vielleicht schon an der Erzählhaltung merkt, das ist überhaupt nicht mein Buch.
1. Die Geschichte:
Das oben beschriebene ist überhaupt nicht meine Welt. Aber ich habe Berührung damit und jemand aus der Welt gab mir das Buch mit dem Kommentar, vielleicht würde ich diesen Lebensstil danach besser verstehen. Ich habe es gelesen und ich verstehe diese Welt nicht besser, im Gegenteil, ich empfinde eine Mischung aus Mitleid und vollkommener Abgrenzung.
Emma und das Leben, das sie führt ist nicht sympathisch. Mehr noch, ihr Leben ist einfach nicht gut. Emma füttert die Leser mit der Anleitung zur Bulimie und verherrlicht den Gebrauch von Drogen als einigermaßen erfolgreiches Mittel, mit einer Scheißjugend zurechtzukommen. Die Sache mit dieser Jugend ist aber die: Sie ist vielleicht das Einzige mit dem man, besser gesagt ich, mich einigermaßen identifizieren könnte. Und deshalb kann ich umso mehr bekräftigen, dass diese Jugend keine Entschuldigung für ihren Lebensstil. Aber sie benutzt es dafür. Und dann meckert sie also 350 Seiten, wie schlecht ihr Leben ist und wie gut es ist, dass sie sich zumindest für eine kurze Zeit durch Drogen in eine andere Stimmung bringen kann. Irgendwann las ich das Buch nur weiter, weil ich einerseits ungern Sachen in der Mitte abbreche (ich habe immer die unbändige Hoffnung, dass es noch besser wird) und andererseits, weil ich wissen wollte was auf diesem Schild vom Anfang steht. Und als es dann endlich rauskommt, war ich unendlich enttäuscht. Und als dann, nach all diesem Gerede über die Suche nach, ja, was genau? sich eigentlich nichts ändert, war’s vorbei. Also, die Geschichte und der Inhalt und die Einstellung zum Leben haben mir überhaupt nicht gefallen.
2. Die Schreibe:
Ich komme auf die Schreibe von Mareile Kurtz nicht klar. Komische gestelzte Sätze, als müsse sie dem Leser beweisen, wie klug die Autorin ist. Und die Dialoge! Eine Lektorin sagte mir mal, dass auch Dialoge in Romanen keine Abbildung der Wirklichkeit sind, sondern Fiktion. Es ist die Illusion von Natürlichkeit. Wenn man tatsächliche Dialoge wiedergeben würde, dann wären das ganz schön viele verstümmelte Sätze, unzählige “Ähms” und keinerlei Struktur. Und fast so schreibt die Mareile Kurtz ihre Dialoge.  Auf jeder Seite gibt es Dutzende “Boah,ey!” und “Hahaha.” Ich fand’s unglaublich ermüdent und anstrengend, mich durch die DIaloge zu arbeiten, von denen ja doch sehr viele vorhanden sind. Und dann, eigentlich Teil der Schreibe, aber so schlimm, dass es einen Extrapunkt bekommt:
3. Die popkulturellen Referenzen und die Fußnoten:
Da brauchen wir nicht viel drüber reden, die Intertextualität wird sein mehr als 50 Jahren immer wieder neu definiert, aber grundsätzlich ist allen klar: Kein Text (oder weiter gefasst: Kein künstlerisches Werk) steht ganz für sich selbst. Alles ist getränkt und beeinflusst durch die Texte (künstlerischen Werke), die der Autor (Künstler) im Laufe seines Lebens konsumiert hat. Das ist nichts neues.  In den letzten Jahren wurde aber die Diskussion durch Plagiatsvorwürfe, beispielsweise bei Helene Hegelmann, wieder neu entfacht, wo die Grenze zwischen Zitat oder Hommage und dreistem kopieren liegt. Eine wichtige Diskussion, keine Frage. Auch Mareile Kurtz bringt sich hier durch ihr Buch ein. Mit einem Nebeneffekt, dass sich in dem Buch 347 Fußnoten befinden, an jeder popkulturellen Referenz. Also fast eine Fußnote pro Seite. Und jeder, der schonmal einen Text mit Fußnoten gelesen hat, weiß, wenn man die auch noch hinten nachschlagen muss, dann unterbricht das jedesmal den Lesefluss. In diesem Fall rund einmal pro Seite. Mareile Kurtz kurz klärt ziemlich am Ende auf, wieso sie das macht. Aber ich muss sagen, für diesen kleinen Twist hat es sich für mich nicht gelohnt, mich fast über jede Fußnote zu ärgern. Denn, wenn ich die Referenz erkenne, ärgert es mich, dass ich direkt darauf hingewiesen werde, dass es eine Referenz ist und ich nicht selbst drauf kommen kann. Und wenn ich sie nicht kenne, dann muss ich natürlich nachschlagen, was da steht. Heißt, ich unterbreche den Lesefluss. Und jetzt geht’s ins kleinkarierte, aber wenn man sowas macht, dann richtig. Einerseits sind viele Referenzen und Anspielungen nicht mit Fußnote versehen, andererseits sind die Fußnoten teilweise falsch. Das geht von Schreibfehlern bis hin zu inkonsequenten Quellenangaben. Ein Beispiel, ich zitiere aus dem Buch.
Übermütig reiße ich meine Zimmertür auf, springe auf den Flur, schmeiße die Arme in die Luft und brülle: “Weiß hier irgendwer noch, wie man lacht?!”283
Unter der Fußnote 283 findet man den Verweis auf den Film Almost Famous von Vameron Crowe und eine Szene, relativ am Anfang, in der fast der gleiche Satz gesagt wird. Aber: Camreron Crowe selbst zitiert hier schon. Das Original, soweit ich weiß, ist von Led Zeppelin, Robert Plant baute diese Zeile auf englisch (Does anybody remember laughter?) in die Liveversionen von “Stairway to heaven” ein. Und wenn man das weiß und obigen Satz liest und denkt, okay, sie zitiert Led Zeppelin und dann liest man, dass sie eigentlich ein Zitat zitiert, ohne die Originalquelle zu nennen, das ist ein maues Gefühl und macht die ganze Sache unglaubwürdig.
Wie ich schon sagte, das liegt im Kleinkarierten, aber wenn mich eine Autorin 350 Seiten lang mit Fußnoten nervt und ich dann auch noch sowas finde, dann muss das erwähnt werden. Denn ihr Twist und ihr Grund, weshalb sie das macht, geht durch genau solche Kleinigkeiten kaputt.
Wie gesagt, ich kann Mausmakis blaue Pumas nicht empfehlen. Ich komme mit den Charakteren nicht klar, mit der Lebenswelt nicht, mit der Geschichte nicht. Will ich auch gar nicht. Vielleicht gibt es Leute, die sich mit den Sehnsüchten und diesen “Lösungen” identifizieren können. Ich muss da nicht dazu gehören.

Autor: Mareile Kurtz
Buch: Mausmakis blaue Pumas
Neuer Beitrag