Das Schicksal meint es nicht gut mit den Zwillingen William und Emily Crowne: Nachdem ihre Mutter früh verstorben ist, wird ihr Vater, ein gefeierter Schriftsteller, aufgrund von zwielichtigen Geschäften festgenommen und wegen Mordes angeklagt. In einem langwierigen Gerichtsverfahren wird er zwar freigesprochen, das Misstrauen der englischen Gesellschaft bleibt jedoch, weswegen er das Land verlässt und nach zwei Jahren im Exil stirbt. Die Zwillinge bleiben in England und wachsen bei ihrer Tante Catherine Frobisher und deren Kindern Trevor und Charlotte auf. Das Verhältnis der Kinder untereinander ist von Konflikten und Konkurrenzgedanken geprägt. Besonders Trevors Neid auf die Zwillinge, der später im Leben noch große Ausmaße annehmen wird, zeigt sich schon im Kindesalter. Er lässt besonders William seine Arroganz und Überlegenheitsgebaren spüren. Alle Kinder streben danach Schriftsteller zu werden, denn beide Väter sind diesem Beruf nachgegangen, wenn auch Mr. Frobisher eher zu den erfolglosen Schriftstellern zählte. Dennoch kommt für die Kinder auch vorerst keine andere Beschäftigung als Schreiben in Betracht.
Es ist eine Zeit des Umbruchs, nach dem Ende des ersten Weltkrieges möchte Trevor, der ernüchtert aus dem Krieg zurückgekehrt ist, sich von der Mutter emanzipieren, seinen eigenen Weg gehen. Catherine verharrt in ihren Wertvorstellungen und Rollenbild, plant für den Sohn eine Karriere als Jurist, die Trevor jedoch ablehnt. Er hat ganz andere Vorstellungen von seiner Zukunft. Auch Charlotte möchte nicht den üblichen Weg gehen und zeitnah heiraten und einem Haushalt vorstehen, hier prallen zwei Generationen aufeinander.
Unterdessen leben die Crowne Zwillinge gemeinsam in London. Von Anfang an waren sie mit ausreichenden finanziellen Mitteln ausgestattet, die ihnen ein weitestgehend sorgenfreies Leben ermöglichten, allerdings sehnen auch sie sich nach eigenen Verdiensten, fern von der Vergangenheit und dem Glanz, aber auch dem zweifelhaften Rum des Vaters. Als William jedoch mit seinem Theaterstück scheitert muss er erkennen, dass die Londoner Gesellschaft nicht vergisst. Trevor macht sich Williams Naivität zunutze und spannt ihn für seine eigenen Zwecke ein: Er schlägt William vor das Anwesen seines kinderlosen Onkels zu kaufen, um dort eine Künstlerkommune einzurichten. Doch so idyllisch wie das auf den ersten Blick scheine mag ist das Leben dort nicht. Mit den Bewohnern ziehen auch Neid, Missgunst und alte Rivalität zwischen Trevor und William ein und es stellt sich die Frage, ob man schlussendlich der ererbten Vergangenheit entkommen kann.
Margarete Kennedy schafft es Romane voller Gesellschaftskritik in einer Zeit zu schreiben, in der dies sicher nicht üblich war. Es tun sich Generationskonflikte auf, Kritik am Klassizismus und an der Stellung der Frau. Nach der Zäsur, die der erste Weltkrieg darstellt möchten die jungen Erwachsenen, die durch den Krieg erschüttert sind, ein neues Kapitel beginnen. Eine Zeit des Auf- und Umbruchs steht bevor, die die Rollen, die die rigide englische Gesellschaft den jungen Männern und Frauen zugedacht hat, in Frage stellt. Dabei müssen sowohl die Zwillinge William und Emily mit dem Trauma, das ihre eigene Familiengeschichte beinhaltet umgehen, als auch mit den großen und teils falschen Erwartungen, die in sie gesetzt werden. Sie suchen ihr Heil im Schreiben, in der Ehe, in einer alternativen Lebensgemeinschaft und müssen doch erkennen, dass man der eigenen Vergangenheit nur begrenzt entkommen kann. Doch auch das Verharre in den alten Strukturen, in den engen Korsett der englischen gehobenen Gesellschaft bringt kein Heil, was an Catherine Frobisher deutlich wird.
Mir hat der Roman ausnehmend gut gefallen, weil Margarete Kennedy alle Charakteren Tiefe und Komplexität verleiht, der Geschichte verschieden Themen und Ebenen gibt und dabei auch noch sprachlich durch Stringenz und Klarheit überzeugt. Das Buch ist unterhaltsam zu lesen, schafft durch die ambivalente Charakterzeichnung viel Empathie bei den Lesenden und hat mich nicht nur zum Lachen durch die sehr gelungene Übersetzung von Maria Sander gebracht, sondern regt zum Nachdenken und zum Reflektieren an. Das liegt zum einen daran, dass so viel Botschaft in den Dialogen und zwischen den Zeilen steckt, zum anderen, dass sich beim Sinnieren weitere Anspielungen auf die unterschiedlichsten durchaus aktuellen Themen steckt. Denn die Handlung spielt zwar in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, behandelt aber Themen, die auch heute noch aktuell sind. Denn mit Schein und Sein, Vorurteilen und ererbten Traumata, Umbrüchen, alternativen Lebensentwürfen und der Stellung von Frauen in der Gesellschaft beschäftigen wir uns heute auch noch. Ein sehr lesenswertes Buch!
Margaret Kennedy
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Margaret Kennedy
Das Fest
Die englische Scheidung
Falscher Glanz
The Constant Nymph (Vintage Classics)
Neue Rezensionen zu Margaret Kennedy
Vom Anfang des Buches war ich hingerissen. Margaret Kennedy geht gekonnt mit Sprache um, formuliert wundervoll und erfreut durch eine sorgfältige Charakterzeichnung. Wir lernen die Charaktere anfänglich durch verschiedene Stilmittel kennen und es wird multiperspektivisch erzählt. Viele Autoren nutzen dieses Stilmittel gerne, ohne es zu beherrschen, was man dann daran merkt, daß dann alle Erzählstimmen gleich klingen. Bei Kennedy ist das anders - hier hat jeder Charakter eine ganz eigene Stimme. Absolut gekonnt!
Die Geschichte läßt sich spannend an, ganz am Anfang erfahren wir von dem Unglück, welches das Hotel am Kliff überkommt. Das klingt sehr dramatisch. Die Klippe bricht ab, stürzt direkt auf das Hotel und es klingt, als ob so gut wie niemand überlebt hätte und die Überlebenden dunkle Geheimnisse verbergen. Es wird angedeutet, daß sie ihr Überleben sinistren Handlungen o.ä. zu verdanken hätten, was natürlich immens neugierig macht. Dann erfolgt ein Zeitsprung zurück und wir erleben die Tage vor dem Unglück. Die kommende Tragödie hängt für die Leser dunkel über dem Geschehen, läßt jedes kleine Ereignis in einem beklemmenden Licht erscheinen. Leider wird das, was am Anfang angedeutet wird, nicht erfüllt. Das Ende enttäuscht auf ganzer Linie. Es ist antiklimaktisch und die gemachten Andeutungen verpuffen, ergeben im Nachhinein keinen Sinn. Ich habe den Anfang nach dem Beenden des Buches extra noch einmal gelesen, um zu sehen, ob ich evtl. etwas falsch verstanden habe, aber nein, es werden Dinge angedeutet, die sich nicht erfüllen.
Nach dem gelungenen ersten Drittel läßt auch die Geschichte selbst zunehmend nach. Es gibt wesentlich zu viele Charaktere, so daß einige komplett blass bleiben und so gut wie nicht vorkommen. Mehrere Handlungsstränge dümpeln oberflächlich und manchmal auch langatmig vor sich hin, auch hier werden anfänglich gemachte Andeutungen flach aufgelöst. Bei weniger Charakteren hätte man die Handlungsstränge wesentlich tiefgängiger behandeln können, so wirkt alles leider sehr halbgar. Außerdem geht trotz der langatmigen Erzählweise alles viel zu schnell. Da verliebt sich ein Paar nach der ersten Konversation, zwei Tage später sind sie schon verlobt. Ein anderes Paar schafft innerhalb von drei Tagen den kompletten Kreislauf von Kennenlernen, Verlieben, Trennen. Sehr unglaubwürdig. Eine Person macht durch eine seltsame Erleuchtung eine komplette Charakteränderung durch, was nicht glaubhaft wirkt. Die ganze herrliche Charaktereinführung des Anfangs verpufft in dieser oberflächlichen Weiterführung. Hinzu kommen zunehmend skurrile und unglaubwürdige Entwicklungen.
Margaret Kennedy konnte zweifellos schreiben, aber ich hatte beim Lesen immer mehr das Gefühl, daß sie sich in ihrer eigenen Geschichte zu sehr verzettelt hat. Fast bekam man den Eindruck, sie hätte zum Ende hin die Lust verloren und wollte alles nur noch irgendwie rasch zum Ende bringen. Schade, denn das Potential für einen tollen Roman war absolut da.
Erfreulich ist auch die herrliche Einbandgestaltung. Beim Lektorat dagegen wäre mehr Sorgfalt zu wünschen gewesen. Die Anzahl an fehlenden oder falschen Wörtern ist in diesem Buch ungewöhnlich hoch, einige Sätze ergeben keinen Sinn, es gab auch einige kleinere Übersetzungsfehler.
Insgesamt bietet "Das Fest" leicht lesbare Unterhaltung mit guten Formulierungen, einer originellen Idee und einem grandiosen Anfang, aber leider nicht viel mehr.
Margaret Kennedy (1896 – 1967) ist eine beeindruckend fortschrittliche Autorin, die ihre Zeit und das gehobene Bürgertum portraitiert. Dieser dritte vom Schöffling Verlag ins Deutsche übersetzte Roman erschien im Original als „Red Sky in the Morning“ bereits 1927. Sowohl das Cover wie auch der mehrdeutige deutsche Titel wurden liebevoll und absolut passend gestaltet. Die Übersetzung von Maria Sander lässt keine Wünsche offen.
Der erfolgreiche Dichter Norman Crowne wird des Mordes angeklagt. Was für die gehobene Gesellschaft ein Skandal nach Maß ist, erweist sich für seine Kinder, die Zwillinge William und Emily, als Tragödie. Sie werden bei der Schwester ihrer verstorbenen Mutter untergebracht. Cousin Trevor und Cousine Charlotte sind etwas älter und spielen ihre Dominanz den Zöglingen gegenüber mit Freude aus. Norman wird zwar nie gerichtlich verurteilt, seine Schuld steht für die Allgemeinheit aber trotzdem fest. Sie schwebt fortan als drückender Schatten über dem Leben seiner Kinder. Auch wenn der Vater ihnen ein enormes Vermögen hinterlässt, das sie finanziell unabhängig macht, haben sie es schwer, ein unbeschwertes, glückliches Leben zu führen.
Die vier jungen Leute verschreiben sich alle mehr oder weniger der Schriftstellerei. Konkurrenzdenken, Unaufrichtigkeit und Neid kennzeichnen die Beziehungen der privilegierten Geschwisterpaare untereinander, die auf unterschiedliche Weise ihren Lebenssinn suchen. William und Emily ziehen mit Volljährigkeit nach London. Trevor gründet (mit Williams Geld) eine farbenfrohe Künstlerkommune, in die sich Charlotte einzubringen versucht. Als wenig attraktive Frau hat sie kaum Hoffnung auf eine adäquate Eheschließung. Die Zwillinge in London harmonieren zunächst gut miteinander, dann führen jedoch verschiedene Ereignisse und schlechte Einflüsse zur Trennung der Geschwister, die weitere tragische Entwicklungen zur Folge haben.
Es werden viele zeitgenössische Themen in diesem Roman angeschnitten. Vordergründig steht die lebendige Handlung rund um die vier Protagonisten, die emotional wenig gefestigt sind und sich besonders in Liebesdingen zu übereilten Entscheidungen hinreißen lassen. Diese Wirrnisse gestaltet Kennedy höchst unterhaltsam, ihre pointierten Dialoge suchen ihresgleichen und verstecken geschickt manchen Hintersinn. Doch die unbeschwerte Kulisse trügt. Man spürt die Schatten des ersten Weltkrieges ebenso wie seine komplexen Folgen für die Menschen. Omnipräsent ist auch das väterliche Trauma für William und Emily. Die vielen lebendigen Szenen und die sorgsame Zuwendung zum facettenreichen Figurenkarussell gestalten den Roman kurzweilig. Er chargiert zwischen komödiantischen und höchst tragischen Momenten. Die Gefühlswelt der Hauptfiguren wird dabei zuweilen etwas theatralisch überhöht dargestellt, was der Entstehungszeit geschuldet sein dürfte.
Herausragend empfinde ich die Bildhaftigkeit der Sprache, die auch durch aussagestarke Metaphern und Bonmots unterstrichen wird. Die Landhäuser, die Landschaften, das Londoner Schauspielleben rund um William, die Künstlerkolonie: alles wird mit feiner Beobachtungsgabe und Liebe zum Detail ausgestaltet. Dabei spart die Autorin nicht mit Kritik am Leben der privilegierten Oberschicht. Sie lässt die Ideale der Jungen auf die Werte der Alten prallen, zeigt die soziale Kälte nach dem Großen Krieg ebenso wie die eingeschränkten Möglichkeiten weiblicher Lebensgestaltung. Dabei folgt die Autorin mit ihrem Familien- und Gesellschaftsroman einer klar strukturierten Konzeption. Die verschiedenen Szenen greifen ineinander und ergänzen sich, vermeintliche Nebencharaktere erlangen zunehmend Bedeutsamkeit. Eine fein austarierte Symbolik durchzieht das gesamte Geschehen und gibt so eine Vorausschau auf das Ende der Geschichte, das dankenswerterweise nicht komplett auserzählt wird. Über allem schwebt dabei der „Falsche Glanz“, den es zu erkennen und zu entschlüsseln gilt.
Ich habe jede Zeile dieses modernen Klassikers genossen, der seine vollständige Qualität in der sorgsamen Nachbetrachtung entfaltet und dem auch eine Zweitlektüre gewiss nicht schadet.
Große Leseempfehlung!
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