Der DVB (Das Vergessene Buch) Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, Literatur, die zu Unrecht vergessen wurde, neu herauszugeben bzw. erstmals herauszugeben. So etwa hat der Verleger Albert C. Eibl u.a. den Namen Maria Lazar wieder bekanntgemacht. Beginnend mit dem expressionistischen Roman „Die Vergiftung“ hat er nach und nach Lazars Theaterstücke, die Romane „Die Eingeborenen von Maria Blut“ (mittlerweile im Wiener Akademietheater in einer dramatisierten Fassung mit großem Erfolg aufgeführt) und „Viermal ich“ verlegt und nun aus dem Nachlass die Erzählung „Zwei Soldaten“.
Ein britischer Kampfpilot, John (Johnny) Smith, und ein SS-Sturmmann, Hans Schmitt, liegen sterbend im Wüstensand. Dem einen wurden die Arme weggerissen, dem anderen die Beine überfahren. Eine Annäherung der beiden ist schon rein physisch nicht möglich, auch wenn es Johnny zuletzt versucht. Sie sind sich des anderen bewusst, hören den jeweils anderen reden, stammeln, seufzen, schreien, können aus dem Klang der Stimme herauslesen, ob Angst, freudige Erinnerungen oder Sehnsüchte vorherrschen, doch verstehen können sie einander nicht. „Da redet er, er redet, redet, redet. Und ich versteh kein Wort. Was ist das für ein Kauderwelsch. Kann er nicht Deutsch?“
Durch eine Kreuzlinie sind die Gedanken und Fantasien der beiden getrennt. Auch ohne diese Lesehilfe sind die zwei jungen Männer gut zu unterscheiden. Johnny, der Weichere, versucht zu verstehen („Er schreit, er schreit voll Angst. Was fürchtet er? Den Tod? Die Leere? Die Unendlichkeit?“), versucht, dem anderen sein Menschsein nicht abzusprechen. Hans, der Verblendete, tut sich damit schwer („Der aber ist kein Kamerad. Belauscht mich. Horcht mich aus. Verwendet, was ich erzähle, für seine Lügenpropaganda.“). Und wenn er doch verstehen will, dann mündet dieses Wollen sehr rasch in Nazisprech: „Weiß er denn überhaupt, dass ich hier liege? Hat er mich auch gehört? Es kann ja sein, dass er viel kräftiger ist als ich. […] Na schön, ich werde sein Gefangener. Ein Kriegsgefangener. Oder? Wenn es ein Pole oder Jude ist? Ich brauche niemandem zu sagen, dass ich im Osten war. Ich habe nichts verbrochen. Soldatenpflicht und stramme Disziplin, Befehl des Führers, aufgeräumt mit diesem Untermenschenpack, wenn mir so was auch keine Freude macht.“
Wir erfahren aus Erinnerungsfragmenten der beiden etwas über ihre Jugend, Eltern, Geschwister. Ja, und eine Freundin haben sie auch. Johnny denkt an seine Anne, Hans an Annemarie, und beide wissen, dass sie die Mädchen nicht wiedersehen werden. Sie werden Ersatz finden, was Johnny nach kurzem Aufwallen der Gefühle akzeptiert: „Ich weiß, dass du nicht immer an mich denken wirst und traurig sein. Aber einstweilen nur – ich hasse jeden, der dich mir nehmen wird, ich hasse vielleicht auch dich – verzeih mir, Anne, das ist gemein von mir, aber es ist nicht leicht, gut und gerecht zu sein, wenn man im Sand verdurstet und verreckt…“. Hans hingegen ist wesentlich besitzergreifender: „Ich hätte dich so gerne nur einmal noch besessen, Annemarie. So besessen wie kein Mann ein Weib jemals besessen hat. Dass du dran denken müsstest bei jedem anderen, der nach mir kommt…“.
Vielleicht wird auch aus dieser Erzählung noch ein Theaterstück, ein Einakter, der im Akademietheater auf die Bühne gebracht wird. Es wäre Maria Lazar zu wünschen, auch wenn sie in ihrem Gedicht „An meinen unbekannten Leser“ wesentlich bescheidener ist:
Ich kenne dich nicht und ich werde dich nie kennen lernen.
Aber in fernen
verregneten Tagen
liegt mein Buch vor dir aufgeschlagen.
Ich bin nicht umsonst auf Erden gewesen,
wenn nur einer wie du es für sich gelesen,
und ich brauche nicht länger zu träumen
von fernen strahlenden Sternenräumen,
mir genügt deiner Lampe Schimmer
im stillen Zimmer.