Maria Popova

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Autor von Findungen.

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Cover des Buches Findungen (ISBN: 9783257071276)

Findungen

 (2)
Erschienen am 28.10.2020

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Rezension zu "Findungen" von Maria Popova

Welt-Vorstellungen
HansDurrervor 8 Monaten

Zugegeben, ich gehe dieses Buch voreingenommen an, das liegt wesentlich an der Werbung, die da lautet: „Visionen können die Welt verändern – Weisheit und Philosophie für das 21. Jahrhundert“. Und so frage ich mich (skeptischer geht kaum): Was will mir eine 35Jährige, in Bulgarien geborene und heute in New York lebende, dazu bloss sagen? Doch meine Skepsis verflüchtigt sich bereits nach den ersten Seiten, auf denen die Autorin frisch und eloquent darlegt, wie alles gleichzeitig und miteinander existiert. Und das klingt so: „Unser Leben lang versuchen wir auszumachen, wo wir enden und der Rest der Welt beginnt. Wir reissen unser Standbild des Lebens aus der Gleichzeitigkeit der Existenz, indem wir an Illusionen von Beständigkeit, Gleichförmigkeit und Linearität festhalten; von statischen Identitäten und Lebensläufen, die sich in sinnvollen Narrativen entfalten. Dabei verwechseln wir Eventualitäten mit Entscheidungen, unsere Etiketten und Modelle für die Phänomene mit den Phänomenen selbst, unsere Aufzeichnungen mit unserer Geschichte. Geschichte ist jedoch nicht das Geschehene, sondern das, was die Schiffbrüche von Urteil und Zufall überlebt.“

Maria Popova beginnt mit Ausführungen zu Johannes Kepler, „der das weltweit erste Science-Fiction-Werk geschrieben“ hat, mit einem Einleitungssatz, den ich mir für viele Werke wünschen würde: „So stelle ich es mir vor:“ Getreu ihrer Kepler zugeschrieben Devise – „Durch harte Fakten allein würde sich ihr (der wissenschaftlich ungebildeten Öffentlichkeit) Glaube nicht erschüttern lassen, dazu brauchte es auch Erzählkunst.“ – erzählt sie von seinem Leben und dem Schicksal seiner als Hexe angeklagten Mutter.

Das Tolle an diesem Buch, neben dem Erzähltalent der Autorin, ist, dass es Fächer- und Disziplinen übergreifend daher kommt (da werden etwa Dichterinnen und Wissenschaftler nebeneinander zitiert) und damit deutlich macht, wie künstlich und letztlich absurd, die von Menschen erfundenen Fächer und Disziplinen letztlich sind. Jedenfalls wenn es um Erkenntnisgewinn (und nicht um Arbeit und Lohn) geht.

Auch über die Zeiten springt Maria Popova souverän hinweg und bringt uns damit zu Bewusstsein, dass wir nicht in der Historie gefangen sein müssen, dass es Grundgesetze (wie etwa den Wandel) gibt, die vermutlich ewig sind. „Das kopernikanische Modell war die erste Theorie, die unserer anthropozentrischen Selbstherrlichkeit einen gewaltigen Dämpfer versetzte. Seitdem wurden unsere Gewissheiten immer wieder in ihren Grundfesten erschüttert, sei es durch die Evolutionslehre, die Bürgerrechte oder die Ehe für alle, wobei grosse Teile der Gesellschaft auf Letztere mit einer ähnlichen Ablehnung reagierten wie die Einwohner von Keplers Heimatstadt auf das kopernikanische Weltbild.“

Wir sehnen uns nach geradlinigen Geschichten, so Maria Popova, und blenden dabei die Nebensächlichkeiten aus, „das Chaos und die Inkonsistenzen der Persönlichkeit, die jeden Menschen prägen.“ Sie selber tut das nicht, lässt vielmehr nebeneinander stehen, was auch im richtigen Leben nebeneinander steht, seien es Poesie und Astronomie, seien es Entdeckerfreude und karges Leben. Daraus erwächst eine übergeordnete Sicht auf unsere Existenz. „ … erinnern uns Kometen daran, dass das Leben des Universums in Zyklen verläuft, die unabhängig von unserer Lebensdauer sind und weit darüber hinausreichen.“

Findungen befasst sich auf der Grundlage der Lebensgeschichten von aussergewöhnlichen Frauen wie den Astronominnen Maria Mitchell und Mary Somerville (die unter anderem auf die verbindenden Elemente zwischen Astronomie, Mathematik, Physik, Geologie und Chemie hinwies), der Bildhauerin Harriet Hosmer, der Journalistin Margaret Fuller. der Dichterin Emily Dickinson und der Biologin Rachel Carson mit den grossen Sinnfragen. Dabei legt Maria Popova auch dar, wie Schönheit uns als Antrieb dient und, wie Emerson meinte, „für das Universum wesentlich ist.“

Übrigens: „Hat es jemals eine Frau gegeben, die frei von Eitelkeit war? Oder einen Mann? Der Unterschied ist nur, dass die Eitelkeit Männern als Ehrgeiz ausgelegt wird“, brachte die Astronomin Caroline Herschel (1750-1848) die nach wie vor herrschende Doppelmoral auf den Punkt.

Nein, es handelt sich hier nicht (nur) um ein Werk, das der Bedeutung von Frauen in der Ideengeschichte ihren wohl verdienten Platz gibt (sicher, das auch), vielmehr zeichnet es sich dadurch aus, dass es nicht in den herkömmlichen Kategorien angesiedelt ist, von denen übrigens die Klassenzugehörigkeit der Faktor ist, „der die Gesellschaft am meisten spaltet, noch vor dem Geschlecht, der Rasse und der sexuellen Orientierung. Gemischtrassige und gleichgeschlechtliche Ehen werden inzwischen weitgehend toleriert, aber Ehen zwischen Angehörigen verschiedener Klassen werden damals wie heute mit abschätzigen Blicken bedacht.“

Findungen bietet ungemein Lehrreiches. Und ausgesprochen Verblüffendes. Mich jedenfalls erstaunte nicht wenig, dass Margaret Fuller, eine der Pionierinnen der Frauenbewegung, bereits als Einundzwanzigjährige solch klare und hellsichtige Gedanken äusserte: „Ich erkannte, dass es kein Selbst gibt; dass Selbstbezogenheit bloss Torheit ist, das Ergebnis der Umstände; dass ich nur deshalb litt, weil ich das Selbst für real hielt; dass ich nur in der Idee des All zu leben brauchte, und all war mein.“

Obwohl dieses Buch hauptsächlich von eigenwilligen Frauen, die sich über Erwartungen und Konventionen hinwegsetzen, handelt (und ihnen damit einen Stellenwert einräumt, der ihnen zumeist verweigert wird), erfahren wir auch viel Faszinierendes über komplizierte Männer wie etwa Herman Melville, Nathaniel Hawthorne, Charles Darwin, Hans Christian Andersen und Carl Sagan, dessen Ausführungen zum „Pale Blue Dot“ (zitiert auf den Seiten 629/630) zu den hilfreichsten Texten gehört, die ich kenne.

Findungen liefert so recht eigentlich eine Gesamtschau der Menschen und Dinge, unseres Wissens und unserer Gefühle. Und ist wesentlich eine Auseinandersetzung mit den Grundfragen des Seins. Was Maria Popova über Mary Somervilles ‚Überblick‘ schreibt, trifft auch auf ihr eigenes Werk zu: „Ihre Genialität bestand eben genau darin, dass sie die Erkenntnisse verschiedener Disziplinen nicht nur zusammenfasste, sondern auch zueinander in Beziehung setzte und auf diese Weise ein integriertes Wissen schuf, das weitaus grösser war als die Summe seiner Teile …“.

Dazu kommt – und dies zeichnet dieses Werk ganz besonders aus – , dass Privates und Berufliches, gesellschaftliches Engagement und Liebesleben, persönliche Defizite und ausgeprägte Willensstärke nahtlos ineinander übergeben. „Es scheint den Menschen schwerzufallen, die Vorstellung zu akzeptieren, dass zwei Wahrheiten durchaus nebeneinander existieren können“, notierte Maria Mitchell in ihr Tagebuch.

Zu den Stärken dieses Buches gehört auch, dass Maria Popova immer wieder Bezug auf sich selber nimmt und damit nicht zuletzt deutlich macht, dass unsere Gefühle über die Jahrhunderte hinweg im Wesentlichen gleich geblieben sind, Kopf und Seele eigenartig unabhängig voneinander funktionieren. Und dass trotz unseres Strebens nach Sicherheit und Stabilität die Welt letztlich vom Zufall beherrscht wird.

Dass er ganz „viele hohe Gedanken in andere Köpfe gesät hat“, schrieb Thomas Wentworth Higginson, der Mentor von Emily Dickinson und Biograf von Margaret Fuller, über Ralph Waldo Emerson. Das lässt sich auch über Maria Popova sagen, die im Gegensatz zu Emerson in diesem Buch vorführt, was diesem (sein Verhältnis zu Margaret Fuller anlangend) nicht gelang: „Es erfordert Geduld und moralische Kühnheit, der Komplexität Raum zu lassen und der Versuchung zu widerstehen, Unvertrautes mit Gewalt in eine Schublade zu zwängen. Emerson konnte oder wollte das jedoch nicht.“

Fazit: Kreativ und scharfsinnig, erhellend und inspirierend. Grossartig, eine echte Bereicherung!

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