Als der Roman „Bär“ der kanadischen Autorin Marian Engel 1976 erschien, löste er einen Skandal aus.
In konservativen Kreisen galt das Werk als obszön, als literarischer Tabubruch. Heute, fast fünfzig Jahre später, lässt sich das Buch mit dem nötigen Abstand lesen, als das, was es vor allem ist: ein leises, hochkonzentriertes Meisterwerk über Einsamkeit, Selbstermächtigung und die Suche nach Nähe jenseits gesellschaftlicher Normen.
Die äußere Handlung klingt zunächst einfach: Lou, eine zurückgezogen lebende Bibliografin, wird von ihrem Chef auf eine abgelegene Insel im Nordosten Ontarios geschickt. Dort soll sie eine Privatbibliothek katalogisieren, die dem Historischen Institut, für das sie arbeitet, vererbt wurde.
Für Lou, die den Rückzug aus der Welt nicht fürchtet, sondern ersehnt, klingt diese Aufgabe wie ein Geschenk. Auf der Insel angekommen, erfährt sie, dass zum Anwesen ein Bär gehört, den sie verpflegen soll. Dieser Bär fasziniert sie noch mehr, als die Bücher, die die Familie des weiblichen Colonel hinterließ. Sie versucht, entgegen aller Warnungen, eine Beziehung zu diesem Tier aufzubauen, die mit der Zeit über ein übliches Maß an Tierliebe hinauswächst. Engels Beschreibung dieser Beziehung ist kühn, teilweise verstörend, aber auch von einer zärtlichen, beinahe unangenehmen Ehrlichkeit.
Was auf den ersten Blick wie eine bizarre Grenzüberschreitung anmutet, kann man als tiefenpsychologisches Porträt einer Frau lesen, die sich langsam, tastend aus gesellschaftlichen Zuschreibungen und Zwängen löst. Lou ist keine Heldin im klassischen Sinn, aber sie ist mutig in ihrer Unangepasstheit. Dass sie sich dem Tier näher fühlt als den Menschen, die sie in der Stadt zurückließ, lässt sich als Anspielung auf die Verlassenheit, ja Vereinsamung moderner Frauen lesen, in einer Welt, die stark von Männern dominiert ist.
Marian Engel, deren Hauptfiguren starke Frauen sind, wird in der kanadischen Gegenwartsliteratur in eine Reihe mit Alice Munro und Margaret Atwood gestellt, was ich nach der Lektüre ihres Buches „Bär“ sehr gut nachvollziehen kann.
Ihr Erzählstil ist unaufgeregt, lakonisch, nie anklagend, obwohl es Gründe dafür gäbe, denn sie wird als selbstständige und taffe Frau von Männern in allen Bereichen entsprechend den patriarchalen Klischees behandelt.
Dass diese ungewöhnliche Geschichte, übersetzt von Gabriele Brößke, in einer Neuauflage (btb 2022) mit einem interessanten Nachwort der Schriftstellerin Kristine Bilkau erschienen ist, ist ein Glück für alle, die Marian Engel jetzt für sich entdecken können.
Marian Engel starb 1985 im Alter von nur 51 Jahren. Wer weiß, welche Geschichten sie uns noch erzählt hätte. Geschichten, die, wie „Bär“, mutig genug sind, dorthin zu gehen, wo es wehtut, und dabei eine ungeahnte Schönheit finden.
„Bär“ ist kein Skandalroman. Er ist ein literarisches Kleinod. Wild, zart, und unbedingt lesenswert.



