Marianne Bruns Szenenwechsel

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Inhaltsangabe zu „Szenenwechsel“ von Marianne Bruns

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    Szenenwechsel
    Heike110566

    Heike110566

    Dieser 1982 im Mitteldeutschen Verlag Halle / Leipzig veröffentlichte Roman, gehört für mich zu den Werken, die mich im Laufe meines bisherigen Leselebens, das ja doch schon weit mehr als drei Dekaden ümfasst, am meisten beeindruckten. Seit ich den Roman gekauft habe, ich erstand ein Exemplar der vierten Auflage aus dem Jahre 1986, las ich ihn mehrfach und immer wieder bringt er mich zum Nachdenken. Die Augenärztin Lisabeth Gerold teilt ihrer Familie an ihrem 60. Geburtstag plötzlich beim Kaffee mit, als es draußen an der Tür klingelt, dass sie sich von allem trennt, was ihr bisheriges Leben ausmacht. Der Klingelnde sei sicher der Fahrer des bestellten Taxis, der sie in die neue Wohnung bringen soll und nein, sie sage nicht ihre neue Adresse. Und tatsächlich zieht sie die Sache durch. Nur ihr Enkelsohn, der elfjährige Friedemann, findet sie und zieht zu ihr. Die Familie weiß zwar nun, wo sie lebt, aber dennoch bleibt es insgesamt beim radikalen Bruch. Friedemann wächst heran, beginnt sich für Theater zu interessieren und wird schließlich Kulturwissenschaftsstudent und führender Kopf einer Studenten-Theater-Laienspielgruppe. Diese junge Schauspieltruppe ist so gut, dass sie selbst Auftritte außerhalb der eigenen Stadt bekommt. Bei einer Fahrt der Gruppe in einen anderen Ort, wozu sie sich einen Reisebus gemietet haben, geschieht das Unfassbare: Der Bus verunglückt, kommt wegen fahrlässigen Verhaltens des Busfahrers aus der Kurve. Friedemann stirbt bei diesem Unfall. Er ist das einzige Todesopfer. Aber auch alle anderen Insassen tragen schwere Verletzungen davon. Eine der jungen Schauspielerinnen verliert ein Auge, eine andere ein Bein, ein dritter muss künftig mit einem Spitzfuss leben, ein weiterer ... - Die Zukunft aller dieser jungen Menschen zerstört. Unbeschadet davon kommt der Busfahrer, der den Unfall durch sein leichtsinniges Verhalten herbeigeführt hat. Vor Gericht behauptet er, er sei von einem entgegenkommenden Fahrzeug geblendet worden, das Ganze ein tragisches Unglück, er unschuldig daran. Aber es kann ihn nachgewiesen werden, dass er allein durch sein Verhalten das Leben der jungen Leute zerstört hat. Er wird zu einer mehrjährigen Haftstrafe und Schmerzensgeld verurteilt. Juristisch ist damit der Gerechtigkeit genüge getan. Aber was ist das wirklich, wenn man erwägt, dass diese, am Anfang ihres Lebens stehenden Menschen nun für ihr gesamtes weiteres Leben mit den Folgen dieses Leichtsinns leben müssen. Lisabeth Gerold verkraftet nach anfänglichen Schwierigkeiten den Tod ihres geliebten Enkels. Besonders schwer ist für sie, dass ihre Familie sie verantwortlich macht für den Tod. Hätte sie sich nicht an ihrem 60. Geburtstag von ihrer Familie getrennt, wäre Friedemann nicht bei ihr aufgewachsen und es wäre ein anderes Leben geworden, er nicht an diesem Tag in diesem Bus gewesen. - Sie überwindet diese Vorwürfe, beginnt sich für die anderen, die den Unfall überlebt haben und nun schwere Handicaps zu tragen haben, zu engagieren. Dabei stößt sie aber immer wieder auf Widerstände. Sowohl bei den jungen Menschen als auch bei deren Angehörigen. Und was hinzu kommt: Kann man überhaupt absehen, welche längerfristigen Wirkungen von momentan positiv wirkendem Verhalten ausgehen können? Wie verkraften die Betroffenen ihr Schicksal? Gelingt es ihnen sich mit dem Leben, wie es nun für sie ist, zu arrangieren? Ist Lisabeth Gerolds Engagement wirklich so uneigennützig? Schwierige Fragen, die immer wieder in diesem Roman eine Rolle spielen. Es wird nicht Schwarz-Weiß gezeichnet, sondern das Geschehen in allen Farbfacetten dargestellt. Marianne Bruns (1897-1994) arbeitet dabei bewusst mit dem Einsatz von rhetorischen Mitteln. Es ist kein aus dem Bauch herausgeschriebener Roman, sondern ein detailiert durchdachtes Stück Literatur. Erwartet man selbst bei dramatischen Werken in der Regel ein Ende mit einem positiven Schimmer, so ist dies bei diesem Roman anders. Die Tragödie fordert ihren Tribut. Friedemann ist zwar der Einzige, der an der Unfallstelle verstarb, aber er bleibt nicht das einzige Todesopfer dieses Ereignisses. Und eines der Opfer landet schließlich sogar selbst vor Gericht als Angeklagte. Das Besondere dieses Werkes ist auch, dass es zwar ein Buch ist, das zur DDR-Literaturgeschichte gehört, aber dem in der DDR-Literatur dominierenden Sozialistischen Realismus so ganz und gar nicht entspricht. Im Mittelpunkt stehen Interlektuelle, Menschen aus dem Bildungsbürgertum, aus einer gehobenen Schicht, die in der DDR ja de facto gar nicht mehr existieren sollte. Die Arbeiterklasse erscheint nur am Rande bzw in negativer Form, wie der Busfahrer, der den Unfall schuldhaft verursachte. Die sozialistische Gesellschaft versagt auch, als es darum geht, den gezeichneten jungen Menschen einen sozialen Halt zu geben: Ausgrenzung statt Integration. Marianne Bruns hat mit diesem Roman ein beeindruckendes Werk abgeliefert, das zwar kein Bestseller im herkömmlichen Sinne ist, es ist nunmal keine Unterhaltungsliteratur, aber zu den Werken gehört, die literaturgeschichtlich aus dem Bestand der DDR-Literatur auch in 50 oder hundert Jahren Beachtung verdienen.

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