Marianne Philips

 4,4 Sterne bei 105 Bewertungen

Lebenslauf von Marianne Philips

Marianne Philips, geboren 1886 in Amsterdam, war Politikerin, Schriftstellerin und Mutter von drei Kindern. Für die Sozialdemokratische Arbeiterpartei wurde sie 1919 als eine der ersten Frauen zum Ratsmitglied der Niederlande gewählt. Sie schrieb fünf Romane und einige Novellen. Ab 1940 war ihr das Publizieren als Jüdin untersagt. Sie überlebte den Krieg, war aber krankheitshalber bis zu ihrem Lebensende (1951) ans Bett gefesselt.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Marianne Philips

Cover des Buches Die Beichte einer Nacht (ISBN: 9783257071429)

Die Beichte einer Nacht

 (105)
Erschienen am 28.04.2021
Cover des Buches Die Beichte einer Nacht (ISBN: 9783257246650)

Die Beichte einer Nacht

 (0)
Erscheint am 25.01.2023

Neue Rezensionen zu Marianne Philips

Cover des Buches Die Beichte einer Nacht (ISBN: 9783257071429)P

Rezension zu "Die Beichte einer Nacht" von Marianne Philips

Nicht vorhersehbar
Pau_reivor 9 Monaten

Die Erzählung von Marianne Philips schafft es mit einigen unerwarteten Wendungen zu kommen. Erzählt wird die Geschichte der ältesten Tochter einer großen, armen Familie. Sie ist eines von zehn Kindern, der Vater ist ans Bett gefesselt uns sie muss früh viel in der Familie mithelfen, sich um die jüngste Tochter kümmern und Geld verdienen. Beim Lesen beginnt man schnell mit der Protagonistin zu sympathisieren und freut sich mit ihr, sobald es für sie raus und in die große Stadt geht. Von der Konzeption erinnert sie dabei sehr an Irmgard Keuns "Das kunstseidene Mädchen".
Besonders ist, dass während des Lesens aufgrund verschiedener Ebenen der Erzählung konstant Spannung aufgebaut wird. Die Rahmenhandlung ist dabei ein Gespräch zwischen der Protagonist und einer Nachschwester, der sie ihre Geschichte anvertraut. Das Ende kommt schließlich durchaus unerwartet, schließt aber zudem auch den Kreis der Erzählung, sodass die Geschichte an sich sehr stimmig ist.

Kommentieren0
Teilen
Cover des Buches Die Beichte einer Nacht (ISBN: 9783257071429)D

Rezension zu "Die Beichte einer Nacht" von Marianne Philips

Ihrer Zeit weit voraus !
Dearestbooksvor 9 Monaten


Heleen liegt in einer Nervenklinik nachdem sie ihre kleine Schwester Lientje erschlägt und beichtet in einem Monolog, der Nachtschwester ihr ganzes Leben wie es dazu gekommen ist. Sie erzählt von ihrem Leben Zuhause, welches nur von sich immer wieder füllenden Kinderwiegen geprägt war; das zehnte Kind Lientje, war das letzte der Geschwister. Immerzu musste sie schwer im Haushalt helfen und auf die Geschwister aufpassen.


Nie konnte sie richtig schlafen, weil die Wiege mit Lientje immerzu neben ihrem Bett gestanden hatte. Heleen arbeitet in einer Schneiderei und dann in einer edlen Boutique und kämpft sich durch nach ganz oben. Sie heiratet zuerst einen älteren Herren und findet ihn irgendwann ekelhaft, weil er alt und Impotent ist. Sie scheiden sich bald und Heleen verliebt sich in den fünf Jahre jüngeren Hannes und sie heiraten. Sie war schon immer eine schöne Frau und das war ihr auch immer bewusst. Nun wendet sich das Ganze und Heleen plagen die Zweifel, ob Hannes sie noch begehrt, obwohl sie ihm keine Kinder schenken kann. Zunehmend verzweifelt sie daran. Als sie auch noch die genauen Hintergründe erfährt, dass Hannes und Lientje sich hinter ihrem Rücken liebten, erschlägt Heleen ihre kleine Schwester.


„Niemand hatte Schuld an meinem Leben, nur ich selber. Es waren weder die Umstände noch die anderen Leute, da mache ich mir nichts mehr vor. Jetzt, da ich Ihnen alles erzähle, weiß ich es wieder genau - dort auf den Trottoirplatten hatte ich die Wahl.“ (S. 77)


Mariane Philips ist mit „Die Beichte einer Nacht“, ein sehr untypischer Roman für ihre Zeit gelungen. Er geht in die Tiefe, beleuchtet die psychische Verfassung der Protagonistin und offenbart, das Leben einer Frau zu der damaligen Zeit; bis heute noch hochaktuell und ihrer Zeit damals sehr voraus. Der Roman ist autobiographisch und Philips behandelt verschiedene Phasen ihres Lebens und arbeitet diese im Rahmen ihrer Therapie auf. Vor allem aber unterscheidet er sich dahingehend von den Romanen dieser Zeit, dass Philips viel von ihrer Psyche offenbart und ihrer Gefühlswelt. 

Kommentieren0
Teilen
Cover des Buches Die Beichte einer Nacht (ISBN: 9783257071429)awogflis avatar

Rezension zu "Die Beichte einer Nacht" von Marianne Philips

Spannende Lebensbeichte
awogflivor 10 Monaten

Dieser Roman hat schon einige Jahrzehnte auf dem Buckel, respektive ist er vor dem zweiten Weltkrieg entstanden. Dennoch ist das Thema auch heute noch sehr interessant und zeigt nachdrücklich, wie sich eine von bitterer Armut und schwerer Arbeit geprägte Kindheit so gut wie ohne Liebe und Zuwendung auch auf das Leben einer Erwachsenen auswirken kann, obwohl sich die Situation der Protagonistin extrem verbessert hat. Es ist etwas kaputtgegangen in Heleen, was sich auch durch Glück und ein schönes Leben einfach nicht mehr reparieren lässt.

Besonders positiv hervorzuheben sind zwei Eigenschaften dieser Geschichte: erstens das brillante und konsistente Psychogramm, das die Autorin von ihrer Hauptfigur zeichnet, inklusive der tiefenpsychologischen Analyse der Seele und zweitens die innovative Erzählform, denn die verstummte Heleen legt eines Tages bei der Nachtschwester einer Nervenklinik, in der sie einsitzt, in Form eines Monologs ihre Lebensbeichte ab. Der Erzählstil und die vielen Abwägungen der Protagonistin bezüglich ihrer Umwelt und der daraus resultierenden Lebens-Entwicklung bis zu einem grausamen Finale erinnert ein bisschen an Sandor Marais Glut. Könnte durchaus sein, dass sich Marai die Geschichte von Marianne Philips zum Vorbild für seinen erfolgreichen Roman genommen hat.

Heleen hat als älteste Tochter einer sehr armen kinderreichen protestantischen Pastor-Familie nie Zuwendung kennengelernt. Schon als zwölfjähriges Mädchen muss sie ihre Geschwister versorgen, als der Vater in Folge eines Unfalls bettlägerig wird, muss sie die Mutter im Haushalt vollständig ersetzen, da diese nun für den Lebensunterhalt der Familie ganztägig arbeiten gehen muss. Der vor Rechtschaffenheit und Strenge triefende Vater, rührt als Behinderter zu Hause keinen Finger, im Gegenteil, er lässt sich von hinten bis vorne bedienen und tyrannisiert auch noch seine älteste Tochter. Gesund genug, dass er seiner Frau noch ein Kind anhängen kann, ist er dann aber doch. Nun hängt die Versorgung der Nachzügler-Schwester Lientje auch an Heleen, die zudem noch ganztägig eine Lehre als Schneiderin stemmt. Manchmal ist sie so müde, dass sie sterben möchte, denn ihre Schwester brüllt die ganze Nacht und lässt sie nicht schlafen.

Irgendwann entrinnt sie als Geliebte eines Handelsvertreters dieser Hölle, der ihr in der Stadt einen Job besorgt und sie aushält. Selbstverständlich ist sie nun für die finanzielle Versorgung ihrer Eltern zuständig. Als sie im Job als Managerin der Luxusabteilung eines Kaufhauses angekommen ist, könnte ihr Glück perfekt sein, denn sie kann sich nun selbst beziehungsweise ihre Familie versorgen und hat durch ihre Unabhängigkeit auch die Möglichkeit, sich ihres Geliebten zu entledigen. Bald brechen aber die alten, angelernten moralischen Verhaltensmuster durch, Heleen gibt ihren Job zugunsten einer unglücklichen Ehe mit einem älteren Mann auf. Nach der Scheidung bleibt ihr wieder nur die harte Arbeit als Schneiderin rund um die Uhr, denn an die frühere berufliche Karriere als Managerin kann sie nicht mehr anknüpfen. Zudem muss sie auch noch Lientje versorgen, da ihre Mutter nach einem harten, arbeitsreichen Leben gestorben ist.

Ihre große Liebe lernt Heleen durch ihre Schwester kennen, Hannes ist der Schwimmlehrer von Lientje. Nun könnte Heleens Leben und Glück fast perfekt sein, die drei leben einigermaßen in geordneten Verhältnissen und ohne große Sorgen. Als die Protagonistin Hannes seinen großen Wunsch nach einem Kind nicht erfüllen kann, treten die alten Traumata und Schatten der Kindheit wieder aus der Versenkung hervor. Heleen ist extrem eifersüchtig und verfällt in tiefe Depressionen. Obwohl sie sich ihres Glücks und der Liebe ihres Mannes bewusst ist, ihre Fehler sogar einsieht und thematisiert, kann sie nicht aus ihrer Haut heraus und vertreibt durch ihre eigenen Probleme die Liebe ihres Lebens, was letztendlich zur Katastrophe führt.

Großartig konzipierte Figur der Protagonistin mit freudscher Lupe betrachtet, hervorragende Sprache, da gibt es nix zu kritisieren. Leider hatten die Schriftstellerinnen aus der Zeit von Marianne Philips keine so hohe Chancen, weltberühmt zu werden. Verdient hätte sie es sich. Ihre literarische und politische Karriere endete bedauerlicherweise mit der Machtergreifung der Nazis, denn die Autorin war Jüdin. Schade!

Fazit: Wärmste Leseempfehlung! Ein grandioses tiefenpsychologisches Portrait einer Frau über weibliche Identität, Rollenklischees, Traumata, Liebe, Moral, Wahnsinn und der vergeblichen Suche nach Glück und Zufriedenheit. Übrigens auch ganz schön feministisch für so eine uralte Geschichte.

Kommentare: 4
Teilen

Gespräche aus der Community

Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

Was ist LovelyBooks?

Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

Mehr Infos

Hol dir mehr von LovelyBooks