Marica Bodrozic Kirschholz und alte Gefühle

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Inhaltsangabe zu „Kirschholz und alte Gefühle“ von Marica Bodrozic

Von den Rissen in unserem Bewusstsein. Von den Rissen in der Welt.

Der Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien hat die junge Arjeta ihrer Heimat beraubt. Als sie bei einem Umzug alte Fotos findet, begreift sie mit einem Mal vieles, was ihr über ihre eigene Lebensgeschichte lange im Dunkeln geblieben war. So geht Arjeta noch einmal den Rissen in ihrem Bewusstsein, in ihrem Leben nach – und den Rissen in der Welt.

Von vielem kann Arjeta Filipo sich trennen, vom Tisch ihrer Großmutter aber nicht. Jetzt sitzt sie an diesem Erbstück in ihrer neuen Berliner Wohnung und breitet darauf Fotos aus, die ihr beim Umzug in die Hände fallen. Die Erinnerungen steigen in ihr auf, als würde das Kirschholz alle Geschichten preisgeben, deren Zeuge der Tisch im Laufe der Jahre geworden ist.

Da sind die belagerte Stadt und das Istrien, das Meer ihrer Kindheit und Jugend, ihre alles ändernde Flucht Anfang der 90er Jahre. Aber da ist vor allem auch ihre Zeit in Paris, wo sie Philosophie studierte und in einer neuen Sprache ein neues Leben begann – zusammen mit dem Maler Arik, in den sie sich wider Willen verliebt. Der Vogelkundler Mischa Weisband wird ihr weiser Vertrauter, die Physikerin Nadeshda ihre engste Freundin. Beide Frauen verbindet und trennt ein Geheimnis, das über Jahre hinweg nur Arik kennt. Erst als sich beide den blinden Flecken in ihrem Inneren stellen, gelingt es ihnen, den Weg zur Wahrheit zu finden.

Eindrucksvoll erzählt Marica Bodrožic von Menschen, die Halt suchen in einer Welt voller Risse. Und die sich ihrer lange verdrängten Vergangenheit und den Zerrspiegeln ihrer Erinnerung stellen müssen – wenn sie wirklich im Hier und Jetzt leben wollen.

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  • Gedanken reiten auf unzähmbaren Pferden

    Kirschholz und alte Gefühle

    Juana

    24. June 2013 um 13:30

    Mittels ihrer Mädchen- und Frauenfiguren lässt sich Marica Bodrožić gerne durch ihre Vergangenheit treiben. Sie schreibt sehr sinnlich über die Landschaften, Gerüche, Geräusche und Gesichter ihrer Kindheit und Jugend, übers Unterwegssein und die Zwiespältigkeit der Heimatliebe, über Erinnern und Vergessen, über Liebe, Distanz und die Ankunft in einem neuen Leben. In ihrem neuen Roman „Kirschholz und alte Gefühle“, der nach „Das Gedächtnis der Libellen“ der zweite Teil einer Trilogie ist, richtet sich der Blick der Erzählerin Arjeta fast durchgehend nach innen. Arjeta lebt seit fünf Jahren in Berlin, aber erst die Wohnung, die sie soeben bezogen hat, wird ihr im Laufe des Buchs zur Heimat. Bisher steht nur der Kirschholztisch ihrer Großmutter darin, darauf ausgebreitet Fotos, die Arjeta in einem langen Gedankenfluss in die Vergangenheit tragen. Dass dieser Bewusstseinsstrom nicht langweilig wird, liegt weniger an den Charakteren, die in ihren Handlungen und im Umgang mit anderen Menschen eher blass sind, als an der Sprache: Am freien Umgang der Autorin mit der Syntax, an Verknappungen und Neologismen, die einen ungewöhnlichen Ton ergeben; an Sätzen, die eine große Bandbreite von Emotionen und Assoziationen wecken und den Leser in einem tranceartigen Zustand durch das Buch tragen. Marica Bodrožićs Sprache ist sehr lyrisch, ab auch mal pathetisch und nostalgisch. In diesem Roman „reiten die Gedanken auf unzähmbaren Pferden davon“.

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  • Kirschholz und alte Gefühle von Marica Bodrožić.

    Kirschholz und alte Gefühle

    Ein LovelyBooks-Nutzer

    30. March 2013 um 19:30

    Arjeta, die Erzählerin, sitzt in ihrer Berliner Wohnung, am Kirschholztisch ihrer Großmutter und schaut sich Fotos an, die ihre Mutter in einer Plastiktüte aus dem zerschlagenen Jugoslawien mitgebracht hat. Arjetas Erinnerungen schweifen, zurück zu dem Tag an dem sie ihre Brüder auf tragische Weise an den Krieg verlor, zu dem Tag an dem sie ihr Philosophiestudium in Paris begann und zu dem Tag an dem sie Arik kennen lernte, den geheimnisvollen Mann, der seine Fäden durch ihr Leben in Paris spinnt, bis eine blaue Bluse nicht mehr nur eine blaue Bluse ist, sondern ein Sinnbild wird, für Arjetas gebrochenes Herz. “Kirschholz und alte Gefühle” ist ein melancholisches Buch, in Gedanken versunken wird es von Hauptfigur Arjeta erzählt, deren Blick mal hierhin, mal dorthin schweift, von den Fotografien auf ihrem Kirschholztisch in die Welten ihrer Erinnerungen herabgezogen. Schön sind diese Erinnerungen nur manchmal, meistens kurz bevor das Unheil kommt und Arjeta mit sich fort spült. Unheilsbringer ist hier nicht nur der Krieg, der Arjetas Heimat zerstört und ihr Leben aus der Ferne überschattet, sondern vor allem Arik, der wankelmütige Liebhaber, der Arjeta mit seinen Launen keine Ruhe lässt und dessen Chaos ähnlich dem des Krieges auch dann noch nachwirkt, als er längst verstorben ist. Ich habe dieses Buch langsam, nahezu bedächtig gelesen. Denn so scheint es mir, will es auch gelesen werden, Seite für Seite, Kapitel für Kapitel, Pause und Atemzug dazwischen. Sieben Tage dauerte also meine Reise in Arjetas Erinnerungen, so wie auch das Erinnern selbst die Hauptfigur für sieben Tage in Anspruch nimmt. Sieben Tage in denen sie immer wieder an den Kirschholztisch zurück kehrt und darüber sinnt, was einmal war. Dabei springen ihre Gedanken von einem Erlebnis zum nächsten, sind nicht immer chronologisch, reisen von Paris nach Berlin und wieder zurück, auch wenn die Erzählerin selbst, ähnlich dem Leser, sich keinen Zentimeter bewegt hat. Man darf nicht abschweifen, muss aufmerksam sein, sonst verpasst man den Absprung und findet sich wieder in einer fremden Stadt, einer fremden Zeit, verläuft sich im Text. Doch gerade das war es, was mich so an dieser Erzählung faszinierte. Eine Besonderheit der Prosa von Marica Bodrožić, zumindest in diesem Fall, ist, dass sie keinerlei direkte Rede enthält. Es wird zwar gesprochen, doch bleibt der Leser immer zusammen mit der gealterten Arjeta auf der Metaebene und kommt sich dort manchmal etwas ausgeschlossen vor. Gerne möchte man hinein springen in das Geschehen, daran teilhaben, nicht nur schauen, aber da ist diese Barriere zwischen dem Leser und dem Text, genannt Arjeta, die ihre Geschichte in einen Schaukasten sperrt und den Leser hineinschauen lässt, aber mehr auch nicht. Trotzdem bin ich froh am Kirschholztisch gesessen zu haben, wo ich Arjeta zuhörte und mit ihr die alten Fotos betrachten durfte. Denn “Kirschholz und alte Gefühle” ist ein schönes Buch, Arjeta eine glaubhafte Erzählerin und Marica Bodrožić, auch wenn dies mein erster Roman aus ihrer Feder ist, eine ganz besondere Schriftstellerin. Eine melancholische Reise in die Erinnerungen einer manchmal tragischen, manchmal hoffnungsvollen Figur.

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  • Rezension zu "Kirschholz und alte Gefühle" von Marica Bodrozic

    Kirschholz und alte Gefühle

    HeikeG

    23. September 2012 um 11:33

    Wirklichkeitssplitter - Scherben - Weltvermehrung im Meer der Erinnerung . "Der denkende Mensch zermartert ächzend sein Gehirn, er weiß, dass seine Erwägungen immer nur Möglichkeiten und keine Gewissheiten ergeben werden, dass andere Betrachtungen alles wieder in Frage stellen werden, er weiß nie, wohin er geht, er ist allem 'geöffnet', und die Welt hält ihn für einen Zauderer." (Jean-Paul Sartre) . Die 1973 in Dalmatien geborene und seit ihrem 10. Lebensjahr in Deutschland aufgewachsene Marica Bodrožić beschäftigt sich in ihrem neuen Roman gleichfalls mit Perspektiven, Wegen und Umwegen. Die Wege ihrer knapp vierzigjährigen Protagonistin Arjeta Filipo scheinen sich zuweilen mit denen der Autorin zu kreuzen. Auch sie hat ihre Wurzeln in Dalmatien. Allerdings ging sie erst kurz vor Ausbruch des Krieges nach Paris, um dort Philosophie zu studieren. Ihre Eltern blieben in der 1425 Tage belagerten Stadt zurück. Eine unglückliche Liebe zu dem Künstler Arik fesselt Arjeta mehrere Jahre, bevor sie sich endlich lösen kann. Sie folgt ihrer Freundin Nadeshda, um in Berlin ein neues Leben zu beginnen. In ihrer lichtdurchfluteten Wohnung im 5. Stock scheint sie endlich angekommen zu sein. Die ersten sieben Tage gleichen dem Öffnen eines Archives, dessen Schlüssel verloren schien. Arjeta erzählt vom Finden neuer Wege, "um auf das andere Ufer, die noch unbeschriebene Seite" ihres Lebens zu gelangen. Eine große Hilfe waren ihr dabei ihre Freunde: Nadeshda, Hiromi - die Japanerin, mit der sie sich in Paris eine Wohnung teilte - und der Deutsche Mischa, der ihr beinahe so etwas wie Vaterersatz wird. Lücken werden geschlossen, Leerstellen ausgefüllt, die "plattentektonische Gefühlsfabrik" beruhigt. Die Welt ist keine Überschreibung mehr für sie und der Grund der Dinge entzieht sich ihr nicht mehr. Ihr Leben wird fassbar und wartet nicht mehr in der Vergangenheit. . Doch bis sich Arjeta aus ihrem eigenen Inneren, den Gefängniszellen ihres Kopfes und ihren Selbttäuschungen befreit, bis sie erkennt, dass "die Vergänglichkeit nur dann wehtut, wenn man nicht um sie weiß oder gegen sie ankämpft" und bis sie den leuchtenden Faden, der alles verbindet, findet, vergehen zwanzig Jahre. Diese Zeit lässt sie in ihrem "Vögelchenzimmer", einem Raum der neuen Wohnung, der vollkommen leer bleibt, in dem sie nur atmen will und an ihrem Kirschholztisch, der bereits ihrer Großmutter Inge, einer Deutschen, die nach Istrien geheiratet hatte, gehörte, Revue passieren. Immer wieder setzt sie sich mit Fragen auseinander: "Welches Leben verpassen wir, während wir ein anderes ersehnen?" Worin besteht der Wert von einem Einzelnen, "wenn wir doch alle ab einem bestimmten Zeitpunkt in der Menge der Namen, Nummern und Adressen verschwinden. Oder ist das gerade eine Möglichkeit, der eigenen Austauschbarkeit zu entkommen"? Was von der Zeit ist wesenhaft, was bleibt und was das Unzerstörbare? Und vor allem: Welches Leben ist das richtige und wer kann man in dem alles umgebenden Netzwerk aus Sprache und Stille, aus Wissen und Erinnern noch werden? . Der Erzählstil der Autorin gleicht einem mäandernden Erinnerungsfluss, einem ständigen treppauf und treppab, einem Archivieren von Gedanken. Vielleicht eine Art Weltverstehen. Arjetas langer innerer Monolog ist ein zaghaftes, feinfühliges Herantasten, ein vorsichtiges Erobern, ein Abwägen und Hinterfragen an die Geheimnisse des menschlichen Lebens, eine Suche nach sich selbst, nach der eigenen, einsam hallenden Stimme. Marica Bodrožić versteht sich vortrefflich auf das Füttern von Imaginationen. Hervorzuheben ist das außergewöhnliche Sprachempfinden. Die auf deutsch schreibende Autorin findet Worte und Sätze, die im Kopf des Lesers zu Landschaften werden und die Lektüre zu einem fast fühlbaren sinnlichen Empfinden machen. Gleichzeitig ist jedoch durch ihre komplexen Gedankengänge und Zeitensprünge eine erhöhte Konzentration vonnöten, um die Komplexität und Tiefe ihrer Zeilen zu erfassen und zu verinnerlichen. Aber wie stellte die Autorin in ihrem Debütroman "Das Gedächtnis der Libellen" bereits so treffend fest: "Es ist in allem eine Zwickmühle drin, nur in der Liebe und im Erzählen nicht, da findet sich alles in der Vereinigung zusammen und wird dann allen Widersprüchen zum Trotz etwas Ganzes. Sprache."

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