Cover des Buches Das ganz und gar unbedeutende Leben der Charity Tiddler (ISBN: 9783596854431)
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Rezension zu Das ganz und gar unbedeutende Leben der Charity Tiddler von Marie-Aude Murail

Rezension zu "Das ganz und gar unbedeutende Leben der Charity Tiddler" von Marie-Aude Murail

von Fantasie_und_Träumerei vor 12 Jahren

Rezension

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Fantasie_und_Träumereivor 12 Jahren
KLAPPENTEXT: Von Anfang an mag man die einsame, merkwürdige und neugierige kleine Charity. Das Mädchen untersucht Tiere und Pflanzen, malt akribisch Aquarelle, deklamiert Shakespeare und wartet unverdrossen darauf, dass eines Tages etwas geschieht. Mit dreizehn verliebt sie sich in den unkonventionellen Kenneth. Doch bis sich diese Liebe erfüllt, vergehen viele Jahre. Der Leser taucht ein in Politik und Gesellschaft des viktorianischen Englands im Aufbruch, entdeckt das moderne Theater und Darwin. Und er sieht Charity zu, wie sie das wird, was George Bernard Shaw als »moderne Frau« bezeichnet, sich emanzipiert und sich Unabhängigkeit erkämpft. ZUR AUTORIN: (Quelle: Fischerverlage) Marie-Aude Murail stammt aus einer Schriftstellerfamilie aus Le Havre, Frankreich. Sie studierte Philosophie an der Sorbonne. Sie zählt zu den beliebtesten zeitgenössischen Kinder- und Jugendbuchautorinnen Frankreichs und wurde mit zahlreichen Preisen geehrt. 2008 wurde ihr Roman ›Simpel‹ von der Jugendjury mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Ihre Jugendbücher erscheinen auf Deutsch exklusiv bei Fischer Schatzinsel. EIGENE MEINUNG: „Das ganz und gar unbedeutende Leben der Charity Tiddler“ ist eine kleine Hommage an Beatrix Potter, die Autorin von „Peter Hase“, die in einem Zeitalter, in dem Frauen schicklich und in schönen Kleidern ein schmuckes Beiwerk sein sollten, Konventionen und Normen über Bord warf und als tüchtige Geschäftsfrau ihre Bücher mit eigenen Illustrationen verkaufte und später auf einem Bauernhof ihrer Liebe zu Tieren und Natur nach ging. Marie-Aude Murail kreiert eine fiktive Biografie dieser bewundernswerten Frau, die sie voller Liebe zum Detail mit mehr oder weniger wahren Elementen spickt. Dargestellt wird Beatrix Potter von der jungen Charity Tiddler, die als einziges Kind ihrer Eltern (in der Realität: Beatrix Bruder ist im Internat, im Buch: sie hat zwei Schwestern, die schon als Säuglinge verstorben sind) aufwächst und kaum Kontakt zu anderen Kindern hat. Um ihrer Langeweile zu entgehen beginnt sie schon bald allerhand Getier einzusammeln und findet vor allem an kranken Tieren und deren Pflege großen Gefallen. Dem viktorianischen Zeitalter angemessen soll Charity eigentlich den Pflichten eines jungen Mädchens nachkommen. Das bedeutet: sie soll nähen und stricken lernen, aber auch in der Gesellschaft vorzeigbar sein, weshalb es ratsam ist Gesang und Klavierspiel zu praktizieren und Französisch zu sprechen. Damit Charity dem auch nachkommen kann wird eine junge, zarte und sehr liebenswerte Gouvernante eingestellt, die außer dem verrückten und sehr abergläubischen Kindermädchen Tabitha, bald zu Charitys engster Vertrauten wird. Doch Charity ist so unmusikalisch, dass auch die Mademoiselle sehr schnell einsieht, dass es keinen Zweck hat, diese „Talente“ zu fördern. Sie bringt ihr lieber die Auquarellmalerei bei und schon bald kristallisiert sich heraus, das darin Charitys wahre Begabung liegt. Diese kann sie außerdem mit ihrem wissenschaftlichen Drang verbinden und schon bald beginnt sie nicht nur das Leben ihrer Tiere aufzuzeichnen, sondern führt kleine Experimente, z.B. mit der Zucht von Pilzen, durch. Ihre einzige kindliche Gesellschaft sind ihre Verwandten. Die Cousinen Lydia und Ann, von denen eine Feiern, große Bälle und Festessen, liebt und die andere von sehr neidischer und missgünstiger Natur ist. Beide entsprechen also eher weniger Charitys Charakter. Einzig Cousin Philipp, der sich sehr für Literatur interessiert, aber aufgrund seiner kränklichen Ader oft bettlägerig ist, und der kleine Edmund, Charitys größter Bewunderer, sind mit ihr auf einer Wellenlänge. Der unbedarfte Umgang mit ihnen ist allerdings nicht sehr schicklich. Charity Tidler ist eine ganz wunderbare Figur. Teils fiktiv, teils mit realistischem Hintergrund begeistert sie zwar weniger ihre Familie, die typisch für das Zeitalter (Ende 19. Jahrhundert) Kinder eher als Objekte ansehen, die vorzeigbar sein und wenig Arbeit machen sollen, dafür aber umso mehr ihre Leser. Erst später entdeckt man ja die Kindheit als solches und dass man individuell auf den kindlichen Charakter eingehen sollte. Ein Kind sollte also keine Unannehmlichkeiten machen. Charitys Mutter wird sowieso alles immer sehr schnell zu viel. Geplagt von Ohnmachtsanfällen überlässt sie schwierige Angelegenheiten lieber ihrem Mann, der sich allerdings in erster Linie für seine eigenen Interessen und viel weniger für die seiner Familie interessiert. Ihre Tochter findet sie eher etwas dümmlich, da diese Shakespeare Sonette rezitieren kann. Es gibt allerdings einen jungen Mann, der bemerkt, dass das ganz und gar unbedeutende Leben der Charity Tidler gar nicht so ganz und gar unbedeutend ist, da sie eine sehr starke und außergewöhnliche Persönlichkeit ist. Spielerisch duelliert er sich häufig mit ihr, die weder die Herausforderung noch den wahren Hintergrund seiner Spielchen bemerkt. Doch ganz zaghaft und leise schleicht er sich damit in ihr Herz ... Besonders schön sind die Abschnitte über Charitys Kindheit. Wie sorgfältig sie mit ihren Tieren umgeht, ihnen Namen gibt und Kunststücke beibringt und dabei entgegen aller Konventionen ihrem revolutionären wissenschaftlichen Drang nachgibt, ohne sich darum zu kümmern, was man über sie denkt. Dabei betrachtet sie alles aus ihrem liebevoll, naiven, kindlichen Blickwinkel, der vielen Dingen eine ganz neue Bedeutung gibt. Einer ihrer besonderen Lieblinge ist der Hase Peter, dem sie tolle Kunststücke beigebracht hat, und der später das Vorbild ihres ersten Kinderbuches wird. Die Schreibe Marie-Aude Murails ist sanft poetisch, voller Charme und Herzenswärme, so dass man das Buch kaum aus der Hand legen kann. Wörtliche Rede wird wie ähnlich wie in einem Theaterstück gekennzeichnet. Der Name der sprechenden Person steht in Großbuchstaben dem gesagten voran. Besonders begeistert hat mich die Autorin mit ihren liebevoll ausgearbeiteten Figuren, die jedoch jeder unbedingt selbst kennen lernen muss. Illustriert wurden Charitys Geschichten von Philippe Dumas, der dem Stil von Beatrix Potters Büchern treu bleibt und wundervolle Aquarelle zeichnet. Ich habe außerdem so viel Lust bekommen die Bücher über „Peter Hase“ und seine Freunde zu lesen. FAZIT: „Das ganz und gar unbedeutende Leben der Charity Tiddler“ ist, besonders in dieser wundervollen Ausführung mit den schönen Zeichnungen von Philippe Dumas, ein kleiner Schatz, der von der Unbedarftheit der Kindheit und einem stillen und heimlichen Kampf für ein bisschen mehr Freiheit erzählt. Formidable!
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